VOLKSKRANKHEITEN I HAUT

Unerträgliches

Jucken

Die Nesselsucht belastet viele Menschen. Moderne Therapien helfen.

FOTO: fotolia/ miamariam

Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger, Leiter der Klinis- chen Abteilung für Haut- und Geschlecht- skrankheiten am Universitätsklinikum

St. Pölten

Sie kommen aus heiterem Himmel. Spontan und unangekündigt. Und sie können die Lebensqualität enorm beein- trächtigen: Die Rede ist von den juckenden Quaddeln, der Nesselsucht, die ihre Spuren nicht nur an der Haut, son- dern auch an der Seele von Betroffenen hinterlässt. Jeder Vierte hat in seinem Leben schon Bekanntschaft mit den lästigen Quaddeln gemacht, die Mediziner als Urtikaria bezeichnen. Nesselsucht heißt sie landläufig, weil die Hautir- ritationen ein ähnlich juckendes Gefühl wie Brennnesseln oder Insektenstiche hervorrufen. Üblicherweise vergehen die Beschwerden einer akuten Urtikaria nach ein paar Tagen und kommen nicht wieder.

Handelt es sich allerdings um eine chronisch spontane Urtikaria, dauern die Beschwerden über Monate an und kön- nen auch jahrzehntelang immer wieder auftreten. Quaddeln sind oberflächliche, tastbare Schwellungen der Haut. Meist sind sie von einer Rötung umgeben und jucken und brennen. Sie bilden sich nach einiger Zeit zurück. Wenn man nicht zu stark kratzt, bleiben keine sichtbaren Spuren zurück. Bis zu zwei Drittel der Betroffenen entwickeln dazu auch noch schmerzende tieferliegende, größere Schwellungen, sogenannte Angioödeme, die bis zu drei Tage bestehen bleiben können. Alles in allem eine zwar nicht lebensbedrohliche, doch sehr belastende Erkrankung.


Was passiert in der Haut?

Was genau während eines Urtikaria-Schubes passiert, erklärt die Patientenleitlinie vom Urticariaday 2017 so: „Quad- deln und Angioödeme entstehen, wenn spezielle Zellen der Haut, die sogenannten Mastzellen, aktiv werden. Mast- zellen sind die ‚Feuerwehr‘ oder die ‚Grenzpolizei‘ des menschlichen Körpers. Sie sind besonders häufig dort anzu- treffen, wo wir mit unserer Umwelt im unmittelbaren Kontakt stehen, also neben der Haut auch in den Schleimhäuten des Magen-Darm-Traktes und den Atemwegen. Hier erfüllen sie für den Körper lebenswichtige Funktionen: Sie er- kennen Bakterien und Parasiten und machen diese unschädlich. Bei der Urtikaria jedoch werden die Mastzellen ohne eigentliche Bedrohung von außen aktiviert. Es kommt zur Freisetzung von Entzündungsstoffen, zum Beispiel Histamin, und damit zu einer Erweiterung der Blutgefäße der Haut mit nachfolgender Schwellung und Rötung der Haut sowie Juckreiz.“


Ursachen ungeklärt

Über die Ursachen liegen derzeit nur Annahmen vor, doch keine gesicherten Untersuchungen. So können Kälte- oder Wärmereize, Druck, Licht, Nahrungsmittel, Medikamente und vieles andere daran beteiligt sein. Sogar Sport kann einen Schub auslösen. „Für die Betroffenen ist die Ursachenforschung sekundär, hier geht es in erster Linie darum, die Lebensqualität wiederherzustellen. Ziel dabei ist eine Symptomfreiheit zu erreichen“, erläutert Prim. Univ.-Prof. Dr. Franz Trautinger, Leiter der Klinischen Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten am Universi- tätsklinikum St. Pölten.

Auch wenn keine belegten Ursachen für die Erkrankung feststehen – der Krankheitsmechanismus ist bekannt. Es handelt sich bei der akuten chronischen Urtikaria zwar um eine Art Überempfindlichkeitsreaktion, allerdings nur sel- ten um eine Allergie. Eine Allergie läge vor, wenn ein allergiespezifischer Antikörper (Immunglobulin E, IgE) mit betei- ligt wäre, das ist bei der Erkrankung jedoch meistens nicht der Fall. Andererseits weiß die Medizin, dass nicht nur Nahrungsmittel oder Medikamente, sondern auch das Immunsystem mithilfe von „normalen“ IgE-Antikörpern die Mastzellen dazu anregen kann, Histamin auszuschütten. Die Folgen sind zwar ähnliche Symptome wie bei einer All- ergie, jedoch keine Allergie im medizinischen Verständnis.


Gut diagnostizierbar

„Betroffene können oft schwer damit umgehen, dass es für die Erkrankung keine fassbaren Ursachen gibt – die Fol- ge ist, dass sie eine Reihe an Untersuchungen und Labortests durchlaufen, die kein Ergebnis bringen. Eine chro- nisch spontane Urtikaria ist durch eine klinische Untersuchung fast immer eindeutig erkennbar, meist ist keine Diffe- renzialdiagnose erforderlich“, erklärt Trautinger. Ausnahmen sind freilich, wenn andere Beschwerden hinzukommen, wie Gelenksschmerzen – in dem Fall wäre eine Untersuchung angebracht, die Rheuma ausschließt. Und wenn Atembeschwerden vorliegen, sollte eine Lungenuntersuchung zusätzlich erfolgen. Ob es weiterführender Untersu- chungen bedarf, ergibt sich also aus den Beschwerden und der Vorgeschichte des Betroffenen.


Neue Therapie-Leitlinie

Gute Nachrichten gibt es zur Behandlung: Gemäß den neuen Guidelines ist die Therapie der Wahl eine Behandlung mit Antihistaminika und später mit dem Wirkstoff Omalizumab, sagt Trautinger: „Antihistaminika nimmt man als Ta- bletten ein, sie sind gut verträglich. Etwa 50 Prozent der Betroffenen sprechen auf die Behandlung an.“ Während in den bisherigen Empfehlungen die Behandlung mit Omalizumab, dem derzeit wirksamsten Medikament für diese Er- krankung, erst nach Versagen aller anderen Alternativen vorgesehen war, soll nach den neuesten Leitlinien, die im Frühling veröffentlicht werden sollen, bereits früher mit dieser Substanz behandelt werden, wenn der Patient nicht ausreichend auf Antihistaminika anspricht. Trautinger hat inzwischen Erfahrung mit dem Wirkstoff gemacht, der ein- mal monatlich unter die Haut gespritzt wird: „Die Ansprechraten sind sehr gut, Nebenwirkungen konnten wir bisher keine beobachten.“ Bei äußerst starken Schüben ist nach wie vor eine Therapie mit Kortison die erste Wahl. „Diese Therapie ist jedoch wegen der Nebenwirkungen keine geeignete Langzeittherapie, sondern sollte lediglich über we- nige Tage angewendet werden“, sagt Trautinger.


Spannender Mechanismus

Dass der Wirkstoff Omalizumab bei chronisch spontaner Urtikaria wirksam ist, hat erst ein Zufall gezeigt, denn ur- sprünglich wurde er zur Behandlung schwerer Asthmaerkrankungen entwickelt. Dabei handelt es sich um ein „Biolo- gical“, einen künstlich hergestellten Eiweißstoff, der in seiner Funktion als Antikörper gegen das Eiweiß IgE wirksam ist. Während Antihistaminika die Histamin-Ausschüttung blockieren, setzt die Wirkung des IgE-Antikörpers bereits bei den Mastzellen an. Der Antikörper fängt und neutralisiert das IgE-Eiweiß, sodass die Mastzellen in ihrer Aktivität gehemmt werden und kein Signal zur Histamin-Ausschüttung aussenden.

Selbst wenn für die Medizin noch viele Ursachen im Dunkeln liegen – die neuen Therapie-Leitlinien versprechen Le- bensqualität für viele Betroffene.


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2017