VOLKSKRANKHEITEN I KREBS

Keine Angst vor

dem Darmkrebs-Check

Ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung, Übergewicht, Rauchen und Alkohol begünstigen Darmkrebs. Doch diese Risikofaktoren sind vermeidbar. Und dank der Vorsorge- und Therapieoptionen ist die Sterblichkeitsrate enorm gesunken.

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Prim. Univ.-Doz. Dr. Friedrich Längle, Leiter der Chirurgis- chen Abteilung am Landesklinikum Wiener Neustadt

„Möglicherweise ist die Ernährung der wichtigste Faktor für die Entstehung von Darmkrebs“, betont Prim. Univ.- Doz. Dr. Friedrich Längle, Leiter der Chirurgischen Abteilung am Landesklinikum Wiener Neustadt. Aber auch Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen spielen eine Rolle. „60 bis 70 Prozent der Erkrankungen sind auf Lebensstil- und Ernährungsfaktoren zurückzuführen“, bestätigt auch Prim. Dr. Gerhard Weidinger, Leiter der 1. Internen Abteilung am Landesklinikum Wiener Neustadt. Das muss nicht sein, denn jeder kann seinen Le- bensstil selbst gesund gestalten, etwa mit einem durchdachten Speiseplan mit viel Obst, Gemüse und kalzium- reichen Nahrungsmitteln, die erwiesenermaßen vor Darmkrebs schützen. Verzichten sollte man hingegen auf zu viel rotes Fleisch, tierisches Fett und zu viele Kohlenhydrate. Ungesund ist auch ein Übermaß an Nahrung, das zu Übergewicht führt, und damit den Körper belastet.

„Speziell das viszerale Fett, also das Bauchfett, spielt bei der Entstehung von Krebs eine große Rolle“, betont Chirurg Längle. „Dagegen hilft Bewegung, die in den letzten Jahren bei der Krebstherapie immer mehr an Be- deutung erlangt hat. Denn es gibt hinreichend wissenschaftliche Daten, die uns zeigen, dass durch Bewegung das Wiederauftreten von Tumoren reduziert werden kann.“

30 Prozent aller Darmkrebs-Patienten haben diese Krankheit in der Familie, weiß Internist  Weidinger: „Man un- terscheidet einen sogenannten erblichen, nicht polypösen Darmkrebs, medizinisch als HNPCC oder Lynch-Syn- drom bezeichnet, und die familiäre adenomatöse   Polyposis.“ Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, ist für Menschen, die an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt sind, sogar dreimal so hoch wie bei gesunden Menschen. Auch entzündliche Darmerkrankungen, wie die Colitis ulcerosa, gelten als Risikofaktoren.


Alarmsignale

Wie bemerkt man, dass man an Darmkrebs oder seinen Vorstufen leidet? Eine Veränderung beim Stuhlgang, Blut im Stuhl, Bauchschmerzen, Schwäche oder Anämie sind typische Anzeichen, die ernst genommen werden müssen. „Bauchschmerzen, Unregelmäßigkeiten beim Stuhl, Blut auf dem Stuhl und Blutarmut deuten schon auf ein fortgeschrittenes Stadium hin“, warnt Weidinger. „Zu den klassischen Symptomen zählen auch Schleim- auflagerungen am Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust und der Darmverschluss, wenn der Tumor die Stuhlpassa- ge nicht mehr zulässt“, erklärt Längle. Andererseits kann die Erkrankung auch gar keine Symptome zeigen, denn ein Karzinom entwickelt sich langsam. Die Entstehung von Darmkrebs aus der Schleimhaut ist gut belegt, er beginnt mit gutartigen Polypen (Adenom) und endet mit einem Karzinom – 90 Prozent der Fälle entwickeln sich innerhalb von zehn Jahren so.


Gute Vorsorgemöglichkeiten

Doch so weit muss es nicht kommen. Schon eine jährliche Überprüfung des Stuhls kann helfen: „Ein immunolo- gischer Okkultbluttest entdeckt etwa 80 Prozent der Darmtumore und etwa 20 bis 50 Prozent der Vorstufen (fort- geschrittene Adenome).“ Und der neue enzymatische Stuhltest? „Der ist noch nicht so mit Daten gesichert, um als Früherkennung hundertprozentig befürwortet zu werden“, sagt Weidinger. Doch auf den Stuhltest alleine sollte man sich nicht verlassen, weiß der Chirurg Längle: „Da nicht jeder Tumor blutet, soll man ab dem 50. Le- bensjahr eine Vorsorge-Kolonoskopie durchführen lassen“, empfiehlt er. Liegt die Erkrankung in der Familie und wurde ein erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, bereits in den Genen nachgewiesen, sollte diese Unter- suchung bereits ab dem 40. Lebensjahr erfolgen.

Die Kolonoskopie ist eine Routineuntersuchung, die ein niedergelassener Chirurg oder Gastroenterologe durch- führt, der Patient geht danach sofort wieder nachhause. Bei einer „sanften Kolonoskopie“ untersucht der Arzt den Darm fast ausschließlich in Sedoanalgesie, der Betroffene ist leicht sediert und spürt nichts. „Bei Bedarf führen wir die Untersuchung auch in Vollnarkose oder auf Patientenwunsch ohne Sedierung durch, das ist aber eher selten“, beschreibt Weidinger. Zur Vorbereitung auf die Untersuchung muss der Darm zu Hause gründlich entleert werden. Bei der Untersuchung selbst wird zunächst Luft oder CO2 in den Darm eingeblasen, um die Schleimhaut bei einem gut entfalteten Darm beurteilen zu können. Danach wird ein biegsamer Schlauch mit ei- ner Art Mini-Kamera in den Darm eingebracht. „Das erste Ziel ist der Übergang vom Dickdarm in den Dünn- darm. Dann wird das Gerät langsam zurückgezogen und die Darmschleimhaut dabei gründlich untersucht. Dies soll mindestens zehn Minuten dauern“, erklärt Längle.


Vorsorge & Therapie in einem

Ein Vorteil der Untersuchung: Stößt der Arzt auf Polypen, können sie mit einer Schlinge gleich schmerzlos ent- fernt werden oder er entnimmt mit einer Zange eine Gewebeprobe. Befindet sich das Polyp an Stellen im Darm, an die die endoskopische Technik schwer hingelangt, wird das Polyp chirurgisch entfernt. Bei etwa 60 Prozent der Untersuchungen finde man aber gar keine Polypen, erklärt Längle.

Ist eine Kolonoskopie wegen Verwachsungen nicht komplett möglich, wird eine  radiologische Ergänzungsun- tersuchung durchgeführt, weiß Längle: „Bei der Irrigoskopie wird dem Patienten ein Kontrastmittel-Einlauf verab- reicht und Luft eingebracht. Eine weitere Möglichkeit ist die moderne CT-Kolographie, bei der mittels einer spe- ziellen Software eine Analyse der Bilder durchgeführt wird.“ Auch für diese beiden Untersuchungen muss vor- her der Darm entleert werden. Im Gegensatz zur Koloskopie kann bei radiologischen Untersuchungen das ver- dächtige Gewebe nicht sofort entfernt werden.


Eine Frage des Lebensstils

Um Darmkrebs zu vermeiden, gibt es eine verlässliche Prävention, nämlich einen gesunden Lebensstil. Studien zeigen beispielsweise, dass Nichtraucher, die einen BMI unter 30 haben, mehr als dreieinhalb Stunden Bewe- gung pro Woche machen und sich gesund ernähren, gut aufgestellt sind: Sie haben ein um 78 Prozent niedrige- res Risiko, chronisch zu erkranken, wie z. B. an Diabetes oder eben auch Dickdarmkrebs. Weidinger: „Ein ge- sunder Lebensstil, gesunde Ernährung, Bewegung, Normalgewicht und Rauchfreiheit reduzieren das Risiko für viele Erkrankungen deutlich.“


Doris Simhofer

Prim. Dr. Gerhard Wei- dinger, Leiter der 1. In- ternen Abteilung am Landesklinikum Wiener Neustadt

Krebshäufigkeit


Laut Statistik Austria ist Darmkrebs nach Brust- krebs bei Frauen die zweithäufigste und bei Männern nach Prostata- krebs die dritthäufigste Krebserkrankung. Lun- genkrebs steht sowohl bei Frauen als auch bei Männern in Konkurrenz zu Platz 2 und 3.

Die Erkrankungshäufig- keit steigt zwar mit den Jahren, die Sterblichkeit hat aber abgenommen. Das hängt nach Exper- tenansicht mit der zuneh- menden Lebenserwar- tung und den besseren Behandlungsmöglichkei- ten, sowie der Vorsorge- Kolonoskopie zusam- men.

Kolonoskopie – wann und für wen?


(nach den Leitlinien der Österreichischen Gesell- schaft für Gastroentero- logie und Hepatologie). Angehörige I. Grades von an Dickdarmkrebs erkrankten Personen sollten zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des Angehörigen unter- sucht werden.

Patienten mit Polypose- Syndrom (familiär be- dingt), Colitis ulcerosa und Morbus Crohn soll- ten ebenfalls früher un- tersucht werden.

Bei unauffälligem Befund wird ein Screening-Inter- vall von sieben bis zehn Jahren empfohlen.

Krebskompetenzzentrum


Jährlich erkranken in Niederösterreich etwa 7.000 Menschen an Krebs. Das Landesklinikum Wiener Neustadt hat sich in den ver- gangenen Jahren zu einem der modernsten europäischen Krebskompetenzzentren entwickelt. Einen wichtigen Beitrag dazu lie- fern Tumorboards, die eine maßgeschneiderte Therapie für jeden Betroffenen ermöglichen: Beim Tumorboard beraten Experten verschiedener Disziplinen, wie etwa Onkologen, Hämatoonkologen, Radioonkologen, Pathologen, Radiologen gemeinsam jede Krebserkrankung individuell, um die optimale Therapie einzuleiten. Etwa 300 Krebserkrankungen im Monat werden in Tumor- boards im Landesklinikum Wiener Neustadt besprochen, etwa 100 davon per Videokonferenz, bei der Experten anderer Kliniken einbezogen werden. Damit lässt sich für jeden Patienten die beste und sehr individuelle Therapie finden.

Gute Zusammenarbeit mit MedAustron


Das neue Krebsbehandlungszentrum für Ionentherapie in Wiener Neustadt, MedAustron, ist eine ganz besondere Chance für spezielle Krebsfälle. Weltweit gibt es derzeit nur zwei vergleichbare Anlagen. Welche Patienten für die Behandlung bei MedAustron geeignet sind, ist in klaren Richtlinien festgelegt.

Die Radioonkologen, die bei MedAustron arbeiten, wurden teilweise im Landesklinikum Wiener Neustadt ausgebildet. Das Klinikum, das eine der beiden Radioonkologien in Niederösterreich beherbergt (das zweite ist das Universitätsklinikum Krems), arbeitet eng mit MedAustron zusammen. Auch auf einer weiteren Ebene: Da MedAustron besonders für die Behandlung von Kindern geeignet ist, die für jede Therapieeinheit in Narkose versetzt werden, kommen auf Kinder spezialisierte Anästhesisten des Klinikums in das Ionenthera- piezentrum. Und das klappt hervorragend, wie ein Brief des Medizinischen Direktors von MedAustron zeigt. Schon nach der ersten Be- handlung eines Kindes dankte er dem Leiter der Abteilung für Anästhesie, Prim. Dr. Helmut Trimmel, MSc.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2017