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GESUND WERDEN & BLEIBEN  - SCHWINDEL

Wenn sich alles dreht

Schwindel kann zahlreiche Ursachen haben. Wichtig ist die genaue

ärztliche Abklärung, denn viele Schwindelarten sind, wenn sie exakt diagnostiziert sind, gut behandelbar.

Alles dreht sich, alles bewegt sich, es wird schwarz vor den Augen, der Bo- den schwankt unter den Füßen, es wird einem schwummrig, vielleicht auch übel, man muss erbrechen. Schwindel kennt jeder Mensch. Doch jeder ver- steht etwas anderes darunter, und das ist nur zu logisch. Denn Vertigo, wie die Mediziner sagen, ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern nur ein Symptom, das zahlreiche – harmlose und gefährliche – Ursachen haben kann. Schwindel kann ganz plötzlich auftreten, nur kurz anhalten, doch sehr bedrohlich wirken, er kann aber auch langsam entstehen, chronisch werden und einen über viele Jahre begleiten.

Fakt und leidvolle Erfahrung für viele ist, dass die Sache höchst unange- nehm ist und für die Betroffenen ähnlich quälend sein kann wie etwa (chroni- sche) Schmerzen. Dabei ist Schwindel an sich ein natürliches Phänomen und nicht immer Zeichen einer Störung oder Erkrankung. Denken Sie nur an den Schwindel, wenn Sie sich schnell im Kreis drehen, als Beifahrer im Auto lesen oder von einer Brücke in die Tiefe blicken.


Wie Schwindel entsteht

Drei Sinnessysteme arbeiten zusammen, damit wir uns in einer Welt mit oben und unten, hinten und vorne, rechts und links orientieren und sicher bewe- gen können, erklärt OA Priv.-Doz. Dr. Bela Büki, Leiter der Schwindelambu- lanz im Universitätsklinikum Krems: „Das Gleichgewichtssystem erfüllt seine komplexen Aufgaben für uns unbemerkbar. Es kann aber nur dann richtig funktionieren, wenn die Meldungen aus dem im Innenohr gelegenen Gleich- gewichtsorgan, dem Auge und den Propriorezeptoren (Körpereigenfühlern) in die verarbeitenden Zentren des Gehirns weitergeleitet und dort sinnvoll koordiniert werden.“ Fehlen Informationen, widersprechen sie sich oder wer- den sie verfälscht, stört das den exakt eingestellten Mechanismus der Verar- beitung, erklärt Büki: „Widersprüchliche Informationen werden als Schwin- delgefühl wahrgenommen. Schwindel entsteht also immer im Gehirn, auch wenn die Ursache anderswo liegt.“ Schwindel ist damit nicht allein auf Stö- rungen des Gleichgewichtsapparats zurückzuführen, sondern auch auf an- dere Ursachen. Das erklärt auch die große Bandbreite von möglichen Er- krankungen, die Vertigo hervorrufen, und die Vielfalt an unterschiedlichen Schwindelarten.


Den Schwindel beschreiben

Schwindel kann natürlich auch harmlose Gründe haben wie etwa eine rasan- te Karussellfahrt, die das System kurzfristig irritiert; er kann aber auch ein wichtiges Leitsymptom sein. So können sich hinter Schwindelgefühlen zum Beispiel Erkrankungen des Innenohrs, Herz-Kreislauf-Leiden oder neurologi- sche Störungen wie Multiple Sklerose, ein Schlaganfall oder auch ein Hirntu- mor verbergen. Davon abgesehen kann Schwindel etwa bei hohem oder niedrigem Blutdruck, Migräne, Unterzuckerungszuständen oder hormonellen Erkrankungen auftreten. Zudem sind verschiedene Medikamente, Alkohol und Drogenkonsum mögliche Ursachen – insgesamt gibt es rund dreißig Ur- sachen. „Die exakte ärztliche Abklärung von Vertigo ist von entscheidender Bedeutung. Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, denn die Beschreibung der verschiedenen subjektiven Empfindungen über Art, Qualität, Häufigkeit und Dauer des Schwindels hilft, ihn in ein System einzuordnen, das bereits Hinweise auf die Ursache geben kann“, sagt Büki. Er nennt drei der häufigsten Ursachen für Vertigo: eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, Lagerungsschwindel und Morbus Ménière.


Entzündung des

Gleichgewichtsnervs

Bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs leiden die Betroffenen unter heftigem, anhaltendem Drehschwindel – auch in Ruhe –, starker Übelkeit, Er- brechen und fühlen sich sehr krank. Die Symptome klingen nur langsam im Lauf von zwei bis vier Wochen ab. „Wichtig ist hier, durch Testen der Augen- bewegungen einen Kleinhirn-Schlaganfall auszuschließen. Dann kann der Patient in einem speziellen Physiotherapie- Training üben, kleine Kopfbewe- gungen in die andere Richtung durchzuführen, denn es geht darum, dass er – ähnlich wie ein Kutscher, dessen eines Pferd nicht immer zieht, weshalb die Kutsche schief fährt – lernt, das ‚gesunde Pferd‘ zurückzuziehen“, erklärt Büki. Er berichtet, dass sich jeder zweite Betroffene vollständig erholt.


Gutartiger Lagerungsschwindel

Ebenfalls sehr häufig ist der sogenannte gutartige Lagerungsschwindel. Ihm zugrunde liegen winzige Kristalle, die sich im Gleichgewichtsorgan lösen und dann – bei bestimmten Körperhaltungen – unnatürliche Erregungen er- zeugen, die zu kurz andauernden Drehschwindelattacken mit oder ohne Übelkeit führen. Typisch ist, dass der Schwindel schon bei einfachen, an sich ganz natürlichen Kopfbewegungen auftritt. Der Lagerungsschwindel bessert sich oft spontan und verschwindet wieder, doch zusätzlich können die Betroffenen üben, bestimmte Haltungen zu vermeiden bzw. durch spezi- elle Lagerungsübungen die Schwindelattacken zu beenden. „Die einfachste und sehr effektive Übung besteht darin, den Kopf hängen zu lassen“, sagt Büki. Er vergleicht die winzigen Kristalle, die sich im Gleichgewichtsorgan lösen, mit dem Zucker in einer Limonade, den man aufrühren, aber auch zum Absinken bringen kann. Der Experte hat zudem festgestellt, dass Pati- enten mit Lagerungsschwindel häufig einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel ha- ben. Die klinische Beobachtung hat gezeigt, dass sich der Schwindel bei Gabe von Vitamin D häufig bessert. Große Studienergebnisse dazu stehen noch aus, aber der Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels ist ohnehin oft not- wendig und kann jedenfalls nicht schaden.


Morbus Ménière

Ein weiteres Forschungsgebiet des Experten betrifft eine dritte, sehr häufige Schwindelursache, und diese nennt sich Morbus Ménière. Dabei kommt es zu plötzlich einsetzenden Drehschwindel-Attacken, die meist nur wenige Mi- nuten, manchmal aber auch einige Stunden andauern. Begleitet werden die Schwindelanfälle oft von Ohrgeräuschen und einer vorübergehenden Schwerhörigkeit. In 70 Prozent der Fälle bessert sich dieser Schwindel von selbst, doch in schweren Fällen können Spezialisten ein Antibiotikum ins Mit- telohr eintropfen. Hier geht es nur um die Nebenwirkung des Antibiotikums: Es schaltet das Gleichgewichtsorgan schonend aus, meist für immer.


Seien Sie anspruchsvoll!

Neben diesen sehr häufigen Schwindelformen gibt es noch zahlreiche weite- re Ursachen für Vertigo, und es ist in jedem Fall wichtig, sich an den Arzt zu wenden. „Am wichtigsten sind die neurologische und die internistische Un- tersuchung, denn bei Schwindel gilt es auch, mögliche lebensbedrohliche Ursachen abzuklären.

Können diese ausgeschlossen werden, sollte auch der HNO-Arzt konsul- tiert werden, und nicht zuletzt stehen Betroffenen in Niederösterreich auch mehrere Schwindelambulanzen zur Verfügung“, sagt Büki. „Nehmen Sie Ver- tigo in jedem Fall ernst, und seien Sie anspruchsvoll, was die Diagnostik be- trifft, denn es ist zwar so, dass die Abklärung oft relativ viel Zeit in Anspruch nimmt, aber wenn die Diagnose exakt feststeht, können die Beschwerden in vielen Fällen erfolgreich behandelt werden.“


GABRIELE VASAK

OA Priv.-Doz. Dr. Bela Büki,

Leiter der Schwindelam- bulanz im Universität- sklinikum Krems

Universitätsklinikum Krems

Mitterweg 10, 3500 Krems

Tel.: 02732/9004-2370

www.krems.lknoe.at

BUCHTIPP

OA Dr. Bela Büki und

Prim. Dr. Heinz Jünger: Schwindel & Gleich-ge- wichtsstörungen


Dieses Buch möchte Sie von Ihrem Schwindel be- freien. Einerseits sollen Sie durch die Lektüre Ih- ren Schwindel bzw. die Entstehung der Be- schwerden besser ver- stehen können. Anderer- seits sollen Sie lernen,

was Sie tun können.

ISBN: 978-3-99052-028- 4


WIE SCHWINDEL ENTSTEHT

Damit wir die Balance halten, uns in einer Welt mit oben und unten, hinten und vorne, rechts und links orientieren und uns in den unterschiedlichsten Lebenssituationen sicher bewegen, arbeiten drei Sinnessysteme zu- sammen. Im Zentrum steht dabei das vestibu- läre System mit den beiden Gleichgewichts- organen im rechten und im linken Innenohr. Jedes dieser Vestibulärorgane besitzt drei bo- genförmige Gänge, die jeweils im rechten Winkel zueinander stehen und mit Lymphflüs- sigkeit gefüllt sind. Ändert sich die Kopfpositi- on, gerät die Flüssigkeit in Bewegung und reizt die Sinneszellen an den Innenwänden der Bogengänge.

Diese Reize gelangen dann über den Gleich- gewichtsnerv zum Gleichgewichtszentrum im Gehirn. Dort werden sie mit Informationen von zwei weiteren Sinnesorganen ergänzt und abgeglichen: Zum einen mit Reizen vor den Augen, die aufzeigen, wo wir sind; zum anderen mit dem Input aus dem propriozepti- ven System unseres Körpers, dessen Senso- ren in Muskeln, Gelenken und Haut perma- nent melden, in welcher Stellung sich unsere Körperpartien befinden.

Schwindelgefühle entstehen, wenn diese In- formationen widersprüchlich sind, sich nicht miteinander in Einklang bringen lassen und das Gleichgewichtssystem deshalb kein stim- miges Gesamtbild erstellen kann. Oder aber, wenn die Informationen zwar korrekt sind, die zentrale Schaltstelle im Gehirn sie aber wegen einer Funktionsstörung nicht richtig verarbeiten kann. Beides kann verschiedene Ursachen haben.

Man sieht, wie ein abgelöstes Otokonium beim Auf- sitzen sich im Bogengang bewegt und dadurch einen Schwindel auslöst.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2016