VOLL IM LEBEN - PORTRÄT

FOTOS: SANDRA SAGMEISTER

„Ich bin reich, wenn ich gesund bin“

Die Jazz Gitti ist eine Kämpferin – ob als Dancing Star oder Sängerin. Eine kluge Frau, die auch mit 70 noch voll Energie ist, trotz allem.

Muskeln aufbauen, schwimmen, Gewicht halten und die Herzklappe anschauen lassen, das ist Jazz Gittis neues Freizeit- programm. Zum Interview in ihrem Lieblingskaffee „Rathaus“ am Hauptplatz in Korneuburg kommt sie flott gekleidet, enge schwarze Hose, feurig-rote Jacke. Und sie kommt direkt vom Arzt: „Ich mach gerade alle Durchuntersuchungen, man muss sich immer wieder anschauen lassen. Hab eh lang nicht auf meine Gesundheit geachtet“, sagt Martha Margit Butbul alias Jazz Gitti. Am 13. Mai feierte sie ihren 71. Geburtstag.

Auch eine Jazz Gitti wird von ganz normalen Wehwehchen geplagt, wie schmerzenden Knien und zwickendem Rücken: „Ich hab einfach zu viel gearbeitet und zu wenig Sport gemacht.“ Voll motiviert war sie nach den Dancing Stars, sie wollte weiter tanzen und sporteln, „aber die Zeit ist schon wieder knapp und was will ich, ich bin 71, ich brauche meine Ruhepha- sen“. Und das akzeptiert sie, ganz ohne Wehmut. Sie sei froh, noch so viel arbeiten zu können und dass ihr die Arbeit un- vermindert Spaß mache. Aufhören? „Nein! Was sollte ich machen? Daham is’ ma fad, meine Arbeit hält mich am Leben.“ Woher kommt dieser unermüdliche Antrieb? „Wenn man sein ganzes Leben etwas macht, das einem gefällt, dann kann man nicht anders.“

Als Künstlerin gibt man viel her von sich, „das tut man aber gerne, dafür kassiert man den Erfolg und Applaus, und wenn ich von der Bühne runterschaue und alle lachen, bin ich happy. Ich schieß schon viel Energie raus, aber es kommt viel wieder retour.“ Sängerin sei sie eigentlich nur geworden, weil sie gerne fröhliche Menschen um sich hat und das strahlt auf sie über. Ist das ihr Jungbleib-Faktor? „Das überlege ich mir gar nicht, weil ich war immer so, ich habe immer a Gaude gehabt, auch wenn’s beschissen war, dann habe ich mir erst recht eine Gaude gemacht.“ Der Stefan Weber von den Drah- diwaberl habe immer gesagt, „es gibt nix so Schlimmes, als dass man keinen Schmäh darüber machen könnte.“


Garant fürs Glücklichsein?

Das lachende und das weinende Auge liegen also nah beiein- ander, eines links, eines rechts. Jeder von uns hat einen Ruck- sack, „mit dem müssen wir dahinwandern; nur weil man pro- minent ist, ist man nicht immer happy. Ich habe genau diesel- ben Probleme wie alle anderen auch, ich fühle mich dann reich, wenn ich gesund bin.“

Die Jazz Gitti hat auch Liebeskummer, Sorgen mit dem Geld und einen Grant auf die Hausarbeit. Das Wichtigste sei für sie, dass ihre Tochter Shlomit (51) und ihre drei Enkelkinder das Leben stemmen können: „So lang wir gesund sind, können wir uns helfen, haben a Hetz und das Leben ist schön.“

Margit Butbul hat in ihrem Leben auch schon einiges stem- men müssen: Mit 13 Jahren ist ihre Mutter gestorben. Aufge- wachsen ist sie im 2. Bezirk in Wien, im Kaffeehaus der Eltern am Mexikoplatz, später hat sie dort auch gearbeitet. Das war eine wilde und lustige Zeit – viel arbeiten, viel fortgehen, we- nig schlafen.

Ihren Spitznamen Jazz Gitti hat sie dem Fatty George zu verdanken, der im Jazzclub den Leuten gesagt hat, „ein Pro- gramm können sie bei der Jazz Gitti kaufen.“ Und die „Jazz Gitti“ ist ihr geblieben, obwohl sie sagt, dass „ich gar nicht so gut Jazz singen kann, mir hätt’ die Gitti g’reicht.“

Mit Mitte 20 wandert sie für zehn Jahre nach Israel aus. Ihr Onkel lebt dort. Sie beginnt eine Friseurlehre – das viele Ge- quatsche und die vielen Haare hält sie aber nicht aus. Sie sat- telt auf Köchin um und jobbt nebenbei als Eisverkäuferin. „Dann hab ich den Herrn Butbul geheiratet und die Frau Shlo- mit bekommen.“ Nach der Schwangerschaft bleiben einige Kilos. Eine runde Figur hat sie schon als Kind. Wenn man sie „Blade“ schimpft, hat sie das immer sehr gekränkt und „ir-

gendwann habe ich einen Zorn bekommen und habe gesagt: ‚Hört’s auf, sonst hau ich euch‘, und dann ist es pas- siert, dass ich auch eine auf die Nase bekommen hab. Aber ich hab mir geschworen, ich lass mir nichts gefallen.“ Da hat sie das Talent entwickelt, dass man aus jeder Situation etwas Besseres machen kann, indem man sie mit Schmäh packt – das praktiziert sie bis heute.


Knackpunkt mit 50

Seit 1979 ist sie Niederösterreicherin und lebt in Korneuburg. Geplant war das nicht, „ich hab gar nichts geplant in meinem Leben, ich hab immer probiert. Zukunftspläne hatte ich schon, zum Beispiel fünf Kinder und einen lusti- gen Mann, aber es ist immer alles ganz anders gekommen. Da habe ich gelernt, es kommt eh, wie es kommt – nur wann, weiß man nicht.“

Was sie sicher weiß, ist, was Krankheit bedeutet. Sie ist Diabetikerin und hat noch anderes überstehen müssen. Deshalb schaut die Jazz Gitti jetzt mehr auf ihre Gesundheit. Am 3. Oktober 2016 hat sie aufgehört zu rauchen „was angeblich gesund sein soll – und ich esse halt, aber nicht zu viel.“ Sie sei noch eine Generation, in der man aufgegessen hat, „deswegen war ich immer rund und nicht immer g’sund.“ Jetzt schwankt sie zwischen 72 und 85 Kilo. Wenn die Waage dann wieder über die 80-Kilo-Marke wandert, zieht sie die Reißleine und verzichtet auf Salz, Zucker, Kohlenhydrate und Alkohol. „Gesundheit ist für mich ein wichtiges Thema geworden, war eh lange keins, weil ich geglaubt habe, ich bin unzerstörbar. Aber mit 70 muss man schon aufpassen.“

Der Knackpunkt war mit 50, sagt sie, „da habe ich kapiert, wenn ich jetzt nichts tue für meinen Körper, dann pfeift er auf mich.“ Und gut war dieser Knackpunkt, weil heute schaut sie wie das blühende Leben aus. Das Alter klopft zwar an und „man denkt schon, wer, was, wie lang noch? Für mich war weder der 30er, 40er, 50er oder 60er schlimm, war mir alles wurscht, aber beim 70er habe ich mir schon gedacht, na bumm, jetzt bist oid. Aber i g’spür mi net oid, ich bin noch genauso deppert wie früher; manchmal muss ich mich halt niedersetzen.“ Angst habe sie nur vor den zwei K’s – „Krankheit und Krieg, alles andere kann man checken.“

Lebensphilosophie? „So viel Gedanken mache ich mir nicht mehr, ich lebe jetzt, ich überlege mir nicht mehr, was wäre wenn und zerlege nicht mehr alles. Ich lass es, schiebe weg und genieße – schlecht? Wenn ich mir im- mer so viele Gedanken gemacht hätte, hätte ich mich schon aufgehängt oder wäre in der Klapsmühle.“ Und sie hört in letzter Zeit wieder mehr auf ihren Bauch, der weiß einfach mehr als sie. „Das Leben ist eine Hochschau- bahn, einmal oben, einmal unten, einmal hat man was, dann wieder nicht. Aber den Humor darf man nicht verlie- ren.“ Sie könne sich schon fürchterlich ärgern, dann kommt gleich alles raus, „dann schrei ich herum, dreh mich um und hab es schon wieder vergessen.“ Das Leben sei eigentlich ganz einfach. Nur sind die einfachen Dinge oft am schwersten.



SANDRA SAGMEISTER

Martha Margit Butbul, besser bekannt als Jazz Gitti in ihrem Lieblings-Café Rathaus in Korneuburg am Hauptplatz.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2017