VORPUBERTÄT

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Groß & klein zugleich

Äußerlich ein Kind – innerlich ein halber Teenager: In der Vorpubertät wissen Kinder nicht, ob sie erwachsen oder doch noch klein sein wollen.

Dr. Norman Schmid,

Klinischer und

Gesundheitspsy- chologe

Die Kinderbücher lehnen unberührt im Regal. Im ganzen Zimmer sind Fußball-Sticker verteilt. Lio- nel Messi in Originalgröße blickt von einem Poster herab und mitten in der zerknautschten Fußball- Bettwäsche liegt ein weißer Kuscheltiger. Groß und gleichzeitig doch noch klein – in diesem Wider- spruch leben Kinder, wenn sie körperlich noch aussehen wie Kinder, das Verhalten aber einem Teenager ähnelt. Willkommen in der Vorpubertät.


Sexualität wird Thema

Gegen Ende der Volksschulzeit bekommen Eltern einen Vorgeschmack auf die Pubertät. Meist folgt nach der ersten stürmischen Phase noch einmal eine ruhige Zeit, ehe die Pubertät richtig be- ginnt.  In der Vorpubertät fängt es in den Kindern an zu brodeln: Die Hormone beginnen sich um- zustellen. Der Einfluss von außen wird immer größer, für Eltern wird es anstrengend. Diese Vorpu- bertät ist streng genommen nichts anderes als der Start in die Pubertät. Etwas, das in den westli- chen Kulturen immer früher beginnt. „Das heißt aber nicht, dass Kinder heute früher erwachsen werden als vor 20 Jahren“, sagt Dr. Norman Schmid, Klinischer und Gesundheitspsychologe in St. Pölten. Es sei vielmehr der Gesellschaft und der Erziehung geschuldet, dass sich Kinder früher mit dem Erwachsenwerden auseinandersetzen: Sie dürfen heute mehr mitreden und werden in die Er- ziehung eingebunden. Die körperlichen Veränderungen, die bevorstehen, sind kein Tabu mehr – im Gegenteil: An allen Ecken werden Kinder mit nackten Körpern konfrontiert und setzen sich mit ih- ren erwachsenen Vorbildern wie Fußballern, Models oder Youtubern auseinander. Die eigene Se- xualität wird dabei früher zum Thema zwischen Kindern und Eltern. All diese Einflüsse, die auf die Buben und Mädels einprasseln, bleiben nicht unbemerkt: Der Körper fängt früher an, sich hormo- nell umzustellen. Gesellt sich dazu noch der bevorstehende Schulwechsel mit all seinen Umstellun- gen, muss der Unmut dringend raus. Und meistens bekommen ihn die Eltern ab.


Autorität & Freiheiten

Alles, was die Mama sagt, ist plötzlich uncool, nervig, peinlich oder falsch. So wie die Mama, denkt sich manches Mädchen, werde ich garantiert nie. Bei den Burschen ist es ähnlich. Die Mutter oder der Vater ist das Idol, das in der Pubertät gestürzt wird – so erklärt es der Psychologe. Manche

Kinder haben auch ein Problem mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil. So oder so heißt es in den meisten Fällen: Du hast mir gar nichts zu sagen. Dieses Reiben an den Eltern ist für die Kinder wichtig, die sich dadurch entwickeln und eigene Erfahrungen sammeln. Liebe, Nähe und Ableh- nung sind oft gleichzeitig da. Wie intensiv das ausgelebt wird, liegt auch an der Erziehung. Ein sehr liberaler Erziehungsstil kann dazu führen, dass Eltern in der Pubertät mehr Probleme mit ihren Kindern haben: Kennen Kinder nur wenige Grenzen, müssen sie, um sich an den Eltern zu reiben, weit gehen, um ein „Es reicht!“ zu hören. Ideal ist eine Mischung aus Autorität und Freiheiten, die sich in einem gewissen Rahmen bewegen. Diesen Rahmen weiterzuentwickeln ist eine Kunst, weiß Psychologe Norman Schmid: „Viele haben noch das Bild des kleinen Kindes im Kopf. Das muss man nun schrittweise anpassen.“ Dem Kind dabei der beste Freund zu sein, geht nicht. Vielmehr sollte man klar machen, wer welche Rolle innehat.


Zuhören ist wichtig

Wenn die Sexualhormone im Körper Einzug halten, gehen Buben und Mädchen unterschiedlich damit um: Mädchen ziehen sich zurück und wollen unter sich bleiben, kichern und tuscheln. Das eigene Äußere rückt in den Vordergrund. Bei Buben kommt ein starker Bewegungsdrang dazu – sie müssen „die Hormone rausschwitzen“, sagt Schmid. Wenn die Neo-Teenager zunehmend die Zimmertüre schließen und in ihrer neu gewonnenen Autonomie viel mehr mit Freunden unterwegs sind, ist es für Eltern wichtig, den Draht zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Fragen, wie es in der Schule gewesen sei, nerven die Kinder zwar oft. Trotzdem ist es besser, nachzufragen, statt nur darauf zu warten, dass das Kind erzählt. Wenn es dann zu reden beginnt, ist es wichtig, wirklich gut zuzuhören – auch wenn es sich um Themen handelt, die einen erst einmal nicht interessieren. „Die Kinder wollen sich mitteilen. Wenn man ihre eigene Lebenswelt nicht ernst nimmt oder gar ins Lächerliche zieht, vergibt man wichtige Chancen.“ Im besten Fall können Eltern so auch ihren Hori- zont erweitern.


Umbrüche

Kämpft das Kind in der Pubertät mit diversen Umbrüchen, sollten die Eltern im Idealfall die Rolle des stabilen Pols einnehmen, es unterstützen und ermuntern, Konflikte selbstständig zu lösen. Ge- meinsame Aktivitäten stärken das Eltern-Kind-Band und bieten auch einen Rahmen, um gut im Ge- spräch zu bleiben. Im Alltag können Familienzeiten wie etwa ein gemeinsames Essen einen beruhi- genden Rahmen schaffen. Laut wird es trotzdem immer wieder werden – für die Eltern ist es daher wichtig, nicht allzu sensibel, aber doch klar zu reagieren: „Die Ablehnung darf man nicht überbe- werten. Man sollte lernen, damit umzugehen“, sagt Schmid. Wobei es nicht schaden kann, auch klar zu sagen, wie es einem damit geht. Nicht als Anschuldigung, sondern um zu zeigen, dass man auch die eigenen Gefühle ernst nimmt. Und es ist wichtig, genau hinzuhören: Hinter körperli- chen Beschwerden des Kindes wie Kopf- oder Bauchschmerzen steckt nun häufig Kummer.


Raum, um pubertär zu sein

Um die Pubertät gut zu überstehen, rät Schmid den Eltern, sich selbst etwas Gutes zu tun. Meditie- ren oder Entspannungstechniken helfen, mit stürmischen Momenten besser zurechtzukommen. Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Eltern, die Ähnliches durchleben. Zeit mit dem Partner hilft, sich zu regenerieren. Dennoch müssen Mama und Papa nicht alles gemeinsam durchstehen. Es darf sich auch nur ein Elternteil mit den Trotzanfällen befassen.

Wenn sich Eltern pubertierender Kinder über das Erlebte austauschen, gleicht selten eine Ge- schichte der anderen: An manchen Kindern geht die Pubertät scheinbar spurlos vorbei, denn sie haben nicht dieses starke Bedürfnis, sich an den Eltern zu reiben. Bei anderen Kindern gestaltet sich der Weg ins Erwachsenenleben heftig. Und manche Jugendliche kommen erst mit 17 oder 18 Jahren in die Pubertät. Über kurz oder lang erwischt es aber jeden, sagt Schmid. Wann immer sich dieses Abnabeln seinen Weg sucht, sollen die Eltern dem Kind den nötigen Raum geben, pubertär sein zu dürfen. An der eigenen Zufriedenheit und Seelenruhe können sie ja dann feilen, wenn sich der Nachwuchs beim Sport auspowert – oder selig wie ein Baby im Bett schlummert.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018