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GESUND WERDEN & BLEIBEN  - MÄNNERGESUNDHEIT

Männer im Wechsel?

Gibt es eine Andropause, ein Klimakterium virile? Die männlichen Wechseljahre zwischen Mythos und Realität.

Univ.-Doz. Dr. Karl Höbarth, Leiter des Fachschwerpunkts

Urologie am Lan- desklinikum

Waidhofen/Ybbs

Der Schauspieler war großartig, eine enorme Leistung gestern Abend. Wie hieß er doch gleich?“ Geht es Ihnen mitunter auch so? Gestern noch total beeindruckt, heute alle Erinnerungen weg. Wenn Merk- und Leistungsfähig- keit schleichend abnehmen, die Lust langsam abhandenkommt – und gar Erektionsstörungen auftreten, fehlt selbst unter besten Freunden häufig die Gesprächsbasis dafür. Während die weiblichen Wechseljahre ihre Mystik weitgehend verloren haben, scheint sich diese Veränderung im männlichen Körper hartnäckig als stilles Leiden zu halten. Bei Frauen leitet die ausblei- bende Monatsblutung eine neue Lebensphase ein, bei Männern verlaufen körperliche Veränderungen schleichend. Das ist völlig normal. Ein plötzli- cher Abfall der Sexualhormone erfolgt bei Frauen im Schnitt zwischen dem

45. und 50. Lebensjahr, bei Männern nehmen die Sexu- alhormone ab dem 40. Lebensjahr kontinuierlich um ein bis zwei Prozent pro Jahr ab. Die Medizin kennt ver- schiedene Fachbegriffe dafür, wie etwa Klimakterium vi- rile, Andropause, „Padam“ (partielles Androgendefizit des alternden Mannes), also ein Mangel an männlichen Sexualhormonen (Androgenen).

Allesamt sind dies ziemlich uncharmante Begriffe und machen die furchteinflößende Wirkung auf Männer eini- germaßen erklärbar. Das betrifft vor allem das Männlich- keitshormon Testosteron, dessen Mangel mit zunehmen- dem Alter an vielen Symptomen maßgeblich beteiligt ist. Neben den oben genannten kann es auch zu Nacht- schweiß-Attacken, Depressionen und in der Folge zu so- zialem Rückzug kommen.


Sinkendes Testosteron

Differenzierter sieht das Univ.-Doz. Dr. Karl Höbarth, Leiter des Fachschwerpunkts Urologie am Landesklinikum Waidho- fen/Ybbs. Das schleichend sinkende Testosteron zum universellen Sündenbock für männliche Befindlichkeitsstörungen zu er- klären, sei zu eng gegriffen. Denn der Anteil der Männer über 50 Jahre mit deutlich verringertem Testosteronspiegel beträgt le- diglich 15 bis 20 Prozent, weiß der Mediziner: „Viele zum Teil vermeidbare Ursachen begünstigen einen Testosteronmangel, wie etwa eine ungesunde Lebensweise mit Bewegungsmangel, Übergewicht, Vitamin- und Mineralstoffmangel, Stress oder übermäßiger Alkoholkonsum.“ Den ganz normalen Alterungsprozess kann man zwar auch mit Askese und Disziplin nicht ver- hindern, den einhergehenden Hormonabfall aber durch entsprechende Lebensweise im Zaum halten. Keine Panik also, denn Männer, die vital sind und sich ausreichend bewegen, haben ein geringeres Risiko für einen Testosteronmangel. Das diploma- tisch verteidigte Wohlstandsbäuchlein ist zwar vertretbar, eine übermäßige Ansammlung an Bauchfett und damit Übergewicht schlägt sich aber auf die Männlichkeit.

„Männer mit einem hohen Body-Mass-Index (BMI) haben einen niedrigeren Testosteronspiegel als Männer mit Idealgewicht“, sagt Höbarth. Übergewicht, also ein BMI über 30, drückt empfindlich auf das Männer-Hormon. „Testosteron wird im Bauchfett- gewebe in Östradiol – ein weibliches Hormon – umgebaut. Bei Männern mit ‚Schwimmreifen‘ wird daher auf Kosten von Testo- steron zu viel Östradiol produziert. Um das zu verhindern, ist es gut, rechtzeitig auf sein Gewicht zu achten. Eine Abnahme des Fettgewebes erhöht den Testosteronspiegel“, weiß Höbarth.



Hormone

Mit den Folgen von Testosteronmangel (siehe Info Seite 24) wie nächtlichen Schweiß-attacken, Antriebslosigkeit, Osteoporose oder Gereiztheit kommen Männer meist klar. Wäre da nicht, worüber kei- ner gerne spricht: mangelnde Libido, Potenzprobleme, erektile Dys- funktion. Da kann Karl Höbarth beruhigen: „Hormonelle Störungen sind nur zu sechs Prozent schuld an Potenzstörungen bzw. erektiler Dysfunktion. Weit häufigere Ursachen sind Gefäßleiden (47 Pro- zent), Diabetes mellitus (30 Prozent) oder Operationen im kleinen Becken (13 Prozent).“ Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankun- gen gehen mit erhöhtem Blutzucker und erhöhten Blutfetten einher, in der Folge mit Bluthochdruck und Gefäßverkalkung. Das Metaboli- sche Syndrom ist dabei eine magische Schwelle – im Laborbefund lässt es sich mit erhöhtem Nüchternblutzucker und Blutfetten nach- weisen, gleichzeitig sinkt das HDL-Cholesterin („gutes Choleste- rin“), es kommt zu Bluthochdruck und Bauchfettsucht und damit zu einem verringerten Testosteronspiegel. Eine Abwärts-Spirale.


Möglichkeiten aus der Krise

Um die unliebsamen Symptome in den Griff zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Eine davon ist die Hormonersatztherapie, „die- se empfiehlt sich jedoch nur bei nachweisbarem Testosteronmangel

in Kombination mit der klinischen Symptomatik eines Androgenmangels“, weiß Höbarth. Dafür stehen Dreimonats-Spritzen oder Hautgels zur Verfügung. Eine Testosterontherapie bringt aber eine Reihe von möglichen Risiken und Nebenwirkungen mit sich. „Im Zuge der Therapie werden vermehrt rote Blutkörperchen gebildet, dadurch erhöht sich zum Beispiel das Risi- ko für Thrombosen.“ Als abgesichert gilt weiters, dass eine Testosterontherapie das Risiko für Prostatakrebs, Schlafapnoe, Akne, Brustdrüsenschwellung oder Flüssigkeitsretention (Ansammlung von Flüssigkeit im Körper) erhöht. Eine Therapie muss daher unbedingt mit entsprechender Nachsorge erfolgen. Dazu gehören eine umfassende Prostatauntersuchung durch Abtastung und Ultraschall, Blutkontrolle auf PSA  (Prostata Spezifisches Antigen) zur Prostatakrebsvorsorge sowie eine Kontrolle des Blutbilds.


Alternative Nummer zwei

Aber es gibt einfache und effiziente Vorsorgemaßnahmen und Alternativen zur Testosterontherapie – ganz ohne Nebenwir- kungen. „Bewegung, Ernährung und Stressmanagement sind die drei wesentlichsten Punkte“, sagt Karl Höbarth. Für Män- ner mit einem Wohlstandsbäuchlein ist Gewichtsreduktion die beste Prophylaxe. „Regelmäßiges körperliches Training er- höht den Testosteronspiegel um 30 Prozent. Die ideale Belastung liegt bei 65 Prozent der maximalen Herzfrequenz (220 mi-

nus Lebensalter).“ Zu einem gesunden Lebensstil gehört eine entsprechende Er- nährung: Ausreichend Vitamine, Ballast- und Mineralstoffe zu sich nehmen, tieri- sche Fette nur in Maßen essen, zu pflanzlichen Fetten greifen und den Alkoholge- nuss im Zaum halten. Apropos Stress: So verantwortungsvoll Ihr Job auch sein mag: Legen Sie Pausen ein, denn auch Stress beeinflusst die Hormonproduktion negativ. Die Rede ist von Überanstrengung, Stress durch Umweltfaktoren und durch Rauchen. Sie haben es in der Hand – ob Sie lieber als lustloser Couchpota- toe Ihren Pensionsjahren entgegensehen oder doch lieber als vitaler Mann, der die Freuden des Lebens genießen kann.


Energie, bitte!

Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Früher war alles ganz anders. Da haben Sie durchgemacht und am nächsten Tag waren Sie topfit. Sie hatten im Job anstren- gende Termine, Aufträge, an die Sie sich heute nur mit einer gehörigen Portion Selbstmotivation herantasten können. Auch die ständigen Erkältungen waren kein Thema. Heute sind die Batterien irgendwie leer. Auch das ist ein Normalzustand, gesteuert vom Energiehormon DHEA, einem männlichen Hormon der Nebenniere, im Fachbegriff „Dehydroepiandrosteron“ genannt. Als eine Art Vorläuferhormon wird es im Körper zu Östrogenen und Androgenen umgewandelt. Es hat die Aufga- be, die Cortisolproduktion zu senken, die Hirnleistung und die Immunabwehr zu steigern sowie den Fettgewebsabbau und das Herz-Kreislauf-System zu unterstüt- zen.

Aber leider wird auch DHEA im Zuge des Lebens nicht unerschöpflich produziert, weiß Höbarth: „Schon ab dem 30. Lebensjahr sinkt die DHEA-Produktion um zwei Prozent pro Jahr – dadurch sind Männer anfälliger für Infekte, öfter müde und nei- gen zur Gewichtszunahme.“ Auch in punkto DHEA ist eine Hormonersatztherapie nur in Einzelfällen sinnvoll, denn die potenziellen Nebenwirkungen sind bis dato nicht einschätzbar. Mit ausgewogener Ernährung kann man die DHEA-Balance je- doch ausgleichen. Spezialist Karl Höbarth empfiehlt: „Günstig ist es, ausreichend mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie Fisch- und Olivenöl zu sich zu nehmen, die- se stimulieren die DHEA-Produktion in der Nebenniere.“ All das freilich bei einer ausgewogenen Kalorienbilanz.


Altern in Wohlbefinden

Neben diesen bekannten hormonalen Protagonisten spielt auch das Wachstumshormon der Hirnanhangsdrüse, das „human growth hor- mone“ (HGH), zumindest eine Nebenrolle im männlichen Alterungs- prozess.

Mit fortschreitenden Jahren fällt der Hormonspiegel kontinuierlich ab. HGH ist am Aufbau von Muskeln, Knochen, Knorpeln und der Haut beteiligt, außerdem steuert es den Körperfettverlust und die Energie- gewinnung. Ein direkter Zusammenhang des HGH-Abfalls mit dem Al- terungsprozess an sich ist jedoch nicht erwiesen. Auch der Ersatz von Wachstumshormonen ist für gesunde ältere Menschen nicht zu empfehlen, da zu wenig über mögliche Langzeit-Nebenwirkungen be- kannt ist.

Doch auch hier gibt es gute Alternativen, sagt Mediziner Höbarth: „Fitnesstraining ist in jedem Fall billiger und wirksamer. Und eine aus- gewogene Ernährung – reich an aminosäurehältigen Hülsenfrüchten – regt die Bildung von Wachstumshormonen an. Der natürliche Alte- rungsprozess kann durch eine Hormonersatztherapie nicht gestoppt werden. Das Ziel ist nicht, für immer jung zu bleiben, sondern ein Al- tern in Wohlbefinden.“ 



DORIS SIMHOFER

Landesklinikum Waidho- fen/Ybbs

Ybbsitzerstraße 112

3340 Waidhofen/Ybbs

Tel.: 07442/9004-0

www.waidhofen-ybbs.

lknoe.at


Was macht den Mann zum „Mann“?

Testosteron ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon (Androgen). Es wird mithilfe der Leydigzellen in den Hoden gebildet, etwa 500 Millio- nen Zellen bilden 7 mg Testosteron pro Tag. Die Produktion des Hormons wird vom Zwischenhirn und der Hirnanhangsdrüse gesteuert. Dieser Re- gelkreis kann durch verschiedene Einflüsse gestört werden, wie etwa durch Nieren- oder Schilddrüsenerkrankungen und Diabetes; aber auch Schlaf- und Beruhigungsmittel können den hormonellen Ablauf beeinflus- sen. Strahlenbelastungen und Umweltgifte wie Pestizide oder Schwerme- talle können das System stören, sodass Testosteron in verringertem Aus- maß gebildet wird. Einen Mangel erkennt der Arzt am Blutbild, Betroffene leiden häufig an Müdigkeit und Leistungsschwäche. Trockenes Haar, Haarausfall oder eine Schwellung der Brustdrüsen kann ebenfalls auf ei- nen Testosteronmangel hinweisen. Testosteronmangel ist jedoch keine Krankheit, sondern eine weitgehend natürliche Folge der männlichen Rei- fe.

Testosteronmangel

Wie sich ein Mangel auswirken kann


Nervensystem:

+ Schlafstörungen

+ Hitzewallungen

+ Lustmangel

+ Depression

+ Aggressivität

+ Antriebslosigkeit

+ Konzentrationsschwierigkeiten


Muskel- und Skelettsystem:

+ Muskelschwund

+ Osteoporose (ab etwa dem 30. Lebensjahr nimmt die Kno- chendichte beim Mann kontinu- ierlich ab, bei Frauen erst ab der Menopause)


Geschlechtsorgane:

+ geringeres Ejakulationsvolu- men

+ Erektionsstörungen (bei 48 Prozent der etwa 50-Jährigen,

bei 67 Prozent der rund 70-Jäh- rigen)

Welche Funktionen hat Testosteron?

+ Ein Blick unter die Gürtellinie: Testosteron steuert die Sexualität und die männliche Fruchtbarkeit.

+ Emotional: Das Hormon ist nicht nur für den Sexual- trieb verantwortlich,

sondern lenkt auch die allgemeine Gemütslage, es för- dert beispielsweise

Aktivität, Aggressivität und das räumliche Denken.

+ Haarig: Männliche Brust- oder Rückenbehaarung, Bartwuchs und Talgproduktion werden durch Testoste- ron gesteuert.

+ Muskel-Macher: Ohne Testosteron keine Muskeln, aber viel Fett. Das

Männerhormon fördert das Muskelwachstum und den Fettabbau.

+ Knochenhart: Ohne Testosteron gäbe es kein Kno- chenwachstum, keine

ausreichende Knochendichte.

+ Bass oder Tenor: Testosteron fördert das Wachs- tum des Kehlkopfes und ist für den männlichen Stimm- bruch verantwortlich.

+ Innere Werte: In der Leber fördert Testosteron die Eiweißproduktion, in der Niere ist es ein Botenstoff für die Blutbildung.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2017