BERUFSBILD

FOTOS: Philipp Monihart

Entscheidungshilfe liefern

Im histologischen Labor werden die Gewebeproben, die den Patientinnen und Patien- ten zuvor entnommen wurden, genau untersucht.







Aus Tumoren entnommene Gewebeproben werden auch molekulargenetisch untersucht.

Pathologinnen und Pathologen untersuchen in ihren Labors Gewebeproben. Patientenkontakt haben sie kaum. Deshalb ist nicht allen bewusst, was sie alles leisten. Eine Bestandsaufnahme.

Primaria Dr. Gabriele Benetka, MBA, MSc, Leiterin des Instituts für klinische und molekula- re Pathologie

im Landesklinikum

Horn

Die Pathologie ist die Lehre von krankhaften Veränderungen. Gewebeproben werden untersucht und so etwaige Krankheiten diagnostiziert. Früher war man dabei auf das bloße Auge, später auf Mikroskope angewiesen. „Heute arbeiten wir routinemäßig mit Next Generation Sequencing und Polymerase-Kettenreaktionen (PCR)“, sagt Prima- ria Dr. Gabriele Benetka, MBA, MSc, Leiterin des Instituts für klinische und molekulare Pathologie im Landesklini- kum Horn. Diese modernen molekularen Methoden ermöglichen es den Medizinerinnen und Medizinern, die DNA ihrer Gewebeproben zu untersuchen. Dennoch hat das Mikroskop als Werkzeug noch lange nicht ausgedient. Denn die Aufgabenbereiche in diesem Feld sind vielfältig. Überwiegend werden Gewebeproben (Histologie) und Körperzellen (Zytologie) untersucht.

Die häufigsten Fragen, die Pathologen dann beantworten müssen, sind: Ist es ein Tumor? Welche Art von Tumor ist es? Und in welchem Stadium befindet er sich? Erst wenn das geklärt ist, können die Ärzte die richtige Behand- lung auswählen. Gabriele Benetka bekommt täglich zahlreiche  solcher Gewebeproben auf den Tisch. Auf Glas- trägern sind dann zum Beispiel dünne Scheiben einer Probe aus Darm, Brust oder Lunge aufgebracht, die bösar- tige Tumore oder entzündliche Prozesse aufweisen. „Um Pathologin, Pathologe zu sein, braucht man ein gutes Auge. Man muss Dinge visualisieren können, analysiert das Bild und macht einen fundierten Befund“, erklärt die erfahrene Fachärztin. Doch bis das Gewebe zur Befundung kommt, sind zahlreiche Arbeitsschritte in den Labors des pathologischen Instituts notwendig.


Laborarbeit

Im histologischen Labor werden die Gewebeproben, die den Patientinnen und Patienten zuvor entnommen wur- den, makroskopisch untersucht und relevante Teile entnommen. Diese schneiden die medizinisch-technischen Fachkräfte dann in drei Mikrometer dünne Scheiben, viel dünner als ein Haar, und färben sie unterschiedlich ein. So werden die Strukturen des Gewebes besser sichtbar.

Das Institut in Horn betreut alle Kliniken des Waldviertels, also Zwettl, Gmünd und Waidhofen/Thaya (diese Häu- ser umfassen etwa 1.000 Patientenbetten). Und auch das Universitätsklinikum Krems vertraut manche Befunde dem Institut  in Horn an.

Im molekularpathologischen Labor wird vor allem mit digitalen Methoden gearbeitet. Hier wird die DNA des Ge- webes analysiert und auf Mutationen untersucht. Das menschliche Auge kann diese winzig kleinen Strukturen nicht erkennen. „Wenn sich die DNA eines Lungenkarzinoms verändert hat, also ein bestimmtes Gen mutiert ist, dann können wir sagen, ob ein entsprechendes Medikament gegen dieses Karzinom wirksam ist oder nicht“, er- klärt Primaria Benetka. Derzeit bieten diese moderne Methode namens Next Generation Sequencing in Niederös- terreich nur die Landeskliniken Horn und Mistelbach-Gänserndorf an.


Keim-Expertin

Im mikrobiologischen Labor werden Bakterien und Pilze auf ihre Resistenz gegenüber Medikamenten untersucht. „Man hört oft von hoch resistenten Keimen in Krankenhäusern“, sagt Benetka, „in Hinblick darauf untersuchen wir gezielt Material von Patienten, um rasch eine entsprechende Therapie und Hygienemaßnahme einzuleiten.“

Direkten Kontakt zu den Patienten gibt es für die Pathologinnen und Pathologen in Horn kaum. Sie arbeiten im Hintergrund. „Das hat Vor- und Nachteile“, meint die Ärztin mit 27 Jahren Berufserfahrung, „der Vorteil ist, dass wir uns auf die wissenschaftliche Basis von Erkrankungen konzentrieren können. Der Nachteil:

Es gibt kaum unmittelbaren Kontakt mit den Patienten.“ Dass die Arbeit der Pathologie so sehr im Hintergrund ab- läuft, könnte auch der Grund sein, warum sich nur wenige Medizinabsolventen für dieses Fach entscheiden.

Dabei ist das Institut für klinische und molekulare Pathologie im Landesklinikum Horn die erste Einrichtung, die im Jahre 2016 in Niederösterreich als Ausbildungsstätte im Sonderfach Klinische Pathologie und Molekularpatholo- gie nach neuer Ausbildungsordnung anerkannt wurde. Für die Facharztausbildung im

Sonderfach Klinische Pathologie und Molekularpathologie sind sechs Jahre vorgesehen. In Horn befinden sich derzeit drei Assistenzärztinnen und -ärzte in Ausbildung zur Pathologin, zum Pathologen.

Durch die modernen Untersuchungsmethoden, die in der Pathologie eingesetzt werden, hat sich auch das Anfor- derungsprofil für junge Ärzte verändert. Bewerber sollten auch theoretische Kenntnisse und praktische Fertigkei- ten in Genetik und Bioinformatik mitbringen. Denn die molekulare Pathologie wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als bisher. Die große Herausforderung, die Primaria Benetka in ihrer Arbeit sieht, ist, dass Diagno- sen heute zunehmend in einem frühem Krankheitsstadium und an sehr kleinen Gewebeproben erstellt werden. Das heißt für die Patienten, dass für umfassende Tumordiagnosen zunehmend weniger invasive diagnostische Eingriffe notwendig sind. „Heute untersuchen wir Tumoren überwiegend schon vor der Operation und geben den behandelnden Kollegen Infomationen über entsprechende Therapiemöglichkeiten“, erklärt sie.

Die Entscheidungen zur Behandlung werden in den interdisziplinären Tumorboards getroffen. „Grundsätzlich ist die Pathologie, so denke ich,  ein analytisches Fach, das stets alle diagnostischen Möglichkeiten mit einbeziehen muss“, sagt Primaria Benetka. Das liege daran, dass ihre Beurteilungen folgenschwere Konsequenzen für die Be- handlung haben. Es braucht ein hohes Verantwortungsgefühl, große Genauigkeit und ein breites medizinisches Wissen, um den Beruf des Pathologen ausüben zu können, ist sie überzeugt.


Die Obduktion – eine traditionelle Aufgabe

Natürlich werden in der Pathologie auch Obduktionen durchge- führt, mit denen der Laie dieses Fach traditionellerweise assoziiert. Die Pathologinnen und Pathologen des Landesklinikums Horn ob- duzieren Verstorbene aus allen Kliniken des Waldviertels. 192 Ob- duktionen führten sie im letzten Jahr durch. „Das ist eine schwere Arbeit“, findet Primaria Benetka, „körperlich wie psychisch. Da braucht es eine Gegenwelt, um sein Gleichgewicht zu bewahren.“

Die Primarärztin macht in ihrer Freizeit viel Sport und spielt in einem Orchester Cello. Das braucht sie für die Seele, wie sie sagt: „Auch wenn wir hauptsächlich für Lebende arbeiten, liegt der Fokus unse- rer täglichen Routine doch in der Diagnose potentiell lebensbe- drohlicher Erkrankungen. Selbst wenn wir nur das  Tumorgewebe unserer Patientinnen und Patienten vor Augen haben, ist uns be- wusst, dass dahinter ein Mensch mit seiner Familie steht.“

Ein starkes Team


Am Institut für klinische und molekulare Pathologie im Landesklinikum Horn arbeiten neben Primaria Dr. Gabriele Benetka, MBA, MSc, noch vier Pathologinnen und Pathologen, 23 medizinisch-technische Kräfte, zwei (Molekular)-Biologinnen und Biologen, vier medizinisch-adminis- trative Kräfte und ein Obduktionsassistent. Im letzten Jahr lieferte die- ses Team 14.265 histologische, 33.275 mikrobiologische, 10.413 zyto- logische und 7.500 molekularpathologische Befunde. Außerdem wur- den 192 Obduktionen und 198 Totenbeschauen durchgeführt.

Tumorboards


Tumorboards sind interdisziplinäre Tumorkonferenzen, die wöchentlich in den NÖ Landes- und Universitätskliniken stattfinden. Ein fachüber- greifendes Team aus Pathologen, Onkologen, Radiologen, Palliativme- dizinern, Strahlentherapeuten, Chirurgen und weiteren Fachärzten be- spricht jeden bösartigen Tumor, der in der Woche zuvor entdeckt wur- de. Gemeinsam entscheidet das Team über die Vorgehensweise bei der weiteren Behandlung. Das stellt sicher, dass alle Wissensressour- cen bestmöglich genutzt werden. Die Pathologinnen und Pathologen des Instituts für klinische und molekulare Pathologie im Landesklini- kum Horn sind fixer Bestandteil von Tumorboards mehrerer Landeskli- niken.

Die vielen Facetten der Klinischen Pathologie


-nHistopathologie: Krankhafte Gewebeveränderungen werden unter- sucht und Diagnosen erstellt. Pathologinnen und Pathologen stellen fest, ob es sich um einen Tumor handelt, welche Art von Tumor es ist und in welchem Stadium er sich befindet.

-Klinische Zytopathologie: Gewebezellen werden untersucht. Kon- kret geht es zum Beispiel um Abstriche des Gebärmutterhalses, um Gebärmutterhalskrebs frühzeitig zu erkennen.

-Klinische Mikrobiologie: Pathologinnen und Pathologen identifizie- ren Bakterien und Pilze und bestimmen ihre Empfindlichkeiten oder- Resistenzen gegenüber Antibiotika.

-Serologie: Bei dieser Wissenschaft werden Antigene und Antikörper nachgewiesen und so auf Krankheiten geschlossen. Auch Allergien oder Autoimmunerkrankungen werden diagnostiziert.

-Molekularpathologie: Infektionen werden durch den Nachweis der DNA von Viren oder Bakterien diagnostiziert. Tumoren werden auf Mutationen und ihre Behandlungsmöglichkeiten untersucht.

-Autopsie: In diesem Teilgebiet werden klinische Obduktionen,sani- tätspolizeiliche Obduktionen und Totenbeschauen durchgeführt.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2018