GESUND LEBEN & WOHL FÜHLEN - ERHOLUNG

Vom Luxus der

Erholung

Sich zu erholen ist gar nicht so einfach. Muße und sich aktiv entspannen ist eine gute Formel dafür – und die sollte uns nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag am Herzen liegen.

Jetzt beginnen sie wieder – die Wochen, die viele als die schönsten des Jahres sehen – Zeit, aufzubrechen, um den Alltag hinter sich zu lassen, so richtig Urlaub zu machen und die vom Stress geplagte Seele bau- meln zu lassen. Regeneration ist angesagt. Zurecht, denn tatsächlich ist das Recht auf Erholung, Freizeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub sogar nach Arti- kel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrech- te ein elementares Recht. Es sollte uns erlauben, ver- brauch-

te Kräfte zurückzugewinnen, um danach wieder voller Tatkraft das tun zu können, was wir tun müssen oder wollen. Doch schon Lau- rence Sterne, der große englische Humorist des 18. Jahrhunderts, wusste: „Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr wie bei der Jagd nach Erholung.“


Muße ist keine verlorene Zeit

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, so liegt es vielleicht daran, dass Sie – wie die meisten Menschen – falsche Vorstellungen davon ha- ben, was Erholung eigentlich ist. Das beginnt damit, dass wir dazu neigen, die Zeit des Loslassens fast ausschließlich mit dem großen Urlaub zu verbinden. Ein Fehler, sagt der Klinische und Gesundheitspsychologe Dr. Norman Schmid aus St. Pölten: „Wer nur darauf setzt, im Sommerurlaub endlich wieder jene Kräfte tanken zu können, die während des stressigen Alltags verbraucht werden, wird das auf Dauer nicht gut durchhalten. Erholung brauchen wir immer wieder – auch und gerade im Alltag.“ Schmid weiß, dass auf fast alle von uns zahlreiche berufliche und familiäre Anforderungen einstürmen. Und dass viele von uns dem auch noch mit großem Eigenengage- ment begegnen, sodass die Erholung oft auf der Strecke bleibt. Hinzu kommt, dass wir die Zeiten der Entspannung, die wir brauchen, allzu häufig als „verlorene“, weil vermeintlich unproduktive Phasen betrachten – etwas, das uns in dieser Welt der rastlosen Tätigkeit scheinbar nicht „weiterbringt“.


Eigene Lösung suchen

So ist es kein Wunder, dass wir oft müde, energielos, ausgelaugt oder nervös, angespannt, unkonzentriert und gereizt – mit einem Wort erholungsbedürftig – sind. Was hilft? „Regelmäßiges Entspannungstraining, das man ganz bewusst in die Freizeit einbauen sollte, und zwar am besten täglich für mindestens zehn Minuten“, empfiehlt Norman Schmid. Was für wen passt – ob Autogenes Training, Progressi-

ve Muskelentspannung, Achtsamkeitsmeditation, Biofeedback – muss man individu- ell herausfiltern. Gut ist, dabei die eigenen Beschwerden und das individuelle Stress- muster zu berücksichtigen. Und sich zu überlegen, was man erreichen will und wel- che Vorlieben und Vorerfahrungen man hat. Klingt irgendwie nach Arbeit und einem weiteren Punkt auf der To-do-Liste. Schmid winkt ab: „Tut man das, wird man nicht nur das Passende finden, sondern auch eine gute Motivation für das regelmäßige Üben aufbringen. Damit hat man im Sinne der Alltagserholung schon sehr viel er- reicht“, sagt der Psychologe.


Mut zur Lücke

Schmid rät, Pausen als probates Mittel zur raschen Erholung zu nützen. Mut zur Lü- cke ist das Motto, und das auch im Job. Denn wir brauchen Unterbrechungen, um den ganzen Tag über die Anforderungen, die an uns gestellt werden, bewältigen zu können. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass sogenannte Mikro- pausen – also Pausen von einigen Sekunden bis wenigen Minuten – Stress abbauen, Denkblockaden lösen, die Konzentrationsfähigkeit steigern und dabei helfen, kurz abzuschalten.

Hilfreich sind zudem kleine Rituale über den Tag verteilt. Das kann etwa eine kurze Pause mit einem Obstfrühstück am Vormittag sein, eine kleine Teepause am Nachmit- tag oder ein Rundgang im Garten – etwas, das es erlaubt, sich zwischendurch mit etwas ganz anderem zu beschäftigen als mit dem, das den Kopf sonst füllt.

Oft gelingt das ganz hervorragend mit körperlicher Aktivität, denn Erholung ist nicht ausschließlich Muße, sondern hat auch viel damit zu tun, dass man sich selbst aktiv einbringt. Das Abschalten gelingt für viele Menschen umso besser, je

FOTO: ISTOCKPHOTO/ ARTMARIE

Auf die Frage „Wie geht Erholung?“ gibt es für mich die Antwort: Nordsee. Egal ob Norddeutschland, Dänemark oder Norwegen – stundenlange Spaziergänge an der Nordsee sind für mich Erholung pur. Wenn die Nordsee rau und tobend ist, mag ich sie besonders. Dann zeigt sie uns, wie faszinierend und gewaltig die Natur ist und wie klein wir Menschen und un- sere Probleme manchmal sind!

Barbara Tobolka-Mares, Waidhofen/Thaya

Urlaub am Berg und dazu der Sonnenschein bringt Freude in die Herzen der Menschen hinein. Es ist so schön, in Österreich auf Reisen zu gehen und die herrliche Gegend zu bewundern und zu sehen. Ein Urlaub in unseren Bergen ist natürlich der Hit – da bleiben Körper und Seele fit und tut der Seele gut und bringt für den grauen Alltag neuen Mut!

Maria Knapp, Sieghartskirchen

geforderter sie dabei sind. Joggen Sie doch einmal quer durch den Wald, machen Sie eine Tour mit dem Mountainbike oder ein sportliches Match an der Tischtennisplatte, beim Tennis oder Fußball. Wichtig dabei: Vergessen Sie die Pulsuhr oder den Selbstoptimierungsgedanken, denn sonst sitzen Sie schon wieder in der Falle des Perfektionismus, und damit hat Erholung nichts zu tun.


Neues ausprobieren

Übrigens: Die gesunde Mischung ist auch beim Thema Regeneration ein heißer Tipp, und Neues lernen ein weiteres Thema. „Wer gewohnt ist, sich in Aktivität zu erholen, sollte auch lernen, sich in Ruhe zu entspannen und umgekehrt“, sagt Norman Schmid. Dass Gewohnheit nicht alles ist, gilt auch für den Urlaub. So gibt das immergleiche Strandhotel in Kroatien zwar Sicherheit, aber es geht auch darum, immer wieder einmal etwas Neues auszuprobieren – denn wir alle brauchen geistige Nahrung durch neue Impulse, um den Kopf wirklich frei zu bekommen. Stichwort Urlaub: Den sollten Sie möglichst nach dem Motto „Wer Zeit hat, ist der wahre König“ angehen. Vergessen Sie also die stressige Ab- fahrt am ersten Ferientag mit durchgehender Autofahrt ans Ziel Ihrer Träume, das schnelle Abklappern aller Sehenswürdigkeiten, und vor allem den Drang, in die kostbarsten Wochen des Jahres möglichst viel hineinpacken zu wollen. „Muße ist der schönste Besitz von allen“, sagte Sokrates. Und „Weniger ist mehr“ empfiehlt Psychologe Schmid, der dazu rät, gerade im Urlaub mindes- tens einen Gang herunterzuschalten und die Langsamkeit zu entdecken. Das bietet vielleicht auch die Möglichkeit, sich besser auf Vorlieben und Stimmun- gen des Partners oder der Kinder einlassen zu können, den eigenen Rhythmus zu verändern, im Hier und Jetzt aufzugehen.


Sind Sie erholt?

Vielleicht schaffen Sie es dann auch besser, die Erholung, die Sie bei Ihrem Fe- rienaufenthalt in fernen oder nahen Gefielden gefunden haben, länger mit in den Alltag zu holen. Nicht unbedingt eine leichte Übung, wenn im Job und zu Hause viel aufzuarbeiten ist, aber gerade nach dem Urlaub gilt: Sich nicht het- zen lassen und die Alltagserholung nicht vergessen! Nehmen Sie sich also Ihre Pausen, nutzen Sie bewusst Zeit zum Regenerieren und Herunterschalten und schaffen Sie sich immer wieder Freiräume.

Ob Sie wirklich gut erholt sind, kann man übrigens nicht nur tatsächlich an At- mung, Puls, Blutdruck usw. messen, Sie selbst bemerken es wahrscheinlich auch daran, dass Sie sich nicht nur entspannt fühlen und leichter gelassen blei- ben, sondern auch kreativ sind, Lust auf Neues haben und aufmerksam und achtsam mit sich selbst und anderen umgehen können. In diesem Sinne: Gute Erholung!


BUCHTIPP

Norman Schmid: Mein Weg

in die Entspannung

Was uns entspannt, ist ebenso individuell wie unsere Persönlichkeit. Ob Atem- training, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Achtsamkeits- Meditation, Imagination, Bio- oder Neurofeedback – Norman Schmid hilft Ih- nen, in vier Schritten herauszufinden, welche dieser Entspannungstechniken Ihre individuellen Stress-Symptome am effektivsten bekämpft. Das Buch bietet auch einen psychologisch geprüften Selbsttest sowie eine Audio-CD mit Übungsanleitungen und Entspannungsmusik

ISBN: 978-3-851759785

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017