KUREN & REHABILITATION EXTRA

FOTO: Herz-Kreislauf-Zentrum Groß-Gerungs

Die Sprache des Herzens

Frauenherzen schlagen anders. Und Frauen leiden anders, wenn ihr Herz aus dem Takt gerät.

Im Zuge der Rehahbilitation werden die Vorzüge eines gesunden Lebensstils nähergebracht.

Männer sind Helden, Frauen sind zäh. Dieses äußerst langlebige Klischee kann Ihre Gesundheit ge- fährden. Vor allem wenn es um tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht, haben österreichische Frauen ihren männlichen Zeitgenossen den Rang längst abgelaufen. „Auf die Gesamtlebenszeit bezo- gen sterben heute 45 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer an einer Herz-Kreislauf-Erkran- kung“, erklärt Prim. Univ.-Doz. Dr. Sebastian Globits. Der Kardiologe und Leiter des Herz-Kreislauf- Zentrums Groß Gerungs weiß, wovon er spricht, immerhin betreut er mit seinem Team etwa 3.500 Be- troffene pro Jahr. Der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Patienten mit Herzerkrankun- gen ist offensichtlich, weiß Globits: „Frauen sind zwar in der Vorsorge oder in punkto gesunder Ernäh- rung aktiver als Männer – im Falle einer Herzerkrankung wird die reale Situation aber oft nicht wahrge- nommen.“ So „überspielen“ Frauen häufig Stresssymptome, sie leben mit der Doppelbelastung Beruf und Familie und nehmen sich zu Herzen, wenn es im sozialen Gefüge nicht stimmt. „Frauen sind vor- ausschauender, verantwortungsbewusster und lebenserhaltend – das erzeugt einen enormen Druck“, sagt Globits. Kein Wunder also, dass Frauen weniger Sport betreiben, wenn sie vom Job heimkommen und müde sind, gilt es ja nach wie vor noch, die Familie zu versorgen. Ganz zu schweigen von Alleiner- zieherinnen, die vom Nachwuchs wohl eher gefragt werden „Ist das Essen schon fertig?“ als „Hast du heute schon deine Stunde Sport gemacht?“. Nur 15 Prozent der Frauen betreiben regelmäßig Sport, im Gegensatz dazu begibt sich jeder fünfte Mann regelmäßig ins Trainingsoutfit. Doch Bewegung ist, wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge, die beste Vorsorge.

Lebensstil als Risikofaktor

Es ist daher in erster Linie der ungesunde Lebensstil, der schlei- chend in eine Herz-Kreislauf-Erkrankung mündet. Beim Rauchen ha- ben Frauen aufgeholt, Pille und Rauchen gemeinsam erhöhen be- kanntermaßen das Thrombo

serisiko. Bluthochdruck und hohe LDL-Cholesterinwerte sind weitere Risikofaktoren, die den Weg zum Herzinfarkt beschleunigen. Den- noch bleibt genau diese Gefahr bei Frauen häufig unerkannt oder sie wird einfach überspielt. Frauen leiden still und leise, sagt Globits: „Wir wissen, dass bei Männern durchwegs typischer Vernichtungs- schmerz und ausstrahlende Brustschmerzen Zeichen eines Infarkts sind, bei Frauen bestehen eher unspezifische Symptome: Sie schla- fen schlecht, leiden an Übelkeit, Rückenschmerzen oder an diffusen Schmerzen im Oberbauch.“ All diese unspezifischen Symptome wer- den häufig falsch interpretiert, daher erhalten Frauen auch später ärztliche Hilfe als Männer.


45 Prozent

der Frauen

sterben an

einer Herz-

Kreislauf-

Erkrankung.

Frauengerechte Rehabilitation

„Für uns ist es daher wesentlich, in der Rehabilitation genau dort anzusetzen, wo typ- isch weibliche Risikofaktoren vorliegen, so etwa werden bei postmenopausalen Frauen die LDL-Zielwerte genau im Auge behalten, stressreduzierende Aktivitäten gefördert und eine stärkere psychologische Behandlung durchgeführt“, berichtet Globits. Generell stützt sich das Rehabilitationsangebot auf folgende Säulen: Nach einem Be- lastungstest wird ein individuelles Bewegungsprogramm erarbeitet, gesundes Essen wird durch Schaukochen schmackhaft gemacht und das Trauma eines Infarkts wird durch spezielle biopsychosoziale Betreuung verarbeitet. Vier Wochen lang werden be- troffenen Frauen die Vorzüge eines gesunden Lebensstils nähergebracht. „Wichtig ist, dass die Patientin danach nicht wieder in ihr altes Lebensmuster rutscht, sondern alles hier Erlernte auch zuhause – im wahrsten Wortsinn – beherzigt“, sagt Kardiologe Glo- bits. Ob körperliche Leistungsfähigkeit, Gewicht, Blutdruck oder Blutfettwerte: im Zuge einer Rehabilitation werden diese Daten akribisch gemessen. „Unsere begleitenden Un- tersuchungen zeigen, dass sich im Laufe eines Aufenthalts bei nahezu 100 Prozent der Gäste der Großteil dieser Parameter verbessern, wodurch das Risiko, ein neuerliches kardiales Ereignis zu erleiden, um über ein Drittel gesenkt wird“, betont Globits. Ein drastisches Beispiel von erschütternder Realität: Ein rauchender Diabetiker mit Übergewicht nach einer Bypass-OP verkürzt im Schnitt seine weitere Lebensspanne um zwei Drittel gegenüber einem Menschen mit bewusster Lebensstil-Än- derung.Frauen leben statistisch gesehen zwar um etwa fünf Jahre länger als Männer, sie sind jedoch in diesen längeren Lebensjahren gesundheitlich schlechter gestellt, so die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Die stärksten Risikofaktoren für eine Herz- Kreislauf-Erkrankung sind von jedem selbst beeinflussbar. Ein wichtiges Argument, um wieder mal genauer auf sein Herz zu hören. 

Prim. Univ.-Doz. Dr. Sebastian Globits, Leiter des Herz-Kreislauf-Zentrums Groß Gerungs

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2016