RIECHEN

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Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben eine angeborene Riech- schwäche.

Der Duft des Lebens

Düfte und Gerüche haben großen Einfluss auf unsere Gefühle und unser Verhalten. Wer sie wegen einer Riechstörung nicht oder nur verfälscht wahrnehmen kann, dem entgeht vieles.

Sie sitzt mitten in unserem Gesicht und erlaubt uns feinste Wahrnehmungen, doch im Gegensatz zu Augen und Ohren schenken wir ihr kaum Beachtung: Die Nase ist so etwas wie das Stiefkind der Sinnesorgane. Das mag auch daran liegen, dass die Philosophen der Antike den Geruchssinn zu den „niederen Sinnen“ zählten, die „nicht dazu geeignet sind, Erkenntnis zu erlangen“. Auch die Naturwissenschaften haben die Nase erst in den letzten Jahrzehnten in ihr Blickfeld gerückt. Ganz anders die Dichter: In zahlreichen Wer- ken der Literatur spielt der Geruchssinn eine entscheidende Rolle. Am bekanntesten ist Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, am interessantesten vielleicht Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wenn der Protagonist beim Riechen und Schmecken des französischen Kuchengebäcks „Madeleine“ zu intensiven und hoch detaillierten Kindheitserinnerungen gelangt.


Geruchsbibliothek

Tatsächlich haben Düfte und Gerüche eine enorme Macht, unsere Erinnerungen zu befeuern, das merken wir gerade in der Advent- und Weihnachtszeit ganz besonders. Düfte und Gerüche beeinflussen auch un- ser Verhalten und unsere Entscheidungen. „In den ersten fünf bis zehn Lebensjahren erstellt unser Gehirn eine Art Geruchsbibliothek, an Hand derer wir eine Vielzahl an Assoziationen haben. Das ‚Riechgedächtnis‘ ist im Hippocampus lokalisiert und sehr langlebig. Oft werden wir unbewusst durch Gerüche in unseren Ent- scheidungen beeinflusst“, sagt Dr. Harald Schlögel, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Möd- ling. Was uns in die Nase steigt, entfaltet unsichtbar und allgegenwärtig Kräfte, die unser Denken, Fühlen und Handeln leiten. Angenehme Ausdünstungen machen uns andere sympathisch; auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ob wir uns in einem Raum wohl fühlen, hängt maßgeblich davon ab, wie es dort riecht; nicht umsonst setzen Handel und Industrie immer öfter auf Aromen, um Kundinnen und Kunden in Kauflau- ne zu versetzen.


Eine Billion Gerüche

Riechen zu können ist die älteste und wichtigste Anforderung an einen Organismus und sein

Nervensystem. Bei den Säugetieren und damit auch bei uns Menschen hat der Geruchssinn eine überle- benswichtige Bedeutung: Er erlaubt uns, Nahrung auf ihre Genießbarkeit hin zu prüfen. Auch die Zugehörig- keit zu einer Gruppe wird bei den Tieren durch den Geruch determiniert. Das Riechorgan ist also hochsen- sibel, der Mensch kann angeblich eine Billion olfaktorischer Reize unterscheiden. Auch hat jeder und jede von uns einen individuellen Körpergeruch. „Einerseits sind das Duftstoffe, die ein potenzieller Sexualpartner bewusst wahrnimmt, andererseits wirken hier vor allem sogenannte Pheromone“, erklärt der HNO-Spezialist. „Diese unbewusst wahrgenommenen Duftstoffe beeinflussen unser Sozialverhalten, vor allem die Partner- wahl erheblich. Bei einigen Erwachsenen lässt sich das sogenannte vomeronasale Organ nachweisen, eine Gruppierung sensorischer Rezeptoren, angeordnet um eine knorpelig gestützte tiefe Schleimhauttasche, die durch einen feinen Gang mit Mund- oder Nasenhöhle verbunden ist. Dieses Organ wird beim Embryo angelegt, verödet aber meist nach der Geburt, doch wenn es bestehen bleibt, verstärkt es die Wirkung von Pheromonen.“


Archaisch

Pheromone beeinflussen maßgeblich, ob wir jemanden „riechen können“ oder nicht. „Diese unbewusst wahrgenommenen Duftstoffe sprechen im Gehirn eine entwicklungsgeschichtlich alte Region an, in der sehr archaische Verhaltensmuster gespeichert sind. Zwar heißt es, dass sich Gegensätze anziehen, doch viel häufiger ist es so, dass sich Gruppen Gleichgesinnter („Gleichriechender“) zusammentun. Der Grund für Sympathie oder Antipathie liegt hauptsächlich bei den Pheromonen“, sagt Harald Schlögel.


Bessere Nasen

Frauen können besser riechen als Männer. Ihr Riechkolben ist zwar etwas leichter als bei Männern, doch die weibliche Variante enthält über 16 Millionen Zellen, Männer-Nasen haben „nur“ 9,2 Millionen. Bei den Neuronen, die für die Verarbeitung wichtig sind, ist der Unterschied noch deutlicher, wie ein brasilianisches Forscherteam vor vier Jahren ermittelte: Den 6,9 Millionen Neuronen bei Frauen standen nur 3,5 Millionen Neuronen bei Männern gegenüber. Trotzdem gilt der Mensch im Gegensatz zu vielen Tieren als Mikrosmati- ker, ist also mit einem vergleichsweise schwachen Geruchssinn ausgestattet. Hunde haben eine 20 Mal grö- ßere Riechschleimhaut und rund 40 Mal mehr Riechsinneszellen. Das macht sie zu Geruchsexperten bei der Suche nach verschütteten Menschen oder bei der Entdeckung von Drogen und Sprengstoff. Makrosma- tiker, wahre Supernasen, sind aber auch Fische, vor allem Aale, die bis zu eine Milliarde Riechsinneszellen haben. Auch Schweine haben ein ausgezeichnetes Riechorgan – jedenfalls zum Erschnüffeln von Trüffeln.


Riechstörungen

Wenn wir Menschen nicht gerade den besten Riecher haben, so verschafft uns der Geruchssinn doch sehr viel mehr Lebensqualität, als wir ahnen. Das merken wir, wenn ein Schnupfen uns Riech- oder Schmeck- Störungen verschafft. Dann können wir zum Beispiel köstliche Speisen nicht erriechen und erschmecken.

Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben eine angeborene Riechschwäche: Die Anosmie ist der völlige Ver- lust der Riechfähigkeit, die Dysosmie ist ein mehr oder weniger stark eingeschränktes Riechvermögen. Bei der Parosmie ist das Wahrnehmen von Gerüchen verändert. Mit einer Kakosmie nimmt man ausschließlich „schlechte“ Gerüche wahr. Wird die eingeatmete Luft auf ihrem Weg zur Riechschleimhaut behindert, kön- nen Duftstoffe auch keine Geruchswahrnehmung auslösen. Grund dafür können Entzündungen im Bereich der Nase oder der Nasennebenhöhlen sein, aber auch eine Verkrümmung der Nasenscheidewand. Allergi- en und manche Hormone können ebenso den Geruchssinn beeinträchtigen.

Riechstörungen können auch durch die Schädigung des Riechapparates selbst entstehen, etwa durch Trau- men, „also Verletzungen des Nasengerüstes oder des Schädels bei einem Schädel-Hirn-Trauma. Gift und Schadstoffe sowie bestimmte Medikamente können ebenfalls zum Teil irreversible Schäden hervorrufen. Manche Viren können Parosmien mit einer Dauer von bis zu sechs Monaten erzeugen“, berichtet HNO-Ex- perte Schlögel. Auch das Alter beeinflusst die Riechleistung, sie nimmt mit den Jahren ab. Erkrankungen wie etwa Epilepsie, Depression oder Schizophrenie, Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen können Riechstörungen auslösen. Diese können auch ein Frühsymptom für Parkinson und Alzheimer sein, berichtet Schlögel: „Eine olfaktorische Dysfunktion findet sich bei über 90 Prozent der Patienten mit idiopathischem Parkinson- Syndrom. Dabei weist die Mehrzahl zum Diagnosezeitpunkt bereits eine schwere Störung des Geruchssinns auf. Diese olfaktorischen

Störungen dürften bereits vier bis sechs Jahre vor den motorischen Symptomen auftreten.“


Individuelle Therapie

Die Therapie von Riechstörungen kann eine echte Herausforderung sein und reicht je nach Auslöser von abschwellenden Nasentropfen, Antiallergika und Kortisonpräparaten bis hin zu chirurgischen Maßnahmen wie etwa die Begradigung der Nasenscheidewand oder das Entfernen von Polypen, erklärt der Facharzt: „Wird durch einen Unfall oder durch Alzheimer-Demenz Nervengewebe zerstört, ist die Prognose sehr schlecht. Aber es gibt Versuche, neben der Therapie der Grunderkrankung auch das mehrmonatige Riech- training sowie Mineralstoffe wie etwa Zink einzusetzen. Damit werden heute zumindest experimentell schon Erfolge erzielt.“

Er rät dringend dazu, Riechstörungen ernst zu nehmen, denn sie beeinträchtigen die Lebensqualität enorm und können zum Beispiel auch zu Ernährungsdefiziten führen. Riechen und Schmecken sind entscheidend für die Wahrnehmung unserer Umgebung, die Identifikation von Gefahren und nicht zuletzt für den Genuss, den wir am Leben haben.


Gabriele Vasak

Riechen – ein komplexer Vorgang


Das Riechen ist eine Sinneswahrnehmung, die ständig präsent ist, vorausgesetzt die Nasenat- mung ist nicht behindert. Beim Atmen durch die Nase wird ein Teil der Luft an das Dach der Na- senhöhle geleitet. Hier besitzt der Mensch etwa 30 Millionen Riechzellen auf einer Fläche von 2x5 cm2 Riechschleimhaut als Geruchsorgan. Auf diesen Riechzellen sind insgesamt etwa 400 verschiedene olfaktorische Rezeptortypen zu finden, auf einer einzelnen Sinneszelle meist nur ein bestimmter Typ. Die je einige tausend Riechzellen gleichen Typs liegen verteilt über die Re- gio olfactoria. Die Weiterleitung der Geruchsinformation nach Detektion durch die Rezeptoren erfolgt mittels der Riechfäden durch die Schädelbasis ins Gehirn. Hier transportieren der Riec- hkolben und später der Riechnerv die Informationen zum Thalamus. Das „Riechgedächtnis“ ist im Hippocampus lokalisiert und sehr langlebig- .

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018