SICHER WOHNEN

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Konzentriertes Lesen an der Tafel und das Lösen von kniffligen

Aufgaben verlangen dem kindlichen Auge einiges ab. Es braucht

immer wieder Pausen – am besten in Form von Bewegung und Spaß in der freien Natur.

Die Buchstaben, die die Lehrerin an die Tafel schreibt, sind verschwommen. Schreibt sie kleiner als sonst? Am Nachhauseweg ist wieder alles in Ordnung, bis nach der Hausübung die liebste Zeichen- trickserie im Fernsehen läuft. Dasselbe Problem wie in der Schule: Irgendwie ist heute wieder alles klei- ner und verschwommen. Das Kind wandert immer näher an das Gerät heran, bis es schließlich vor dem Fernseher steht. Die Eltern sind alarmiert: Sieht unser Kind etwa schlecht? Braucht es eine Brille? Ein Klassiker in heimischen Wohnzimmern, denn immer mehr Kinder leiden an einer Sehschwäche. Woran liegt es?


Kurzsichtigkeit nimmt stark zu

Noch vor 30 Jahren war vor allem das Schielen ein weit verbreitetes Problem. Mangels Früherkennung half oft nur mehr eine Operation. Viel häufiger als unter der heute oft diagnostizierten Kurzsichtigkeit lit- ten Kinder unter Weitsichtigkeit. Sehschwächen, die dank verpflichtender Untersuchungen seither viel seltener sind, sagt Dr. Peter Niederreiter, Facharzt für Augenheilkunde in Waidhofen/Ybbs: „In den 80er Jahren gab es viel mehr schielende Kinder und spät entdeckte Sehfehler. Heute sind Kinder viel früher

in der Obhut erfahrener Ärzte und bekommen eine gute Behandlung.“ Heute nimmt die Kurzsichtigkeit stark zu. In manchen Ländern wie Korea oder China tragen 90 Prozent der Menschen eine Brille. In Österreich stieg die Anzahl der Brillenträger von 50 Prozent in den 80er Jahren auf bis zu 70 Prozent an. Der Grund: der Lebenswandel der Menschen.


Entwicklung des Auges

Beinahe alle Eltern kennen das: Kaum liegt irgendwo im Haus ein Handy oder Tablet, wird darauf herumgedrückt. Selbst im Kleinkindalter fasziniert dieses leuchtende Gerät. Im Kindergarten- und Schulalter wird es dann so richtig interessant: Die Kin- der streamen Videos, spielen auf der Konsole und verfolgen zwischendurch ihre liebste Serie am Fernseher. Immer mehr Zeit verbringen die Kids vor den Bildschirmen, Zeit, in der die Augen gebannt aus nächster Nähe auf ein Gerät starren. Dieses konzentrierte Schauen strengt den Muskel an und lässt ihn verkrampfen – was zu Kurzsichtigkeit führen kann. Bei Teenagern, die sich viel mit dem Handy beschäftigen, lässt sich die Auswirkung beobachten: Halten sie das Handy in der rechten Hand, schauen sie auch mit dem rechten Auge besonders konzentriert hin. Dieses Auge ist es dann oft, das unter einem Sehfehler leidet.


Sehschwächen vorbeugen

Im Vergleich zum bläulichen Licht des Bildschirms hilft Sonnenlicht dem Auge dabei, sich gesund zu entwickeln. Doch viele Kinder und Jugendliche verbringen zu wenig Zeit im Freien. Der Blick über die Landschaft, in den Himmel und zum Zaun des Nachbarn hilft dem Auge, sich zu entspannen und zu regenerieren. Deshalb rät Augenarzt Niederreiter: „Ein bis zwei Stunden im Freien haben einen positiven Effekt auf die Sehleistung. Selbst wenn das Kind bereits kurzsichtig ist, verbessert sich da- durch das Sehen.“ Kinder sollten nach der Schule draußen spielen und erst dann mit der Hausübung beginnen.


Folgewirkungen

Wichtig ist, dass die Eltern als Vorbild fungieren: Wenn der Papa von der Arbeit nach Hause kommt und gleich am Tablet han- tiert, ist das kontraproduktiv. Besser ist es, wenn er gemeinsam mit dem Kind durch den Garten tobt. Auch zu langes Lesen im Buch strengt das Auge an. Nach einer Stunde sollte das Kind pausieren; am Abend kann es dann wieder schmökern.

Wie wichtig das verantwortungsvolle Nutzen der elektronischen Medien ist, ist vielen nicht bewusst: „Kurzsichtigkeit hat nicht nur die Brille zur Folge. Es entstehen viele Folgeerkrankungen wie Netzhautablösungen und Durchblutungsstörungen am Seh- nerv. Was in der Jugend entsteht, hat Auswirkungen im Alter. Deshalb ist es wichtig, die Dioptrien erst gar nicht so hoch wer- den zu lassen und so die Spätfolgen zu reduzieren“, erklärt Niederreiter.

Durch Suchspiele oder Beobachtungen im Alltag finden Eltern schnell heraus, ob das Kind an einem Sehfehler leidet. Ein Au- genarzt klärt es ab. Doch auch wenn die Brille dann auf der Nase sitzt, ist das noch lange kein Grund, sie immer zu tragen, sagt Niederreiter: „Ich sage oft zu dem Kind: Geh raus und genieße das Verschwommene. Denke über die Zukunft nach und träume vor dich hin. Durch die Kurzsichtigkeit nimmt das Kind die Welt als Farbtupfer wahr – das regt die Fantasie an.“


Weitsichtigkeit schwer erkennbar

Im Vergleich zur Kurzsichtigkeit fällt es Eltern schwerer, Weitsichtigkeit beim Kind zu entdecken. Es sieht jede Mücke in der Ferne, das Lesen und Schreiben in der Schule kann aber zum Problem werden: Durch die fehlende Sehschärfe in unmittelba- rer Nähe ist es viel anstrengender, Wörter zu lesen und richtig zu schreiben. Das Kind macht viele Fehler und wird durch das angestrengte Sehen schneller müde. Dass hinter einem solchen Verhalten nicht einfach ein übermüdetes Kind steckt, fällt El- tern nicht sofort auf – der Gang zum Augenarzt ist daher in jedem Fall ratsam, sagt Niederreiter. Und noch etwas wird häufig schwer entdeckt: Durch eine Hornhautverkrümmung verwechseln Kinder immer wieder Buchstaben und Zahlen und werden manchmal fälschlicherweise als Legastheniker eingestuft. Mit der richtigen Brille kann das Kind wieder normal lesen und rech- nen.


Welt auf eigene Faust entdecken

Ein Phänomen, das sich bei Erwachsenen wie bei Kindern beobachten lässt, ist, dass sich die Sehleistung des Auges im Ur- laub und in der Natur verbessert: Der Muskel entspannt sich, wenn statt Hausaufgaben Toben und Entspannen im Grünen auf dem Programm stehen. Ein bis zwei Stunden täglich in der frischen Luft bewirken sehr viel, ist sich Niederreiter sicher. Beson- ders in kritischen Wachstumsphasen im Alter von acht und zwölf Jahren sollten Eltern den Bildschirmkonsum ihres Nachwuch- ses reduzieren. Bewegung vor der Hausübung, Handy und Tablet so wenig wie möglich nutzen helfen dabei, dass sich die Augen des Kindes gesund entwickeln. 


Daniela Rittmannsberger

Dr. Peter Niederreiter, Facharzt für Augenheilkunde in Waid- hofen/Ybbs

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 08/2017