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GESUND WERDEN & BLEIBEN-  KREBS

Ein Tumor im Gehirn

Ist der Tumor gutartig, sind die Prognosen meist sehr gut, aber auch bei Krebs gibt es zahlreiche Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen.



Universitätsklinikum

St. Pölten

Propst-Führer-Straße 4 3100 St. Pölten

Tel.: 02742/9004-0

www.stpoelten.lkno- e.at

500 bis 600 Mal pro Jahr operiert das Team der Neurochirurgie im Universitätsklinikum St. Pölten am Gehirn eines Patienten – etwa 150 Mal handelt es sich dabei um einen Hirntumor, „das sind etwa drei Hirntumor-Operationen pro Woche“, berichtet Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Ungersböck, der Leiter der Klinischen Abteilung für Neurochirurgie. Einerseits findet Ungersböck die Zahl erschre- ckend hoch (in Niederösterreich gibt es insgesamt etwa 250 neu entdeckte Hirntumore pro Jahr). Andererseits – „früher wurden viele Hirntumore einfach nicht erkannt; besonders bei älteren Men- schen waren sie sicher öfter unerkannter Grund für den Tod.“

Auch junge Menschen können an einer Gewebewucherung im Gehirn erkranken, am häufigsten treten sie im Lebensalter zwischen 45 und 70 Jahren auf. Etwa die Hälfte der Tumore, die Ungers- böcks Abteilung sieht, sind gutartig. „Diese Tumore wachsen eher langsam und haben eine gute Prognose, die Menschen können meist vollständig geheilt werden.“ Durch das rasch zunehmende

Wissen über Krebs steigen auch die Überlebenschancen bei einem bösarti- gen Hirntumor. „Die Therapien verbessern sich laufend und die Lebenser- wartung der Betroffenen steigt“, berichtet Ungersböck. Im Tumorboard (sie- he Infokasten) wird dann gemeinsam beraten, wie die beste Prognose er- zielt werden kann. Meist sei das ein Mix aus Operation, Bestrahlung und Chemotherapie.


OP nicht immer bester Weg

Nicht jeder Hirntumor kann und nicht jeder muss operiert werden. Gerade bei älteren Menschen schaut der erfahrene Spezialist mit seinem Team sehr genau, ob ein Eingriff sinnvoll ist. „Wir besprechen sehr gründlich mit dem Patienten und seiner Familie, was man an funktionellen Einbußen durch den Tumor und durch die Operation erwarten muss und was davon der Betroffe- ne hinnehmen würde und was nicht.“ Durch eine Neurorehabilitation können Betroffene nach einer OP verlorene Fähigkeiten wieder erlernen: „Bei einem Menschen Mitte 40 ist noch viel möglich; bei einem 85-Jährigen allerdings eher nicht“, sagt Ungersböck.

Generell geht es gerade in der Neurochirurgie um individuelle Lösungen: „Wir müssen bei jedem Menschen gut überlegen, wie wir ihm am besten

Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Ungersböck, Leiter der Neurochirurgie (l.) und der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums St. Pölten, Dr. Thomas Gamsjäger, MSc (r.) mit dem für die Kliniken zuständigen LH-Stv. Dr. Stephan Pernkopf

helfen können.“ Nicht immer ist die komplette Resektion (Ent- fernung) des Tumors das Ziel. Die Frage dabei: Unter welchen Symptomen würde der Patient nach radikaler Resektion womög- lich leiden? Wird er wieder sprechen können? Bleibt er mobil? „Die Frage ist, was chirurgisch möglich und sinnvoll ist“, sagt Un- gersböck. Drei bis fünf Stunden dauert eine Gehirn-Operation im Durchschnitt. Dabei greifen die Operateure auf computergesteu- erte Unterstützung zurück und arbeiten mit ganz speziellen Mi- kroskopen. „Behandlungserfolg ist Teamarbeit“, betont der erfah- rene Neurochirurg, an dessen Abteilung zahlreiche Jungärzte ausgebildet werden. „Bei uns ist es wie in einem Orchester: Nur gemeinsam schaffen wir den Erfolg.“


Hinweise auf einen Tumor

Und wie merkt man, dass man einen Hirntumor hat? „Epilepti- sche Anfälle im Erwachsenenalter können ein Anzeichen sein. Oder wenn die Umgebung feststellt, dass man sich psychisch verändert. Auch Lähmungserscheinungen können ein Hinweis sein. Und ungewohnte Kopfschmerzen in der Nacht mit mor- gendlicher Übelkeit, weil beim Liegen der Druck im Gehirn steigt.“ In all diesen Fällen solle man zuerst den Hausarzt aufsu- chen, rät Ungersböck. Es sei wichtig, dass ein Hirntumor rasch entdeckt werde. Kann man vorbeugen? Ein spezielles Rezept gibt es nicht, aber ein gesunder Lebensstil sei auf jeden Fall empfehlenswert. Heute gibt es alle Möglichkeiten dafür und die soll man auch nützen, rät Ungersböck. Ein gesunder Lebensstil ist eine gute Voraussetzung, um sich nach einer Operation schneller und besser zu erholen.


RIKI RITTER-BÖRNER

NEUROCHIRURGIE IN NÖ


Abteilungen für Neurochirurgie gibt es in Niederösterreich am Universitätsklinikum St. Pölten und im Landesklinikum Wiener Neustadt. Die Abteilungen operieren am Gehirn, am Rücken- mark, der Wirbelsäule und am Nervensystem. Häufig handelt es sich um heikle und auch länger andauernde Operationen, die ein hoch spezialisiertes Ärzte- und Pflegeteam leistet.

Informationen: www.lknoe.at

TUMORBOARDS IN DEN NÖ KLINIKEN


Tumorboards sind regelmäßige Treffen in Kliniken, in denen Experten aus verschiedenen Fächern gemeinsam bespre- chen, wie ein Patient behandelt wird. Zum Team gehört ein Onkologe – ein speziell geschulter Internist, Experten aus der Radiologie für die Diagnose mit bildgebenden Verfahren, ein Pathologe, der Gewebeproben analysiert, ein Chirurg sowie jener Arzt, in dessen Fachbereich der jeweilige Krebs fällt – also zum Beispiel ein Frauenarzt, Lungenarzt oder Urologe. In den NÖ Kliniken werden die Strahlenmedizin-Experten aus St. Pölten und Wiener Neustadt ebenfalls in die Tumorboards integriert. Die Experten beraten dann gemeinsam, welche Therapie die beste ist, auf welche Medikamente der jeweilige Krebs ansprechen wird und ob man zuerst operiert, strahlen- therapeutisch behandelt oder mit einer Chemotherapie.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017