ALCHEMISTENGARTEN

FotoS: Nadia Meister

Szechuanpfeffer, chinesische Datteln, nordamerikanische Kaki und Minikiwi: Zahl- lose alte und seltene Obst- und Nusssorten gibt es zu kosten- .



Szechuanpfeffer, chinesische Datteln, nordamerikanische Kaki und Minikiwi: Zahl- lose alte und seltene Obst- und Nusssorten gibt es zu kosten- .

Obstspezialist Siegfried Tatschl hat eine Permakulturanlage im Alchemistenpark angelegt- .


Heute ist ganz Kirchberg eine essbare Landschaft und eingebettet in das Konzept „Obs- tgarten Kirchberg am Wagram – ein ganzer Ort als Garten“ .


Die Süße des Lebens

Kirchberg am Wagram ist die erste „Essbare Gemeinde“ Niederösterreichs. Über 200 Obst- und Nussarten locken zum Kosten, aber das ist noch lange nicht alles.

Kennen Sie Indianerbananen, Hängemaulbeeren oder Felsenbirnen? Wenn nicht, so lohnt sich jedenfalls ein Ausflug nach Kirchberg am Wagram, der ersten „Essbaren Gemeinde“ Niederösterreichs. In einer „Essbaren Gemeinde“ werden öffentliche Flächen in öffentliche Selbsternte- und Naschgärten verwandelt. In Kirchberg wachsen und gedeihen „exotische“ Früchte genauso wie traditionell österreichi- sches Obst. Die Menschen des Orts genießen diese Vielfalt genauso wie Touristen oder Obstkenner, die es immer häufiger in den Alche- mistenpark nach Kirchberg am Wagram zieht. Der Sozialwissenschaftler und Obstspezialist Siegfried Tatschl hat eine Permakulturanlage im Alchemistenpark geplant und gemeinsam mit dem Bauhof der Marktgemeinde ab dem Jahr 2007 angelegt. „Permakultur ist eine Art Vi- sion von einer lebenswerten Zukunft für die folgenden Generationen. Es geht um einen sorgsamen Umgang mit vorhandenen und neu zu entwickelnden Ressourcen und den Menschen, die davon profitieren. Das bedeutet vor allem die einstige Vielfalt zu kultivieren und zu be- wahren“, erklärt der engagierte Permakulturdesigner. Zahllose alte und seltene Obst- und Nusssorten gibt es zu kosten – chinesische Dat- teln, Kaki oder Minikiwi: Alles schmeckt ebenso ungewohnt neu wie köstlich, dazu leuchtet die Sonne auf die sich langsam verfärbenden Blätter der Bäume und Sträucher. Dazwischen entdeckt man einen Schaubienenstock, Nützlingshotels für Wildbienen, einen großen Natur- spielplatz für Kinder und: immer wieder neue, unbekannte Früchte.


Ein Ort als Garten

„Das Ziel der Permakulturanlage Alchemistenpark ist es, alle in diesem Klimabereich wachsenden Obst- und Nussarten sowie Gewürze, die auf Sträuchern oder Bäumen wachsen, zu präsentieren“, sagt Siegfried Tatschl, der sich noch gut an die Anfänge des Projekts erinnert. „Begonnen haben wir vor 15 Jahren im Garten des Kindergartens der Gemeinde, wo wir Minikiwis, Maulbeeren, Äpfel und Indianerbana- nen gesetzt haben. Die Kinder, ihre Eltern und Pädagogen haben das neue Obst sofort geliebt, also haben wir weitergemacht.“ Heute ist ganz Kirchberg eine essbare Landschaft und eingebettet in das Konzept „Obstgarten Kirchberg am Wagram – ein ganzer Ort als Garten“. Die Jungpflanzen kommen aus aller Welt, und der Park, in dessen unmittelbarer Nähe 1980 ein alchemistisches Laboratorium des 16. Jahr- hunderts gefunden wurde, fungiert als Zentrum, in dem sich Alt und Jung, Heimisch und Fremd begegnen. „Das Grundprinzip der Alche- mie ist die Wandlung von Unedlem zu Edlem. Vielfach wird das nur auf die Herstellung von Gold bezogen, aber die Alchemisten beschäf- tigten sich auch mit vielen anderen Verwandlungen“, erklärt der Sozialwissenschaftler. In der Gartenanlage des Parks sieht er das Grund- prinzip der Alchemie verwirklicht: „Wenn man etwa Wildobst ausliest und veredelt, so dass es statt herb ganz fein schmeckt, ist das auch eine menschliche Kulturleistung des Wandels.“


Begegnung über Früchte

Abgesehen davon findet im Alchemistenpark und der „Essbaren Gemeinde“ Kirchberg am Wagram auch auf ganz natürliche Weise gesun- de und lustvolle Ernährung statt. „Obst setzt die Süße der Muttermilch fort, und das Fett der Nüsse brauchen wir genauso. Obst und Nüsse sind Stimmungsmacher und Wohlfühlgaranten und dienen damit auch unserer ganzheitlichen Gesundheit“, sagt Siegfried Tatschl. Nicht zu- letzt ist das spannende Projekt auch ein soziales. „Beim Schauen und Kosten kommen die Leute zusammen. Viele, die anfangs Scheu vor ungewohnten Früchten haben, finden über das Gespräch mit anderen, die es schon probiert haben, einen Zugang zu neuem Obst und zu anderen Menschen“, erzählt der Obstspezialist. „Auch über die Pflege der Bäume und Sträucher oder über die Tipps zum Selbstanbau fin- det Begegnung statt.“ Dafür hat er das Konzept der Fruit-Streetworker entwickelt. Sie verfügen über gärtnerische Grundbildung, informie- ren Interessierte, unterstützen sie dabei, neues Obst in ihren Hausgärten anzupflanzen und pflegen gleichzeitig den Bestand der öffentli- chen Flächen. Aktuell ist er dabei noch alleine, hofft aber, dass andere Gemeinden diese Anregung aufgreifen. Begeistert zeigt sich Sieg- fried Tatschl über die Unterstützung durch eine Gruppe von Flüchtlingen, die in Kirchberg wohnen.


Jahrhundertelange Effekte

Was den Obst-Aficionado noch freut, ist der dritte Platz, den das Projekt 2015 beim Europäischen Preis für ökologisches Gärtnern errungen hat, was er auch auf die Nachhaltigkeit dieser Art der Gartenkultur zurückführt. „Im Gegensatz zu interessanten anderen Projekten des Ge- müseanbaus im öffentlichen Raum sind fruchttragende Bäume und Sträucher nachhaltig und gleichzeitig unmittelbarer. Wir lernen Geduld beim Pflanzen und Wachsenlassen, aber wir ernten danach sofort und Jahr für Jahr – manchmal sogar Jahrhunderte lang, wenn man etwa an den Maronibaum denkt.“ Nachhaltigkeit ist dem Sozialwissenschaftler ein großes Anliegen bei diesem Projekt, das in ein großes Touris- muskonzept eingebunden wurde: Donau-Gärten. Sieben Standorte an der Donau, zu denen jeweils eine Geschichte geschrieben und ein Film gedreht wurde. Die Filme gehen seit Mai 2018 auf Facebook und Youtube online, die Geschichten werden vom Schriftsteller und Er- zähler Folke Tegetthoff bei kulturellen Veranstaltungen gelesen. „Darin geht es um eine komprimierte Fassung der Menschheitsgeschichte und die Fragen, woher wir kommen und wohin wir gehen – auch angesichts von Klimawandel und unserem Umgang mit Böden.“


Unvergesslich

Fast von selbst versteht sich, dass der Autor der Geschichte von Kirchberg am Wagram Siegfried Tatschl heißt. Woher kommt seine Lei- denschaft für Obstpflege und Permakultur? „Pflanzen haben in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt, und den Obstbau habe ich schon in jungen Jahren von meiner Großmutter gelernt. Sie hat mir gezeigt, wie man Wassertriebe an den Apfelbäumen schneidet, wie man Bäume ausgräbt und vieles mehr“, erzählt der vitale Endfünfziger. „Ich selbst habe immer schon mit Pflanzensamen experimentiert, und später habe ich mich intensiv mit dem Konzept der Permakultur beschäftigt.“ Das bewegte Leben des heutigen Permakulturdesigners führ- te von Waidhofen/Ybbs, wo er aufgewachsen ist, über Wien nach Kirchberg am Wagram. Hier hat er einen wunderschönen Platz zum Le- ben gefunden und von hier aus trägt er seine Begeisterung für nachhaltige Obstkultur in die Welt hinaus. Regelmäßig verfasst er Kolumnen zum Thema Obst, betreibt Begleitforschung zu seinem Projekt, hat ein Buch zum Thema „555 Obstsorten für den Permakulturgarten und - balkon“ geschrieben, leitet in Kirchberg Fortbildungskurse für Obstspezialisten und ist als Berater für andere, die ein eigenes Projekt im Grünraum entwickeln wollen, tätig. „Nur wenn unsere Gärten gut bestückt sind und gut gepflegt werden, können wir friedlich leben“, sagt er und isst ein Stück geschnittene Indianerbanane. „Den Geschmack vergisst man nie.“


Gabriele Vasak

BUCHTIPP

Siegfried Tatschl: 555 Obstsorten für den

Permakulturgarten und -balkon: Planen. Auswählen. Ernten. Genießen

Nachhaltig anbauen, staunen und genießen: Permakulturpionier Siegfried Tatschl zeigt in 555 Sortenporträts, wie abwechslungsreich und kulinarisch interessant das Angebot an Obst und Nüssen in unseren Gärten sein kann von A wie Alpenjohannisbeere über S wie Schnee- glöckchenbaum bis Z wie Zimthimbeere, von alten heimischen Sorten bis zu anpassungsfä- higen Exoten. Im Wohnzimmer, auf der Terrasse, am Balkon oder im eigenen Biogarten – nahezu überall und ganzjährig lassen sich köstliche Früchte anbauen und ernten- .

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2018