GESUNDHEIT IN NÖ - ARZT WERDEN

FOTOS: PHILIPP MONIHART

Zukünftige Ärztinnen und Ärzte lernen praxisnah, sprechen mit erfahrenen Fachärzten zum Beispiel über Diagnosen und Behandlungsmethod- en, Medikamente, ihre Wirkung und mögliche Nebenwirkungen.

Medizin mit Zukunft

Ärztin oder Arzt werden – das wollen viele junge Menschen. Der Weg bis zur abgeschlossenen Ausbildung ist lang, doch die neue Ausbildung bringt von An- fang an mehr Praxis.

Mann der ersten Stun- de: Prim. Assoc. Prof. Dr. Christoph Hör- mann engagiert sich von der ersten Idee an für die Karl Landstei- ner Privatuniversität und gestaltet die pra- xisbetonte Ausbil- dungsweise maßgeb- lich mit. Er leitet die klinische Abteilung für Anästhesie und Inten- sivmedizin im Uniklini- kum St. Pölten und ist Transplantations- Be- auftragter in der Ostre- gion.

„Herr Doktor, mir tut das Ohr so weh – wenn jemand so zu dir kommt, was tust du dann?“, fragt Dr. Paul Haberfehlner, Oberarzt an der klinischen HNO-Abteilung des Universitätsklinikums St. Pöl- ten, die drei jungen Menschen im weißen Kittel, die mit ihm an ei- nem kleinen Tisch im Übungsraum sitzen. Sophie, Matthäus und Felix studieren im ersten Jahr des Masterstudiums Humanmedizin an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissen- schaften (KL) in Krems, haben bereits ihren Bachelor absolviert und werden nach zwei weiteren Jahren das Studium der Human- medizin abschließen. Sie gehören dem ersten Jahrgang der KL an. Die Privatuniversität entstand, um hier Vorreiter im Feld der Ge- sundheitswissenschaften zu sein und die interdisziplinäre Zusam- menarbeit von medizinischen und nicht-medizinischen Berufsgrup- pen zu fördern. Darüber hinaus zählt man auf eine Erhöhung des Medizinernachwuchses in Niederösterreich. Im zweiten und dritten Jahr des Masterstudiums Humanmedizin auf der KL kommen die Studierenden zum klinischen Praktikum (Bedside-Teaching) an die klinischen Abteilungen und Institute der Universitätskliniken in St. Pölten, Krems und Tulln. Sie werden dort in Kleinstgruppen von speziell geschulten Ärztinnen und Ärzten praktisch ausgebildet,

auch am Krankenbett. Diese „Bedside-Teaching“ genannten Praktikumsta- ge in den Kliniken wechseln mit Theorie-Tagen in der KL in Krems ab. An der KL werden die Studierenden von Ärztinnen und Ärzten der drei Unikli- niken unterrichtet. Auch die Studierenden an den öffentlichen Medizin-Unis erwerben praktische Erfahrung während des Studiums, etwa durch soge- nannte Famulaturen, die sie auch an den NÖ Kliniken machen können. Alle Studierenden verbringen das Klinisch-Praktische Jahr, das letzte Studien- jahr, in Kliniken. Somit haben junge Ärztinnen und Ärzte heute wesentlich mehr und besser strukturierte Erfahrungen als viele der früheren Generatio- nen, wenn sie nach dem Studium zum Turnus an die Kliniken kamen.


Praxis am Krankenbett

Die klinische HNO-Abteilung im Universitätsklinikum St. Pölten gehört zu den größten Fachabteilungen in Österreich – mit dem Auftrag einer Maxi- malversorgung in allen operativen und konservativen Leistungen der HNO- Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie. Ein idealer Platz zum Lernen. „Wo fängst du mit der Untersuchung an?“, fragt Haberfehlner die drei Studie- renden.

Hedwig Silberschneider hat in der Hals-Nasen- Ohren-Abteilung im Universitätsklinikum St. Pölten an beiden Ohren ein Cochlea-Implantat bekommen. KL-Student Matthäus führt das Anamnese-Gespräch unter dem wachsamen Auge von Oberärztin Priv.- Doz. Dr. Astrid Magele.

OA Dr. Paul Haberfehlner unterrichtet Matthäus, Felix und Sophie: Wissen abfragen, praktisches Wissen einüben, erste Erfahrungen an den Kollegen machen, bevor es zum Bedside-Teaching geht.

„Beim Außenohr“, antwortet Felix, das Trio macht sich Notizen, schreibt fleißig mit. Der Oberarzt spricht über mögliche Hautveränderungen an der Ohrmuschel und ihre Bedeutungen, fragt Fachbe- griffe ab, Diagnosen und Behandlungsmethoden, Medikamente, ihre Wirkung und mögliche Neben- wirkungen. Sophie, Matthäus und Felix sind ununter- brochen gefordert, antworten, denken nach, fragen nach. Weiter geht es mit dem Gehörgang und dann mit dem Innenohr.

Die Studierenden können viele der Fragen beant- worten, haben also in den Theoriestunden schon viel gelernt. Nun geht es darum, dieses theoretische Wissen mit der Praxis zu verbinden. „Wenn die Haut hier rot ist, was bedeutet das? Was muss man dann tun?“ Ganz konkret geht es um die nächsten Schrit- te, um den Weg hin zu einer sicheren Diagnose. Praxis im geschützten Rahmen, bevor man es mit echten Patienten zu tun hat. Das Lernen in Kleinst- gruppen empfinden die Studierenden als spannend und motivierend. „Durch die Interaktion mit den Ärz- ten bekommen wir einen sehr praxisbezogenen Un- terricht“, sagt Matthäus. Für die intensive praxisbe- tonte Ausbildung waren zahlreiche Vorbereitungen in den Unikliniken nötig. Oberärztin Priv.-Doz. Dr. Astrid Magele etwa hat alles daran gesetzt, für die KL-Studierenden einen eigenen Raum im Klinikum zu haben. Das Mikroskop für die Untersuchungen hat einen besonderen Vorteil: Es besteht aus drei Okularen und so können drei Studenten gleichzeitig hineinschauen.

So beobachtet Oberarzt Haberfehlner ganz ge- nau, wie Felix den Untersuchungstrichter

DER WEG ZUM STUDIUM


Medizin studieren kann man in Österreich an den großen Medizin- Universitä- ten in Wien, Graz und Innsbruck, an der medizinischen Fakultät in Linz, an der Paracelsus Privatuniversität in Salzburg und an der Karl Landsteiner Privatuni- versität in Krems. Die Schritte:

Anmeldung zum Aufnahmetest MedAT-H

Vorbereitung mittels Vorbereitungskurs (jährlich ein Kurs in St. Pölten, siehe www.noe-studiert-medizin.at)

Teilnahme und Bestehen des MedAT-H erforderlich (in der KL kommt dazu noch ein Aufnahme-Interview)


DAS MEDIZIN-STUDIUM

Beispiel Med-Uni Wien:

3 Studienabschnitte (2, 6 und 4 Semester)

Vorlesungen, Seminare, Praktika (Famulaturen, Klinisch-Praktisches Jahr), Selbststudium


Beispiel Karl Landsteiner Privatuniversität:

österreichweit erstmals Bologna-konform strukturiert

Bachelorstudium Health Sciences, danach

Masterstudium Humanmedizin

Vollzeitstudium, je Abschnitt 6 Semester, Unterrichtssprache BA: Englisch, MA: Deutsch


Die postgraduale Ausbildung:

Nach dem Studium braucht man das Ius practicandi, um als Arzt arbeiten zu dürfen (siehe Grafik Seite 10). Dafür absolviert man den Turnus in einem als Ausbildungsstätte anerkannten Krankenhaus. Neun Monate Basisausbildung sind für alle verpflichtend, danach trennen sich die Wege: Allgemeinmedizin oder Fachärztin/Facharzt.

Alle Curricula sind durch die Ärzteausbildungsordnung festgelegt, die Aus- bildungsinhalte in den Rasterzeugnissen definiert. Die Anerkennung der Aus- bildung und die Ausstellung der Diplome obliegt der Ärztekammer.

Allgemeinmediziner, also Hausarzt, ist man also frühestens nach zehn Jah- ren Ausbildung, Facharzt nach zwölf Jahren. Spricht man mit erfahrenen Ärz- ten, sagen sie, so richtig gut wurden sie erst ab Mitte 40 – denn dann haben sie in ihrem Fachbereich tatsächlich so ziemlich alles gesehen. Was noch dazu kommt: Das medizinische Wissen verdoppelt sich etwa alle fünf Jahre. Jeder Arzt ist verpflichtet, sich laufend weiterzubilden.

„Das Medizinstudium hat durch die umfassende praktische Ausbildung an Attraktivität gewonnen. Das macht den Start in der Basisausbildung einfacher und man kann von Anfang an gut mitarbeiten.“ Dr. Markus Klamminger, stell- vertretender Medizinischer Geschäftsführer der NÖ Landeskliniken-Holding, Leiter der Abteilung Medi- zinische Betriebsunterstüt- zung

behutsam in Sophies Ohr hineindreht: Wie viel Druck braucht es dafür? Was ist okay, was tut weh? Wie sieht das gesunde Trommelfell aus? Und wie würde es aussehen, wenn es be- schädigt wäre? Auch das Untersuchen muss man üben, stellen die drei fest. Und sie üben. Schließlich sollen sie erst gegenseitig den HNO-Status erheben, später bei „echten“ Patien- ten – natürlich in Begleitung eines Oberarztes. Oberärztin Magele ist der richtige Umgang mit den Patienten ein großes Anliegen: „Unsere Aufgabe ist hier der erste Patientenkontakt für die Studierenden – und das beginnt beim Begrüßen: Wie stellt man sich zu Beginn der Untersuchung vor, wie spricht man mit den Patienten? Das ist ganz wesentlich für eine er- folgreiche Kommunikation.“ Matthäus darf es ausprobieren: Patientin Silberschneider ist be- reit für den anstehenden Check, sie hat hier an der Abteilung zwei Cochlea-Implantate be- kommen. Ohne diese würde sie so gut wie nichts hören. Matthäus fragt, wie es ihr geht und warum sie heute da ist. Er macht es gut, die Oberärztin ist zufrieden. Warum sie sich so für die Studierenden einsetzt? „Weil das hier eine einzigartige Ausbildung ist – in meinem Studi- um waren wir 25 in einem Raum. Durch die persönliche Betreuung sind sie einfach wesent- lich sicherer im Umgang mit den Patienten, und das ist enorm wertvoll.“



Riki Ritter-Börner

DAS ENGAGEMENT DER NÖ LANDESKLINIKEN-HOLDING


Die NÖ Kliniken haben großes Interesse daran, heimische Maturan- tinnen und Maturanten zum Medizinstudium zu motivieren. Deshalb laden sie sie im Matura-Schuljahr zu Informationsveranstaltungen in die Klinikstandorte und informieren über den Ablauf des Studiums, die Jobaussichten, die Anmeldung zum Studium und den Aufnah- metest sowie die Vorbereitung für den Test und die finanzielle Un- terstützung dafür. Die NÖ Landeskliniken-Holding veranstaltet ei- nen zehntägigen Vorbereitungskurs für den MedAT-H Aufnahmetest samt Test-Simulation in der Zentrale in St. Pölten. Einen Teil der Kosten übernimmt das Land NÖ.

Informationen: www.noe-studiert-medizin.at


Auch die Kosten für den Test selbst werden gefördert. Ebenso er- halten Medizinstudierende einige Unterstützungen im Laufe des Studiums und im Klinisch-Praktischen Jahr (KPJ), dem letzten Stu- dienjahr, das sie an den NÖ Kliniken absolvieren können (wird ab- gegolten).

Informationen über Famulaturen, die NÖ MedSummer Schools und das

KPJ sowie über die Ausbildung nach dem Studium an den Kliniken:

www.lknoe.at/ausbildung


Die NÖ Landeskliniken-Holding ist für die Führung, die Errichtung und den

Betrieb aller NÖ Kliniken verantwortlich. In den 27 Standorten sind etwa 20.500 Menschen beschäftigt, davon 3.600 Ärztinnen und Ärzte.

LH-Stv. Dr. Stephan Pernkopf (rechts hinten) bei einer Informationsveranstaltung für Maturantinnen und Maturanten. Hier gibt es alle relevanten Infos zum Medizinstudium.

Fördert, wie viele Abtei- lungsleiter in den drei Uni- versitätskliniken in St. Pöl- ten, Krems und Tulln, mit großem Engagement die Nachwuchs-Ausbildung: Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl, klinische HNO-Ab- teilung im Universitäts- kli- nikum St. Pölten.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2017