VOLL IM LEBEN - PORTRÄT

FOTOS: NADJA MEISTER

Das Geschenk Leben

Ein schwerer Schicksalsschlag hat Inge Simetzbergers Leben entscheidend gewandelt. Die ehemalige Prozess- und Projektmanagerin hat vieles aufgegeben, was ihr früher wichtig war. Ihr „neues“ Leben ist langsamer, aber lebendiger.

Es ist ein strahlender Spätsommertag, an dem uns Inge Si- metzberger in ihrem wunderschönen Garten in St. Andrä- Wördern empfängt. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch das Blätterwerk der Obstbäume, Licht und Schatten bilden scharfe Kontraste, die Farben glühen, wir sitzen auf der Ter- rasse vor einem stilvollen Haus – eine perfekte Kulisse für ein scheinbar perfektes Leben. Ja, das Leben habe ihr viel geschenkt, sagt die attraktive Mittvierzigerin freimütig: „Ich hatte ein wunderbares Elternhaus, konnte studieren, was mich am meisten interessierte, habe mich im Sport und im Beruf verwirklicht, einen großartigen Mann kennengelernt, zwei Kinder bekommen – ich war wirklich glücklich, erfolg- reich, und viel Gutes schien mir einfach zuzufliegen.“ Doch die Idylle wurde jäh brüchig. Just an einem ebenso strah- lenden Tag wie dem unseres Besuchs stürzte Inge Simetz- bergers achtjähriger Sohn David vor drei Jahren von einem Apfelbaum im Garten des Familienhauses und fiel so un- glücklich, dass er sich eine Gehirnblutung zuzog und jede Rettung für ihn zu spät kam.




„Den Baum hatte mein Großvater vor vielen Jahren gepflanzt“, sagt Inge und führt uns zu dem Unfallort. Kein hoher Baum, er hat knorrige Äste, an denen langsam vergilbende, ehemals bunte Schleifen hängen, ein improvisiertes Christuskreuz sitzt in einer Astgabel, und an einem Zweig schaukelt ein Rosenkranz im Wind. „Den Baum habe ich nach Davids Tod nach und nach so geschmückt, denn mir ist wichtig, das, was ich im In- neren spüre, nach außen zu tragen, und das, was im Außen geschieht, nach innen mitzunehmen“, sagt sie mit einem Lächeln. Sie erzählt, wie alles passiert ist, und dabei hält sie sich immer wieder an den Ästen des Baums fest, fährt mit den Händen die Rinde entlang, zupft an den Schleifen, die nicht nur ihre Trauer, son- dern auch ihre neu gewonnene Hoffnung und Freude zeigen.


Lebendlichkeit

Anfangs wollte sie den Schicksalsbaum umschlägern, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, doch dann kam es an- ders, und das liegt vielleicht an ihrem Konzept der „Lebendlichkeit“, zu dem sie nach Davids Tod gefunden und nach dem sie auch ihre neue Praxis benannt hat. „Das Leben beinhaltet so vieles und eben auch die Endlichkeit, und diese Wortschöpfung soll das ausdrücken“, sagt Inge Simetzberger, und dann lacht sie: „In meinem ersten Leben wäre ich vielleicht durch Brainstorming darauf gekommen, aber jetzt würde ich eher sagen, es ist durch ‚Bodystorming‘ gekommen, denn mein heutiger Weg ist der der Körperarbeit.“

Tatsächlich orientierte sich die studierte Lebensmittel- und Biotechnologin, die nach der Arbeit in einem Phar- maunternehmen lange Jahre als Prozess- und Projektmanagerin tätig war, nach dem Schicksalsschlag völlig um, ließ sich zur Focusing-Beraterin, Cranial-Fluids-Dynamics-Praktikerin und Trauerbegleiterin ausbilden und betreibt seit gut einem Jahr ihre Praxis, die Menschen ab zwölf Jahren offensteht. Auf dem Türschild steht „Entdecke das Potenzial des schon Gefühlten, aber noch nicht Gewussten“, und dies könnte als weiterer Leitsatz in Inge Simet- zbergers „zweitem Leben“ gelten. „Heute weiß ich, dass die schlimmen Erfahrungen, die ich machen musste, mir zu einer neuen Tiefe verholfen haben. Ich habe vieles aufgegeben, was mir früher wichtig war, statt materieller Werte zählen für mich jetzt Beziehungen und alles, was sie lebendig macht und hält. Durch meinen großen Verlust ist mir bewusst geworden, was der Kern des Lebens ist, und mein persönliches Leben ist langsamer, aber lebendi- ger geworden.“


Sieben Entwicklungsaufgaben

Dass die Zeit alle Wunden heilt oder dass Trauernde verschiedene Phasen der Trauer durchlaufen und ir- gendwann einmal abschließen, davon will Inge Simetz- berger nichts wissen. „Trauer braucht viel Zeit und Kraft. Um die innerlich gespürte Not zu wenden, sind sieben Entwicklungsaufgaben zu lösen“, sagt sie. „Es geht dar- um, die Realität anzuerkennen, den Schmerz anzuneh- men, sich zu erinnern, eine neue Identität aufzubauen, einen Lebenssinn zu finden, Unterstützung von anderen anzunehmen und Beziehungen neu zu gestalten. Mit diesem Konzept nach Alan D. Wolfelt und Adolf Pfeiffer arbeite ich auch mit Trauernden.“

Dass dabei viel Platz für Gefühle aller Art ist und sein muss, scheint klar, und Inge Simetzberger hat das auch selbst erfahren. „In der Trauer liegt eine ganze Palette von Gefühlen, die von Angst, Verzweiflung, Wut, Hass, Leere bis hin zur Dankbarkeit und Demut für das,

was man in diesen schweren Momenten bekommt, reicht.“ Die Trauer sei nicht nur „braun, tief und erdig“, son- dern könne auch „bunt, schön und hell sein“, sagt die lebensmutige Frau, die weiß, dass nur das, was man an- nimmt, sich auch verändern kann. „Annehmen sollte man übrigens auch Hilfe von außen. Das erfordert oft viel Mut. Den brauchte auch ich auf meinem Weg der Trauer, der viele Stolpersteine und Mythen beinhaltete. Heute kann ich nur jeden Trauernden ermutigen, sich Unterstützung auf diesem schweren Weg zu holen.“

Dass sie in ihrer Praxis dabei auf Methoden der Körperarbeit setzt, basiert auf ihrer Erfahrung, dass Trauer eine starke körperliche Reaktion hervorruft, doch natürlich geht es auch um das Gespräch und die Hilfe dazu, der Trau- er Ausdruck zu geben. „Mir selbst hat zum Beispiel die Arbeit im Garten, speziell mit der Erde, sehr geholfen, denn ich weiß, mein Sohn ist auch in der Erde, und so konnte ich ein Gefühl der Verbundenheit aufbauen.“


Neue Herausforderungen

Inge Simetzberger hat ihr Leben neu geordnet, und man sieht ihr an, dass sie Kraft hat, zu bewältigen, was das Le- ben ihr als Aufgabe gestellt hat. Sie scheint bereit, auch neue Herausforderungen anzugehen, und dementspre- chend wendet sie sich mit ihrem Angebot auch explizit an „Glückliche“ und „vielfach Belastete“. „Ich habe mein ‚erstes Leben‘ natürlich nicht vergessen, und so arbeite ich mit meinen Klienten mit der Methode des Focusing nach Gendlin zur Problembewältigung bei Entscheidungsfindungen und der Suche nach Neuem.“

So verknüpfen sich in Inge Simetzbergers Sein die Stränge ihres „ersten“ und „zweiten“ Lebens auf harmonische Art und Weise. Sie lebt mit dem Schicksalsbaum, und sie wird ihren David nie vergessen, doch ihr Lebensmut hat ihr auch eine ganz neue Perspektive eröffnet: Sie, ihr Mann und ihr jüngerer Sohn Paul haben ein neues Familien- mitglied aufgenommen – einen unbegleiteten Flüchtlingsbuben aus Syrien. Dafür wünscht man ihr Glück und Le- bendlichkeit.


GABRIELE VASAK

Inge Simetzberger: „Entdecke das Potenzial des schon Gefühlten, aber noch nicht Gewussten.“

„Das Annehmen der Hilfe von außen er- fordert oft viel Mut.“

Inge Simetzberger vor dem Schicksalsbaum: „Trauer braucht viel Zeit und Kraft“.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2016