VOLKSKRANKHEITEN I RÜCKEN

Mein gesunder Rücken

Rund um das Thema Rückenschmerz kursieren zahlreiche Mythen und Gerüchte. GESUND&LEBEN hat mit einer Expertin über die Fakten gesprochen.

Foto: Fotolia/ artstudio pro; Lebens.Resort Ottenschlag

Dr. Sigrid Ruth,

stv. Ärztliche Leit- erin des Lebens.

Resort Ottenschlag

Für viele von uns sind Rückenbeschwerden ein Dauerthema. Heiße Tipps dazu gibt es wie Sand am Meer. Viele da- von sind allerdings fragwürdig oder auch schlichtweg falsch. Hält man sich daran, tut man sich oft nichts Gutes oder macht die Sache vielleicht sogar noch schlimmer. Was ist wahr und was falsch? Welche der neun gängigsten My- then zum Thema Rückenschmerzen stimmen? Was kann man getrost vergessen? GESUND&LEBEN hat mit Dr. Sig- rid Ruth gesprochen, der stellvertretenden Ärztlichen Leiterin des Lebens.Resort Ottenschlag, wo man unter ande- rem auf die Behandlung von Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparats spezialisiert ist.


Bandscheibenvorfall als häufigster Rückenfeind?

Die angeblich häufigste Ursache von Rückenschmerz ist ein Bandscheibenvorfall. Das gehört eindeutig ins Reich der Fabeln und Legenden, sagt Sigrid Ruth: „Der Bandscheibenvorfall ist eine eher seltene Ursache für Rückenbe- schwerden. Der häufigste Auslöser sind muskuläre Verspannungen, bedingt durch Fehlhaltungen und Fehlbelastun- gen. Oft können auch durch Stress ausgelöste Anspannungen, Bewegungsmangel oder degenerative Abnützungen der Bandscheiben schuld sein. In sehr seltenen Fällen kommt es auch durch Infektionen und Tumorerkrankungen zu Rückenschmerzen.“


Bürohengste als Kandidaten Nummer eins?

Langes Sitzen führt zu Rückenbeschwerden. Stimmt das? „Nicht primär“, sagt Ruth, denn dies sei nur der Fall, wenn kein entsprechender körperlicher Ausgleich durch Sport oder Bewegung stattfindet. „Langes Sitzen führt nur dann zu Problemen, wenn man keine Pausen einlegt und immer in derselben Sitzhaltung verharrt.“


Hart hilft gegen Rückenprobleme?

Ein Mythos ist auch das Gerücht, dass harte Matratzen bei Rückenbeschwerden sinnvoll sind. „In Wahrheit sind har- te Matratzen nicht günstig, weil sie zu wenig nachgeben und sich der Wirbelsäule nicht anpassen. Das kann erst recht zu Verspannungen führen, weil die Rückenmuskulatur auch in der Nacht die Haltearbeit übernehmen muss“, sagt Ruth. Sie warnt aber auch vor zu weichen Matratzen, die zu wenig Stütze geben. Optimal sei der Mittelweg. Beim Matratzenkauf sollte man sich wirklich Zeit nehmen, um die individuell richtige zu finden.


Nur ein Problem der Alten?

Mythos Nummer 4: Rückenbeschwerden sind altersbedingt. Stimmt längst nicht mehr, sagt Ruth, die zahlreiche jun- ge Rückenschmerzpatienten kennt. Ihre Probleme: Bewegungsmangel und falsche Sitzhaltung! „So entstehen eine wenig kräftige Rückenmuskulatur sowie muskuläre Dysbalancen, die zu Rückenbeschwerden führen.“


Rückenschmerz ist gleich Rückenschmerz?

Geschlechterunterschiede machen sich auch beim Rückenschmerz bemerkbar, denn die Pein im Kreuz ist bei Mann und Frau nicht gleich gelagert. „Frauen leiden tendenziell etwas häufiger unter dem Problem, nicht zuletzt weil bei ihnen Rückenschmerzen oft in Verbindung mit der Menstruation oder mit Schwangerschaften auftreten. Manchmal haben auch Frauen mit großen Brüsten diesbezüglich Probleme. Zudem haben Fehlhaltungen bei der Haushaltsar- beit oder im Tun mit den Kindern hier ihren Anteil. Und Frauen sind von Natur aus generell etwas weniger muskulös gebaut als Männer und haben daher auch oft die schwächere Rückenmuskulatur“, weiß Sigrid Ruth.


Wärme hilft immer?

Dass Wärme immer gut gegen Rückenschmerz hilft, ist ebenfalls ein Gerücht. „Das stimmt zwar bei akuten, nicht entzündlichen Rückenbeschwerden, aber wenn der Fall sehr akut ist, kann Wärme das Problem weiter ‚anheizen‘

und somit verschlechtern. In diesem Fall empfehlen sich Kälteanwendungen.“

Rückenschmerz ist immer ein Fall für den Arzt?

Auch das stimmt laut der Expertin nicht. „Im Prinzip kann man in vielen Fällen einige Tage lang selbst versuchen, mit rezeptfrei erhältlichen Schmerzmitteln aus der Apo- theke und vorsichtigen Wärmeanwendungen Linderung zu erzielen“, erklärt die Ärz- tin. Die Schmerzbehandlung ist wichtig, damit man nicht wegen der Schmerzen eine Schon-Haltung einnimmt und so noch mehr Verspannungen und damit neue Schmer- zen provoziert. „Wenn nach etwa einer Woche keine Besserung eintritt, muss man zum Arzt, denn sonst könnte die Sache chronifizieren.“ Ursache dafür ist das Schmerzgedächtnis, das eine Schmerzspirale auslösen kann: Schmerz führt zu Schonhaltung, diese verstärkt die muskulären Verspannungen, und schon ist man im Teufelskreis. Ein Grund, sofort den Arzt aufzusuchen, sind ernste Warnsymptome wie Schmerzausstrahlung in Arme und Beine und mit dem Schmerz verbundene Schwä- che und/oder Lähmungserscheinungen oder ein Taubheitsgefühl. Auch Darm- und Blasenentleerungsstörungen sind sogenannte Red Flags, denn dahinter kann ein gravierender, behandlungsbedürftiger Bandscheibenvorfall stehen.


Bettruhe und Schonung helfen?

Dass man sich bei Rückenschmerzen ausruhen und schonen soll, stimmt definitiv nicht. „Vielmehr gilt es, so gut wie möglich in Bewegung zu blei- ben. Dadurch wird die Durchblutung gefördert, was die Verspannungen lockern kann. Daher empfehlen wir unseren Kur- Patienten neben den passiven Anwendungen wie Massagen, Wärmean- wendungen und Elektrotherapien eine aktive Heil- gymnastik und Physiotherapie“, sagt Ruth.


Sport ist die beste Vorbeugung?

Auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Ausglei- chende Bewegung zählt, denn es gibt auch Sport- arten, die sich weniger günstig auf Rücken- schmerzen auswirken – etwa Tennis oder Squash, die sehr einseitige Belastungen darstellen. „Prinzi- piell sind Sportarten wie Wandern, Walken, Jog- gen, Yoga, Pilates, Rückenschwimmen oder Krau- len besser geeignet, Rückenbe schwerden zu lin- dern. Und: Spaß sollte es machen, denn langfris- tig geht es darum, regelmäßige Bewegung zur Vorbeugung zu machen.“


Expertentipps zum Lebensstil

So viel zu den gängigsten Mythen über die Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe von Rückenschmerzen. Fragt sich noch, welchen Lebensstil man pflegen sollte, um Rückenbeschwerden hintanzuhalten? „Hier geht es wieder einmal um die Trias regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und psychische Gesundheit“, betont Sigrid Ruth. Bewegung sei wichtig, damit die Bandscheiben gut durchblutet und nährstoffversorgt sind und bleiben. „Ideal ist eine Kombination aus Aus- dauer- und Krafttraining. Es geht darum, die Rücken-, aber auch die Bauchmuskulatur zu stärken.“ Gesunde Mischkost emp- fiehlt sich zudem allen, im Besonderen aber Menschen mit Übergewicht, das die Wirbelsäule zusätzlich belastet. Und last but not least sollte man auch die Psyche nicht vernachlässigen und gut für sie sorgen, denn Rückenbeschwerden und die berüch- tigten Verspannungen im Nacken oder im Lendenwirbelbereich hängen oft mit seelischen Belastungen zusammen, weiß Ruth: „Oft hilft es, hier anzusetzen. Manchmal wirkt es auch kleine Wunder, psychologische Verfahren zur Entspannung zu erlernen oder sich einmal die persönlichen Mechanismen der Schmerzverarbeitung genauer anzusehen.“


Gabriele Vasak

Sanftes, aber regelmäßiges Krafttraining stabilisiert den Rücken.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2017