VOLL IM LEBEN - PORTRÄT

FOTOS: MARKUS FEIGL, ROTES KREUZ

Arbeiten, während andere feiern

Gerhard Heilig vom Roten Kreuz St. Pölten sorgt dafür, dass die Besucher des Frequency-Festivals jederzeit medi- zinisch versorgt werden können. Während andere der Musik der Live-Bands lauschen, koordiniert er die Ein- satzkräfte. Freiwillig und unbezahlt.

Harte Rockmusik dröhnt wabernd aus den Boxen, Bierdosen überall; auf dem Boden knöcheltiefer Schlamm – und zehntausende junge Menschen, die sich hier pudelwohl fühlen. Das jährliche Fre- quency-Festival auf dem Freigelände des Veranstaltungszentrums in St. Pölten ist eine fünftägige Party mit Sonne, Spaß, Musik und auch Alkohol. Dass es zu Unfällen kommen kann, weiß niemand besser als Gerhard Heilig, MBA. Der 49-jährige diplomierte Krankenpfleger ist verantwortlich für zahlreiche Ambulanzdienste des Roten Kreuzes St. Pölten und koordiniert jedes Jahr mit seinem Team den Sanitätseinsatz während des Festivals.

45.000 Menschen befinden sich zu Spitzenzeiten auf dem Gelände. „Durchschnittlich 2.000 von ihnen werden zu unseren Patienten“, erzählt Einsatzleiter Heilig. „Im Jahr 2012 hatten wir sogar mehr als 3.000 Einsätze. Das bedeutet, dass man mit diesen Patienten das Universitätsklinikum St. Pölten drei Mal füllen hätte können.“ Ins Krankenhaus müssen aber nur die wenigsten Festivalbe- sucher – erfahrungsgemäß etwa 60 Personen jedes Jahr. Viel häufiger kommen Schnittwunden durch auf dem Boden liegende Bierdosen oder Zeltheringe vor. „Viele gehen barfuß“, berichtet Heilig, „aber auch beim Zeltaufbau trifft ein Hammer einen Finger, der dann versorgt werden möchte.“


Leidenschaft: Gesundheit

Heilig, Vater einer Tochter, kommt ursprünglich aus Horn und begann seine Karriere in der NÖ Landesregierung im Bereich Wohnbauförderung und später in der Abteilung Wasserrecht. „Durch

meinen Vater bin ich in jungen Jahren schon zum Roten Kreuz gekommen, mein Interesse für Gesundheitsthemen wurde ge- weckt“, erklärt er. Später absolvierte er die Gesundheits- und Krankenpflegeschule in Horn und wechselte 2006 als Koordi- nator zur Pflegehotline des Landes Niederösterreich. Vor weni- gen Monaten schloss er sein Health-Care-Management-Studi- um an der Donau Uni Krems ab. Die Frequency-Koordination übernahm er, als das Festival 2009 zum ersten Mal in St. Pöl- ten stattfand.

Beim heißen Augustwetter kommt es dort häufig zu Kreis- laufbeschwerden, weil die Besucherinnen und Besucher zu wenig trinken. „Das klingt im ersten Moment eigenartig, weil man denkt, dass Alkohol in Strömen fließt“, meint Gerhard Hei- lig, „aber einige Besucher sichern sich ihren Platz vor der Bühne schon am frühen Nachmittag, um die Lieblingsband am Abend aus der Nähe zu sehen. Dann können sie sich nichts mehr zu trinken holen, um den Platz nicht zu verlieren.“ Die Musikliebhaber dehydrieren und müssen dann vom Roten Kreuz mit Infusionen wieder fit gemacht werden. Alkohol spielt bei den Einsätzen der Sanitäter übrigens nur eine untergeord- nete Rolle. Viel häufiger erleiden die Patienten allergische Re- aktionen oder einen Kollaps.

Und sonst? „Manchmal kommt es auch vor, dass Besucher bereits mit einer Grippe oder einer anderen Krankheit anrei- sen, weil sie die Karte gekauft haben und nicht auf den Be- such verzichten wollen. Dann steigt aber doch das Fieber und es geht einfach nicht mehr“, erzählt Heilig.

Da auf dem Festivalgelände eine fast familiäre Stimmung herrscht, gibt es kaum Probleme mit Raufhandel. Auch die Einsatzkräfte werden freundlich behandelt und von den Gäs- ten oft eingeladen, sich vor das Zelt zu setzen und etwas zu trinken. „Aber im Dienst geht das natürlich nicht“, schmunzelt der Einsatzleiter.


Planung

45 Stunden verbringt Heilig in den fünf Tagen auf dem Gelände. Die meiste Zeit in einem Container, wo der admi- nistrative Teil des Einsatzes durchgeführt wird. Er koordiniert die etwa 420 ehrenamtlichen Sanitäter, die sich auf acht Stützpunkte am ganzen Gelände verteilen. Den größten Arbeitsaufwand haben Heilig und sein Team schon vor Festivalbeginn geleistet: Etwa ein halbes Jahr dauert die Planung für den Einsatz. Material und Personal aus allen Bezirksstellen in Niederösterreich müssen organisiert werden. 20 Fahrzeuge stehen dann bereit. Auch für die Verpflegung der Einsatzkräfte muss gesorgt sein: 1.000 warme Mahlzeiten, 2.000 Semmeln, 2.000 Liter Getränke und hunderte Liter Kaffee stehen jedes Jahr für die Sanitäter bereit.

Der Einsatz basiert zur Gänze auf Freiwilligkeit. Weder Gerhard Heilig noch die Sanitäter am Gelände bekom- men Geld für ihre Tätigkeit. Der Koordinator nimmt sich für die Zeit des Festivals sogar Urlaub.

Kein Problem für ihn – nach 30 Jahren beim Roten Kreuz ist er immer noch als Sanitäter aktiv und führt Schulun- gen durch. Geld spielt für ihn dabei keine Rolle, auch wenn die Freizeit durch seine vielseitigen Tätigkeiten oft auf der Strecke bleibt, wie er erzählt: „Wenn ich dazu komme, dann arbeite ich am Haus und im Garten. Das ist genau meines. Hochbeete bestellen und kleinere handwerkliche Tätigkeiten. Aber zu mehr reicht die Zeit leider nicht.“


Keine Todesfälle

Warum tut er sich die viele Arbeit dann an? Für Heilig ganz klar: „Es macht Spaß. Und was einem Manager der fi- nanzielle Bonus ist, ist für uns der Dank der Patienten und ihrer Angehörigen. Wenn man von Eltern gesagt be- kommt: ‚Wenn ihr am Festival seid, weiß ich, dass mein Kind in Sicherheit ist‘, ist das eine große Auszeichnung, die einen sehr freut.“

Nach fünf Tagen Dienst am St. Pöltner VAZ-Gelände ist Heilig erschöpft, aber jedes Mal wieder erleichtert, dass alles gut funktioniert hat. Seit die Veranstaltung hierher gezogen ist, hat es keinen einzigen Todesfall auf dem Ge- lände gegeben. Darauf ist er nicht ohne Grund stolz.

„Es ist schon ein tolles Gefühl, etwas Positives gemacht zu haben“, fasst er zusammen, was ihn motiviert und trägt, „wahrscheinlich so, wie wenn man eine große Geburtstagsparty organisiert. Die Gäste waren zufrieden, alle waren locker. Es haben sich Freundschaften zwischen den Sanitätern entwickelt. Das wünsche ich mir auch für die nächsten Jahre.“


MARKUS FEIGL

DGKP Gerhard Heilig, MBA, vom Roten Kreuz St. Pölten koordiniert jedes Jahr mit seinem Team den Einsatz am Frequency-Festival.

Ehrenamtliche Sanitäterinnen und Sanitäter machen das Frequency-Festival zum unbeschwerten Fest. Koordinator Heilig im Einsatz-Container am Festgelände.

Frequency-Festival


Das Frequency-Festival gibt es seit dem Jahr 2001. Seit 2009 wird es am

VAZ-Gelände in St. Pölten veranstaltet. Die Ein- satzkräfte sind fünf Tage lang im Dienst: An den drei Konzerttagen sowie am An- und Ab- reisetag. Das nächste Festival findet von 15. bis 17. August 2017 statt. Gerhard Heilig wird mit seinem Team für Sicherheit sorgen.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017