BEWEGTE KLASSE

FotoS: Philipp Monihart

Beschwingt & bewegt

In der Pause radeln, Rechenergebnisse stampfen oder jonglieren: Das Pilotprojekt »Be- wegte Klasse macht Schule« bringt mehr Schwung in den Schultag.

Idyllisch liegt Altenmarkt an der Triesting zwischen Wäldern und Hügeln mitten im Wienerwald. Hügelig ist auch der Schul- garten der kleinen Volksschule, die Kinder klettern in der Pause die steile Böschung hoch, um bei den Sträuchern und Bäumen zu spielen. Im Schulgebäude ist ähnliche Kreativität gefragt: Das alte Haus bietet wenig Platz, um ein Mehr an Be- wegung im Schulalltag zu integrieren. Ein Grund mehr für Direktorin Elisabeth Pfalz und ihr Team, sich für »Bewegte Klasse macht Schule« der Initiative »Tut gut!« zu bewerben. Dieses Pilotprojekt soll die bewährte »Bewegte Klasse« auf die ge- samte Schule ausweiten und dafür sorgen, dass mehr Bewegung im Schulalltag selbstverständlich wird. Im September 2015 starteten sechs Schulen, auch Altenmarkt an der Triesting wurde ausgewählt. Mit einer eigenen Betreuerin an der Seite lud die Schule Pädagogen, Kinder und Eltern zur Bewegungskonferenz. Sie gestalteten Poster mit ihren Anliegen: Eine Wiese zum Austoben, ein Rückzugsort in der Schule, ein Heimtrainer und bequemere Sessel standen auf der Wunschliste. Und natürlich die Gestaltung des Gartens, der nur aus einer steilen Wiese besteht. Viel zu tun für eine kleine Schule, die sich ins Zeug legte. Und bewiesen hat: Wenn alle zusammenhelfen, lässt sich sehr viel erreichen.


Bewegt durch die Pause

Zwei Jahre später sitzen die Kinder auf neuen ergonomischen Sesseln. Fixe Pausenzeiten gibt es nicht mehr. Und in den Pausen geht es in der Altenmarkter Schule rund: In Kisten gibt es Sportgeräte wie Springschnüre, Balanciergeräte oder Jonglierbälle, mit denen die Kids ganz nebenbei auch ihr Gehirn trainieren. Vor der Türe der dritten Klasse steht ein Heim- trainer, den jemand gespendet hat. Schnell schwingt sich eine Schülerin auf den Sattel und radelt ihre überschüssige En- ergie heraus. Manche Kinder suchen statt der Bewegung eine Rückzugsmöglichkeit – ein großer Wunsch bei der Bewe- gungskonferenz. Von Liegen und Matten war die Rede. Und dass die Bühne im Turnsaal ein geeigneter Platz wäre. Die ist nun ein Rückzugsort, durch einen Vorhang vom Turnsaal getrennt, mit Hängesesseln und Liegen. Denn manchmal tut es gut, einfach nichts zu tun, zu schaukeln und ruhig zu werden. In der Ecke gibt es einen Boxsack, Paul boxt immer wieder, er gehört zu den aufgeweckteren Burschen und stellt seine Kraft gerne unter Beweis. Mitten im Raum steht ein Spielpferd, das die Mädels begeistert. Sie klettern darauf herum, striegeln es und spielen damit.

All diese Angebote in Altenmarkt passen genau in das Konzept der »Bewegten Klasse macht Schule«: Bewegungspausen sollen in den Schulalltag integriert werden. Und auch der Unterricht wird bewegter: Die 1a-Klasse startet mit einem tägli- chen Morgenlied samt Bewegungen. Beim Kopfrechnen stampfen die Kinder das Ergebnis. Ebenso lassen sich Buchsta- ben mit dem Körper darstellen. So erarbeiten sich die Tafelklassler in Freiarbeit an Bewegungstationen Lerninhalte. Und die zweite Klasse lernt neue Lernwörter spielerisch in Form eines Laufdiktates. „Bewegung ist eine der wesentlichen Vor- aussetzungen für eine gesunde körperliche, geistige und seelische Entwicklung. Wenn in einer Schule Bewegungsaktivitä- ten unterstützt und gefördert werden, hat diese auch positive Auswirkungen auf die Lern- und Leistungsfähigkeit“, sagt Projektleiterin Mag. Alexandra Benn-Ibler.


60 Minuten am Tag

Bewegung, die den Puls in die Höhe treibt und den Schweiß ins Gesicht bringt, ist unbedingt notwendig – laut der österreichischen Bewegungsempfehlung für Kinder und Jugendliche. Sie sollen sich jeden Tag mindestens 60 Minuten lang in mittlerer Intensi- tät bewegen – das heißt so intensiv, dass Sprechen noch möglich ist, singen aber nicht mehr. Wichtig ist auch, die großen Muskelgruppen des Körpers zu trainieren. Muskelkräftigend sind etwa Kniebeugen und Liegestütz, knochenstärkend das Laufen und Hüpfen. Und wenn eine sitzende Tätigkeit länger als 60 Minuten andauert, sollte sie von kurzen Be- wegungseinheiten unterbrochen werden. Wochen- tags funktioniert das ganz gut, an den Wochenen- den eher nicht – das zeigen Aufzeichnungen von Schrittmessern. In der Volksschule Altenmarkt ist noch nicht alles getan: Der äußerst steile Garten wird in naher Zukunft gestaltet, die Kinder wün- schen sich eine Schaukel, eine Rutsche und einen Kletterturm. Doch auch jetzt finden die

Kinder immer etwas, womit sie kreativ sein können. Sie klettern die Bäume am Rande des hügeligen Gartens hinauf, die Blumen und Gräser verarbeiten sie in alten Kochtöpfen. Ein Mädchen mischt einen Salat aus Löwenzahn, Gräser und Blumen, die Kinder „verkosten“ begeistert. Um den Schülern zusätzlich zum hügeligen Schulgarten eine Möglichkeit zum Austoben zu bieten, fanden Gemeinde und Schule eine Lösung: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es eine Wiese. Im Turnunter- richt gehen die Pädagoginnen mit den Kindern hinüber; vor allem Fußball steht hoch im Kurs. Ausge- lassen jagen die Kinder dem Ball nach, der immer öfter im Tor landet.

Die Pilotphase »Bewegte Klasse macht Schule« läuft noch bis Juni 2018. In Altenmarkt herrscht im ganzen Schulgebäude eine beschwingte Atmosphäre – die neuen Möglichkeiten, sich während der Schulstunden und Pausen zu bewegen, tun Kindern wie Lehrpersonal gut. So ist es auch in anderen Pilot-schulen: In der Volksschule Pfaffenschlag wurde gemeinsam ein neuer Schulgarten angelegt, die Pädagoginnen bekamen neue Schreibtischsessel und die Kinder bewegen sich am Vormittag sehr viel – nicht verwunderlich, dass die Schule bei sportlichen Wettbewerben oft als Sieger her- vorgeht. In Groß Gerungs hat sich die Einstellung der Lehrkräfte zum Thema Bewegung geändert: Die Rhythmisierung der Pausen setzt die Schule bereits um, die Rückzugsinsel ist fix geplant. Und in

der Volksschule Leobendorf schwingt seit zwei Jah- ren das Thema Bewegung im Schulalltag mit – ob bei der Gestaltung des Außenbereichs, in der be- wegten Pause oder beim Abschlussfest.


Miteinander ans Ziel

Dieses Mitschwingen von Bewegung ist es, was das Projekt »Bewegte Klasse macht Schule« errei- chen möchte. Täglich 60 Minuten Bewegung sollen in den Schulalltag integriert und mit der Zeit ganz selbstverständlich sein. Dass Kinder dankbar und neugierig sind, wenn ihnen Gelegenheiten zum Austoben und Bewegen geboten werden, zeigt der Besuch in Altenmarkt. Klar ist: Um den Kindern ei- nen Schulalltag mit mehr Bewegung zu ermögli- chen, müssen alle an einem Strang ziehen – Schu- le, Eltern und Gemeinde. Dieses Miteinander funk- tioniere bestens, strahlt die Altenmarkter Direktorin. Und es führt zu einem bewegteren Leben in und um die Schule.


Daniela Rittmannsberger

Ob Fußball oder Klettern: In den Pausen toben sich die Kinder der Altenmarkter Volksschule so richtig aus.

Mag. Alexandra Benn-Ibler, MAS, Bewe- gungsexpertin der Initiative »Tut gut!«.

In der „Entspannungshöhle“ kommen die Kinder zur Ruhe und schöpfen Kraft für intensive Unterrichtsstunden.

In der „Entspannungshöhle“ kommen die Kinder zur Ruhe und schöpfen Kraft für intensive Unterrichtsstunden.

In der „Entspannungshöhle“ kommen die Kinder zur Ruhe und schöpfen Kraft für intensive Unterrichtsstunden.

»Bewegte Klasse

macht Schule«

Pilotschulen:

-VS Altenmarkt an der Triest- ing

-VS Groß Gerungs

-VS Leobendorf

-VS Pfaffenschlag

Tipps für die Hausaufgaben


Bewegung unterstützt die Entwicklung des Kindes – und das Lernen. Und das kann man auch zu Hause nützen: Bei einem Lesespaziergang liest das Kind der Mama oder dem Papa im Gehen ei- nen Text vor oder erzählt den Eltern beim Herumspazieren, was es eben gelesen hat. So festigt es das Gelesene. Zur Abwechslung lernen Kinder auch einmal gerne an einem anderen Ort – unter einem schattigen Baum oder auf der Couch. Für bewegte Pausen gehen Eltern am besten mit gu- tem Beispiel voran: ein Hüpfspiel auf der Treppe, ein bisschen Ball spielen usw. Gemeinsame Be- wegung macht mehr Spaß und sorgt dafür, dass das Lernen im Anschluss besser klappt

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 08/2017