TIERTHERAPIE

FotoS: Christa Hochpöchler, isabelle karner/LK scheibbs, zv- g

Zweimal wöchentlich kommt Isabella Schrampf mit ihren Collies Briana und Olina ins Landesklinikum Mauer und trainiert mit den Patientinnen und Patienten.

Hans-Peter, ein ehemaliger Tierpfleger im Landesklinikum Mauer, hilft ab und zu noch aus.

Psychologin Mag. Margit Haunlieb hat die Ausbildung zur Tiertherapeutin.

Tierpfleger Vincent kümmert sich um die Alpakas.

Im Landesklinikum Wiener Neustadt setzt man auf der Abteilung für Innere Medi- zin, Hämatologie und internistische Onkologie auf tiergestützte Therapie mit The- rapiehund Merlin: (v.l.) Hundetrainerin und -Besitzerin DGKP Bettina Kager- Reich, Abteilungsleiterin Prim. Priv.-Doz. Dr. Birgit Grünberger, Bürgermeister Klaus Schneeberger und LH-Stellvertreter Dr. Stephan Pernkopf.

In Scheibbs gibt’s die Therapiebegleitstunde auch im Garten: Hündin Enya mit Besitzerin Barbara Theuretzbacher, Aloisia Wegenschimmel und Stationsleitung DGKP Petra Schweighofer.

Im Landesklinikum Waidhofen/Thaya, Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychia- trie und Psychotherapie, bringt Oberärztin Dr. Ursula Marinitsch (l.) ihre Hündin Juno mit. Am Bild mit Ergotherapeutin Tina Schweizer, BSc.

Fellige Therapeuten

Wenn der Körper oder die Seele wieder zu Kräften kommen muss, können ganz besondere Therapeuten helfen – Hunde, Katzen, Alpakas, Esel, Ziegen, Schafe, Kaninchen oder Meerschweinchen- .

Kaum einen Grashalm findet man noch auf der Weide. Nepomuk und Nabucco, zwei weiße Alpakas, sind sehr gründlich, was da- s Verspeisen von Gräsern angeht. Sie blicken argwöhnisch unter ihrer wuscheligen Frisur hervor. Beide kommen rasch näher, strei- cheln ist aber trotzdem nicht ihr Ding. Zwei Schafe blicken indes von Weitem interessiert über den Zaun. Sie stehen unter einem gro- ßen Baum, der auch den beiden Eseln Chrizzy und Thekla Schatten spendet. Die beiden Langohren wirken schüchtern – in Wahrhei- t haben sie es faustdick hinter den Ohren, erzählt Mag. Margit Haunlieb, Klinische und Gesundheitspsychologin im Landeskliniku- m Mauer: „Sie stellen gerne Blödsinn an!“ Neben Eseln, Alpakas, Ziegen und Schafen zählen auch Meerschweinchen, Kaninchen un- d eine Katze zu Haunliebs Schützlingen, denn sie leitet die tiergestützte Therapie im Klinikum- .


Gemeinsames Training

2003, als Haunliebs Vorgänger in Pension ging, standen zwei Dinge zur Diskussion: den Bereich mit den Tieren auszubauen – oder aufzugeben. Für die Psychologin, die immer davon geträumt hatte, mit Tieren zu arbeiten, war das eine einmalige Gelegenheit. Sie übernahm die Tiere und absolvierte den zweijährigen Universitätslehrgang „Tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnah- men“ an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Seither zogen weitere Tiere ein: Nach den Ziegen kamen Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen dazu. Und seit 2013 gibt es Alpakas und Esel. Früher, erzählt Haunlieb, fanden mehr Therapiehundeeinsätze statt, die altersbedingt beendet werden mussten. Aber zweimal wöchentlich besucht Isabella Schrampf mit ihren Hunden Briana und Olina die Klinik. Voller Freude begrüßen die beiden Collies dann die Psychologin. Isabella Schrampf hat eine Patientin aus der statio- nären Langzeittherapie mitgebracht, um gemeinsam mit dem Hund spazieren zu gehen und auf dem hauseigenen Parcours-Platz Tricks zu üben. Zunächst schaut die Frau nur vom Rande her zu, wie Isabella Schrampf mit der hellbraunen Briana einen Parcours nach dem anderen meistert, bis sie plötzlich aufsteht und den Hund nach seiner Trainingseinheit ausgiebig streichelt. Die Miene der Patientin erhellt sich, das Streicheln tut ihr sichtlich gut. Den Patienten zeigt Schrampf, die eine Therapiehundeausbildung absolviert hat, verschiedene Übungen: Der Hund springt mit ein bisschen Geduld durch einen Reifen und balanciert über einen Steg. „Es ist für unsere Patienten oft eine Hürde, sich drei Sachen hintereinander zu merken und mit den Hunden zu üben“, erzählt sie- .


Grenzen setzen

Die Arbeit mit den Tieren in Mauer gliedert sich in drei Bereiche: In der tiergestützten Therapie geht es um konkrete Ziele, die Margit Haunlieb gemeinsam mit ihren Patienten erarbeitet. Die tiergestützte Aktivität hingegen, in der Isabella Schrampf arbeitet, ist völlig frei – die Patienten kuscheln mit den Tieren, füttern sie oder gehen spazieren. Beim dritten Bereich, der Beschäftigung, geht es darum, eine Aufgabe und damit Verantwortung zu übernehmen. Margit Haunlieb ist die einzige Psychologin in Mauer, die tiergestützte Thera- pie anbietet. Für vier Einheiten pro Woche kommt sie von ihrem eigentlichen Arbeitsplatz, der stationären Psychotherapie, zu den Ge- hegen, um mit einzelnen Patienten und den Tieren zu arbeiten. Eine Möglichkeit ist das sogenannte Clickertraining: Mit einem kleinen Gerät in der Hand beobachtet der Patient das Tier; wenn das den Befehl richtig ausführt, bekommt es zur Bestätigung einen „Click“. Für den Patienten bedeutet das Clickertraining, sich völlig darauf zu konzentrieren – was herausfordernd sein kann. Gelingt ihm das Tiertraining, gewinnt der Patient Selbstbewusstsein. Auch auf der Beziehungsebene wird gearbeitet: „Manche Patienten tun sich schwer mit sozialen Kontakten. Das Tier kommuniziert nonverbal und man erhält sofort eine Rückmeldung, denn es spiegelt uns.“ Wenn es darum geht, Grenzen setzen zu können, kommen häufig die Esel Chrizzy und Thekla ins Spiel. „Wir gehen häufig mit Pati- enten und unseren Eseln spazieren und arbeiten mit Clickertraining. Die Patienten können dabei lernen, sich durchzusetzen und auc- h die eigenen Grenzen zu definieren – das hilft dann bei sozialen Kontakten“, erzählt Haunlieb- .


Kuscheln entspannt

Dass die tiergestützte Therapie den Patienten guttut, hat Margit Haunlieb mit Fragebögen erhoben: 100 Patienten gaben an, dass sie sich nach dem Kontakt mit den Tieren wesentlich besser fühlen. Ähnlich ist es bei der tiergestützten Aktivitä- t.

Isabella Schrampf arbeitet ausschließlich mit Patienten der stationären Langzeittherapie. Wenn sie mit ihren Hunden kommt – insge- samt sind es vier –, freuen sich Menschen, die ansonsten nicht das Haus verlassen wollen, schon darauf. Ein Patient, erzählt Margit Haunlieb, steige dann jedes Mal sofort aus dem Bett. Dann gehen sie einfach spazieren, oder Isabella liest Märchen vor. Ziel der tie- rgestützten Aktivität ist vor allem mehr Lebensfreude – es soll stimmungsaufhellend sein und der Aktivierung dienen. In Mauer spazie- ren auch die kleinsten Patienten häufig zu den Tieren, begleitet von einer Sozialpädagogin. Oft kommen sie, um mit Kaninchen und Meerschweinchen zu kuscheln und sie sich auf den Bauch zu setzen. „Viele haben schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Bei Tieren fällt es ihnen leichter, sich zu öffnen. Durch das Kuscheln spüren sie Nähe, die ihnen sons- t

vielleicht fehlt“, sagt Haunlieb. Dabei schüttet der Körper Oxytocin aus. Dieses Hormon sorgt dafür, dass sich der Mensch entspannt, Stress reduziert und die Selbstwahrnehmung verbessert. Auch mit den Nagern trainiert Haunlieb. Die Kaninchen und Meerschwei- nchen lernen, auf dem Tisch sitzen zu bleiben. Denn dort bürsten, streicheln und füttern die Patienten sie. Vor allem Patienten, die an Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen leiden, kommen zur Therapie. Eine wichtige Vorausset- zung: Man muss tierlieb sein. Das sind anscheinend die meisten, denn die Nachfrage sei viel größer als das Angebot, erzählt Hau- nlieb, die seit 18 Jahren hier arbeitet- .


Eine Aufgabe bekräftigt

Kommen Menschen für eine Behandlung auf die stationäre Psychotherapie, ist die gezielte Beschäftigung ein wichtiger Beitrag zur Genesung. Anfangs arbeiten sie oft in der Parkpflege mit und mähen den Rasen. Ein bis zwei Patienten dürfen bei der Tierpflege mi- thelfen und zum Beispiel bei den Nagern ausmisten. Nicht nur die Aufgabe stärkt den Menschen, auch die Tiere geben etwas zurück: Die Meerschweinchen beispielsweise quieken vor Freude, wenn sie eine vertraute Stimme hören, erzählt die Psychologin. Das Tier- gehege in Mauer liegt am Rande des Geländes, häufig komme- n

Spaziergänger vorbei und streicheln die Tiere oder setzen sich auf eine der Bänke. Auch die Patienten in Mauer können die Tiere be- suchen. Während Tierpfleger Vincent sich nur um die Tiere kümmert, unternimmt Tierpflegerin Tanja manchmal auch etwas mit den Patienten: Die Leckerlis, die Margit Haunlieb den Alpakas füttert, hat Tanja mit den Patienten gebacken- .

Ob Therapie, Aktivität oder Beschäftigung – die Tiere sind häufig jene Motivation, die psychisch kranke Menschen über ihren Scha- tten springen lässt. Der Zugang zu den Tieren ist einfach und sie bewerten und urteilen nicht über ihr Gegenüber. Das spürt auch jene Patientin, die mit Isabella Schrampf mitgekommen ist: Sie scheint gar nicht mit dem Streicheln aufhören zu wollen und sagt immer wieder, wie lieb die Tiere seien. Und auch diese scheinen es zu genießen, den Menschen Gutes zu tun.



Daniela Rittmannsberger

Tiere in den NÖ Kliniken


Lange war es unvorstellbar, dass ein Tier in einem Klinikum sein darf. Doch immer öfter arbeiten in den NÖ Kliniken speziell geschulte Tiere samt ihren Herr- chen und Frauchen. Besonders bei Kindern sind Tiere gern gesehene Helfer, wie etwa im Landesklinikum Waidhofen/Thaya. In der Tagesklini- k

für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie bringt Oberärztin Dr. Ursula Marinitsch ihre Hündin Juno mit. Juno erleichtert Kindern und Jugendlichen das Ankommen und den Beziehungsaufbau- .

In der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Landesklinikum Mödling gibt es für die kleinen Patienten auf der Psychosomatik während der Schulmonate einmal pro Woche therapeutisches Reiten, ebenso in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in der Hinterbrühl; außerdem gehen die Kinder und Jugendlichen oft zum Lamahof- .

Im Universitätsklinikum St. Pölten gehört die wöchentliche tiergestützte Heilpädagogik an der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde schon seit 2004 zum Programm. Die drei Therapiehunde Whoopy, Chelly und Fossy arbeiten mit Felicitas Grübl, Tiertrainerin und Gründerin des Kindertierkreises Artemis. Auch Riesenschnecken kommen zum Einsatz.

Im Universitätsklinikum Tulln ist Therapiehündin Tanja auf der Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Einsatz – bei Einzel-

Psychotherapien, psychotherapeutischen Kleingruppen oder im Stationsalltag bei Gruppenaktivitäte- n.

Aber auch Erwachsene genießen das Zusammensein mit Tieren und profitieren von der Entspannung, die das Streicheln eines weichen Hundefells beschert: In der Abteilung Hämatologie und internistische Onkologie im Landesklinikum Wiener Neustadt kommt zweimal pro Monat Therapiehund Merlin zum Einsatz. Im Universitätsklinikum Krems kommt der Golden Retriever Tiffany jeden zweiten Mittwoch im Monat zu den Patienten der Strahlentherapie. Tiffany ist auch Ret- tungshund. Im Landesklinikum Scheibbs besucht Therapiebegleithündin Enya jeden Donnerstag die Palliativstation. Stationsleitung DGKP Petra Schweighofer: „Wir bemerken oft, dass Patientinnen und Patienten danach zur Ruhe kommen, sich freuen und wohl fühlen.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2018