GESUNDHEIT IN NÖ - FLUGRETTUNG

FOTOS + VIDEODREH:MARKUS FEIGL/ÖAMTC POSTL

Rettung rund um die Uhr

Der Christophorus 2 ist der einzige Rettungshelikopter in Österreich, der Tag und Nacht im Einsatz ist. Bis 2019 wird erhoben, ob sich der kostenintensive Betrieb lohnt und auch andere Bundesländer in den Genuss einer 24-Stunden-Flugrettung kommen sollten.

Günter Grassinger ist Pilot und Stützpunk- tleiter des Christopho- rus 2 in Gneixendorf. Er hat seine Flugaus- bildung

beim Bundesheer ab- solviert und ist mit fast

8.000 Rettungsein- sätzen ein erfahrener Pilot.

Pager klingeln schrill. Auf den Monitoren in der Einsatzzentrale des Christo- phorus 2 in Gneixendorf bei Krems erscheinen Landkarten und Wetterdaten. Die Helikopterbesatzung, bestehend aus dem Piloten, dem Rettungssanitäter und dem Notarzt, macht sich bereit für den Einsatz. Wo befindet sich der Pa- tient? Was fehlt ihm? Und machen die Wetterverhältnisse einen Rettungsflug möglich? Die drei Männer besteigen den Christophorus 2. Die Rotorblätter beginnen sich langsam zu bewegen. Werden schneller und schneller. Ma- chen Lärm und erzeugen einen solchen Wind, dass der Maschendrahtzaun in zwanzig Metern Entfernung wild vibriert. Eine Frau wurde bei einem Ver- kehrsunfall schwer verletzt. In dreizehn Minuten wird der Hubschrauber an der Unfallstelle ankommen und das Team die Patientin versorgen. Der Hub- schrauber hebt ab in die finstere Nacht.

Tag und Nacht

Etwa drei Rettungseinsätze werden täglich mit dem Christophorus 2 geflogen. Seit 1. Jänner 2017 nun auch in dn Nachtstunden. Möglich wurde das auszwei Grün- den: Vor zwei Jahren wurde der Stützpunkt weg vom Universitätsklinikum Krems zum Flugplatz in Gneixendorf verlegt. Dort werden keine Anrainer gestört, wenn der laute Hubschrauber abhebt und wieder landet. Der zwei- te Grund ist, dass das Land Niederösterreich die Finan- zierung der Nachtflüge übernimmt. Die Testphase ist bis zum 1. Jänner 2019 geplant. Danach soll evaluiert wer- den, ob sich die Nachtnutzung rentiert. Niederösterreich ist damit Vorreiter. In vielen Nachbarländern wie Deutschland, Tschechien oder der Schweiz gibt es zwar nächtliche Rettungsflüge, in Österreich ist dies aber ein Novum. „Ein längerer Betrieb erfordert natürlich auch mehr Personal“, erklärt Stützpunktleiter und Pilot Günter Grassinger, „zehn Piloten,  26 Notärzte und 13 Flugretter sind derzeit in Gneixendorf aktiv, um einen 24-Stunden-

Betrieb zu gewährleisten und die Rettungskräfte auch nachts zu unterstützen.“ Doch das zusätzliche Personal war nicht der einzi- ge Kostenfaktor. Nachtsichtbrillen mit einem Stückpreis von 12.000 Euro wurden angeschafft, damit der Hubschrauber auch ab- seits von beleuchteten Landeplätzen aufsetzen kann. Außerdem war ein zweiwöchiges Training für die gesamte Crew notwendig, sowie diverse Genehmigungen. „Alles in allem sprechen wir von etwa 80.000 Euro, damit die Nachteinsätze möglich wurden“, er- läutert Grassinger.


Neue Anforderungen

Geflogen wird ausschließlich in Niederösterreich. Ab einer Flugzeit von 30 Minuten ist ein Einsatz für nämlich nicht mehr sinnvoll. Dann kann der Patient mit einem Notarztwagen vor Ort schneller erreicht werden. Bei Finsternis sind solche Einsätze eine besondere Her- ausforderung. Da mit Nachtsichtbrillen geflogen wird, ist das Sicht- feld des Piloten stark eingeschränkt – ähnlich wie bei einem Fern- glas. Deshalb muss der Flugretter, so wird der Notfallsanitäter im Hubschrauber genannt, ebenfalls eine Nachtsichtbrille tragen und den Piloten beim Flug unterstützen. Er weist ihn auf Hindernisse hin oder gibt ihm die Flugdaten wie Geschwindigkeit oder Höhe an, da- mit sich der Kapitän auf andere Dinge konzentrieren kann. Pilot Grassinger erzählt: „Die Brille hängt vorne am Helm und ist 1,2 Kilo- gramm schwer. Weil das Sichtfeld eingeschränkt ist, muss man den Kopf viel mehr bewegen als sonst. Das ist bei langen Einätzen sehr anstrengend.“ 15 solcher Nachteinsätze wurden im Jänner 2017 geflogen. Pilot Günter Grassinger selbst hat bereits etwa 8.000 Ret- tungsflüge hinter sich. Nach der Landung übernimmt der Notarzt das Kommando. Der Pilot nimmt die Daten des Patienten auf, über- nimmt die Anmeldung im Krankenhaus, macht Fotos für die Doku- mentation und hilft bei der Bergung mit. Außerdem behält er den Überblick über die Situation am Boden, wie Grassinger erklärt: „Der Pilot muss nicht in erster Linie den Patienten versorgen und verfällt deshalb nicht in einen Tunnelblick, wie das bei Notärzten, die sich voll und ganz auf ihre Tätigkeit konzentrieren müssen, oft der Fall ist.“ Die Rettungsflüge hinterlassen auch bei der Crew ihre Spuren. Nach drei Einätzen oder vier Stunden Flugzeit in einer Nacht muss jedes Crewmitglied eine Müdigkeits-Score-Karte ausfüllen. Das Er- gebnis dieses kurzen Tests zeigt an, ob man für einen weiteren Ein- satz bereit ist oder nicht. Wenn ein Crewmitglied zu müde für einen weiteren Flug ist, wird kein Einsatz mehr angenommen. Außerdem muss nach jedem Flug ein Fragebogen ausgefüllt werden, der vom Air Rescue College des ÖAMTC ausgewertet wird. So soll mit wis- senschaftlichen Methoden erhoben werden, wie sinnvoll die 24- Stunden-Nutzung des Helikopters ist. Bei Schlechtwetter, wenn der Christophorus 2 nicht fliegen kann, ist die Crew ebenfalls nicht un- tätig. Seit dem 1. Jänner steigen Rettungssanitäter und Notarzt in ein neu angeschafftes Auto, das über dieselbe Ausrüstung wie der Helikopter verfügt. Sie fahren dann Rettungseinsätze wie jeder an- dere Notarztwagen auch, bis sich die Wetterlage wieder bessert.


MARKUS FEIGL

Mit einer Nachtsichtbrille wie dieser landen Piloten wie Günter Grassinger auf dunklen Straßen und Feldern, um Patienten auch in der Nacht versor- gen zu können.

Namensgeber: Christophorus

Christophorus ist der Schutzheilige der Reisenden. Der Sage nach war er ein Riese, der ursprünglich Offerus hieß. Der Riese war auf der Suche nach dem mächtigsten Herr- scher, dem er dienen konnte, fand ihn aber nicht. Bis ihm

jemand sagte, dass Gott der mächtigste Herrscher wäre. Offerus sah es als Gottes Willen an, dass er mithilfe seiner Riesenhaftigkeit Menschen auf seiner Schulter über einen Fluss trug, um ihnen ihren Weg zu verkürzen. Bei einem

Kind beschwerte er sich einmal: „Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen!“ Das Kind antwortete: „So ist es, denn ich bin Jesus, der Heiland. Und wie du weißt, trägt der Heiland die Last der ganzen Welt.“ Als Offerus das Kind am anderen Ufer absetzte, sag- te es zu ihm: „Du hast den Christ getragen, von jetzt an darfst du Christofferus heißen.“

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2017