IM PORTRÄT

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Alles zum Leben

Die Waldviertler Kräuterpädagogin Eunike Grahofer schreibt fast

vergessene Überlieferungen auf und wandert mit Menschen durch die Natur, um altes Volksgut wiederzuentdecken.

Von Frühling bis Winter wandert Eunike Grahofer mit Interessierten durch die Natur – jede Jahreszeit bietet Kostbarkeiten, die enthalten, was die meisten Menschen vergessen haben: „In den regionalen Pflanzen und Kräutern ist genau das drin- nen, was wir in der jeweiligen Jahreszeit brauchen. Wildpflanzen sind stressresistent, sie müssen sich von klein auf bei Wind und Wetter durchsetzen“, erzählt die Waldviertlerin. Das alte Wissen um die heimischen Kräuter und das Brauchtum, das damit verbunden ist, ist ihre Leidenschaft, ihre Berufung.

Eunike Grahofer wurde in Waidhofen/Thaya geboren und wuchs gemeinsam mit fünf Geschwistern am Stadtrand auf. Der Vater stammt von einem Waldviertler Bauernhof, die Mutter aus der Mariazeller Gegend – beide brachten viel Brauchtum mit. Der Vater arbeitete in einer Gärtnerei und experimentierte viel im heimischen Garten. In einer alten Bauhütte lebten Hühner. Butter und Joghurt machte die Familie selbst und sie ernährte sich das ganze Jahr über aus dem Garten.

Verführerisch seien die künstlich hergestellten Lebensmittel schon gewesen, erzählt Eunike. Mit Anfang zwanzig probierte sie alles, was bisher verboten war: „Ich habe zwei, drei Jahre von Chips und Ähnlichem gelebt. Ich bereue es nicht, doch irgendwann hat mein Körper verrückt gespielt, als würde er mir sagen wollen: Hey, ich bin etwas Besseres gewohnt.“ Die junge Frau bekam Allergien, Darm- und Hautprobleme und sogar Probleme mit dem Herzen. Dann hat sie begonnen, alles zu hinterfragen – und ihre Leidenschaft für alte Rezepte rund um Kräuter wiederentdeckt. Denn auch wenn sie auf Tipps der Eltern eine Zeitlang so gar nicht hören wollte, war eines immer schon da: ihr Interesse an alten Geschichten. Sie be- gann, Rezepte und Bräuche aufzuschreiben – ihr Weg zur Kräuterpädagogin war geebnet.


Selber machen

Seither hält Eunike Vorträge, schreibt Bücher und wandert mit interessierten Menschen durch Wälder und Wiesen auf der Suche nach Brauchbarem aus der Natur. Wenn im Herbst die Hagebutten reif sind, macht sie sich mit einem Korb auf, um die reifen, roten Früchte zu ernten. Zuhause gibt sie die Hagebutten in eine leere Flasche, fügt Essig hinzu und lässt die Mischung drei Wochen stehen. Der leuchtend roten Essig schmeckt wunderbar und eignet sich als selbstgemachtes Ge- schenk.

Es gibt Kräuter, die die Kräuterpädagogin heute auf keinen Fall mehr verwenden würde: „Steinklee war früher sehr oft in Gebrauch. Sein Inhaltsstoff Waldmeister verbessert in kleinen Dosen die Blutzirkulation, zu hohe Dosen sollte man aber nicht zu sich nehmen.“ Ich bin nicht dafür, alle Rezepte eins zu eins zu verwenden.“


Hoch oben am Berg

Irgendwann begann die Waldviertlerin, alles zu dokumentieren, was sie das ganze Jahr über aus den Kräutern und Grä- sern herstellt. Sie fotografierte die Ergebnisse – Rezepte, die sie aus Kindertagen kannte. Ihre erste Gesprächspartnerin war die Leissinger Oma, eine Dame aus dem Waldviertel, die ihr Geheimnisse und Rezepte anvertraute. So entstand ihr

erstes Buch „Die Leissinger Oma – Das Pflanzen- wissen der einfachen Leut‘“.

Ihre eigenen Mitschriften wanderten in das Buch „Hausmittel von A bis Z“. Und ein Zufall führte die Kräuterpädagogin nach Reinsberg im Mostviertel, wo hoch oben am Berg die „Hechals“ wohnen: Jo- hann Frühwirt schrieb 40 Jahre lang ein Tagebuch über die Gegend und das Brauchtum in der Fami- lie. Eunike führte zahllose Gespräche mit der Fami- lie und anderen Menschen aus Reinsberg. Heraus- gekommen ist die Geschichte der Hechals und ih- ren Brauchtümern, Geheimnissen, Rezepten und Hausmitteln, die dem einen oder anderen Mostviert- ler bekannt vorkommen werden: Am Karfreitag wird ein Ei rot gefärbt, aufgehoben und bei drohendem Unheil, etwa einem Gewitter, aufs Fensterbrett ge- legt. Das Rote des Eies soll vermitteln, dass Christi Blut geflossen ist und so all die Sünden schon be- glichen seien. Das Räuchern in den Raunächten spielt eine große Rolle rund um Weihnachten, denn diese Zeit eignet sich, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen.

Alte Geschichten, Bräuche und Kräuter beschäftigen und begeistern immer mehr Menschen. Früher war es selb- stverständlich, Kräuter im alltäglichen Leben zu verwenden. Dann kam der Aufschwung nach dem Krieg und Frauen wurden zunehmend berufstätig. „Man hatte einfach nicht mehr die Zeit, um Salben selbst zu machen. Und man wurde gefragt: Könnt ihr euch nichts anderes leisten? Selbermachen war negativ behaftet und es war einfach- er, fertige Produkte zu kaufen.“ Doch nun ändert sich etwas, der Trend geht in Richtung Langsamkeit und Natür- lichkeit. „Es ist etwas anderes, ob ich eine Tablette gegen Halsschmerzen nehme oder selbst Spitzwegerich pflücke. Ich nehme es bewusst zu mir, das ist eine ganz andere Geisteshaltung.“

Gerade bei Bräuchen rund um Weihnachten oder Ostern steht nicht das Ritual im Vordergrund. „Wir entdecken et- was wieder, das immer unser Volksgut war und uns Stabilität in der schnelllebigen Zeit bietet. Früher, so die Kräuterpädagogin, sei zum Beispiel immer jemand da gewesen, mit dem man sich habe ausreden können.

Eunike Grahofer lebt heute ihren Traum. Ihre Anregungen findet man in ihren Büchern, in Zeitschriften und Ra- dioauftritten. Für ihre schriftstellerischen Werke bekam sie 2015 den Universitätspreis Österre

ich, seither arbeitet sie auch mit der Universität Salzburg zusammen, um altes Wissen wieder zugänglich zu machen. Geschichten von den Pflanzen und der Natur hat sie von klein auf mitbekommen. Jetzt ist sie mit Herzblut dabei, selbst Geschichten aufzuschreiben und zu erzählen – denn das, ist sich die Waldviertlerin sicher, ist das, was bleibt.


Daniela Rittmannsberger


Die Natur begreifbar machen: Eunike Grahofer gibt ihr Wissen um heimische Kräuter weiter. Das interessiert Klein und Groß.

BUCHTIPP

Eunike Grahofer: Die Hechals. Brauch- tum, altes Handwerk und Rezepte aus dem Mostviertel

Im tiefsten Mostviertel, hoch am Berg, liegt seit Hunderten von Jahren der geschichtenumrankte „Hechabergerhof“, dessen Bewohner von allen liebevoll die „Hechals“ genannt werden.

-ISBN: 978-3990252772

Informationen:

www.eunikegrahofer.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 08/2017