GEWICHTSABNAHME

Bewegung und gesunde Ernährung: Giovanni hat seine überschüssigen Kilos hinter sich gelas- sen und fühlt sich nun pudelwohl in seinem Körper.


Seit vergangenem Herbst trainiert Giovanni seine Bauchmuskeln – auf seine 100 Liegestütze, die er mittlerweile schafft, ist er stolz.




Leichter durchs Leben

Der zwölfjährige Giovanni ist kaum wiederzuerkennen: Einst ein übergewichtiger Bub, lebt er heute etliche Kilos leichter, isst gesünder und betreibt jede Menge Sport. Geholfen hat ihm das Programm »Durch Dick und Dünn«.

Giovanni wirkt älter, als er tatsächlich ist. Der drahtige Bursche ist mit seinen zwölf Jahren bereits 1,74 Meter groß. Die Haare trägt er lässig zur Seite gestrichen, seit letztem Sommer sind vereinzelte Strähnen blond gefärbt. Im Leben des selbstbewussten Burschen spielt vor allem eines die Hauptrolle: der Sport. Besonders das Tischtennis. Professionell und hoch konzentriert spielt er den Ball scharf über den Tisch. Stiefvater Thomas hat Müh und Not, ihn zu halten. Dabei sei das noch gar nichts, erzählt Giovanni lässig, im Training spiele er ganz anders. Bereits mit acht Jahren fing er an, Tischtennis zu spielen. Ganz so wendig und schnell dem Ball hin- terher zu flitzen, das gelang ihm damals noch nicht, denn: Giovanni litt mit neun Jahren an fortgeschrittener Adipositas (Fettsucht). Familie Balon lebt in Pfaffstätten. Mama Marie-Therese, Papa Thomas, Giovanni und der sechsjährige Geronimo. Giovanni kam im Oktober 2005 drei Wochen zu früh zur Welt. Er habe so klein ausgesehen, erinnert sich Mama Marie-Therese, deshalb habe sie zu- sätzlich zum Stillen mit der Flasche zugefüttert. Diese gut gemeinte Vorsorge machte sich rasch auf der Waage bemerkbar: Mit einem Jahr wog Giovanni bereits zehn Kilo. Der Versuch, ihm weniger zu geben, scheiterte. Giovanni entwickelte sich zu einem „Wutzerl“, aß auch die Jause der anderen Kinder und war zur Stelle, wenn beim Skitag sämtliche Schnitzerl nur halb aufgegessen wurden. Sei- ne Mutter versuchte daraufhin, etwas zu ändern. Süßigkeiten gab es ab sofort keine mehr im Haus. Und neue Rezepte hielten Ein- zug: „Kannst du dich noch an meine Dinkelnockerl erinnern?“, fragt sie ihren mittlerweile schlanken Buben. Giovanni verzieht angewi- dert das Gesicht. Die Maßnahmen halfen nichts: Wenn es zuhause keine Süßigkeiten gab, naschte Giovanni eben heimlich bei Freunden. Bis er bei einer Größe von 1,40 Meter 50 Kilogramm wog.


Ein erster Start im Camp

Mama Marie-Therese wusste: Jetzt muss sich etwas ändern. Beim Blättern in GESUND&LEBEN stieß sie auf das Gesundheitspro- gramm »Durch Dick und Dünn«. Sie informierte sich und meldete ihren Sohn rasch für das »Durch Dick und Dünn«-Motivationscamp in Gaming an. Giovanni verbrachte zwei Wochen im Sommer im Camp. Dort stehen neben einem umfangreichen Sportprogramm auch gesunde Ernährung und jede Menge Action und Kreatives auf dem Programm. Zum Frühstück gab es Joghurt und Müsli, zwi- schendurch gesunde Snacks wie Bananenmilch oder Grießpudding. Giovanni fühlte sich gleich wohl im Camp; er schwamm in der Er- lauf, meldete sich häufig für Wandertouren an und entdeckte Krafttraining für sich. Nach zwei Wochen kehrte ein veränderter Giovan- ni heim: „Man bekommt einfach ein super-entspanntes, fittes Kind zurück“, erzählt die Mutter. Um aufs Camp fahren zu dürfen, muss man bereits am einjährigen Abnehmprogramm teilgenommen haben. Oder für das nächste angemeldet sein. Giovanni und seine Mama starteten im Oktober 2014 mit dem Programm im Landesklinikum Mödling. Einmal in der Woche standen abwechselnd Sport, Ernährung und Mentales auf dem Programm, um die Kinder beim Abnehmen gezielt zu unterstützen. Bei den sportlichen Einheiten war das Ziel, möglichst viele Sportarten auszuprobieren. Giovanni kletterte, ging laufen und spielte Tennis. Besonders lustig wurde es, als Giovanni und seine Mitstreiter beim Geocaching durch den Wald jagten und Sachen finden mussten – ähnlich einer Schnitzel- jagd.


Die Portionen wurden kleiner

Das große Thema, an dem die Familie ansetzen musste, war die Ernährung des Buben. Mithilfe einer Diätologin lernte Mama Marie- Therese beispielsweise, dass sie Fett nicht ganz weglassen sollte. Im Praxis-Teil des Programms in der Schulküche einer Mittelschu- le kochten Eltern und Kinder gemeinsam.  „Die Kinder aßen auf einmal Gerichte, die sie sonst nicht essen würden“, erinnert sich Ma- rie-Therese. Hirse-Bratlinge zum Beispiel. Die Rezepte für die neuen leichteren Speisen bekam die Familie für zuhause mit. Dort stell- te vor allem Giovannis Mama vieles um: Sie achtete auf die Portionsgrößen auf den Tellern. Bei Vollkornspaghetti motzten die Kinder anfangs – mittlerweile „sind sie einfach da und werden gegessen“, erzählt sie. Und in die Bolognese-Sauce schummelt sie einfach viel Gemüse hinein.

Bei »Durch Dick und Dünn« steht nicht nur das Essen an sich im Mittelpunkt – speziell im mentalen Teil des Programms wird auch viel reflektiert: „Die Kinder mussten überlegen: Wann esse ich mehr – wenn ich grantig bin oder wenn ich glücklich bin?“, erinnert sich Marie-Therese. Gemeinsam mit den Kindern wird außerdem viel rund um das Übergewicht besprochen: Das Thema Mobbing steht im Raum oder die Frage, wie man sich mit Übergewicht richtig kleidet. Das alles passiert in einem geschützten Rahmen – etwas, das Mutter wie Sohn als befreiend empfanden: „Jeder hat den gleichen Grund, warum er hier ist. Es wird einfach offen darüber gespro- chen“, erzählt Marie-Therese.


Aufstehen geht schneller

Drei Jahre ist Giovannis Teilnahme bei »Durch Dick und Dünn« nun her. Während des Programms hat er nur ein Kilogramm ab- genommen – gleichzeitig ist er aber zehn Zentimeter gewach- sen. Und seither ist der Zwölfjährige kaum mehr zu bremsen: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag trainiert Giovanni Tischtennis mit seinen Vereinskollegen. Am Wochenende geht es oft österreichweit zu Turnieren. Und selbst zwischen Training und Schule bewegt sich Giovanni ständig: Im Sommer springt er am Trampolin, geht täglich schwimmen und flitzt mit seinem klei- nen Bruder beim Fußballspielen über den Rasen. Im Winter macht er täglich Bauchübungen. Und auch auf das Camp fährt er heuer wieder – bereits zum vierten Mal. Das alles gelingt Gio- vanni jetzt viel besser: „Ich brauche nur mehr fünf Sekunden zum Aufstehen und bin schneller beim Treppensteigen.“ Bei all seinen Einsätzen am Tischtennistisch ist Giovannis Familie stets mit dabei und feuert ihn an. Nicht nur dort, sondern überhaupt sind sie stolz auf ihren Burschen. Denn Giovanni hat es vom übergewichtigen Buben zum sportlichen Jugendlichen geschafft. Und wirkt rundherum zufrieden.


Daniela Rittmannsberger

Durch Dick und Dünn


Gesundheitsprogramm der Initiative »Tut gut!«

Das Gesundheitsprogramm »Durch Dick und Dünn« unterstützt

übergewichtigeKinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern beim Ändern von Ernährungsgewohnheiten. Gleichzeitig wird in den Kursen ein aktiveres Freizeitverhalten gefördert, um Körper- und Selbstbewusstsein zu stärken.

Qualifizierte Fachleute aus den Bereichen Kinder- und Jugendmedizin,

Ernährung, Bewegung und Psychologie betreuen auf dem Weg zu ei- nem neuen Lebensgefühl.


Wer kann teilnehmen? Alle niederösterreichischen Kinder und Jugendli- chen im Alter von sechs bis 16 Jahren. Voraussetzungen sind ein posi- tives Aufnahmegespräch und eine Untersuchung zur Abklärung der Ge- sundheitsparameter.

Kurskosten: 220 Euro (+ 130 Euro Kaution). Die Kaution bekommt man bei Teilnahme an mindestens 75 Prozent der Termine zurück. Laufzeit: ein Jahr, 60 betreute Einheiten für Kinder und 60 parallele Einheiten für deren Eltern


Motivationscamp: 29. Juli bis 11. August 2018 in Gaming. Jeden Som- mer steht allen ehemaligen und aktuellen Teilnehmenden der Program- me das Motivationscamp offen.


Anmeldung & Informationen zu den einzelnen Standorten:

»tut gut«-Hotline: 02742/22655, www.noetutgut.at

INTERVIEW

Mag. Barbara Wallner ist

klinische Psychologin im

Landesklinikum Mödling

und unterstützt dort das Programm »Durch Dick

und Dünn«.

Gefühle ernst nehmen

Warum werden Kinder übergewichtig?

Das hat viele verschiedene Ursachen. Prinzipiell gilt: Das Essverhalten ist erlernt, man kann es aber mit viel Unterstützung neu lernen. Deshalb schauen wir uns an, welchen Stellenwert Essen in der Familie hat. Häufig werden Kinder mit Essen belohnt oder bekommen bei Langeweile etwas zu na- schen. Essen steht also immer in Verbindung mit Gefühlen. Ein auffälliges Essverhalten beeinflusst den gesamten Alltag. Um dieses dominante Verhalten zu durchbrechen, braucht es psychosoziale Unterstützung.


Wie arbeiten Sie bei »Durch Dick und Dünn« mit den Kindern?

In erster Linie müssen sie aufgebaut und gestärkt werden. Denn viele haben negative Erfahrungen gemacht und die Hoffnung aufgegeben, dass sie abnehmen können. Gemeinsam überlegen wir, welches Ziel das Kind hat und welchen Nutzen es aus dem Abnehmen ziehen kann. Wenn das Kind isst, weil es gelangweilt, frustriert oder gestresst ist, finden wir gemeinsam Alternativstrategien: Das Kind notiert das Gefühl vor dem Essen und überlegt dann: Was hilft mir jetzt wirklich? Zum Beispiel mehr Bewegung oder Gespräche.


Wie können Eltern auffälligem Essverhalten vorbeugen?

Eltern sollten das Thema Gefühle ernst nehmen und sich mit den Kindern fragen: Wie gehe ich mit Gefühlen um? Unangenehme Gefühle ernst zu nehmen und darüber zu reden ist das Wichtigste. Und: Man sollte dem Kind zeigen, dass Gefühle einfach zum Leben gehören.


Welche Rolle spielt der Kopf beim Abnehmen?

Das Essverhalten zu ändern, ist vor allem Kopfsache. Es liegt nicht daran, dass das Kind zu wenig Wissen über die Ernährung hat – das Wichtigste ist, dass es bereit ist, etwas zu verändern. Dafür braucht es die Unterstützung der Eltern.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2018