FotoS: Imre Antal

Krankenhaus-Seelsorgerin Martha Plößnig, Theologin, Künstlerin und Hobbywinzerin

Seit Jahren sind Palliativstation und Krankenhaus-Seelsorge auf einem gemeinsamen Weg. Bei den interdisziplinären Bespre- chungen auf der Palliativstation ist auch die Krankenhaus-Seelsorgerin dabei- .



Kirche, Kunst & Klinikum

Für Krankenhaus-Seelsorgerin Martha Plößnig haben Kunst und Religion das gleiche Thema: „Man hofft auf das Schöne.“ Die humorvolle Theologin begleitet Patienten, Angehörige und Klinik- Mitarbeitende.

 „Anamnese“ – der Schriftzug am unteren Rand verrät den Titel des zeitgenössischen Kunstwerks, das zwischen den Türen zu den Untersuchungsräumen wenig beachtet wird. Anamnese ist das professionelle Erfragen von möglicherweise relevanten Informationen durch eine Ärztin, einen Arzt. Vor dem Gemälde bleibt die Theologin Martha Plößnig stehen, schwärmt von dessen Ausdruckskraft und den Fragen, die es aufgibt. „Man kann als Theologe nicht Nicht-Künstler sein“, ist sie überzeugt, denn Kunst und Glaube haben für sie das gleiche Thema: „Man hofft auf das Schöne.“

Aufgewachsen in einer kleinen Ortschaft in den Hohen Tauern, hat die geborene Kärntnerin Kirche als wichtigen Kulturträger kennen gelernt: „Es war die Möglichkeit, sich zu entfalten.“ Nach dem Studium in Wien arbeitete die Theologin erst in der Jugendarbeit, dann in der Erwachsenenbildung. Sie hat Projekte für moderne Kunst in Kirchen entwickelt, zur Zeit der Grenzöffnung zu den Län- dern des ehemaligen Ostblocks auch grenzüberschreitend in der Slowakei. Das Thema ist ihr immer noch ein Anliegen. Die Finan- zierung solcher Projekte selbst aufzutreiben liege ihr aber nicht, sagt sie. Als das zunehmend Teil der Arbeit wurde, wandte sie sich neuen Aufgaben zu.


Intimbereich Nachtkästchen

Seit acht Jahren arbeitet Plößnig nun als Krankenhaus-Seelsorgerin am Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf. Wenn sie die Tür der Krankenzimmer öffnet, sagt sie, überschreite sie eine Grenze und betrete den persönlichen „Vorgarten“ der Patienten. Den wei- ßen Klinikmantel hat Plößnig schon vor Jahren abgelegt, um den Patienten besser auf Augenhöhe begegnen zu können. Stattdessen trägt sie ein bunt gemustertes Shirt, die rote Brille ins Haar hochgeschoben, das im Nacken zu seitlich abstehenden Zöpfen zusam- mengefasst ist. Ihr primärer Auftrag als Krankenhaus-Seelsorgerin ist es, Kranke zu besuchen. Am Landesklinikum Mistelbach-Gän- serndorf mit 523 Betten für stationäre Patienten ist Plößnig gemeinsam mit ihrer Kollegin und zwei Priestern für diese Menschen da, für deren Angehörige und für die über 1.500 Mitarbeitenden des Hauses. „Homöopatische Seelsorge“, schmunzelt sie und ergänzt, es seien auch einige ehrenamtliche Mitarbeiter im Besuchsdienst aktiv. Und „nicht alle Patienten wollen von einer Seelsorgerin be- sucht werden.“

Meist sind es Patienten auf der Onkologie oder Chirurgie, auf der Intensiv- oder Palliativstation, zu denen sie gerufen wird. Beson- ders die gute, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Palliativ-Team hebt die Theologin hervor.  Manchmal klopft sie auch ungeru- fen an eine Zimmertür: „Kann ich etwas tun für Sie?“ Ein Grenzgang, der viel Feingefühl braucht. „Im Spital gibt es für Patienten ja kaum einen Intimbereich, außer vielleicht das Nachtkasterl.“


„Es ist nie belanglos“

Sterben sei ein lebenslanger Prozess, der mit der Geburt beginne und den man nicht lernen kann, sagt Plößnig. „Der Tod ist hier prä- sent.“ Dabei geht es Plößnig primär darum, das Leben bewusst zu machen. „Auswendig leben“, zitiert sie die niederösterreichische Musikgruppe „Die Strottern“. In der Nähe des Todes schätzen es viele Menschen, wenn sie im Beisein einer Unbeteiligten dieses Le- ben nochmals ausbreiten und betrachten können.

Die Seelsorgerin spricht von einem „Luxus-Job“, weil ihr dabei so viel Vertrauen entgegengebracht werde. Und in dem sie viel lernen darf, auch über sich selbst: Mit einer Frau hatte sie viele Gespräche geführt, auch über deren Ehe und Ehemann. Wenige Monate nach ihrem Tod kam dieser Mann schwerkrank ins Klinikum, wo Plößnig auch ihn kennenlernte. Die Seelsorgerin schmunzelt beim Er- innern, wie die Gespräche mit ihm ihr Bild der Beziehung auf den Kopf gestellt haben: „Ich bin immer dankbar und beschämt, wenn ich merke, wie viel größer das Leben ist, als mein Bild davon bisher war.“


Humor & Rituale

Für schwierige Situationen vertraut die Theologin auf zwei zusätzliche Hilfsmittel. Auf Humor, um die Schwierigkeiten des Lebens auszuhalten. Und auf den großen Schatz an Ritualen, den die Kirche den Menschen anzubieten hat. „Ein Ritual, das über Worte hin- ausgeht, wirkt und berührt die Menschen“ – es ist wie eine Moderation, die das unfassbare Geschehen zusammenfasst und ihm ei- nen Rahmen gibt, in dem auch Gefühle ihren Raum finden. So ein Ritual kann zum Beispiel nach einem Todesfall für die Hinterbliebe- nen hilfreich sein. Denn Sakramente bleiben einem Priester überlassen, Eucharistiefeier, Beichte und Krankensalbung. So sieht es die katholische Kirche vor. „Meine kämpferische Phase für eine feministische Kirche ist vorbei“, schmunzelt die Theologin.


Zwischen Tür und Angel

Ihr Arbeitszimmer liegt im Haus C oberhalb der Direktion und dient den drei hauptamtlichen Mitarbeitenden als gemeinschaftliches Büro. Tisch und Sessel laden zum Gespräch ein.

Plößnig lacht: „Die Türschwelle ist der wichtigste Ort für seelsorgliche Gespräche.“ Zwischen Tür und Angel wird manches rasch ausgesprochen.

In den Regalen finden sich Bibel, Stundenbuch und ein schweres Kreuz, aber auch ein siebenarmiger Leuchter und eine Klangscha- le zwischen den unzähligen Ordnern im Wandregal. Neben der eigentlichen seelsorglichen Arbeit unterrichtet die Theologin auch angehende Pflegepersonen in der Krankenpflegeschule im Fach „Christliche Anthropologie“, der Lehre vom christlichen Menschen- bild. Plößnig ist es wichtig, dass der Nachwuchs durch den persönlichen Kontakt ein Gefühl entwickelt, wann man Patienten Seelsor- ge anbieten soll.


Künstlerisch

„Ich habe den hohen Anspruch, zumindest einen Tag pro Woche in der Werkstatt zu sein“, fordert Matha Plößnig für sich die Mög- lichkeit, das Spektrum ihrer Talente umzusetzen: In ihrem Keramikatelier entfaltet sie ihre künstlerischen Fähigkeiten. Im Sommer un- terstützt sie ihren Ehemann bei der Arbeit im Weingarten, gemeinsam mit den beiden erwachsenen Kindern, oder sie kocht für die Weinleser. Das beschreibt sie als einen guten Ausgleich zu ihren Aufgaben im Klinikum.  Diese Vielfalt eines Lebens zwischen Spital, Weinberg und Kunst ist der vielseitigen Frau wichtig. Ein Spektrum, das ihrer Auffassung nach in jedem Menschen innewohnt. Für

Plößnig bedeutet es auch Seelsorge, dem anderen die Weite seines jeweiligen Spektrums ins Bewusstsein zu heben. Sie möchte „die Fülle des Lebens spürbar machen.“ Sie plädiert dafür, für die Erweiterung des eigenen Spektrums auch Fehler zu riskieren und Grenzen zu überschreiten – selbst die Grenzen eines manchmal vielleicht etwas zu eng gesetzten Sicherheitsbedürfnisses.

2016 hat die Seelsorgerin und Künstlerin mehrere Seiten ihres eigenen Spektrums auf neue Weise zusammengeführt. Sie hat Gegen- stände des Krankenhausalltags gesammelt, über die sie auf ihrem Weg durch das Haus „gestolpert“ ist: Mulltupfer, ein Handbänd- chen, einen Kassabon. Unter dem Motto „Kunst zum Schrein“ waren diese Fundstücke dann ab März 2017 in einer Kunstinstallation in der Krankenhauskapelle zu sehen. Ein Jahr lang hat die Künstlerin monatlich eines davon in einem selbstgefertigten Keramik- Schrein ausgestellt und jeweils mit einer kurzen Geschichte begleitet. Die poetischen Texte erzählen von der Hemmungslosigkeit zu träumen, vom Federgewicht des Todes und von der Spiritualität, die im Kehren des Bodens steckt. In einem der Texte resümiert sie: „Die Putzfrau hat eine schöne Seele. Sie lacht gern und kann hervorragend Liptauer zubereiten.“



Eva Kohl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2018