GESUND LEBEN & WOHL FÜHLEN -  KREATIVITÄT

Wahre Abenteuer

Wie geht Kreativität? Was fördert und was hemmt sie?

Wann kommen die besten Ideen? Und wie setzt man sie um? GESUND&LEBEN hat mit vier künstlerischen Leiterinnen der Niederösterreichischen Kreativakademie gesprochen.

Mit der Kreativität ist das so eine Sache: Der Begriff ist in aller Munde, doch kaum einer kann sagen, was er genau bedeutet. Während die einen das Ganze zur Chefsache erklären und diese mysteriöse Eigenschaft nur ganz besonders begabten Künstlern zuschreiben, glauben die anderen, dass je- der Mensch in jedem Bereich kreativ sein kann, wenn er nur die richtigen Be- dingungen vorfindet. Und selbst die Wissenschaften haben unterschiedlichs- te Definitionen dafür. Trotzdem scheint ein gewisser Konsens darüber zu be- stehen, dass der Bereich des Kreativen weit über die Grenzen des Künstleri- schen, wofür der Begriff früher fast ausschließlich reserviert war, hinausgeht.


Kreativität im Alltag

Einer der wohl bedeutendsten Kreativitätsforscher, Paul Guilford, meint etwa, dass für Kreativität neben einer gewissen Motivation und Einstellung vor allem Eigenschaften not- wendig sind wie die Sensitivität für Probleme, Einfühlungsvermögen, Flüssigkeit des Denkens, die Fähigkeit zur Produktion neuartiger Ideen, geistige Flexibilität und analyti- sche Fähigkeiten. Eigenschaften also, über die viele Menschen verfügen. Wir alle sind im Alltag tatsächlich immer wieder kreativ, bloß ist es uns meist nicht bewusst. Denn wer denkt schon an einen kreativen Akt, wenn eine Bierflasche zu öffnen ist, kein Flaschen- öffner zur Verfügung steht und man stattdessen mit einem Feuerzeug an die Sache her- angeht? Oder wenn wieder einmal keine Zeit zum Einkaufen war und man es dann trotz- dem schafft, ein feines Menü aus den noch vorrätigen Lebensmitteln zu zaubern? Oder wenn es gelingt, im Job das immer gleiche Thema mit einem neuen Aufhänger wieder interessant zu machen? So handeln viele von uns immer wieder unbewusst kreativ, doch die wenigsten machen sich Gedanken darüber, wer oder was sie kreativ gemacht hat, was sie darin fördert oder hemmt oder wie ein kreativer Prozess bei ihnen verläuft. Wis- sen wir aber darüber Bescheid, können wir uns leichter dafür entscheiden, kreativ zu sein und die begünstigenden Faktoren zu erkennen und zu leben. Das Beispiel explizit künstlerisch Tätiger, die sich darüber Gedanken machen, könnte uns als Anstoß dienen, unsere individuelle Kreativität zu analysieren und weiterzuentwickeln.

GESUND&LEBEN hat deshalb vier Künstlerinnen befragt, die auch als Leiterinnen der Niederösterreichischen Kreativakademie tätig sind. Sehen wir zunächst, was für zwei bil- dende Künstlerinnen, eine Autorin und eine Schauspielerin ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Kreativität ist.


Was macht kreativ?

„Die Basis meiner Kreativität ist die Auseinandersetzung mit dem Leben an sich, die Su- che nach Antworten auf die elementaren Fragen des Lebens. Es ist die Sehnsucht und die Suche nach der Wahrhaftigkeit, der innere Drang, in Resonanz und Einklang mit sich selbst und der Welt zu treten“, sagt etwa die Künstlerin und Referentin der Malakademie Perchtoldsdorf, Katja Praschak.

„Offen zu sein für das, was anders, erstaunlich und manchmal sogar ein Wunder ist, Begeisterung, Humor und viel Liebe“, lautet hingegen die Ant- wort der Autorin, Schauspielerin und Referentin der Schreibakademie Möd- ling, Lena Raubaum.

Für die Referentin der Schauspielakademie Gaaden, Alexandra Maria Timmel, wiederum sind Neugier, Lust am Ausprobieren, Schaffensdrang und Freude am Entwickeln die wichtigsten Schlagworte in diesem Zusam- menhang.

Hoch interessant ist auch die Antwort von Monika Seyrl, die die Malaka- demie KIDS in Krems leitet: „Der Grundstein für meine Kreativität wurde in meiner Kindheit gelegt. Ich bin in einer Familie mit fünf Kindern aufgewach- sen, mein Vater war Tischler, meine Mutter Schneiderin, und wir hatten nicht immer alles, wurden aber sehr dazu angeregt, vieles selbst zu gestal- ten, zu entwickeln, die Dinge, die uns zur Verfügung standen, zu nützen. Es war also einerseits Einschränkung und andererseits Freiraum, die mich in- spiriert haben, und ich selbst war immer jemand, der vieles hinterfragt und versucht hat, die Dinge anders als herkömmlich anzugehen.“



Metapher für das Leben

Offenheit für Neues und Unbekanntes mag so etwas wie ein gemeinsamer Nenner in diesen vier Antworten sein, und es scheint auch klar, dass alle Kreativen versuchen, etwas vorher nie Dagewesenes, Originelles zu schaffen, das nach Möglichkeit auch Bestand hat.

Nun stellt sich die Frage, wie sie es angehen, wie also ein kreativer Prozess bei ihnen verläuft. Nehmen wir an, dass eine von außen gestellte oder selbst gewählte Aufgabenstellung oder ein Problem am Beginn steht. Und dann? „Manchmal läuft ein kreativer Prozess, und manch- mal verläuft er sich“, sagt Lena Raubaum lakonisch. Alexandra Maria Timmel versucht, zu- nächst eine Art Fahrplan aufzustellen, an dem entlang sie ihren Ideenfluss leitet, immer wieder neu ausrichtet, verwirft, bis sich dann doch ein „roter Faden“ abzeichnet, der zu einem „Pro- dukt“ führt. Vieles auszuprobieren, sich mit der Sache intensiv zu beschäftigen, Gespräche darüber zu führen, ohne zunächst ein konkretes Ziel im Auge zu haben, scheint für alle wichtig zu sein. „Der kreative Prozess ist eine Metapher für das Leben an sich“, meint die Malerin Kat- ja Praschak, die dabei sehr intuitiv vorgeht. Doch auch sehr bedacht, denn: „Ich vergleiche kontinuierlich, inwieweit die nicht abwägbaren Komponenten aus dem seelischen Bereich mit der Realität übereinstimmen und versuche, beides in Harmonie zu bringen. Manchmal nimmt das eine mehr überhand, manchmal das andere, und ein Bild ist für mich erst dann ‚fertig‘, wenn der Ausgleich gelungen ist. Teile müssen allerdings offen bleiben, denn nur so entsteht die Spannung, die es auch braucht.“


Scheinbare Gegensätze

Intuition und Bedachtsamkeit sind Stichwörter, die zum nächsten Kapitel in Sachen Kreativität führen, denn wenn es für Außenstehende auch oft so scheinen mag, als würden Kunstwerke oder Problemlösungen für manche Menschen wie ein Geschenk aus dem Himmel fallen, braucht es im kreativen Prozess sowohl Eigenschaften wie Spontanität, Offenheit und Flexibil- ität wie auch Konsequenz, Ausdauer und Frustrationstoleranz. „Kreativität braucht für mich im- mer eine Vereinigung von scheinbaren Gegensätzen“, sagt Lena Raubaum: „Freiheit mit Gren- zen, Offenheit mit Zielen, Deadlines und Ausweichtermine.“ Der kreative Prozess verlangt also wie das Leben selbst permanente Spontanität und Flexibilität, aber, wie Katja Praschak be- merkt: „Wenn wir nicht geduldig und mutig an unseren Ideen dran bleiben, verpuffen sie wieder.“


Fallen & Blockaden

Dass das Dranbleiben manchmal mühsam sein kann, wissen alle, die sich je in Sachen Kreativität versucht haben, und dass es zahlreiche Kreativitätsfallen und Blockaden gibt, ebenso. Wer kennt nicht das gierig wartende, leere Blatt Papier, die Denk-Sackgassen, in die man sich verrennt, oder auch die blockierende Umwelt, die einem, wie Monika Seyrl betont, zu schaffen machen kann: „Es gibt in unserer Gesellschaft gewisse Haltungen, die sehr ein- schränkend wirken können. Dazu zählen die Überzeugung, dass man mit Kunst nichts verdi- ent und keine Chance in der Welt hat, die Frage, wozu so etwas gut sein soll, oder auch die Einstellung, dass es nur ein Richtig und ein Falsch gibt.“

So entstehen wohl auch jene Hindernisse, von denen Lena Raubaum in diesem Zusammen- hang spricht: „Angst vor Entscheidungen oder Fehlern und geringes Selbstvertrauen, aber auch Überperfektionismus, zwanghafte Grübelei, das Nicht-Annehmen oder Nicht-Suchen von Unterstützung und zerstörerische Kritik durch andere oder sich selbst können sehr hemmend wirken.“


Abwarten & loslassen

Wie kann man solche Blockaden überwinden? Hektische Betriebsam- keit oder das Ausharren vor dem sprichwörtlich weißen Papier schei- nen nicht zielführend. Doch heitere Gelassenheit wird wohl auch der wenigsten Sache sein. „Einatmen, ausatmen, abwarten und den Mut haben, darauf zu vertrauen, dass sich ganz von selbst ein Ausgang aus dem Labyrinth öffnet und sich neue Ansätze ergeben“, ist die De- vise von Alexandra Maria Timmel, und sie fährt gut damit. „Freiräu- men“ heißt es bei der Malerin Katja Praschak, die bei ihrer Arbeit im- mer wieder versucht loszulassen: „Wie dir der Sand in deinen Hän- den spielt, so ist das Leben: Solange du die Hand offen hältst, bleibt der Sand darin. Wenn du sie aber zudrückst, um ihn festzuhalten, rinnt er heraus“, zitiert sie den deutschen Künstler und Pädagogen Hugo Kükelhaus. Monika Seyrl hat im Laufe der Jahre eine gewisse „Wurschtigkeit“ diesem Problem gegenüber entwickelt, und sie ver- traut darauf, dass die besten Ideen oft im Schlaf kommen. Ähnliches berichten auch die anderen Künstlerinnen. Lena Raubaum bezeich- net gute Ideen als lustige Gesellen, die jederzeit daherkommen kön- nen – beim Spazierengehen ebenso wie beim Aufräumen, dann, wenn man eigentlich etwas anderes machen sollte, beim Aus-dem- Fenster-Schauen, beim Duschen, beim Kuscheln, im Gespräch mit anderen. „Manchmal taucht wie aus dem Nichts die Lösung eines Problems vor meinen Augen auf“, sagt auch Alexandra Maria Timmel. „Ganz plötzlich passen die einzelnen Puzzlesteine wunderbar zusam- men, und alles erscheint so leicht und einfach, als hätte diese Lö- sung schon die ganze Zeit zum Greifen nah vor mir gelegen.“


Die wahren Abenteuer

So sehen wir, dass sich Kreativität ebenso wenig exakt definieren wie herbeizwingen lässt. Nach diesen Grundsätzen arbeiten die vier Ge- sprächspartnerinnen auch als Leiterinnen der Niederösterreichischen Kreativakademie, die sich an Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren wendet und sich der künstlerischen Förderung junger Menschen verschrieben hat. Sie alle setzen dabei auf viel Of- fenheit und Freiheit, ermutigen die Kinder und Jugendlichen dazu, ih- rer Fantasie freien Lauf zu lassen und sich auszuprobieren, allerdings nicht ohne klare Richtlinien und ordnende Strukturen. Als Leiterinnen der Kreativakademien werden sie zu Begleiterinnen, die nicht werten, sondern die Kids und Youngsters in ihrem So-Sein annehmen. „Dabei geht es nicht darum, kleine Van Goghs auszubilden, sondern sehr oft auch darum, die Kinder in dem, was sie entwickeln, ernst zu nehmen und so auch ihr Selbstbewusstsein zu stärken“, sagt Monika Seyrl. „Wir alle brauchen gerade in der heutigen Zeit Kreativität und Fanta- sie, und – wie es schon André Heller formulierte – ‚die wahren Aben- teuer sind im Kopf‘.“

Lust bekommen auf ein paar neue Abenteuer im Kopf? Dann lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf!


GABRIELE VASAK



„Wir brauchen in Niederösterreich innovative Köpfe.

Deshalb unterstützen wir mit den Kreativakademien junge Menschen dabei, ihre Kreativität zu entwickeln.“

Landeshauptmann-

Stellvertreterin Johanna Mikl- Leitner

Katja Praschak,

Referentin der Malakademie Perchtoldsdorf

FANTASIE AN DIE MACHT

Niederösterreichische Kreativakademie


Die Niederösterreichische Kreativakademie ist ein außerschulisches Bildungsangebot, das sich der künstlerischen Förderung junger Menschen ver- schrieben hat. Sie bietet Raum zur kreativen Ent- faltung in den unterschiedlichsten Bereichen und stellt die Freude am gemeinsamen Schaffen und die individuelle Weiterentwicklung der künstleri- schen Fähigkeiten in den Mittelpunkt. Professio- nelle Künstlerinnen und Künstler begleiten die Ju- gendlichen beim schöpferischen Prozess und stehen mit Rat und Tat zur Seite.

An der Niederösterreichischen Kreativakade- mie können Jugendliche von zwölf bis 19 Jahren teilnehmen. An einigen Standorten gibt es Mal-, Schauspiel- und Musicalakademien KIDS für Kin- der zwischen sechs und elf Jahren. Die Kosten betragen 145 Euro pro Semester (30 Stunden).

Informationen: Tel.: 02742/9005-16834, www.- noe-kreativakademie.at

Alexandra Maria Timmel, Ref- erentin der Schaus- pielakademie Gaaden

Lena Raubaum,

Referentin der Schreibakademie Mödling

Monika Seyrl, Referentin der Malakademie KIDS in Krems








1. Glauben Sie an Ihre Kreativität.


2. Suchen Sie nach neuen ungewöhnlichen Erlebnissen und Begegnungen.


3. Entwickeln Sie Expertenwissen auf Ihrem künstleri- schen Gebiet.


4. Wechseln Sie öfters einmal die Perspektive (körperlich und geistig).

5. Suchen Sie Glück und Enthemmung.


6. Vertrauen Sie auf Ihr Unterbewusstes.


7. Suchen Sie den Austausch.


8. Hinterfragen Sie die Dinge.


9. Suchen Sie die Einsamkeit.

Neun Tipps für die

Entwicklung Ihrer Kreativität

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2016