KUREN & REHABILITATION IN NÖ - REHABILITATION

FOTOs: istockphoto/ mikespics, LebensMed Zentrum Bad Erlach

Beeindruckende Menschen

Tumorpatientinnen und -patienten müssen beim Bewältigen ihrer Erkrankung Außergewöhnlich- es leisten, und: Sie tun es! Onkologische Reha- bilitation kann sie dabei entscheidend unter- stützen.

Für Eva Schubert begann es im Sommer 2014: Bei einer Routineuntersuchung wurde ein Gewächs in ihrer Brust entdeckt, die Biopsie zeigte einen malignen Tumor. Dann musste alles schnell gehen: „Schon zweieinhalb Wochen danach wurde ich operiert. Von Dezember bis Jänner er- hielt ich Strahlentherapie, und im Mai 2015 kam ich – völ- lig erschöpft – zum ersten Mal zur onkologischen Rehabi- litation ins Lebens.Med Zentrum Bad Erlach.“ Eine enor- me Müdigkeit war nun das größte Problem von Eva Schu- bert, und damit ist sie nicht allein. „Viele Patientinnen und Patienten mit Tumorerkrankung leiden vor allem nach den Behandlungen darunter. Das ist nur zu verständlich, denn was diese Menschen in ihrer schwierigen Situation leisten, ist vergleichbar mit der Leistung von Spitzensport- lern wie Marcel Hirscher oder Anna Veith“, sagt Prim. Dr. Alexander Gaiger, der Ärztliche Leiter der onkologischen Rehabilitation in Bad Erlach: „Müdigkeit und Erschöpfung sind im Grunde eine gesunde Reaktion des Körpers auf eine zuvor ungesunde Situation. Leider wird das oft pa- thologisiert, und die Umwelt dieser Patienten erwartet nur allzu oft, dass nach der Behandlung alles wieder seinen normalen Lauf gehen soll.“ Auch die Betroffenen selbst wollen niemandem zur Last fallen, doch chronische Er- krankungen erfordern viele Ressourcen – Ressourcen, die die Natur für uns nicht vorgesehen hat und die erst mobilisiert werden müssen.


Gesunde Anteile stärken

Im Lebens.Med Zentrum Bad Erlach unterstützt man Be-

troffene dabei. „Es geht darum, die gesunden Anteile zu stärken und zu unterstützen. Wir wissen heute, dass ein adäquates Rehabilitationsprogramm, das psychoonkologische Betreuung, Bewegung und Sport miteinschließt, zahlreiche Begleiterscheinungen von Krebs und Krebsbehandlungen signifikant bessert“, berichtet Gaiger. Depres- sivität, posttraumatische Belastungsreaktionen, Ängstlichkeit, Störungen im Geruchs- und Geschmacksempfinden – all das kann so besser bewältigt werden, und: „Bei Brust-, Darm- und möglicherweise auch Prostatakrebs kann onkologische Rehabilitation sogar lebensverlängernd wirken. Doch leider ist das noch viel zu wenig bekannt: Von 100 Erkrankten bekommen nur fünf bis fünfzehn eine solche Behandlung.“

Der Experte betont, wie wichtig es ist, Betroffenen ihre Erkrankung und ihre Reaktionen darauf verstehbar zu ma- chen – freilich nicht so, wie es landläufig oft geschieht: „Es ist wenig hilfreich den Namen eines angstauslösenden Tieres – Krebs – für eine Gruppe von über tausend verschiedenen Erkrankungen zu verwenden. Ebenso wie die Rede ist von guten und bösen Zellen.“


Moralisierende Sprache

Diese moralisierende Sprache im Zusammenhang mit Krebs erschwert laut dem er- fahrenen Internisten und Psychoonkologen die Bewältigung der Krankheit – genau- so wie die Überzeugungen, dass eine Tumorerkrankung „hausgemacht“ sei, dass es typische „Krebspersönlichkeiten“ gebe etc. All das müssen Betroffene erst wieder aus ihren Köpfen bekommen. Psychoonkologinnen und -onkologen können ihnen dabei helfen. Sie haben einen medizinischen oder therapeutischen Quellberuf und eine spezielle Zusatzausbildung und können in Prävention, Früherkennung, Dia- gnostik, Behandlung und Rehabilitation sowie im palliativen Bereich mit verschiede- nen Methoden der Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Kommunikations- wissenschaft helfen.


Psychoonkologie

„Die Psychoonkologie zielt darauf ab, die Betroffenen und ihre Angehörigen beim Umgang mit der Tumorerkrankung bestmöglich und individuell zu unterstützen“, sagt Alexander Gaiger. „Es geht darum, dass Betroffene beim Bewältigen dieser Heraus- forderung zu unterstützen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, die eigenen Fähigkeiten und Stärken kennenzulernen, neue Möglichkeiten im Umgang mit der Erkrankung zu erlernen und sich neu orientieren zu können.“ Außerdem wird durch psychoonkolo- gische Behandlungen das Gesundheitsverhalten gefördert, die psychische Belas- tung gemindert, die Betroffenen als „Experten in eigener Sache“ gestärkt. Und man achtet auf eine Verbesserung der Kommunikation zwischen Patient und Partner, Kindern, Angehörigen und Behandlern.


Miteinbezogene Angehörige

Apropos Angehörige: „Ihre Miteinbeziehung ist von essenzieller Bedeutung – immer vorausgesetzt, dass der oder die Erkrankte es auch will“, betont Gaiger, der das schon für die allerersten Gespräche empfiehlt. Denn vier Ohren hören mehr als zwei, und Ressourcen, die es gibt, sollte man in dieser Situation jedenfalls nützen. Erfahrene Onkologen und Psychoonkologen wollen Partner, Kinder oder Freunde von Tumorpatienten aber nicht überfordern, denn auch sie sind massiv belastet und brauchen ebenfalls Unterstützung. „Hilfreich ist daher zum Beispiel, die gemeinsa- men Gespräche eher kurz und dafür öfter zu halten. In dieser schwierigen Situation ist es genug, ein bis zwei Punkte genau zu klären, später die nächsten zwei usw.“


Leistung anerkennen

Eva Schubert hat mit dem Konzept der onkologischen Rehabilitation inklusive Psy- choonkologie und Sport beste Erfahrungen gemacht. „In Bad Erlach habe ich erfah- ren, dass meine Müdigkeit eine normale Reaktion meines Körpers auf die Erkran- kung und die Behandlungen ist und dass ich sie mir zugestehen darf. Ich habe auch Methoden erlernt, die mir helfen, sie besser zu bewältigen. Und in psychologischen Einzel- und Gruppengesprächen konnte ich wichtige Dinge mich selbst betreffend erkennen und neue Lösungen für meine Probleme finden“, sagt sie, und sie betont auch, dass sie all das in ihrem Alltag zu Hause gut umsetzen kann.

Primarius Gaiger findet für sie und viele andere Betroffene nur anerkennende Worte: „Je länger ich mit diesen Patienten arbeite, desto mehr wächst meine Bewunderung für sie, denn es sind wirklich Höchstleistungen, die diese Menschen im Umgang mit ihren Erkrankungen erbringen. Doch während wir Spitzensportler feiern und ihnen nach ihren Wettkämpfen lange Erholungsphasen zugestehen, erwarten wir von Tu- morpatienten oft, dass sie nach der Behandlung so rasch wie möglich wieder funk- tionieren. Wir alle täten wirklich gut daran, diese Einstellung zu verändern und Be- troffene in ihrer Kraft zu erkennen und anzuerkennen.“


Gabriele Vasak

4. LEBENS.

MEDizinischer

Kongress


Frau & Krebs. Die

Tumorerkrankungen der Frau im onkologischen Gesamtkonzept.

Schwerpunkt Pflege:

7. Juni 2018


Schwerpunkt Medizin:

8. Juni 2018

Lebens.Med Zentrum

Bad Erlach


Informationen:

www.lebensmed-baderlach.at

Prim. Dr. Alexander  Gaiger, Ärztli- cher Leiter der onkologischen Re- habilitation im Lebens.Med Zen- trum Bad Erlach

Patientin Eva Schubert lernte durch viele Gespräche gut mit ihrer Erkrankung und den Problemen wie der großen Müdigkeit umzugehen und wieder Freude am Leben zu finden.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2018