GESUNDHEIT IN NÖ - BILANZ

FotoS: Felicitas Matern

„Die menschliche Währung

sind Herz & Dankbarkeit“

37 Jahre war Dr. Erwin Pröll in der NÖ Landesregierung tätig, 25 Jahre davon als Landeshauptmann. In einem sehr persönlichen Interview spricht der Mann, den viele gern als Landesvater von Niederösterreich bezeichnen, über seine Ansichten zum NÖ Gesundheitswesen und gewährt Einblicke in seine Gefühle und sein künftiges Leben.

GESUND&LEBEN: In Ihrer Zeit als Landeshauptmann erlebte das NÖ Gesundheitswesen einschneidende Veränderungen, die weit über Ihre Amtszeit hinaus wirken werden. Vom Zu- sammenlegen der NÖ Kliniken, über MedAustron bis zur Gründung der Karl Landsteiner Pri- vatuniversität. Warum lag Ihnen das Gesundheitswesen immer besonders am Herzen?

LH Dr. Erwin Pröll: Alle NÖ Kliniken in eine Hand zu bekommen war die Grundlage für ratio- nelleres Arbeiten. Dies bedeutet letztendlich, dass man kostengünstiger arbeiten kann – aller- dings nicht, um Geld einzusparen, sondern um das Geld für medizinische Versorgung auf noch höherem Niveau ein-setzen zu können. Zum zweiten: Niederösterreich war vor dreißig Jahren ein weißer Fleck auf der Wissenschafts-Landkarte. Für mich stellte sich daher die Fra- ge, welche Grundlagen man legen müsste, um Jugendlichen in unserem Land die Chancen zu bieten, sich wissenschaftlich betätigen zu können und gleichzeitig im eigenen Land eine entsprechende Ausbildungsmöglichkeit vorzufinden. Wir wollten das Arbeiten in der Medizin für junge Menschen in Niederösterreich aber auch deshalb attraktiv machen, um dauerhaft personelle Ressourcen im eigenen Land zu schaffen.


G&L: Als eines Ihrer Lieblingsprojekte gilt MedAustron.

Pröll: MedAustron ist eine Einrichtung, die im wahrsten Sinne des Wortes weit über die Gren- zen unseres Bundeslandes „hinausausstrahlt“. Eine Einrichtung, die auch international inzwi- schen unumstritten und höchst anerkannt ist. MedAustron ist tatsächlich eine Herzensangele- genheit von mir geworden – aber ich gebe auch zu, dass es mir in der Entscheidungsphase unglaubliche Sorgen bereitet hat. Gerade am Anfang gab es ein hartes Ringen um Partner- schaften und die Finanzierung. Auch bereits zugesagte Partnerschaften wurden nicht einge- halten. Mehrmals stand MedAustron an der Kippe. Aber für mich war klar: Wer A sagt, muss auch B sagen. Durch intensive Bemühungen ist es uns gelungen, CERN, die wohl berühmtes- te Forschungseinrichtung der Welt, als Partner zu gewinnen und auch zu behalten. Vor kur- zem hatten wir die Zehn-Jahres-Feier von MedAustron und im Dezember 2016 wurde die ers- te Patientin behandelt. Persönlich bin ich besonders dankbar, dass ich dieses Projekt, das sich vom Zeitrahmen her weit über eine herkömm-liche Politikerlaufbahn hinausbewegt und weit in die Zukunft wirkt, von der Entscheidungsphase bis zur Realisierung als verantwortli- cher Landeshauptmann miterleben durfte. Denn die Halbwertszeit von Politikern ist ja heutzu-

tage eine wesentlich geringere, als ich sie aufweisen kann (lacht). Das ist schon etwas Besonderes. Vor allen Dingen aber habe ich große Hoffnung, dass wir mit MedAustron künftig ein wesentliches Instrument zur Bekämpfung der Geißel Krebs in NÖ in der Hand haben.


G&L: Wie hält sich jemand körperlich gesund und fit und mental so stark, der 37 Jahre lang in der Landesregierung und 25 Jahre als Lan- deshauptmann im Einsatz ist? Besonders auch in sehr schwierigen Zeiten.

Pröll: Meine mentale Kraftquelle ist die Freude an der Arbeit und der Umgang mit den Menschen. Auch wenn es vielleicht ein wenig flapsig

klingen mag: In all den Jahrzehnten gab es keinen einzigen Tag, an dem ich mir in der Früh dachte, ich hätte keine Freude daran, meinen Job auszuüben. Jeden Tag und zu jeder Zeit hat mir die politische Arbeit Spaß gemacht – auch in Situationen, in denen es nicht so einfach war. Für mich aber ist vor allem eines ein ganz wesentlicher Faktor: der Hu- mor – und ich hatte das Glück, ein Leben lang mit sehr vielen Menschen zusammenzukommen, mit denen ich wirklich viel lachen konnte.


G&L: Aber das alleine wird es ja nicht gewesen sein, oder?

Pröll: Natürlich nicht alleine. Wenn man einen so dichten Terminkalen- der wie ich in den letzten 37 Jahren hat, dann ist natürlich Disziplin ge- fragt. Dies gilt für Essen und Trinken genauso wie für die eigene Zeitein- teilung und den Terminkalender selbst. Diszipliniert zu leben wurde für mich in all den Jahren zur Routine. Dies hat sicherlich dazu beigetragen und mitgeholfen, bis heute körperlich fit zu bleiben. Ich horche aber auch immer intensiv in meinen Körper hinein. Und seit meinem 55. Le- bensjahr gehe ich konsequent einmal pro Jahr zu einer Vorsorgeunter- suchung. Ich kann dies jeder und jedem nur dringendst empfehlen. Ich selbst wäre ohne eine solche Vorsorgeuntersuchung vor einigen Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Schlaganfall konfrontiert gewe- sen – und zwar wegen einer verengten Carotis, meiner Halsschlagader, deren schlechten Zustand man bei einer Vorsorgeuntersuchung ent- deckt hat. Zusammenfassend: In sich hineinzuhorchen und gleichzeitig die Möglichkeiten der modernen Medizin zu nutzen ist sicherlich der Grund, weshalb es mir heute gesundheitlich so gut geht.


G&L: Wie nehmen Sie das Älterwerden wahr?

Pröll: Körperlich nehme ich es kaum wahr. Ich kenne auch so etwas wie Müdigkeit kaum. Ich fühle mich, ehrlich gesagt, heute noch so fit wie mit 30 oder 40. Das Älterwerden nehme ich vor allem durch Lebenserfah- rung wahr. Am deutlichsten daran, dass ich mit zunehmendem Alter und zunehmender Erfahrung einfach viel gelassener werde. Was mich vor 35 Jahren vielleicht noch aus den Angeln gehoben hätte, ist in vielen Fällen heute etwas, über das ich lächeln kann. Erfahrung und Lebens- weisheit ermöglichen es, gelassen zu bleiben. Vereinfacht gesagt: Nichts kann so schlimm kommen, dass man es nicht auf vernünftigem Weg lösen könnte.


G&L: Wie wird das Leben des privaten Erwin Pröll in Zukunft aussehen?

Pröll: Eine gute Übergangsphase bedarf zuvor einer guten Entschei-

dung. Und mit der Entscheidung, wann ich aus dem Amt und aus der Politik Abschied nehme, habe ich mich schon sehr lange befasst – natürlich nicht in der Öffentlichkeit. Intensiv wurde es, als für mich klar war, dass ich nicht für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren werde. Ich wusste, dass die nächste persönliche Entscheidung fällig ist. Im Laufe der Zeit ist die Entscheidung reif geworden, und ich be- haupte, etwas, das in der Natur reift, macht der Natur auch keine Probleme. Deshalb hatte ich mit der Entscheidung, das Amt des Landes- hauptmanns zu übergeben, auch niemals zu kämpfen. Und ich bin in mir und mit der Entscheidung vollkommen rund. Gleichzeitig ist es sehr schön zu sehen, wie viel Dankbarkeit, Respekt und Anerkennung mir aufgrund dieser Entscheidung ent-gegengebracht wird. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die harmonische Amtsübergabe an meine Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner. Erst heute beim Frühstück habe ich mit meiner Frau geplaudert und wir haben beide voller Freude festgestellt, dass wir bald wieder unsere Reise nach Grado vor uns haben. Heuer wird es wahrscheinlich das erste Mal gelingen, dass wir uns an keinen Zeitplan halten müssen. Wir werden dort bleiben, so lange es uns freut – und mein Rad nehme ich auch mit.

Ich erachte es aber als wichtig, dass man nicht von 150 auf 0 herunterbremst; wie beim Autofahren kann man dabei leicht ins Schleudern kommen. Seit der Ankündigung, das Amt zu übergeben, sind eine Vielzahl von Angeboten an mich herangetragen worden – vom Schrei- ben von Büchern über Vorträge bis hin zu Tätigkeiten regionalpolitischer Art. Bereits vor meiner Tätigkeit in der Landesregierung habe ich mich ja intensiv mit der Entwicklung des ländlichen Raumes beschäftigt und dies ist immer noch ein Themenbereich, der mich sehr erfreut und inspiriert – allerdings angereichert um 40 Jahre Erfahrung, wie man auch in der praktischen Arbeit mit diesen Regionen umgeht.


G&L: Und wie werden Sie sich zukünftig fit halten?

Pröll: Ich habe vor, intensiver Rad zu fahren – heuer im Sommer über den Großglockner und im Herbst eine Woche mit meinen Rad- Freunden Franz Stocher und Gunnar Prokop in Mallorca – etwas, das ich schon lange vorhabe, wozu ich aber bislang nicht gekommen bin. Ich freue mich darauf, mich in der Früh einfach aufs Fahrrad zu setzen und zu fahren, so lange es mich freut. Auch Spaziergänge in der Natur sind für mich eine unglaubliche Kraftquelle, bei der ich sehr schnell auftanken kann. Wir haben rund um Radlbrunn eine herrliche Weingegend, in der ich stundenlang spazieren gehe und im wahrsten Sinn des Wortes mit Gott und der Welt alleine bin. Auch das ist eine Kraftquelle für die mentale Stärke, über die wir gesprochen haben.


G&L: Gibt es noch etwas, das Sie gerne machen möchten, wozu Sie aber in den letzten Jahren nicht gekommen sind?

Pröll: Ich habe in den letzten 40 Jahren unglaublich viele Freundschaften gewonnen. Freundschaften, die sich nicht aufgrund meines Am- tes ergeben haben, sondern aufgrund menschlicher Zuneigung. Diese Freundschaften möchte ich nun von mir aus besser pflegen, was ich während meiner Zeit als Landeshauptmann nicht immer intensiv genug konnte.


G&L: Sie sind ein großer Hundeliebhaber. Wird wieder ein Hund in Radlbrunn einziehen?

Pröll (lacht): Darauf kann ich heute noch keine klare Antwort geben, wie man dies sonst bei meinen politischen Entscheidungen gewohnt ist. Der Tod unseres Hundes Tobi vor einigen Jahren hat uns nach 17 Jahren unglaublich tief getroffen. Der Schmerz damals war sehr groß und hat auch zu einer gewissen Wankelmütigkeit geführt, ob wir wieder einen Hund bei uns aufnehmen sollen. Allerdings gebe ich zu, dass zwischen meiner Frau Sissi und mir die Frage in den letzten Monaten schon immer wieder auftaucht.


G&L: Für Sie sind die Begegnungen mit Menschen immer wichtig. Was nehmen Sie daraus mit?

Pröll: In unserer Zeit muss man sich das Menschsein zunehmend erkämpfen – und zwar deshalb, weil die Technik das Menschsein mehr und mehr verdrängt. Ich sage, der Handschlag ist wichtiger als der Laptop! Das gilt auch für die Medizin; wir dürfen niemals darauf verges- sen, dass trotz allen medizinisch-technischen Fortschritts der heutigen Zeit die beruhigende Hand eines Arztes oder einer Pflegerin min- destens ebenso viel wert ist wie die hochtech-nisierte Maschine. Ich hoffe, dass unser System auch in Zukunft genügend Zeit zulässt, um keine Unaus-gewogenheit in der Versorgung und in der Pflege der Menschen entstehen zu lassen. Ich habe irrsinnig viel Kraft aus den Be- gegnungen mit den Menschen mitgenommen. Vor allem, weil ich erkannt habe, mit welchen Schicksalsschlägen Menschen konfrontiert sein können. Wenn man ehrlich am Schicksal der Menschen teilnimmt, dann ist man automatisch auch tief davon berührt. Für mich sind zwei Dinge von Bedeutung: Kein Mensch darf in seinem Schicksal allein zurückbleiben. Und ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass mir bis jetzt große Schicksalsschläge erspart geblieben sind.

Auch was das Gesundheitswesen betrifft, habe ich unglaublich viel von den Menschen zurückbekommen, und wann immer dieser Dank personifiziert an mich herangetragen wurde, habe ich auch versucht, ihn an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken weiterzuge- ben. Und sei es nur durch ein kleines äußeres Zeichen wie ein Flascherl Wein oder einen Blumenstrauß. Dies vor allen Dingen, weil es mir ein besonderes Anliegen ist, den Tausenden und Abertausenden Danke zu sagen. Danke für diese aufopfernde und sehr menschliche Ar- beit in den Kliniken und zwar genau aus den Gründen, die ich schon vorher erwähnt habe. Nämlich die ausgezeichnete Arbeit mit der Technik – vor allem aber die Arbeit mit ihren eigenen Händen auf menschlichste Art und Weise. Die menschliche Währung sind Herz und Dankbarkeit.  PI, Acm

„Ich freue mich dar- auf, mich in der Früh aufs Rad zu setzen und zu fahren, so lange es mich freut.“

Der scheidende Landeshauptmann hat künftig noch mehr Zeit für

die Lektüre von GESUND&LEBEN.

„Meine mentale Kraftquelle ist die Freude

an der Arbeit

und der

Umgang mit

den Menschen.“

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2017