VOLL IM LEBEN - FAMILIE

Nachspür- Geschichten

Gespräche anregen, zu sich kommen, in sich hineinspüren – dabei hilft ein neues Projekt des Kindertheatermachers Paul Sieberer.

Viele Kinder und junge Erwachsene in Niederösterreich kennen Paul Sieberer – er ist seit vielen Jahren mit seinem pädagogi- schen Kindertheater in Schulen unterwegs. In seinen weit über 40 Theaterstücken und seinen Liedern geht es um Selbstbewusst- sein und Selbstwert, Freundschaft und Toleranz, Umweltschutz und Liebe zur Natur. Zehntausende Kinder haben den Mann mit der warmen, besonnenen Art erlebt, der einfühlsam Zugang auch zu schwierigen Themen findet. Der sich nicht scheut, auch Miss- brauch und Grenzüberschreitungen an Kindern in altersgerechter Sprache zu thematisieren. Nun hat er ein neues Projekt gestartet, ein Herzensanliegen. Und das kam so: Sieberer sitzt im Novem- ber des Vorjahrs im Landestheater St. Pölten und hört Claus Pey- mann zu, dem vielgescholtenen und vielgeliebten langjährigen Di- rektor des Wiener Burgtheaters. Claus Peymann sitzt auf der Büh- ne und liest. Er liest Thomas Bernhard. Sonst passiert nichts. Paul Sieberer geht das durch und durch. Er fasst einen Plan: Kurzge- schichten schreiben. Für Kinder. Zum Zuhören. Und dann fällt ihm ein Kind zu, ein fiktives Kind, das immer mehr Gestalt annimmt, Wendelin. Wendelin lebt in Österreich, ist achteinhalb Jahre alt und seine beste Freundin heißt Magda. Wendelin nimmt sich Zeit, er beobachtet, er empfindet. Er redet über seine Ängste, über Trauer und Kränkungen. Und über das Schöne. „Ich habe in den letzten Jahren in eine halbe Million Kinderaugen geschaut und in ihnen so viel gesehen – Freude, Glück, Elend und Not. In unserem Breitengrad, in dieser schnelllebigen Zeit, werden gerade Kinder so oft nicht gesehen, nicht wahrgenommen in ihren tiefsten Be- dürfnissen. Deshalb gibt es Wendelin. Der redet darüber.“ Siebe- rer sieht seine Texte als Angebot zur Kommunikation. Er schreibt sie so, „dass es gar nicht anders geht, als dass man in der Fami- lie darüber redet. Ich will Gespräche provozieren.“ Kinder können sich beteiligen, selbst zeichnen und schreiben und diese Beiträge auf die Wendelin-Homepage hochladen. Und sie können Fragen stellen. Paul Sieberer sieht in den Wendelin-Texten die Möglich- keit, „zurückzugeben. All das, was ich in den letzten 20 Jahren er- lebt habe, den Sukkus meiner Arbeit.“ Warum wird es kein Buch? „Weil ich es sehr direkt mag. Ich schreibe jede Woche. Du liest jede Woche. Das ist alles.“




Riki Ritter-Börner

An manchen Tagen regnet es viel. Es regnet am Morgen und es reg- net mittags. Selbst am Abend will es einfach nicht aufhören. Ich weiß, du kennst solche Tage! Wendelin sitzt dann gern am Fenster und schaut nach draußen. Er beobachtet den Garten. Vor allem die Blätter an den Bäumen haben ganz schön viel zu tun. Der Regen tropft zuerst auf die Blätter, dann tropfen die Tropfen von den Blättern weiter auf die Wiese. Interessant ist das! Wendelin kann gut zusehen … Die ganze Geschichte sowie drei weitere zum Vorlesen und Selberlesen gibt es gratis auf www.wendelins-friday.com. Wer jeden Freitag eine neue Ge- schichte lesen möchte, kann ein Abo bestellen. Die Geschichten wer- den dann jeden Freitag zu Mittag via E-Mail zugesendet. Und noch ein „Zuckerl“: Die Geschichten kann man in sieben verschiedenen Spra- chen bestellen: Deutsch, Englisch, Finnisch, Japanisch, Spanisch, Tschechisch und Türkisch.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2017