IM PORTRÄT

FotoS: privat

Eine Reise zu sich selbst: Sara lernte in Asien, dass sie ihre Prothese nicht mehr verstecken muss.

Eine Reise zu sich selbst: Sara lernte in Asien, dass sie ihre Prothese nicht mehr verstecken muss.

Eine Reise zu sich selbst: Sara lernte in Asien, dass sie ihre Prothese nicht mehr verstecken muss.

Dank ihrer wasserfesten Prothese entdeckte Sara ein neues Hobby auf ihrer Reise: das Tauchen.

Dank ihrer wasserfesten Prothese entdeckte Sara ein neues Hobby auf ihrer Reise: das Tauchen.

Ohne Fassade

Ihr Leben lang begleiteten sie mitleidige Blicke: Sara Meister trägt seit ihrer frühesten Kind- heit eine Bein-Prothese. Die 26-jährige Fotografin reiste damit alleine sieben Monate durch Asien – und hat viel gewonnen.

Knisterndes Lagerfeuer, inmitten von Bungalows irgendwo in Südostasien. Sara sitzt mit Freunden, die sie auf der Reise kennengelernt hat, zusammen, als ihr ein Gedanke kommt: Die Kosmetik der Prothese, die nehme ich jetzt runter. Mit einem Messer beginnt sie, das herunter zu kratzen, was ihre Prothese auf den ersten Blick verstecken soll. Verschönern. 25 Jahre lang begleiteten die junge Niederösterreicherin Wut und Scham. In jener Nacht am Lagerfeuer aber gesellt sich ein neues Gefühl dazu: Freiheit.


Karriere im Fokus

Sara Meister spricht ruhig und klar, als sie über ihre Reise durch Asien erzählt. Neugierig blicken ihre großen dunklen Au- gen, das aschblonde Haar trägt sie zum Bob geschnitten. Nichts deutet darauf hin, dass etwas an Sara anders sein könn- te. Die Prothese steckt unter einer langen Hose. Auf den ersten Blick klingt auch ihr bisheriges Leben normal, das einer ehrgeizigen jungen Frau: Nach der Matura lässt sie sich im zweijährigen Kolleg an der Graphischen Lehr- und Versuchsan- stalt in Wien zur Fotografin ausbilden. Nach einem dreimonatigen Praktikum in New York studiert sie Filmproduktion. Studi- um, Karriere, Geld verdienen – das bestimmt ihr Leben. Zeit zum Nachdenken bleibt wenig. Nachdenken über jenen Teil ih- res Lebens, der sie anders sein lässt, denn: Sara trägt seit frühester Kindheit eine Prothese. Ihre ersten Erinnerungen an den Bein-Ersatz stammen aus der Kindergartenzeit. Damals war Sara schon daran gewöhnt, denn sie war 15 Monate alt, als sie von einem Lastwagen überrollt wird. Mit den anderen Kindern spricht sie in der Sandkiste offen über ihren Fuß. In der Schule hört sie dann blöde Kommentare, Beschimpfungen, mitleidige Blicke – und bekommt zu spüren, dass etwas an ihr nicht stimmt. Sara beginnt eine Therapie, die Psychologin rät ihr, verletzende Kommentare zu ignorieren. Das hilft Sara nicht. Heute weiß sie: Was hilft, ist mit anderen Betroffenen darüber zu sprechen.


Positives Lebensgefühl

Als die 26-Jährige im Juli 2017 ihr Studium beendet, ist sie längst gerüstet, ihren lang gehegten Traum umzusetzen: eine Reise durch Südostasien. Gereist, erzählt sie, sei sie immer gerne. Nur eine längere Reise war bis zu diesem Zeitpunkt nicht umsetzbar – wegen des Studiums konnte nicht so lange wegbleiben. Sara plant ihre Reise sorgfältig: Sieben Monate lang durch sieben asiatische Länder. Auch wenn sie in der Trockenzeit reist, braucht sie für mögliche Regenzeiten eine spezielle Prothese. Ihre neue Gehhilfe hat eine wasserfeste Carbonfeder. „Ich habe mir überlegt, was das Schlimmste wäre und was passieren könnte. Wenn man zum Beispiel Gewicht verliert, sitzt die Prothese lockerer. Dafür habe ich spezielle Strümpfe mitgenommen. Und ein Spezial-Pflaster, falls ich eine offene Druckstelle habe.“

Im Oktober macht sich Sara auf den Weg. Die neue Prothese sitzt, ihr Rucksack wiegt zwölf Kilo. Sie reist alleine und macht, was für sie machbar ist. Anfangs ist sie sehr abenteuerlustig und möchte so viel wie möglich sehen. Sara lernt Men- schen kennen, die ein Stück mit ihr mitreisen. Und sie trifft Menschen, mit denen sie nicht gerechnet hat: andere Reisende mit Prothese. Ein junges Mädchen aus Italien etwa, das ihr vom Roller aus zuruft, als Sara gerade mit ihrem Freund, der sie einen Monat lang besucht, in einem Café sitzt. Das Mädchen steigt vom Roller ab – und Sara sieht, dass sie an beiden Bei- nen eine Prothese trägt. Sie tauschen sich aus, merken, dass viele Dinge, die die jungen Frauen erlebt hatten, fast ident sind. In Asien macht Sara ganz neue Erfahrungen: „Die Menschen sind neugierig und fragen, was denn passiert ist. Anstatt Mitleid zu zeigen, sagen sie: Oh toll, was du alles machen kannst.“ Dieses positive Lebensgefühl bestärkt sie. Gleich zu Be- ginn wagt sie, was sie ihr ganzes Leben zuvor nicht getan hat: Sie trägt eine kurze Hose. Ihr ist es egal, ob die Menschen sie anstarren – denn sie will eine schöne Zeit haben und es ist sehr heiß.


„Muss kein Thema sein“

Nach den aufregenden ersten Monaten kommt Sara nach Bali. Hier findet die junge Frau Ruhe, interessiert sich für andere Dinge, für Yoga etwa. Sara ist erst verunsichert, ob die Yoga-Positionen mit Prothese zu machen sind. Doch sie erkennt, dass es darum geht, wie man sich fühlt und den Kopf mit dem Körper verbindet. Über Yoga kommt Sara zur Meditation, die ihr schließlich hilft, all jene Emotionen herauszulassen, die sich jahrelang aufgestaut haben: „Irgendwann war ich richtig traurig über diese Sachen, die mir passiert sind.“ Das erste Mal hat sie wirklich Zeit, darüber nachzudenken.

Nach sieben Monaten kehrt Sara zurück nach Wien. Mit im Gepäck hat sie nicht nur einzigartige Erlebnisse und neue Be- kanntschaften, sondern auch ein neues Lebensgefühl, auch ihre Prothese betreffend: „Es hat mir sehr geholfen, mich mit positiveren Dingen zu beschäftigen. Früher war ich selbst verschlossen – da konnte ich keine Offenheit erwarten. Jetzt den- ke ich nicht mehr darüber nach, wie andere auf mich reagieren. Es muss kein Thema sein, wenn ich nicht selbst eines dar- aus mache.“


Mehr Selbstbewusstsein

Zum Start ihrer Reise beginnt Sara, einen Blog auf Instagram zu schreiben. Anfangs eher widerstrebend, denn das Schön- heitsideal, das in sozialen Medien verbreitet wird, ist ihr zu geschönt: „Alles ist dort so perfekt. Wir sind aber nicht perfekt – alle polieren nur irgendeine Fassade.“ Die Fotos, die die Fotografin hochlädt, sind natürlich trotzdem schön, das ist ihrer Profession geschuldet. Sara schreibt mehr Text zu den Fotos, denn sie möchte ihre Geschichten teilen. Ihr Blog „with-one- andahalfleg“ – mit eineinhalb Beinen – dokumentiert ihre Reise in Bildern und Texten. Häufig auch nachdenklich. Saras Pro- these ist oft zu sehen.

Mehr Offenheit in dieses Thema zu bringen, ist etwas, das die willensstarke Frau unbedingt erreichen möchte. Und andere Menschen mit Prothese bestärken. Das gelang ihr bereits: Eine junge Deutsche, die alleine durch Australien reist, schrieb ihr, dass sie mehr Selbstvertrauen hat, seit sie Saras Instagram-Profil verfolgt. Das Reisen mit Prothese möchte Sara künftig mit ihrem Beruf verbinden und Dokumentationen darüber machen.

An jenem Abend am Lagerfeuer überlegt Sara, in Wien eine neue Kosmetik auf ihre Prothese machen zu lassen. Diesen Plan verwirft sie wieder: Die Prothese hindert sie nie daran, zu tun, was sie will. Und nun hindert sie Sara auch nicht mehr daran, sich so zu zeigen, wie sie ist.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2018