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Bettnässen

Wenn das Bett nicht trocken bleibt

Schätzungsweise jedes siebente bis zehnte Kind nässt im ersten Schuljahr nachts ein. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber es gibt rasche und unkomplizierte Hilfe.

Flink laufen Eltern und Kind auf die Toilette: Runter mit der Hose, rauf auf das Töpf- chen oder den Aufsatz und endlich ist der Moment da – das erste „Geschäft“ wird am WC statt in der Windel erledigt. Alle Beteiligten sind stolz und freuen sich. Meist ge- schieht es um den dritten Geburtstag, dass das Kind trocken wird. In der Nacht lassen viele Eltern zur Sicherheit die Windel noch oben, nach und nach aber gehört das Wi- ckeln endgültig der Vergangenheit an.

Doch manchmal scheint es irgendwie nicht ganz zu klappen, das Bett ist in der Früh immer wieder nass. Entweder wacht das Kind auf und ruft nach den Eltern, die dann ein nasses Kind vorfinden. Oder der Morgen ist überschattet von einem eingenässten Bett. Ratlosigkeit tritt auf, und meist auch Scham; viele versuchen, dieses Thema zu ignorieren und sprechen nicht mit Außenstehenden darüber. Und viele beschleicht der Verdacht: Passiert das nur meinem Kind?

Doch das ist ein Irrglaube, denn: Unter den Tafelklasslern sind es zehn bis 15 Pro- zent, die in der Nacht ins Bett machen. Anders ausgedrückt: Besucht Ihr Kind eine Klasse mit 23 Schülern, sind mit Sicherheit zwei bis drei Kinder dabei, bei denen es in der Nacht noch nicht so gut klappt. Es kommt öfter vor, als die meisten denken und trotzdem ist es vor allem eines: ein Tabuthema.


Blasentagebuch

Im Alter bis zu fünf Jahren ist es normal, dass Kinder noch nicht ganz trocken sind. Wenn das Kind aber nach dem fünften Geburtstag mindestens zwei Mal pro Monat in einem nassen Bett aufwacht, läuft irgendetwas nicht ganz rund. Aber keine Panik: In fast allen Fällen kann sehr gut und rasch geholfen werden.

Dr. Christoph Wolfram, Kinderarzt in Waidhofen/Ybbs, unterscheidet grundsätzlich zwei Varianten: „Kinder, die durchgehend noch nicht ganz rein sind, und Kinder, die bereits komplett auf die Windel verzichten konnten und nach längerer Trockenheit plötzlich wieder einnässen.“

Meistens fange es im Alter von sechs Jahren an, dass sich die Eltern fragen, ob das nächtliche „Manöver“ normal sei – oft ist das auch die Zeit, in der Kinder anfangen, auch einmal auswärts zu übernachten. Wichtig beim Einnässen ist die Reaktion der El- tern: Wenn sie das Wäschewaschen nicht stört und das Kind nicht das Gefühl be- kommt, es habe etwas Schlimmes getan, dann ist es kein Problem. Doch in vielen Fäl- len stört es Eltern wie Kinder. Tröstlich: Es gibt vielfältige Ursachen, die meist körper- lich bedingt sind und mit ein wenig Unterstützung behoben werden können. Doch wie finden Eltern heraus, warum ihr Kind noch immer ins Bett macht?

Die Ordination von Christoph Wolfram verlassen Eltern meist nicht nur mit einem erleichterten Gefühl, sondern auch mit einem sogenannten Miktionsprotokoll – einem Blasentagebuch, mit dem das Trink- und Toilettenverhalten 48 Stunden lang genau be- obachtet und mitgeschrieben werden soll. Mit diesem im Gepäck geht es dann wieder zum Arzt, der anhand der aufgenommenen und ausgeschiedenen Mengen erkennt, um welches Problem es sich handelt. Ein Grund für das Einnässen kann die Genetik sein. Deshalb fragt der erfahrene Arzt anfangs meist, wie es denn bei Mama und Papa in der Kindheit war. Wenn es tatsächlich in manchen Köpfen dann klingelt und das Einnässen bereits Generationen zurückgeht, dann ist es schwer, dagegen anzukämp- fen. Doch meistens, weiß der Mediziner, ist das nicht der einzige Grund.


Vererbung oder Hormonmangel?

Ein Hormonmangel ist bei vielen Kindern der Grund fürs Einnässen. Ein Hormon sorgt dafür, dass der Körper in der Nacht weniger Harn produziert als am Tag und der Mensch daher in der Nacht keinen Harndrang verspürt. Ist dieses Hormon zu wenig vorhanden, geht es in der Nacht weiter wie am Tag: Nur dass es im Tiefschlaf dann meistens ins Bett geht. Dieser Mangel des Hormons lässt sich leicht mittels Protokoll herausfinden. Der Arzt verschreibt zur Therapie eine Hormontablette, die täglich ein- genommen wird. Wichtig ist, das Protokoll nach einiger Zeit wieder auszufüllen, um festzustellen, ob das wirklich die wahre Ursache war. Nach und nach reduziert der Arzt dann die Hormonmenge, bis es nach einiger Zeit wieder abgesetzt werden kann. Meist bleibt es dann beim trockenen Bett – obwohl der Körper das fehlende Hormon nicht automatisch produziert. „Wir wissen nicht genau, warum es funktioniert. Es kann auch sein, dass das Kind gerade in dieser Zeit von selbst trocken wird“, sagt der Kinderarzt.

Nicht nur fehlende Hormone oder bestimmte Gene können das nächtliche Einnäs- sen begünstigen, auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Wenn die Blase überaktiv ist, eine sogenannte „kleine Blase“, dann geht es ebenfalls oft ins Bett: „Kinder sollten am Tag fünf bis sieben Mal auf die Toilette gehen. Wenn sie aber fünfzehn Mal aufs Klo gehen, dann ist das problematisch.“ Kindern, die unter dieser Störung leiden, wird ein Medikament verschrieben, das die glatte Muskulatur entspannen und nicht zu früh verkrampfen lässt. Die Blase dieser Kinder ist nämlich entgegen ihres Namen keines- wegs kleiner – sie verkrampft sich nur schneller.


Psyche spielt eine Rolle

Eine unreife Blase bzw. eine gestörte Weck- Reaktion ist eine weitere Ursache für nächtliche Manöver: „Die Blase ist ein Hohlmuskel, der ab einer entsprechenden Fül- lung in das Gehirn meldet: ‚Ich muss aufs Klo‘, dann zum Aufwachen führt, außer die Weckreaktion ist unausgereift – die Kinder wachen dann trotz dringendem Harndrang einfach nicht auf.“ In diesem Fall hilft die sogenannte apparative Verhaltenstherapie: Das Kind zieht eine spezielle Frottee-Unterhose an, die mit einem Feuchtigkeitssensor ausgestattet ist. Wenn die Hose nass wird, pfeift der Sensor und das Kind wird munter. Durch diese Therapie kommt es meist innerhalb weniger Monate zu einem Nachreifen der Weckreaktion. Der große Vorteil dabei: Die „Klingelhose“ ist ein mechanisches Ge- rät und hat keinerlei Nebenwirkungen. Und die Erfolgsquote spricht für sich, denn in 80 Prozent der Fälle ist die apparative Verhaltenstherapie erfolgreich.

Und es gibt noch eine weitere, sehr verbreitete Ursache für das nächtliche Einnäs- sen, die wohl den meisten Eltern bekannt vorkommen wird – das Trinkverhalten vor dem Schlafengehen: Das Kind putzt sich die Zähne, geht aufs Klo – und hat im Bett plötzlich noch großen Durst. Während des Trinkens ist die Blase noch leer, drei Stun- den später sieht es aber ganz anders aus – und bei seligem Schlaf passiert es dann. Da- her hat der Arzt für die Eltern betroffener Kinder eine Regel: „Zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollte das Kind nichts mehr trinken. Wenn es beispielsweise um 20 Uhr schlafen geht, sollte es ab 18 Uhr nichts mehr trinken.“ Fast immer verringert sich das abendliche Durstgefühl, wenn darauf geachtet wird, dass die Kinder bis zum Abend be- reits ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen haben.

All diese Ursachen haben eines gemein: Sie treten bei Kindern auf, die regelmäßig immer wieder einnässen, und das in einem Alter, in dem sie eigentlich schon rein sein sollten. Viel komplexer ist es, wenn Kinder bereits völlig trocken waren und nach eini- ger Zeit plötzlich anfangen, in der Nacht wieder ins Bett zu machen. Dieser sekundä- ren Form des Einnässens liegt oft ein seelisches Problem zugrunde, das sehr vielfältig sein kann: Durch den Verlust eines Haustieres, Trennung der Eltern, Tod einer nahe- stehenden Person, Mobbing oder Missbrauch kann das Kind aus dem seelischen Gleichgewicht kommen. Nicht umsonst heißt es im Volksmund, dass bei manchen bettnässenden Kindern die „Seele weint“. Neben einer kinderfachärztlichen Begutach- tung sollte dann immer auch ein Termin bei einer Psychologin, einem Psychologen in Erwägung gezogen werden.


Thema soll nicht tabu sein

So vielfältig die Ursachen rund um das Einnässen auch sind – viele wissen darüber nicht Bescheid. Unter Eltern ist das Thema ein Tabu, spricht man doch lieber über Dinge, die das Kind schon kann: laufen, sprechen, schwimmen oder Rad fahren. Ein- nässen betrifft aber mehr Kinder, als viele glauben, und dort will Kinderarzt Wolfram ansetzen: „Wir hängen zum Beispiel in der Ambulanz Plakate dazu auf, um das Thema zu enttabuisieren. Viele trauen sich sonst einfach nicht nachzufragen.“ Eine zu um- fangreiche Diagnostik vor dem fünften Geburtstag macht hingegen oft wenig Sinn, da viele Medikamente in diesem Alter noch nicht zugelassen sind und sporadisches Ein- nässen jetzt noch normal ist – Eltern sollten in diesem Fall vor allem darauf achten, dass das Kind vor dem Schlafengehen wenig trinkt.

Unterstützung rund um das Thema bietet auch „Club Mondkind“. Der Verein möch- te das Thema ebenfalls enttabuisieren und beantwortet übersichtlich und einfach die- selben Fragen, die Wolfram immer wieder gestellt werden. Zwei Dinge sind aus ärztli- cher Sicht des erfahrenen Mediziners wichtig: Zum Abklären der Ursache sollte vor Therapiebeginn unbedingt ein Blasentagebuch geführt werden. Und am allerwichtigs- ten ist der Umgang der Eltern mit dem „Problem“: Den Kindern zu vermitteln, dass sie nicht Schuld daran sind und dass rasch nach einer Lösung gesucht wird, bringt ihnen Sicherheit. Gemeinsam mit einem versierten Hausarzt oder Kinderarzt wird es dann meist nicht mehr lange dauern, bis das Bett in der Nacht trocken bleibt.

DANIELA RITTMANNSBERGER

Passiert das nur meinem Kind?


Bis zu welchem Alter ist Bettnässen „normal“?


Wann sollten Sie Hilfe suchen?

CLUB MONDKIND


Der österreichische Verein möchte mit einer Kampagne dafür sorgen, dass Eltern ein Pro- blembewusstsein entwickeln: Sätze wie „Auch Nora übernachtet wieder gerne bei Oma“ sol- len betroffenen Eltern aufzeigen, was nach ei- ner erfolgreichen Behandlung möglich ist. Denn wenn mit dem Problem nicht richtig um- gegangen wird, belastet dies das Kind enorm: Zur Scham und Traurigkeit gesellen sich manchmal der Abfall der schulischen Leistun- gen. Ausflüge mit Übernachtungen meiden die Kinder meistens, da auch das Hänseln durch Freunde oder Klassenkameraden ein Thema sein kann.

Auf www.clubmondkind.at finden Sie Informa- tionen zu Ursachen und Behandlung, Ärztin- nen und Ärzte in NÖ, die weiterhelfen können, ein Blasentagebuch zum Downloaden sowie ei- nen Test.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2017