IM PORTRÄT

FotoS: Gerald Lechner




Beweglichkeit und Koordinationsfähigkeit – das trainieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Herzgruppe einmal in der Woche. Gertrude Gundinger leitet die Grup- pe.

Einmal im Monat lässt die Horner Herzgruppe die Turnstunde gemütlich bei Kaffee und Kuchen ausklingen.

Die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt der Herzgruppe in Horn.

Das Herz am rechten Fleck

Sie leiden an Herz-Kreislauf-Problemen, hatten einen Herzinfarkt oder suchen einfach nur Gemeinschaft: Die Teilnehmenden der Herzgruppe Bezirk Horn. Hier sieht man, was ehre- namtliche Arbeit bewirkt!

Aufgeregt plaudernd tritt Gertrude Gundinger gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Herzgruppe Bezirk Horn in den Raum. Alle haben das gleiche T-Shirt an – nur Hans nicht. Der 90-jährige ehemalige Professor bevorzugt nach wie vor ein Hemd. Taschen werden abgestellt, Sessel gerückt – und schon fängt Physiotherapeutin Conny mit dem Training an. Eifrig lassen die 14 Teilnehmenden die Schultern kreisen, aus dem CD-Player tönt „Bye bye, baby“ von den Bay City Rollers. „Lächeln nicht vergessen!“, mahnt die junge Frau immer wieder. Was kaum nötig ist, denn über fast jedes Gesicht huscht immer wieder ein zufriedenes Lächeln.


Gemeinschaft im Mittelpunkt

Seit sechs Jahren treffen sich die Mitglieder der Herzgruppe jeden Donnerstagabend im Festsaal des Landesklinikums Horn. Sie trainieren unter anderem Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn und Koordinationsfähigkeit. Hans macht trotz seines fortgeschrittenen Alters alles mit – einzig seine Vergesslichkeit macht ihm zu schaffen. Doch am Herzen ist Hans gesund, im Gegensatz zu den meisten anderen hier: Viele leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder erlitten bereits mehrere Herzinfarkte. Für sie ist das regelmäßige Turnen eine Möglichkeit, wieder Kraft und Vitalität zu gewinnen. Physiotherapeutin Conny achtet genau auf ihre Schützlinge: „Manche sind frisch operiert. Da muss ich dann schon aufpas- sen.“ Neben ihr sitzt ihre eigene Oma – Conny hat sie überredet, vorbeizuschauen; seither ist sie dabei. Denn nicht nur der Bewegung wegen kommen die Teilnehmenden, auch die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. „Viele sind alleinstehend, ler- nen sich hier kennen und treffen sich vielleicht später auch im Kaffeehaus“, erzählt Gertrude Gundinger, die die Herzgrup- pe Bezirk Horn leitet. Die 38-jährige Waldviertlerin weiß selbst nur zu gut, wie wichtig es ist, sich austauschen zu können. Denn eigentlich dürfte sie heute nicht mehr am Leben sein.


Sauerstoff als Begleiter

Gertrude Gundinger leidet an cystischer Fibrose, einer angeborenen Stoffwechselerkrankung. Sie war zwei Monate alt, als diese Krankheit bei ihr entdeckt wurde. Die Lebenserwartung liege bei 18 Jahren, erklärten die Ärzte damals den Eltern. Gerti wuchs relativ normal auf, bis sie sich mit sieben Jahren einen Keim einfing, den sie nicht mehr loswurde. Mit 14 muss- te sie Antibiotika als Dauermedikation nehmen. Und mit 20 Jahren bekam sie keine Luft mehr. Viele Krankenhausaufenthalte prägten ihre Jugend. Als ihr Körper sich immer schlechter mit Sauerstoff versorgen konnte, musste sie Sauerstoff zuführen. Gerti weigerte sich zunächst.

Doch ein Satz einer diplomierten Krankenpflegerin stimmte sie um: „Wenn du kalte Füße hast, ziehst du auch Socken an“, erzählt Gerti. Bald brachten Ärzte dann zur Sprache, was ihr Leben verändern sollte: die Transplantation beider Lungenflü- gel. Es habe gedauert, erinnert sich Gerti, bis sie sich für die Transplantation entschieden habe. Nach den Untersuchungen und ihrer Unterschrift dafür begann die Wartezeit – die schönste Zeit, wie sie heute sagt. „Ich habe gewusst, das ist jetzt mein Weg. Ich habe mich dafür entschieden und wollte nichts Negatives darüber wissen.“


Erfahrungen austauschen

Nach acht Monaten – Gerti hatte bereits Abschiedsgeschenke für ihre Familie besorgt, da sie nicht mehr mit einem Spen- derorgan rechnete – wurde ihr die neue Lunge eingesetzt. Das war 2006, Gerti war damals 27 Jahre alt. Nach der Trans- plantation bekam sie endlich wieder Luft. Aber es kam zu anderen Problemen: Die Beine schwollen an und Gerti litt fortan an Diabetes. In St. Pölten fand die Waldviertlerin einen Stammtisch für Transplantierte, den sie besuchte. Und der ihr half: „Es war gut, Erfahrungen austauschen zu können.“ Die lebensfrohe Frau fand heraus, dass die Beschwerden entstanden, weil sie nach der OP die Antibiotika absetzte. Sie lernte, auf ihren Körper zu achten und seine Signale zu deuten. Und sie begann, als Koordinatorin der Herz-Lungen-Transplantierten österreichweit zu arbeiten. Als sie einen Dankgottesdienst in Stift Geras organisierte, riet ihr der Bürgermeister, eine Bezirksgruppe für Transplantierte zu gründen. Gerti zweifelte daran, genug Menschen dafür zu finden, aber ihr gefiel die Idee, vor Ort mitzuarbeiten. Als sie dann zufällig in der Zeitung las, dass der Herzverband jemanden sucht, der in Horn die Herzgruppe koordiniert, meldete sie sich. Und startete vor sechs Jahren mit neun Menschen in die wöchentliche Turnstunde.


Die Herzgruppe fängt auf

Physiotherapeutin Conny teilt indessen blaumelierte Therabänder für die nächsten Übungen aus. Konzentriert machen alle mit, bald ist es geschafft: Nach einer Stunde Turnen werden die Sessel wieder an die lange Tafel in der Mitte des licht- durchfluteten Raumes geschoben. Einmal im Monat bleiben die Teilnehmenden noch etwas länger, dann gibt es Kaffee und Kuchen, man hört angeregtes Plaudern und herzliches Lachen. Von Maria zum Beispiel. Sie lebt in einer der umliegenden Ortschaften, Gertrude Gundinger holt sie immer auf dem Weg zum Landesklinikum ab. Nach ihrem zweiten Herzinfarkt habe ihr der Arzt geraten, unter Leute zu gehen, erzählt Maria. Seit vier Jahren ist sie nun dabei. Einzig ein halbes Jahr lang musste sie aussetzen, da hat sie sich um ihren todkranken Mann gekümmert. Die Herzgruppe sei es auch gewesen, die sie nach seinem Tod auffing. Fast alle, erzählt sie, seien zum Begräbnis gekommen.


Reden & bewegen

Der 85-jährige Josef sitzt ihr schräg gegenüber. Er hätte eigentlich längst eine Herzklappe bekommen sollen. Vor dem OP- Tisch habe er dann aber „Ade“ gesagt, erzählt er, denn er wollte es anders versuchen. So kam er zur Herzgruppe, die für ihn in erster Linie Unterhaltung ist: „Wir verstehen uns alle sehr gut.“ Außerdem gehe er jetzt jeden Tag walken.

Sein Sitznachbar Rudi gehört zu jenen in der Gruppe, die ein gesundes Herz haben. Dafür leidet er an Asthma und Nah- rungsmittelunverträglichkeiten. Er und seine Frau suchten Anschluss, als sie nach 40 Jahren in Wien wieder ins Waldviertel zogen. Das Reden und das Bewegen tue ihnen gut, erzählt der 79-Jährige.

Auch der 90-Jährige sitzt in der Runde mit dabei, bis er von seiner 24-Stunden-Betreuerin abgeholt wird. Auch wenn er Gerti im Kaffeehaus immer wieder nicht erkennt, merkt er sich alle Übungen während der Turnstunde.

Im Juli und August pausiert die Herzgruppe – dann organisiert Gerti verschiedene Ausflüge, etwa einen Heurigenbesuch oder einen Thermenaufenthalt. Und wenn einer der eingeschworenen Truppe Geburtstag hat, bastelt Gerti eine Fotocollage und sammelt für einen Gutschein.

Die Waldviertlerin lebt nun schon 20 Jahre länger, als ihr ursprünglich prognostiziert wurde. Mit ihrer transplantierten Lunge muss sie nach wie vor Medikamente nehmen und auch des Zuckers wegen auf ihren Körper achten. Doch sie ist ein sehr zufriedener Mensch – nicht zuletzt auch wegen der Herzgruppe: „Es ist total schön, diese Gruppe zu leiten. Die Menschen sind zufrieden und sehr dankbar dafür“, lächelt sie. Ob herzkrank oder nicht, teilnehmen dürfe jeder, fügt sie hinzu. Einzige Voraussetzung sei, ein Herz zu haben – in jeglicher Hinsicht.


Daniela Rittmannsberger

Selbsthilfegruppen bei Herzerkrankungen

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2018