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Elternsein

Beatrix Cmolik, diplomierte Hebamme und Stillberaterin, Leiterin von ProMami Waidhofen/Ybbs

Die Magie des Kennenlernens

Die erste Zeit mit einem neugeborenen Baby bringt wunderschöne Momente, aber auch Unsicherheit und nicht selten Stress. GESUND&LEBEN gibt Tipps, damit Sie sich gesund und rundum entspannt auf dieses neue Abenteuer einlassen können.

Nach der Geburt und der ersten Zeit im Krankenhaus steht sie allen frischgebackenen Mamas und Papas bevor: die erste magi- sche Zeit mit dem Neugeborenen im eigenen Heim. Das gewohnte Umfeld bietet meist Sicherheit und kann doch so manches Kopfzerbrechen bereiten. Die ersten Stillversuche etwa, der vollkommen veränderte Lebensrhythmus und eine gewisse Unsicher- heit – das alles gepaart mit jeder Menge Hormonen. Wer als Frau auf sich achtet und sich gut auf diese erste Zeit vorbereitet, kann vor allem eines: das neue Leben in Ruhe genießen und das Baby kennenlernen.


Hebamme kommt ins Haus

Um die Zeit nach der Geburt möglichst angenehm zu verbringen, rät Hebamme Beatrix Cmolik werdenden Müttern, den Körper auf die Geburt vorzubereiten, um ihn möglichst gut vor einer Geburtsverletzung zu schützen. In erster Linie geht es dabei um den Damm, der viel zu leisten hat. Ein Heublumendampfbad ist dafür ideal geeignet: Warmes Wasser in ein Schaffel füllen und eine Handvoll Heublumen (aus der Apotheke) darin verteilen. Die hochschwangere Frau setzt sich darauf und lässt die Heublumenmi- schung von unten auf den Damm dampfen. Dammmassagen mit Johanniskrautöl oder anderen Massageölen helfen, das Gewebe auf die Geburt vorzubereiten. Und: „Es ist wichtig, dass sich Frauen mental vorbereiten, sich vorstellen, dass sich das alles gut ausgeht und sich das Gewebe gut dehnt“, sagt die erfahrene Hebamme. Die Waidhofnerin betreut gemeinsam mit weiteren Kolle- ginnen eines von zehn ProMami-Studios in Niederösterreich. Der Verein bietet alles an, was Eltern mit Babys und Kleinkindern benötigen. Neben Beckenbodentraining und Co gibt es in

Studios auch etwas, das nur 15 Prozent der Mütter in Anspruch nehmen: ein Mutter-Kind-Pass- Beratungsgespräch zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche und die kostenlose Nachsorge durch die Hebamme im eigenen Heim. Wie lange sich die Hebamme um die frischgebackene Mutter und ihr Baby kümmert, richtet sich nach der Dauer des Klinik-Aufenthalts. Nach einer ambulanten Geburt stehen einer Frau bis zu 13 Hausbesuche innerhalb von acht Wochen zu.


Hilfe in Anspruch nehmen

Beatrix Cmolik empfiehlt, nach der Geburt so rasch wie möglich nach Hause zu gehen: „Wenn sich die Frau gut und wohl fühlt, sollte sie das tun. Denn das oberste Gebot in den ersten Tagen und Wochen ist für mich vor allem eines: Ruhe und Zeit fürs Baby.“

Zu viele Besuche stören nicht nur den Beziehungsaufbau, sondern mitunter auch den Stillbeginn, ist Cmolik überzeugt. Besser ist es, sich nicht zu viel zuzumuten. Das gilt auch für den Haushalt: Als Wöchnerin darf man Hilfe in Anspruch nehmen – es ist empfehlenswert, sich jemanden zu organisieren, der etwa in den ersten Tagen Mittagessen vorbeibringt oder die Bügelwäsche mitnimmt.

Die Hebamme rät außerdem zu alternativen Geschenken: Statt Kleidung oder Spielzeug ist es eine gute Idee, einen Gutschein für eine Tätigkeit im Haus etc. zu verschenken. Wichtig auch für frischgebackene Mamas: Schwere Lasten dürfen in der ersten Zeit an andere abgegeben werden. Selbst die Babyschale für das Auto samt Kind ist in den Augen der Hebamme in den ersten Ta- gen zu viel. Besser ist es, wenn die Mama die Babyschale in das Auto trägt und dann das Baby holt. Der Grund: Der Beckenboden hat während der Geburt einiges geleistet – genügend Ruhe und Schonung rechnet sich für später.


Wie die Mama, so das Baby

Neben Kuscheln und Aneinandergewöhnen steht natürlich auch das Ernähren des Kindes im Mittelpunkt. Viele Mütter stillen ihr Kind und geraten dabei gerade am Anfang immer wieder an ihre Grenzen. Wenn das Kind nicht richtig trinken will oder sich die Milch in der Brust staut, steckt oft Stress dahinter. Auch hier gilt, sich Zeit und Ruhe zu gönnen und sich nicht zu viel Druck zu machen. Ähnliches gilt auch beim Thema Ernährung: Von strengen Vorschriften, die früher gang und gäbe waren, hält die Heb- amme nichts: „Stillende Mütter sollten sich gesund ernähren und reichlich trinken. Generell gilt: Was die Mama verträgt, verträgt auch das Baby. Alles, was das Kind vom Bauch her – also von der Schwangerschaft – kennt, das tut ihm auch gut. Wichtig ist ein- fach, sich gut und ausgewogen zu ernähren.“

Wenn das Stillen gut klappt und die Brustwarzen trotzdem wund werden, liegt das oft an der falschen Stillposition. Gemeinsam mit der Hebamme findet die Frau heraus, wie sie das Kind zum Stillen am besten hält. Um die Schmerzen zu lindern, hilft es, die wunde Stelle mit Wollfett einzucremen oder Schwarztee darauf zu tupfen. Ist der Damm verletzt, kühlt Teebaumöl die geschun- dene Stelle; neben speziellen Cremen und Salben hilft auch Honig als Wundheilmittel.


Aus zwei wird drei

In der ersten Zeit nach der Geburt erlebt nicht nur der Körper starke Veränderungen, auch die Gefühle der Frau spielen immer wieder verrückt. Das Baby im Arm verdrückt die Frau nicht selten eine Träne, die wiederrum irritiert – eigentlich müsste sie doch glücklich sein. Doch Neo-Mamas dürfen sich zugestehen, dass sie nicht immer stark und perfekt sein müssen. Beatrix Cmolik massiert den Frauen oft den Bauch und rückt ihn ins rechte Licht – auch hier fließen oft die Tränen.

Auch ein Gespräch, beispielsweise mit dem Partner, wirkt wahre Wunder. Die Väter, sagt Beatrix Cmolik, haben eine besonders wichtige Rolle: „Männer sollten von vornherein sehr viel machen: zu Geburtsvorbereitungskursen gehen, die Frau bei der Geburt unterstützen und sich in der Babypflege einbringen. Das sind sehr wertvolle Erfahrungen und entlasten zugleich die Partnerin.“

Ist das Baby auf der Welt, verwandelt sich das Paar in ein Elternpaar – aus zwei wird drei. Es braucht viel Verständnis von bei- den Seiten, denn gerade diese erste Zeit ist oft eine Zerreißprobe für die Beziehung. Auch was das Thema Sexualität angeht: Für Frauen hat Sex in der ersten Zeit oft einen anderen Stellenwert als für die Männer; manchmal spielt auch die Angst, verletzt zu werden, eine Rolle. Hier braucht es viel Einfühlungsvermögen des Mannes. Das klassische Sechs-Wochen-Verbot, das Vollbäder und Geschlechtsverkehr betrifft, gilt längst nicht mehr: Wenn die Frau sich wieder bereit fühlt, ist es erlaubt. Während des Wo- chenflusses sollte aber wegen der Keime ein Kondom verwendet werden. Sex unterstützt in dieser Phase sogar: Es stimuliert nicht nur den Beckenboden, sondern fördert auch allgemein die Rückbildung.

Diese erste magische Zeit mit dem Baby: Sie umhüllt ein ganz besonderer Zauber. Sie erzählt Geschichten von verliebten Bli- cken ins Gitterbett, von verzweifelten Versuchen, das Kind zu beruhigen und von einem Körper, der plötzlich nicht mehr der alte ist. Das Leben ist nicht mehr dasselbe wie zuvor – aber mit der nötigen Vorbereitung, Ruhe und Unterstützung wird es zu einer unvergesslichen, wunderschönen Zeit.

DANIELA RITTMANNSBERGER

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2017