GENERATIONEN

Foto: istockphoto/ Lisa Valder

Schatten der

Vergangenheit

Kriegskinder und ihre Nachfahren haben besondere Herausforderungen zu bewältigen.

„Kriege versprühen ihr Gift weit über den Lebenszyklus direkt Betroffener in die Seele sehr viel später Geborener. Und manchmal er- zeugen sie sogar generationenübergreifende Traumatisierungen“, schreibt der Psychiater Peter Heinl in seinem Buch „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg“. Heinl setzt sich darin mit den Spätwirkungen von Kriegserfahrungen auf die Generation der Kriegskin- der auseinander, also jener Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden.

Natürlich sind davon vor allem die Kinder von Holocaust-Opfern betroffen. Doch nicht nur; laut psychologischen Forschungen sind auch 30 Prozent aller im Zweiten Weltkrieg geborenen Deutschen (und Österreicherinnen und Österreicher) traumatisiert – durch Heimatverlust, Trennungen, Bombardierung, Hungersnot, Flucht und den Tod nahestehender Angehöriger. Auch wenn sie damals noch klein waren, viele dieser Menschen leiden durch diese Erfahrungen an zahlreichen Spätfolgen wie Depressionen, Ängsten, Schlaflosigkeit, psychosomatischen Beschwerden, Flashbacks. Doch selten ist ihnen bewusst, woher diese Probleme kommen. Denn die meisten haben der Zeit, aus der sie erwachsen sind, jahrzehntelang keine Beachtung geschenkt. „Über dem langen Schweigen lag vor allem die Schuld der Deutschen am Holocaust, die unausgesprochene Überzeugung, dass man angesichts der millionenfachen Morde an den Opfern der Nationalsozialisten nicht über das eigene Schicksal klagen dürfe“, schreibt die Journalis- tin Anne-Ev Ustorf in „Wir Kinder der Kriegskinder“, in dem sie die Auswirkungen dieser Tatsachen auf die „Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“ unter die Lupe nimmt.

Tatsächlich hat ein Teil der Elterngeneration der heute 30- bis 60-Jährigen das in der Kriegs- und Nachkriegszeit erfahrene Leid „ge- speichert“. Und offenbar auch das in der NS-Erziehung zutiefst eingeprägte unkritische Funktionieren, Leisten und Anpassen beibe- halten. Sowie beides unbewusst an die Kinder weitergereicht – an Menschen, die im Frieden aufgewachsen sind, und von denen nicht wenige heute doch vom Lebensgefühl im langen Schatten des Krieges geprägt sind. Kein Wunder also, dass viele von ihnen vermehrt therapeutische Hilfe suchen.

Das Schweigen über die Gräuel, die man erlebt hat, scheint kennzeichnend zu sein für die Opfer wie die Täter und die Mitläufer. Tat- sächlich haben im Krieg traumatisierte Menschen oft alle Kraft dafür aufgewandt, ihre Erfahrungen in sich einzukapseln und vor sich und anderen zu verstecken. Dahinter stehen verständliche, auch fürsorgliche Bewältigungsstrategien des Schreckens. Viele Kriegs- kinder versuchten, ihre Traumata später durch ein Leben zu bannen, das vor allem Sicherheit und Stabilität bot. Für den Wunsch nach persönlicher Entwicklung und Selbstverwirklichung, den ihre Kinder oft in sich trugen, war keine Zeit, kein Platz; und kein Platz war häufig auch für deren Gefühle, Ängste und Visionen. Aber: Gerade das Schweigen sorgte und sorgt dafür, dass Traumata mit nachhaltigen Folgen an die nächsten Generationen weitergegeben werden.


Aus dem Schatten treten

Die Nachgeborenen leiden beispielsweise darunter, sich nirgendwo zu Hause zu fühlen. Sie haben (oft grundlose) Angst, alles zu verlieren. Sie können sich nicht das nehmen, was ihnen zusteht. Sie haben nie gelernt, ihre Ängste und Wünsche wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Sie glauben wie ihre Väter, dass man keine Schwächen haben darf. Sie schweigen weiter über sexuelle Übergriffe in der Familiengeschichte. Oder pflegen ein Leben lang den Rebellenstatus.

Es geht hier nicht darum, der Nachkriegsgeneration Schuld zuzuweisen oder sie anzuklagen, sondern darum, sich mit den Spuren der Vergangenheit innerhalb der eigenen Familie auseinanderzusetzen, zeigt beispielsweise Autorin Ustorf: „Vielleicht gelingt es uns mit Hilfe dieser Auseinandersetzung, bald auch die positiveren Seiten des Erbes unserer Eltern stärker in den Blick zu nehmen. (…) Denn wir haben dieser Generation viel zu verdanken. Ihre enorme Leistungskraft und ihr politisches und gesellschaftliches Engage- ment ermöglichten uns eine Kindheit in Frieden und Wohlstand. Den Krieg, den kennen wir nur aus ihren Erzählungen. Dafür können wir dankbar sein.“


Gabriele Vasak

BUCHTIPP

Sebastian Schoepp:

Seht zu, wie ihr zurechtkommt. Ab- schied von der Kriegsgeneration

Der Journalist Sebastian Schoepp, Jahr- gang 1964, muss sich als Einzelkind al- lein um die alternden Eltern kümmern – und kommt im Laufe dieses Prozesses im- mer mehr deren Biografien auf die Spur. Er sieht, wie der 2. Weltkrieg seine Eltern geprägt hat, wie sie mit den Folgen zu- rechtgekommen sind und wie sich das Er- lebte in seiner Erziehung und auf das ge- meinsame Familienleben ausgewirkt hat. Eine Spurensuche, die ihn schlussendlich und trotz allem zu sich selbst gebracht hat.

-978-3-864892080

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2018