GEHIRNPLASTIZITÄT

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Kopfsache

Vergessen Sie die Opferrolle: Wir sind nicht Sklaven von Vererbung und Erziehung, denn unser Gehirn kann sich bis ins hohe Alter hinein verändern. Somit können wir auch beeinflussen, was unser Leben prägt- .

Haben Sie noch den alten Spruch von „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ im Kopf? Dann wird es Zeit, ihn zu verge- ssen, denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse beweisen, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter hinein fähig ist, zu lernen und sich z- u verändern. Es ist allerdings noch nicht so lange her, dass man glaubte, das Hirn eines Erwachsenen sei ein starr festgelegtes, fix ve- rdrahtetes Organ. Diese statische Sichtweise wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von führenden Neuroanatomen entwickelt und ha- t sich als hartnäckiges Dogma gehalten. Tatsächlich wurden damit sicher manche wichtige Eigenschaften des zentralen Nervensystem- s charakterisiert, aber die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte haben zentrale Gesichtspunkte über die Funkt- ionsweise des Gehirns radikal geändert. Heute weiß man, dass wir nicht Opfer einer durch Vererbung und Erziehung fest verdrahtete- n „Kommandozentrale“ sind, sondern beeinflussen können, was unser Gehirn präg- t.


Faszinierende Neuroplastizität

Die Grundlagen für die Entdeckung der Anpassungsfähigkeit des Gehirns und von Nervenzellen stammen vom kanadischen Psychol- ogen Donald Olding Hebb. Er fand heraus, dass Synapsen, Nervenzellen oder auch ganze Hirnareale sich in Abhängigkeit von der Ve- rwendung in ihren Eigenschaften verändern. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Neuroplastizität des Gehirns, sie ist in zah- lreichen Studien nachgewiesen worden. So zeigten etwa Züricher Forscher, dass sich bei jemandem, der nach einem Bruch des rechten Oberarms nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Veränderungen in bestimmen Hirngebieten zeigen: Die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergrößern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung ko- mpensieren. Welche spannenden Auswirkungen die Neuroplastizität des Gehirns auf unser Leben haben kann und wie wir das konkret umsetzen können, haben unter anderem der Neurobiologe Marcus Täuber und die Persönlichkeitstrainerin Pamela Obermaier in ihrem Buch „Alles reine Kopfsache!“ dargestellt (siehe Buchtipp). „Die Vorstellungskraft kann eine ‚virtual reality‘ schaffen, an die sich Gehirn und Physiologie anpassen“, schreiben sie- .


Stress & Glaubenssätze

Die Expertin und der Experte wissen aber auch, dass vor allem Stress und falsche Glaubenssätze uns oft daran hindern, positive Verän- derung umzusetzen. Deshalb empfehlen sie unter anderem das Erlernen bewährter Entspannungstechniken wie etwa die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Gegen die inneren Stimmen, die uns klein machen wollen, gibt es den Trick, sie lächerlich zu m- achen und ihnen dadurch ihre Macht zu nehmen. Und dann kann es losgehen mit einem mentalen Training, das auf Entspannung, Vor- stellung und dem Empfinden von Selbstwirksamkeit beruht. „Das Ziel muss sein, dem Gehirn die Erfahrung von Emotion und Wiederho- lung zu bieten – und das ist auf mehrere Arten machbar“, meinen Täuber und Obermaier. Sie erklären, dass es im Kampf gegen unsere Probleme darum geht, sie zunächst von außen zu betrachten und einen eigenen positiven „Film“ zu entwickeln, in dem man so agiert, wie man es sich wünscht. Spitzensportler tun das regelmäßig, sie legen sich beim mentalen Training in jede Bewegung so intensiv hin- ein, als würde sie in diesem Moment stattfinden. „Das Wunderbare an unserem Gehirn ist, dass wir die für Veränderung notwendigen E- rfahrungen nicht unbedingt im Original benötigen – es reicht die Simulation dessen, was wichtig für ein neues Verhalten ist- .“


Wie man Neues festigt

Wiederholung, Emotion und Aufmerksamkeit sind danach die drei Säulen, die uns unterstützen, unser Gehirn nachhaltig neu aufzubau- en. Dass Wiederholung effektiv ist, wenn es darum geht, etwas Neues zu erlernen, wissen wir. Übrigens: Eine für alle Menschen und all- e Fertigkeiten gültige Zeitangabe, wie oft man etwas wiederholen muss, um es zu festigen, gibt es nicht! Denn Emotion spielt dabei ebe- nfalls eine große Rolle. Wenn nur wenig Emotion mit einer Sache verbunden ist, benötigen wir viele Wiederholungen- .

Aufmerksamkeit als dritte Säule ist besonders wichtig, denn unser Gehirn verändert sich genau dort, wohin wir die Aufmerksamkeit ric- hten. Wenn wir also beispielsweise Angst vor Spinnen haben und den Anblick eines Exemplars zelebrieren, wird die Angst wahrscheinlic- h wachsen. Nicht so hingegen, wenn wir das Tier aus größerer Entfernung betrachten. Es geht also darum, den Fokus unserer Aufmerk- samkeit je nach Situation zu verändern. Sie sehen also: Die faszinierende Neuroplastizität unseres Gehirns hat wie alles im Leben zwei Seiten, doch wir selbst programmieren, ob wir unter Ängsten und Schmerzen leiden oder sie bewältigen, ob wir es schaffen, den Glimm- stängel beiseite zu legen oder ob wir den Weg zur Wunschfigur finden- .


Gabriele Vasak

Neuroplastizität & Gesundheit


-Schlaganfall: An Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten wurde beobachtet, dass die voll funktionsfähigen Nervenzellen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den abgestorbenen bei zielgerichtetem Training die Aufgaben der beschädigten Gehirnbereiche übernehme- n.

-Allergien: Ein komplexes Gesundheitstraining, das mentale Übungen miteinbezieht, kann signifikante Ergebnisse bei Allergikern bringen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe veränderten sich eine Reihe von Parametern bei der Versuchsgruppe: Die subjektiv erlebte Gesundheit wurde verbessert, es gab weniger Symptome, die Medikamentenanzahl und die Häufigkeit der Arztbesuche verringerten sich, Wohlbefinden und Lebensqualität wurden gesteige- rt.

-Psychische Probleme: Psychotherapie nutzt die Neuroplastizität des Gehirns im Kampf gegen psychische Probleme. In der therapeutischen Praxis werden neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte „ausprobiert“ und schließlich auch im Leben „draußen“ umgesetzt. So können hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt werden, die zufriedener, selbstsicherer und „erfolgreicher“ machen. Das erklärt auch, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen unterstützende Effekte erzielt.

BUCHTIPP

Marcus Täuber und Pamela Obermaier:

Alles reine Kopfsache!

5 Phänomene aus der Hirnforschung, mit denen Sie alles schaf- fen, was Sie wollen. Schaffen Sie es nicht, konsequent Sport zu treiben, sich gesund zu ernähren oder mit dem Rauchen aufzu- hören? Kommt Ihre Karriere nicht vom Fleck? Tricksen Sie Ihr Gehirn aus, um Ihre Wünsche wahr werden zu lassen! Machen Sie sich die fünf Geheimnisse für ein erfülltes Leben zu eigen- .


ISBN: 978-3-99060-066-5

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2018