IM PORTRÄT

FotoS: Andrea Peller, sandra sagmeister-pensch

Isabell Pannagl hat gelernt, mit sich achtsam zu sein und gönnt sich regelmäßig kurze Ruhephasen.

Ohne Krimi geht die

Isabell nie ins Bett!

Warum Kommunikationsstress krank macht, Familie Heimat ist und die Zahl 42 eine magis- che Wirkung hat, erzählt Kabarettistin und Schauspielerin Isabell Pannagl.

Eine quirlige junge Dame mit strahlenden blauen Augen kommt zum Interview ins Café Kanzlei in Mödling. Kaum sitzt sie, sind wir auch schon mitten im Gespräch: über Facebook, digitale Medien, warum sie so geerdet ist und wie man mit 27 Jahren schon so lebensweise sein kann.

Die in Wien geborene und in Perchtoldsdorf aufgewachsene Kabarettistin Isabell Pannagl wollte eigentlich Jus studieren, drei Semester hat sie geschafft, nur dann kam ihr ein Bild in den Sinn, das sie von ihrer juristischen Karriere abhielt: das ei- ner zwar erfolgreichen, aber nicht glücklichen 42-jährigen Anwältin. Sie sattelte schnell um und startete eine künstlerische Ausbildung. Heute ist sie eine glückliche 27-jährige Kabarettistin, die mitten im Leben steht, aber ganz klar ihre Grenzen kennt und diese nicht dauernd überschreitet. Sie ist achtsam mit sich, mit ihrer Seele, ihrem Körper und ihrem Geist – macht Yoga, geht spazieren („am liebsten mit meinem Papa“), um ihren Geist zu lüften und ihre Seele zu erden.

Vom Druck der Medien lässt sie sich nicht vereinnahmen, schafft es, das Handy auch einmal für längere Zeit auszuschal- ten: „Man braucht Off-Phasen, der Kommunikationsstress verändert die Menschen und macht sie krank.“ Trotzdem weiß sie, dass sie am digitalen Puls der Zeit bleiben muss, aber „ich lasse mich von der Technik nicht überfordern, man muss sich schützen.“ Ihr Smartphone ist für sie ein Arbeitsmittel und Pannagl kennt noch ein Leben ohne Facebook & Co: „Ich war 20, als Facebook aufkam, die Schulzeit erlebte ich noch komplett ohne digitale Medien. Es ist für mich ein Wahnsinn, wie sehr sich alles in sieben Jahren verändert hat und wie es auch die Menschen verändert hat.“ Jeder ist abhängig ge- worden von digitalen Medien, findet sie, deshalb will sie im Kabarett „unterbewusst vermitteln, dass man sich von dieser Oberflächlichkeit, die in unserer Gesellschaft herrscht, nicht bestimmen lassen darf; das ist aber bei vielen Menschen und auch meiner Generation so üblich.“


„Leute, ich bin nicht tot!“

Für ihren letzten Urlaub hat die Perchtoldsdorferin sich bei Familie und Freunden mit den Worten verabschiedet: „Leute, ich bin nicht tot, ich hab nur mein Handy abgedreht.“ Die ersten zwei Tage waren ungewohnt, gar nicht so leicht, auch nicht mal schnell am Abend zu schauen, wer geschrieben hat, was auf Facebook, Instagram und Twitter los ist. „Nach den ersten zwei Tagen war es aber wahnsinnig angenehm, weil man merkt, dass man einfach nichts versäumt. Und meine Er- holung hat sich wirklich erhöht.“

Eingeführt hat sie auch, dass sie gut eineinhalb Stunden vor dem Schlafengehen das Handy abdreht: „Ich schalte im wahrsten Sinn des Wortes ab und lese lieber einen Krimi oder was Psychologisches.“ Schlafen sei die beste Erholung. Pannagl weiß, wovon sie spricht. Als sie noch öfters über ihre Grenzen ging, hatte sie schlimme Schlafprobleme, „ich bin einfach nicht mehr zur Ruhe gekommen. Obwohl ich immer mehr Sport betrieben habe, ist mein Leistungsdruck immer hö- her geworden. Ich habe mir von allen Seiten Stress gemacht: Ich muss Sport machen, weil das gesund ist, und schon war ich in der Stressspirale. Und am Ende hatte ich auch noch Stress, dass ich Sport machen muss, um vom Stress runterzu

kommen.“ An diesem Punkt hat es plötzlich klick gemacht und sie hat beschlossen, „dass ich da raus will und mein Leben leben möchte, und nicht das der anderen.“ Sich jeden Tag für sich Zeit zu nehmen, sei eine Herausforderung, weil man schnell ein schlechtes Gewissen hat, doch Pannagl weiß, dass man lernen muss, mit dem Stress umzu- gehen. Jetzt schlafe sie nur mehr unruhig vor einer Premiere, „dann träume ich von Requisiten und Kostümen.“


Tief in sich schürfen

Gut, dass Isabell Pannagl Kabarettistin geworden ist und ihre Gedanken in Sketches und nicht in Pa- ragraphen verpackt. Ihr neues Kabarettprogramm heißt „Noch immer alles neu“ und spielt dabei mit der Tatsache, dass „man sich ständig neu erfinden muss.“ Schon wieder so ein Stressmacher unserer Zeit, ständig neu sein zu müssen: neu eingekleidet, ein neuer Job, ein neues Auto, eine neue Ausbil- dung, ein neuer Mann.

Aber was muss passieren, dass es bei einer so jun- gen Frau klick macht? Viele müssen 40 Jahre und älter werden, bis sie durch ein ordentliches Burnout oder eine Depression zum Nachdenken und Verän- dern ihres Lebensstils gezwungen werden. „Ich habe versucht, zu ergründen, warum ich nicht glücklich war, obwohl ich doch meine Kunst ma- chen durfte, für die ich so gekämpft habe.“ Glück- lich machen sie ihre Auftritte, wenn die Zuschauer es auch sind. „Um aber wirklich gut in meinem Be- ruf zu sein, muss man selbst glücklich sein“, glaubt

sie. So nahm sie sich zurück, trat zwei Schritte beiseite und überlegte: „Was will ich wirklich?“ Das erfordert Diszi- plin, „ich glaube, es wird im Leben immer wieder Phasen geben, in denen es nicht so läuft und man sich fragen muss, ob das der richtige Weg ist.“ Für Pannagl ist das Leben eine Abfolge von Dahingaloppieren, Zügel-Anzie- hen, Innehalten und Sich-Hinterfragen. Das ist ihr Rezept, um glücklich und zufrieden zu sein, und die Phasen, in denen es mal nicht so klappt, auch unbeschadet zu überstehen. Wie jeder Unternehmer in sein Business investie- ren muss, muss auch der Mensch in sich selbst investieren, sich mit sich selber beschäftigen und das inkludiert, „achtsam zu sein. Ich sehe, dass immer mehr Menschen ausbrennen, besonders meine Generation, die sogenann- te Y-Generation. Auf uns lastet viel Druck, wir sind ständig damit beschäftigt, dass wir allen gefallen wollen, ständig muss alles immer noch mehr sein.“ Diesem Druck will sie nicht mehr standhalten. In diesem Zwiespalt müsse man „versuchen seine Mitte zu finden, weil sonst zerreißt es einen.“


„Lass diesen Gedanken nicht zu!“

Isabell Pannagl hat es geschafft, akzeptiert aber, dass beispielsweise immer wieder Existenzängste auftauchen. „Dann denke ich mir: Lass diesen Gedanken nicht zu! Ich konzentriere mich dann auf das, was ich machen möch- te.“ Und wie kommt man in solchen Momenten auf andere Gedanken? „Raus in die Natur, nicht in der Opfer

rolle verharren und erstarren.“ Deshalb hat sie für die Zukunft ein ganz präzises Ziel: „Bekannt werden wie ein Mann“ – weil in der Kabarettszene haben zumeist die Männer die großen Namen und dürfen sich viel mehr heraus- nehmen: „Wenn ich auf der Bühne drei Mal Arschloch sage, denken sich alle, was ist denn das für eine Derbe. Wenn das ein Mann sagt, ist es okay.“

Sandra Sagmeister-Pensch

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2017