KINDER & JUGENDLICHE

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Familien bestens

unterstützen

Der NÖ Kinder- und Jugendplan will im ganzen Land Netzwerke an Beratungs- und Therapieeinrichtungen aufbauen, die Familien unterstützen. Sie sollen Probleme früh abfangen.

Mag. (FH) Martina Kuchler, Sozialarbeite- rin, Ehe-, Lebens- und Familienberaterin, Me- diatorin und Superviso- rin, ist Stellenkoordina- torin im Beratungszen- trum „Rat und Hilfe“ Melk und interimistisch

Leiterin Familienbera- tung „Rat und Hilfe“ der Caritas der Diöze- se St. Pölten.

Mehr als eineinhalb Millionen Mal klingelte im Vorjahr das Telefon bei einer der Nummern von Notruf NÖ, fast 300.000 Mal kam es daraufhin zu Notfalleinsätzen, über 800.000 Mal wurden Krankentransporte durchgeführt. Täglich finden bis zu 6.000 sogenannte Events statt, zusätzlich werden unzählige Rufhilfealarme abgewickelt und viele tausend technische Meldungen automatisiert verarbeitet.

Eva, 32, ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, jetzt läuft die Scheidung. Bis dahin war es ein langer Weg, sagt die zierliche Melkerin. Ihre Kinder sind sieben und zehn Jahre. Ihr Mann war immer wieder gewalttätig. Lan- ge schon hat sie versucht, Auswege zu finden – zuerst über Gespräche mit ihrem Mann, dann mit Hilfe von au- ßen. „Es war ein großer Schritt zu lernen, auf mich selbst zu schauen und mir das auch zuzugestehen“, sagt Eva. Bis sie das wirklich konnte, hat sie viel Zuspruch gebraucht. Die diplomierte Ehe-, Familien- und Lebensberaterin und Sozialarbeiterin Mag. (FH) Martina Kuchler hat Eva auf diesem Weg begleitet. Sie arbeitet für die Caritas der Diözese St. Pölten bei „Rat und Hilfe“. Sie kennt das Thema gut: „Viele Frauen schauen viel mehr auf andere als auf ihre eigenen Bedürfnisse und fühlen sich egoistisch, wenn sie sich selber wichtig nehmen. Dabei ist es doch völlig klar, dass auch Mütter ein Gleichgewicht brauchen. Wenn sie die Bedürfnisse ihrer Kinder fair mit den eige- nen Bedürfnisse abwägen, können sie besser entscheiden, wer diesmal zuerst drankommt.“ Kuchler ist ausgebil- dete Mediatorin und Supervisorin. Sie begleitet in Melk viele Familien seit Jahren.


Netzwerk im Mostviertel

Damit gehört sie mit der Caritas-Beratungsstelle zum Kinder- und Jugend-Netzwerk Mostviertel. Darin gibt es An- gebote für Familien, Frauen, Kinder und Jugendliche, von der Beratung bis zur Therapie. Die Partner im Netzwerk unterstützen bei Schulproblemen ebenso wie bei Verhaltensauffälligkeiten und bieten eine breite Palette an, damit Familien ihre Probleme gut bewältigen können. Für den NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS), der dieses Netzwerk unterstützt, ist das Finden der richtigen Hilfe in der jeweiligen Lebenslage essentiell, sagt Mag. Georg Ziniel, Projektleiter des NÖGUS. Denn wer rechtzeitig Hilfe bekommt, erspart sich oft das Eskalieren des Pro- blems und damit schwerwiegende Folgen – ob es sich nun um Entwicklungsstörungen oder Schulprobleme han- delt, oder wie bei Eva um Gewalt in der Familie.


Das Leben meistern

Eva hat erst lernen müssen, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Denn alleine zu wissen, dass man auf sich selbst schauen soll, hilft den Betroffenen nicht, weiß Beraterin Kuchler. Mit Eva hat sie genau besprochen, was das im Alltag bedeutet: sich Freiräume zu verschaffen und diese auch zu gestalten. „Wenn man die eigenen Wünsche jahrelang unterdrücken musste, ist das nicht so einfach.“ Eva hat eine Liste mit Ideen für ihre Frei- räume angelegt. Und eine zweite Liste, was sie gern mit den Kindern tun würde. Den Punkt, mit den Kindern in den Hochseilgarten zu gehen, hat sie gerade abgehakt, es war ein wunderbarer Tag, sagt sie. „Seit ich mehr auf mich schaue, habe ich wieder genug Kraft, mit den Kindern wirklich zu sprechen. Ich kann unser Zu- sammenleben jetzt gestalten und bringe den Alltag nicht nur irgendwie hin. Dafür hat mir Frau Kuchler Werk- zeuge in die Hand gegeben.“


Hilfe finden

Um derartige Hilfe geht es im NÖ Kinder- und Jugendplan, und das Mostviertel ist die zweite Region in Nie- derösterreich, die ein derartiges Netzwerk hat. Vorbildlich dafür ist das Industrieviertel, wo sich rund um die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Standort Hinterbrühl des Landesklinikum Mödling und ihrem engagierten Chef, Prim. Dr. Rainer Fliedl, ein derartiges Netzwerk gebildet hat. Im Wald- viertel gibt es bereits erste Vernetzungen, und das restliche Land soll bald folgen, sagt Projektleiter Ziniel. Da- bei ist es wichtig, dass gewisse Qualitätskriterien von den Beratungsstellen erfüllt werden, wie ausreichende Öffnungszeiten und ein entsprechendes Niveau des Angebotes. Ziniel weiß: „Viele Eltern spüren beispielswei- se, das mit ihrem Kind oder in der Familie etwas nicht stimmt. Aber sie können es nicht einschätzen und wis- sen nicht, was sie tun sollen. Das stresst enorm.“ Erfahrene Experten wissen, wo sie ansetzen müssen, was die nächsten Schritte sind – und darum geht es.


Rechtzeitige Unterstützung

Lange hat sich Eva wie in einem Tunnel gefühlt, ohne ein Licht am Ende. Der Entschluss, aus der Ehe auszu- brechen, ist ihr schwergefallen. Was ihr schlussendlich geholfen hat: Immer wieder zu sehen, dass sie ver- schiedene Optionen hat, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, und dass sie selbst sich überlegen kann, wel- che Wege ihr zusagen. „Ich bin hundertmal hin und her geschwankt, ob ich gehen oder bleiben soll. Aber ir- gendwann habe ich gesehen, dass ich in ein Burnout rutsche, wenn ich nicht gehe. Meine Mutter hatte eines, da wollte ich nicht hin.“ Leicht war es trotzdem nicht. Ihr Weltbild, eine Vater-Mutter-Kinder-Familie und ein ei- genes Haus zu haben, hat sich damit in Luft aufgelöst, wie Eva sagt. Und geblieben ist erst nur ein schwarzes Loch. Heute genießt Eva es, eine Wohnung zu haben – und damit deutlich weniger Arbeit. Und sie hat jedes zweite Wochenende für sich. All das ist neu. Aber schön, sagt Eva. „Die Begleitung und die Gespräche mit Frau Kuchler haben mich definitiv gerettet.“


Passende Lösungen

Die Familienberatung der Caritas ist kostenlos, freiwillige Kostenbeiträ- ge sind jedoch willkommen. Vor allem aber sieht Martina Kuchler das Angebot der Beratungsstelle als Präventionsarbeit. Sie rät allen, die Hil- fe brauchen – für sich oder für das Kind – möglichst früh zur Beratung zu gehen: „Wenn man das Gefühl hat, man kommt irgendwie nicht wei- ter, sollte man sich helfen lassen.“

Was die jeweilige Familie braucht, wird dabei individuell besprochen. Manchmal sind es einzelne Gesprächstermine, manchmal eine Thera- pie. „Und immer wieder finden wir Lösungen, die auf den ersten Blick niemandem eingefallen wären. Betroffene haben oft einen einge- schränkten Blick. Aber auch viele Ressourcen, die sie gar nicht sehen. Die Lösungen müssen für die jeweilige Familie passen – da gibt es im- mer viele mögliche Facetten.“


Riki Ritter-Börner

Mag. Georg Ziniel ist

Volkswirt und Politik-

wissenschafter und hat Gesundheitswissen- schaft studiert. Er ist bei zahlreichen renom- mierten Gesundheits- projekten involviert und für den NÖ Gesund- heits- und Sozialfonds Projektleiter des NÖ Kinder- und Jugend- plans.

NÖ Kinder- und Jugendplan


Der NÖGUS hat in einer umfassenden Untersuchung die Versorgung von unter 18-Jährigen mit psychosozialen und sozialpädiatrischen Pro- blemen in Niederösterreich erhoben. Darauf basierend wurden Maß- nahmen festgelegt, um die Versorgung zu optimieren. „Die Ergebnisse zeigen, dass rund 60.000 Kinder und Jugendliche in Niederösterreich, rund 20 Prozent Hilfe benötigen. Diese sollen Familien auch bekom- men – deshalb unterstützen und entwickeln wir qualitätsgesicherte Netzwerke“, erklärt Projektleiter Mag. Georg Ziniel. Diese sollen alle Organisationen, Fachexperten und Dienstleister in den jeweiligen Re- gionen zusammenbringen. „Wir wollen bestehende Angebote vernet- zen, weiterentwickeln und klare Behandlungswege und -zuständigkei- ten definieren, damit Kinder und deren Familien die notwendige Hilfe rascher und unkomplizierter erhalten.“

Beratungsstellen diverser Anbieter wie Caritas, Hilfswerk,

Verein Lichtblick etc.: www.sozialinfo.noe.gv.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2018