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GESUND WERDEN & BLEIBEN  - ADHS

Zur Verzweiflung

treiben

Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Syndrom, kurz ADHS, fordern ihre Umwelt heraus. Woher kommt die Störung? Und wie kann eine gelungene Behandlung aussehen?

Prim. Dr. Paulus

Hochgatterer, Leiter der Kinder- und Ju- gendpsychiatrie

und Psychotherapie im Universität- sklinikum Tulln

Philipp ist acht Jahre alt. Er hat es nicht leicht in der Schule. Ständig wird er ermahnt, die Lehrerin schimpft andauernd mit ihm. Er bekommt schlechte Noten, kann sich einfach nicht auf den Lernstoff konzentrieren. So viele Sa- chen lenken Philipp ab, still zu sitzen ist für ihn eine Qual. Er solle nicht ständig herumzappeln und seine Mitschüler stören, bekommt er oft zu hö- ren. Auf etwas zu warten ist für ihn unmöglich. Seine Hausaufgaben bringt er meist unvollständig, er vergisst seine Bücher zuhause und verliert wichti- ge Dinge. Auch zuhause schimpfen die Eltern oft mit Philipp. Weil er stän- dig Krach macht, sich nicht an Regeln hält und öfter und schlimmere Wut

anfälle bekommt als seine jüngere Schwester. Sie nennen ihn „ihr Sorgen- kind“ und „Zappelphilipp“. Weil er sich regelmäßig beim Herumtoben ver-

letzt, verbringt seine Mutter viel Zeit mit ihm im Kranken- haus. Die Eltern sind erschöpft, die Lehrer verzweifelt.

Ein Kinderpsychiater stellt schließlich die Diagnose: Philipp hat das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts- Syndrom, kurz ADHS. Mit dieser Diagnose ist er einer der geschätzten zweieinhalb bis sieben Prozent der Schulkinder, die ähnliche Probleme haben. Der Name sagt es bereits: Menschen mit ADHS fällt es schwer, aufmerksam zu bleiben und sich zu konzentrieren. Dazu kommen ausgeprägte Unruhe und der ständige Drang, sich zu bewegen. Impulsives Verhalten und Stimmungs- schwankungen sind außerdem typische Symptome, zu- sammen bilden sie das Vollbild eines ADHS.

Dr. Paulus Hochgatterer ist Leiter der Kinder- und Ju- gendpsychiatrie und Psychotherapie im Universitätskli- nikum Tulln. Auf die Frage „Was ist ADHS?“ seufzt er erst einmal und lächelt. Mit einem Satz ist das schwer zu erklären: „ADHS ist zum einen ein Krankheitsbild, bei

dem der Dopamin- und Noradrenalinstoffwechsel im Gehirn gestört ist. Genauso könnte man es auch eine Kombination von bestimmten Verhaltensweisen nennen. Man könnte aber auch sagen, ADHS ist etwas, das Eltern und Lehrer zur Verzweiflung treibt.“

Dass Philipp diese Symptome zeigt, seine Schwester aber nicht, ist nicht überraschend. Buben scheinen fünf- bis neunmal häufiger von ADHS betroffen zu sein als Mädchen. Über die Gründe für dieses Ungleichgewicht wird viel spekuliert. Mögli- cherweise verhalten sich Mädchen mit ADHS anders, sind weniger wild, dafür verträumter und fallen deshalb weniger negativ auf als männliche Gleichaltrige.


Das unterforderte Gehirn

Gesichert ist inzwischen die neurobiologische Grundlage des ADHS, nämlich ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn. Hauptverdächtiger dabei ist das Dopamin, ein Neurotransmitter, der vor allem für seine Rolle im Belohnungssys- tem des Gehirns bekannt geworden ist. Gemeinsam mit dem Serotonin wird es auch oft als „Glückshormon“ bezeichnet. Bei ADHS ist in manchen Bereichen des Hirns, besonders im Frontallappen und im motorischen System, zu wenig Dopamin vorhanden. Dieser Mangel führt dazu, dass das Gehirn sozusagen unterbeschäftigt ist. Es erhält zu wenige Signale und sucht unaufhörlich nach Anregung. Man könn- te auch sagen, das Gehirn langweilt sich. Besonders wenn Philipp in der Schule

eine ganze Mathematikstunde lang das Dividieren üben soll, das er so gar nicht interessant findet. Dann schreit sein Gehirn nach Ab- wechslung, dann muss er einfach nachsehen, was sein Sitznach- bar macht oder was draußen vor dem Fenster Spannendes vor sich geht. Oder er muss einfach von seinem Platz aufstehen, sich bewe- gen und Krach machen. Für seine Mitschüler, die Dividieren viel- leicht auch nicht besonders spannend finden, aber in der Lage sind, ihren Bewegungsdrang bis zur Pause aufzuschieben, ist Phil- ipps Verhalten unverständlich und störend. Nichts kann ihn längere Zeit fesseln, ständig muss etwas Neues her. Und das möglichst schnell. „Sensation seeking“ nennen Medizinerinnen und Mediziner dieses Verhalten. Es ist auch der Grund dafür, dass Philipp sich so oft verletzt. Er geht mehr Risiken ein als seine Kameraden, klettert auf höhere Bäume, lenkt das Fahrrad mit waghalsiger Geschwin- digkeit in die Kurven. Dabei ist er unaufmerksam und handelt im- pulsiv. Schuld daran ist sein Frontallappen, der hungrig ist nach Dopamin. Dort entscheidet sich nämlich, wie spontan und impulsiv wir handeln.

Das Impulsive habe er übrigens von seiner Mutter, behauptet zu- mindest Philipps Vater. Sie sei ihrem Sohn gar nicht so unähnlich, immer in Bewegung, immer am Sprung und ein bisschen zerstreut.

Sie glaubt sich daran zu erinnern, als Kind ebenfalls ein „Problemfall“ gewesen zu sein. Das berichtet sie Philipps behan- delndem Arzt, als er sie danach fragt. Er scheint nicht im Geringsten überrascht. Man weiß wenig über die Ursachen und Entstehungsmechanismen des ADHS, sicher ist aber eine starke genetische Komponente. „Elternteile von Kindern mit ADHS hatten oder haben nicht selten ganz ähnliche Probleme. Oft wurde es aber weder erkannt noch behandelt“, erzählt Hochgatterer. Noch eher wenig bekannt ist, dass auch Erwachsene die Störung aufweisen können. Sie sind vielleicht nicht mehr so zappelig wie in der Kindheit, dafür innerlich ständig unter Strom. Gut möglich also, dass auch Philipps Mutter nach wie vor Symptome zeigt und ihr Sohn die entsprechende Veranlagung von ihr geerbt hat. Neben den Genen gibt es noch andere Faktoren, die das Risiko für ADHS beim Nachwuchs erhöhen. Rauchen oder Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zum Beispiel.

ADHS als vererbtes Schicksal – eine Vorstellung, die viele Betroffene entlastet. Gerade in der Kinder- und Jugendpsychia- trie wird oft schnell nach den Schuldigen gesucht, meist trifft es dann die Eltern. „Den Schuldbegriff sollte man unbedingt vermeiden“, betont Hochgatterer. „Es ist wichtig klarzustellen, dass nicht alle Eltern ein ADHS-Kind erzogen haben, weil sie schlechte Menschen sind oder weil sie etwas falsch gemacht haben, sondern einfach, weil sie ihrem Kind Gene mit- gegeben haben, die die Störung wahrscheinlicher machen.“ Er möchte das Augenmerk darauf legen, wie die Eltern am

besten mit dem Verhalten des Kindes zurechtkommen. Denn am Ende soll die Dia- gnose ADHS dem Kind nützen.


Modeerscheinung ADHS?

Man muss gestehen, Philipp hat auch etwas Pech. Würde er nämlich in Italien woh- nen statt in Österreich, würde er vielleicht nicht so oft ausgeschimpft. Laut Hoch- gatterer wird ADHS je nach Kultur nämlich durchaus flexibel interpretiert: „Ein Kind, das in den USA oder in Großbritannien ADHS hat, hätte in Italien vielleicht keines. Kinder und ihr Verhalten werden in verschiedenen Ländern unterschiedlich wahr- genommen.“ Ist ADHS also zum Teil eine Modeerscheinung der Psychiatrie, ein Spiegel unserer leistungsorientierten Gesellschaft? „Natürlich gibt es in der Psych- iatrie genauso Moden wie überall sonst“, ist sich Hochgatterer sicher. „Die Frage ist: Welches Verhalten wird in einer Gesellschaft gerade besonders wahrgenom- men, weil es an Dingen rüttelt, die für diese Gesellschaft zentral sind?“

Laut dem Kinder- und Jugendpsychiater ist das vor allem die Selbstkontrolle und -

organisation. „Wir leben in einer Gesellschaft, die von uns ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fordert, an Ruhebewahren und Selbstregulation. ADHS ist ein Störungsbild, das genau diese Dinge infrage stellt.“ Die Gesellschaftsstruktur hat also gewissen Einfluss darauf, was als krankhaft gilt und was nicht. Dass es ADHS gibt und dass es behandelt werden sollte, daran besteht für Hochgatterer kein Zweifel. Seiner Meinung nach werde es jedoch manchmal zu leichtfertig diagnostiziert, es sei weitaus weniger häufig als angenommen. Die Diagnose sollte immer nach offiziellen Kriterien gestellt werden. Ob- wohl das auch der Hausarzt tun kann, sollte bei Verdacht auf ADHS immer ein spezialisierter Facharzt konsultiert werden. Wichtig ist auch, dass in die Diagnostik mehrere Menschen mit einbezogen werden, die das betroffene Kind in verschiede- nen Situationen erleben. Das wären zum Beispiel die Eltern, die Lehrkräfte oder Kindergärtner und vielleicht auch Freunde. „Dadurch stellen wir sicher, dass nicht nur die überforderte Mutter, die nicht mehr weiß, was sie tun soll, in Verzweiflung einen Fragebogen ausfüllt und ihre Aussagen dann als gegeben hingenommen werden“, so Hochgatterer. Umgekehrt ver- hält sich das Kind vielleicht auch nur in der Schule auffällig, weil es mit Lehrern oder Mitschülern Probleme gibt, und zuhause ist alles in Ordnung. Um die Diagnose ADHS zu stellen, müssen die Symptome deshalb in mindestens zwei Lebensbereichen – also zum Beispiel Schule und Zuhause – vorhanden sein. Die Grenze zwischen einer lebhaften Persön- lichkeit und krankhaftem Verhalten ist – wie oft in der Psychiatrie – fließend. Um als Störung zu gelten, darf das auffällige Verhalten nicht dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen und muss zu erheblichen Beeinträchtigungen im sozialen und schulischen Leben führen. Der springende Punkt ist also der Leidensdruck. „Wenn ein Kind das Vollbild eines ADHS zeigt, kann man davon ausgehen, dass es an irgendeinem Punkt seines Lebens seine Bezugspersonen überfordert und dann ist das System behandlungsbedürftig“, fasst Hochgatterer zusammen.


Wissen macht gelassen

Der Leidensdruck entsteht im Falle des ADHS aber selten beim betroffenen Kind selbst, sondern in sei- nem Umfeld. Würde man Philipp nach seinem Befinden fragen, er würde sagen, es gehe ihm prima. Bis auf den ständigen Tadel natürlich. Ob professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, hängt also im- mer auch von der Belastbarkeit der Bezugspersonen ab. Die ist manchmal höher und manchmal niedri- ger. Hochgatterer warnt Eltern jedoch davor, die eigene seelische Gesundheit zu vernachlässigen. „El- tern, die sich selbst überlasten, tun ihrem Kind damit nichts Gutes“, betont der Psychiater. „Es ist ganz wichtig, die Belastung zu teilen, ansonsten kann das schnell zum Burnout führen.“

Ihr Sohn hatte gerade die Diagnose ADHS bekommen, trotzdem verließen die Eltern unseres kleinen Pa- tienten Philipp die Praxis des Kinderpsychiaters mit einer gewissen Erleichterung. Zu wissen, womit sie es zu tun haben, das Problem beim Namen nennen zu können, macht schon vieles leichter. Information ist für Hochgatterer sogar der wichtigste Schritt in der Behandlung. „Die Eltern müssen wissen, welche Schwierigkeiten zu erwarten sind und wie sich das Störungsbild ihres Kindes weiterentwickeln kann. Auf- geklärte Eltern gehen mit den Kindern viel gelassener um und das erzeugt positive Spiralen“, meint der Psychiater. Medikamente wie Ritalin gehören zur Behandlung, sie sollten aber nur ein Teil davon sein. „Eine ADHS-Therapie besteht nie ausschließlich aus einem Medikament“, betont der Experte. Der Wirk- stoff Methylphenidat, der sich hinter bekannten Präparaten wie Ritalin oder Concerta verbirgt, wird am häufigsten verschrieben und gilt als Suchtgift. Ein eindeutiges Signal, sorgsam und bedacht damit umzu- gehen, denn wie jedes Medikament hat auch Methylphenidat Nebenwirkungen. Auch Philipp kennt sie. Oft hat er Schwierigkeiten einzuschlafen, der Appetit ist nicht mehr so groß wie früher. Seine Eltern beob- achten diese Veränderungen genau. Sollten sie stärker werden, werden sie mit ihrem Arzt ein anderes Medikament ausprobieren.

Trotzdem läuft für Philipp jetzt einiges besser. In der Schule bekommt er gute Noten, er wird für seine or- dentlichen Hausaufgaben gelobt und auch das Dividieren fällt ihm leichter. Die Familie trifft sich nun re- gelmäßig mit einer Therapeutin, mit der sie die Probleme des Alltags bespricht. Außerdem geht Philipp zur Nachhilfe und zum Fußball, wo er so wild und laut sein darf, wie er möchte. In der Familie gibt es we- niger Streit, Philipps Eltern sind nun entspannter. Eine Zeit lang werden sie es mit den Medikamenten probieren, in der Hoffnung, diese irgendwann, wenn Philipp älter wird, zu reduzieren und schließlich ganz weglassen zu können. Wir wünschen dem kleinen ADHS-Patienten jedenfalls alles Gute – auch wenn er frei erfunden ist.



JANA MEIXNER

Universitätsklinikum Tulln

Alter Ziegelweg 10

3430 Tulln

Tel.: 02272/9004-0

www.tulln.lknoe.at

WANN SOLLTE MAN AN ADHS DENKEN?

Das Kind:

+ ist unaufmerksam und leicht ablenkbar.

+ ist ständig in Bewegung und unfähig, sich ruhig zu beschäftigen.

+ verhält sich riskant und verletzt sich öfter als seine Altersgenossen.

+ stört den Unterricht, kann Fristen nicht einhalten und Verhaltensregeln nicht befolgen.

+ verliert oder vergisst andauernd Schulsachen und Hausaufgaben.

+ macht viele Flüchtigkeitsfehler und ist vergesslich.

+ bringt angefangene Aufgaben nicht zu Ende.

+ kann nicht warten, bis es an der Reihe ist und unterbricht andere häufig.

+ redet ununterbrochen und ohne vorher nachzudenken.


Sind diese Probleme stark ausgeprägt, nicht altersentsprechend und führen in

Schul- und Sozialleben zu Beeinträchtigungen, sollten Bezugspersonen an ein

mögliches ADHS denken.


Oft leidet nicht

das Kind, sondern

die Bezugsperson

am meisten

unter der

Störung ADHS.

Häufig zeigen die

Eltern ähnliche

Symptome, ohne

je eine Diagnose

bekommen zu

haben.

GESUND&LEBEN- Autorin Dr. Jana Meixner hat Medizin

studiert und sich in ihrer Diplomarbeit mit ADHS beschäftigt.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2017