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OHREN

Hören können hält gesund

Schwerhörigkeit gehört zum Alter wie graue Haare oder ein drittes Gebiss. Diese scheinbare Ruhe ist schädlich, denn Hör- probleme haben weitreichende Folgen.

Johann Seidl ist ein Familienmensch, Treffen in der Großfamilie genießt er. Doch in letzter Zeit verstummt er, sobald die anderen bei Tisch zu erzählen beginnen. Nach kurzer Zeit sinkt sein Kinn auf die Brust – Opa Seidl ist eingeschlafen.

Grund für solch sozialen Rückzug ist oft ein Hörproblem. Es gibt verschiedene Ursachen für Schwerhörigkeit – der Alterungsprozess ist eine davon. In Österreich sind mehr als 450.000 Personen hörbeeinträchtigt, über 300.000 davon sind 50 Jahre und älter. Weltweit leiden etwa 300 Millionen Menschen unter Altersschwerhörigkeit.

Betroffenen ist ihre Schwerhörigkeit anfangs oft nicht bewusst. Erst sind es Probleme, helle Kinderstimmen zu verstehen oder einer Unterhaltung in großer Runde trotz Hintergrundgeräuschen zu folgen. Später wird auch alltägliche Kommunikation schwierig. „Wenn das Sprachverstehen in Gesellschaft nachlässt, kommt es bei den Betroffenen häufig zu sozialer Isolation, Depressionen und Aggressio- nen“, warnt Priv.-Doz. Dr. Astrid Magele, Oberärztin an der HNO-Abteilung des Universitätsklinikums St. Pölten.


Hören – und auch verstehen

Am Hörvorgang ist nach dem Ohr auch das zentrale Gehör in der Hirnrinde beteiligt, wo die räumliche Lokalisation, das Unterdrücken von Hintergrundgeräuschen und die Musteranalyse stattfinden. Letztere ermöglicht, in den wahrgenommenen Geräuschen bedeutungs- volle Klänge zu erkennen – etwa die Türglocke oder auch ganze Wörter. Was wir nicht verstehen, das ergänzen wir kognitiv. Je weniger je- mand akustisch wahrnimmt, umso mehr kognitive Leistung ist nötig, um Sprache zu verstehen. Besonders schwierig ist das bei unge- wohnten Begriffen oder Fremdsprachen.

Auch bei Menschen, die in jungen Jahren gut hören, nimmt das Hörvermögen mit dem Alter ab – beispielsweise wegen schlechter Durchblutung des Innenohrs. Durch genetische Vorbedingungen wird dieser Vorgang verstärkt, ebenso durch Faktoren wie Übergewicht oder Rauchen. „Mit einem gesunden Lebensstil kann man diesen Prozess beeinflussen“, weiß Magele. Auch häufiger Lärm kann Alters- schwerhörigkeit fördern. „Diese sogenannte Presbyakusis tritt ab dem fünften bis sechsten Lebensjahrzehnt auf, typischerweise auf bei- den Ohren symmetrisch“, sagt die HNO-Ärztin. Erst verstummen die hohen Töne, Zischlaute wie S, Z oder SCH können nicht mehr un- terschieden werden. Je ausgeprägter die Presbyakusis, umso größer ist der betroffene Tonumfang. Die Ärztin unterstreicht die Bedeutung von Altersschwerhörigkeit: „Sie ist die dritthäufigste Einschränkung im Alter und wird mit zunehmendem Alter schwerwiegender.“


Folgen & Wechselwirkungen

Schlecht hören zu können hat einige Probleme im Gepäck: Missverständnisse führen im familiären Leben Hörbeeinträchtigter häufiger zu Streit und belasten das Zusammenleben. Betroffene versuchen aus Scham mehrfaches Nachfragen zu vermeiden; durch unpassende Antworten entsteht aber bei Angehörigen der fälschliche Eindruck, der Betroffene sei „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, weiß Magele. „Betroffene finden sich ohne Hilfe oft nicht mehr zurecht, beim Einkaufen ebenso wie beim Arztbesuch.“

Bei jedem dritten Patienten über 70 Jahren und bei der Hälfte aller über 75-Jährigen sei wegen der Hörbeeinträchtigung ein zuverlässi- ges Anamnesegespräch nur bedingt möglich, zeigt eine deutsche Studie. Dr. Michael Lerch, Chefarzt der Abteilung für Akutgeriatrie am Evangelischen Krankenhaus Bethanien im deutschen Iserloh, berichtete am österreichischen Geriatriekongress 2015 von unerkannten Hörproblemen bei älteren Patienten, die zu Missverständnissen und falsch diagnostizierter Demenz führten. Auch würden etwa Blut- drucktabletten falsch eingenommen, weil der Patient die Anweisung nicht verstanden hat.


Wer hört, bleibt länger fit

„Schwerhörige Menschen haben eine fünf Mal höhere Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, als Normalhörende“, verweist Ma- gele auf internationale Studien und erklärt: „Wenn weniger Informationen im Gehirn ankommen, gehen die kognitiven Fähigkeiten schneller verloren.“ Deswegen sei es gerade für ältere Personen wichtig, bei Problemen beim Sprachverstehen den Spezialisten aufzusu- chen.

Untersuchungen zeigen, dass entsprechende Hörhilfen neben dem Sprachverstehen auch die kognitiven Leistungen wieder verbes- sern, ebenso die sozialen Fähigkeiten und den allgemeinen Gesundheitszustand. Depressive Symptome und sogar Gleichgewichtspro- bleme können gemildert werden.

„Die Lebensqualität der Patienten verbessert sich mit den Hörsystemen signifikant“, bestätigt die Ärztin. Altersobergrenze gebe es da- bei keine: „Der Wille wieder zu hören ist für eine erfolgreiche Behandlung wichtiger als das Alter.“ Zusätzliches Hörtraining hilft, den ko- gnitiven Anteil beim Hören zu verbessern und Kommunikations-Strategien zu entwickeln. EVA KOHL

Universitätsklinikum St. Pölten

Propst-Führer-Straße 4 3100 St. Pölten

Tel.: 02742/9004-0

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erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2017