GEWICHTE HEBEN

FotoS: Philipp Monihart

Beschwingt

& bewegt

Die 16-jährige Gewichtheberin Sarah Fischer aus Krems ging völ- lig unbeirrt ihren Weg und ließ mit

ihren großartigen Erfolgen alle Kri- tiker verstummen.

Wenn es um das Thema Gewichtheben geht, stehen oft zahlreiche Vorurteile im Raum wie die Sportart sei ungesund oder Ähnliches. Die Kombination aus Frauen und Gewichtheben wird in Österreich mancherorts noch belächelt. Mit Sarah Fi- scher räumt eine Kremserin nun mit all diesen Vorurteilen auf – und die Erfolge geben ihr recht. Mit ihren 16 Jahren ist sie die stärkste Frau Österreichs und bei der U17-WM in Thailand im April dieses Jahres krönte sich Sarah überraschend zur Weltmeisterin im Reißen. Diesen Erfolg hat sie Ende September mit dem EM-Titel im Kosovo bestätigt.


Kraft liegt in der Familie

Völlig unerwartet kamen diese großartigen Erfolge nicht, denn das Gewichtheben hat in der Familie Fischer lange Traditi- on: Sarahs Vater Ewald hat den Sport selbst 33 Jahre lang aktiv ausgeübt und war mehrfacher Staatsmeister. Und Großva- ter Johann ist Präsident des Athletenclubs Krems. Auch der ältere Bruder David hat bei der U17-WM in Peru für Furore ge- sorgt, als er 2015 mit Bronze die erste Medaille für Österreich nach 13 Jahren holte.

Die gesamte Familie reist immer gemeinsam zu den Wettkämpfen und so wuchs Sarah mit dem Gewichtheben auf. Daran erinnert sich die 16-Jährige gerne zurück: „Mit sechs Jahren habe ich mit Schülercups begonnen, wobei hier der Fokus auf der richtigen Technik lag – ich trainierte mit einer Holzstange und ohne Gewicht. Zwei Jahre später kamen die ersten leichten Hanteln zum Einsatz.“ Dennoch war es für Sarah von Anfang an nicht klar, dass sie den Sport eines Tages auch leistungsmäßig ausüben würde. Über fünf Jahre lang hat sie auch Handball gespielt, bis sie im Alter von elf Jahren eine Entscheidung traf: „Ich wollte nicht länger von einer Mannschaft abhängig sein und entschied mich somit fürs Gewichthe- ben. Hier hängt es wirklich nur von mir selbst ab – und das gefällt mir!“


Kritiker verstummten

Bald stellten sich die ersten Erfolge ein und dann ging es steil bergauf: 2013 wurde sie bei ihrem ersten Großevent Vierte bei der U15-EM, wobei sie Silber und Bronze nur hauchdünn verpasste. Im selben Jahr, mit nur zwölf Jahren, krönte sich Sarah Fischer bereits offiziell zur stärksten Frau Österreichs. Mit den wachsenden Erfolgen wurden die Stimmen der Kriti- ker immer leiser. „Viele haben nicht daran geglaubt, dass ich es schaffe. Aber wenn man etwas will, muss man es einfach machen, egal was andere sagen. Es ist vergleichbar mit dem aktuellen Hype um die österreichische Frauenfußball-Natio- nalmannschaft, die bis vor kurzem ebenfalls belächelt wurde“, gibt sich Sarah gewohnt kampfbetont.

Die junge Kremserin arbeitet sehr hart für ihre Erfolge. Ihr Ehrgeiz ist ihre Stärke. Sie absolviert zehn Trainingseinheiten pro Woche, in der Phase vor dem Wettkampf trainiert sie bis zu 14 Mal. Neben Talent und Trainingsfleiß ist die mentale Stärke entscheidend: „Du musst das Gewicht im Kopf haben, sonst wirst du es auch nicht schaffen. Beim Wettkampf bin ich im- mer zu 100 Prozent überzeugt, es zu können“, erklärt Fischer. All ihre Stärken hat die 16-Jährige bei der U17-Weltmeister- schaft im April in Bangkok eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Mit 99 Kilogramm im Reißen sicherte sie sich als erste Ös

terreicherin in der Geschichte eine Goldmedaille bei einer WM. Trotz des historischen Erfolgs blieb Sarah Fischer gelassen: „Während meine Eltern vor Freude fast geweint haben, war es für mich in die- sem Moment nichts Außergewöhnliches, sprich die Emotionen hielten sich in Grenzen. Aber es ist auf alle Fälle das Beste, das mir bis jetzt passiert ist!“ Ende September hat sie ihre Vormachtstellung in ihrer Altersklasse bei der EM im Kosovo mit einer Gold- und zwei Silbermedaillen eindrucksvoll unter- mauert. Sarah Fischer träumt von einer olympi- schen Medaille: In drei Jahren will sie Österreich bei Olympia 2020 in Tokio vertreten und dabei wert- volle Erfahrungen sammeln. „Ich strebe dort einen Top-Fünf-Platz an, aber vier Jahre später bei Olym- pia 2024 ist dann eine Medaille mein ganz großes Ziel!“


Training fürs tägliche Leben

Ist Gewichtheben ein Sport für die breite Masse? Das Um und Auf ist die richtige Technik, die zu Be- ginn entsprechend ausführlich erlernt und trainiert werden sollte. Wie man am besten beginnt, weiß Trainer Ewald Fischer:

 „Am Anfang wird mithilfe einer Besenstange an der richtigen Position ge- feilt – das sollte man auf alle Fälle machen, bevor man mit Gewichten be- ginnt. Ohne die richtige Technik ist das Verletzungsrisiko enorm groß!“ Auch wenn Gewichtheben als Randsportart gilt, sind die Übungen bei zahlreichen Leistungssportlern aus anderen Bereichen fix im Trainingsplan integriert.

Aber auch im Alltag kann man vom Gewichtheben durchaus profitieren. Was bei Gewichthebern ganz selbstverständlich ist, ist vielen Menschen leider nicht bewusst – die richtige Technik beim Heben und Tragen. Fal- sches Heben kann schwerwiegende Folgen haben, wie Muskelzerrungen, Knochenbrüche oder Blockierung von Wirbelgelenken. Auch chronische Schäden wie Bandscheibenvorfälle, Sehnenscheidenentzündungen oder Muskelverspannungen kann man durch die richtige Technik vermeiden – und somit im täglichen Leben profitieren. Denn nicht das Gewicht, sondern die Ausführung ist entscheidend.



Werner Schrittwieser

Sarah beim Rückentraining mit Vater und Trainer Ewald – damit die unteren Rückenmuskeln auch trainiert werden.



Ausstoß der Hantel über dem Kopf

Zur Person


Name: Sarah Fischer

Geburtsdatum:

9. November 2000

Beruf: Schülerin SLZ St. Pölten

Hobbys: Gewichtheben

Gewichtklasse: +75 kg

Trainer: Ewald Fischer

Verein: Athletenclub Union Krems


Erfolge:

- Weltmeisterin U17

- zweifache Vizewelt-meisterin U17

- Europameisterin U17

- zweifache Vizeeuropa-  meisterin U17

- Bronze EM U17

- dreifache Europa-meisterin U15

- 241 (!) österreichische   Rekorde

- zahlreiche Landes- und   Staats- meistertitel


Bestleistungen:

Reißen: 99 kg

Stoßen: 119 kg

Zweikampf: 218 kg

Sinclair: 249,32 Punkte

INTERVIEW

OÄ Assoc. Prof. Dr.

Andrea Podolsky leitet

das Klinische Institut für

Präventiv- und Ange- wandte Sportmedizin (IPAS) am

Universitätsklinikum Krems.

Gewichtheben –

ein Sport für jedermann?

Die 16-jährige Sarah Fischer – wie bewerten Sie ihre Erfolge?

Dieses Mädchen bringt großartige Leistungen. Und sie hat den Mut, eine atypische Sportart zu betreiben. Ich finde es gut, sie vor den Vorhang zu holen. Wir können wirklich stolz auf die- se Top-Athletin sein!


Und dass sie eine so harte Sportart ausübt – ist das gesund?

Natürlich ist das Betreiben von Leistungssport nie primär gesund, weil man an seine Grenzen gehen muss. Aber wenn man gesund ist und entsprechend schlau trainiert, sind die Probleme im Rahmen. Auch das Arbeiten im Büro oder im Krankenhaus ist nicht primär gesund. Den- noch tun wir es – und müssen mit den Folgen der durch das Sitzen bedingten Probleme le- ben.


Ist Gewichtheben eine empfehlenswerte Sportart?

Mit entsprechender Vorbereitung und Überwachung ist Gewichtheben ein toller Sport, der den Athletinnen und Athleten viel Körperbeherrschung abverlangt – da geht es ja nicht nur um Kraft.


Was halten Sie von Leistungssport generell?

Wer hart und intensiv trainiert, hat Träume, die er versucht zu verwirklichen, und damit auch Freude und Richtung im Leben. Das ist natürlich positiv. Leistungssport ebenso wie motiviert gelebter Breitensport ist für Jugendliche und Erwachsene ein guter Motor, auf den eigenen Körper zu schauen. Wer weiß, dass er in den nächsten Tagen in einem Bewerb oder Match eine gute Leistung bringen soll, wird sich überlegen, was er isst und trinkt und seinem Körper zumutet. Ich sehe das sehr positiv.


Universitätsklinikum Krems

Mitterweg 10

3500 Krems

Tel.: 02732/9004-0

www.krems.lknoe.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2017