(links) Der Patient ist halbseitig gelähmt. Am Pedago-Gerät muss er nun Gehen üben. Die Physiotherapeutin Katharina Nuc leitet ihn an; (rechts) Beim Motoriktrain- ing der linken Hand: Ergotherapeutin Daniela Bauer mit Patientin Paula H.

GESUND WERDEN & BLEIBEN  - REHABILITATION

FOTOS: PHILIPP MONIHART

Fit für den Alltag

Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder Morbus Parkinson: Neurologische Rehabilitation hilft am Weg zurück in ein lebenswertes Leben.

Georg M. erinnert sich genau: „Ich saß daheim am Küchentisch, plötzlich, von einem Moment auf den anderen, ist mir schwindlig geworden, ich habe alles verschwommen gesehen, dann hab ich mich übergeben.“ Seine Frau hat sofort die Rettung gerufen, wenig später war ihr Mann im Krankenhaus. Schnell war die Diagnose klar: Schlaganfall. Keine zwei Wochen ist das her. „Von einem Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr gehen, bin nun halb- seitig gelähmt“, erzählt der 75-Jährige. Ausgelöst hat den Schlaganfall eine Hirnblutung, erzählt Prim. Univ.-Doz. Dr. Christian Bancher, Ärztlicher Leiter des Landesklinikums Allentsteig. Dorthin kam der Patient nach einer Woche Krankenhausaufenthalt zur neurologischen Rehabilitation. Hier absolviert Ge- org M. nun täglich einige Stunden Therapien. Sein Kreislauf ist stabil, daher geht’s heute zum Muskelaufbau aufs Laufband, das sogenannte Pedago-Ge- rät: Zwei Physiotherapeutinnen legen ihm einen Brustgurt um und ziehen ihm Stiefel an. So kann Georg M. trotz halbseitiger Lähmung gut stehen und ist am Laufband fixiert. Dann wird die Geschwindigkeit eingestellt, es geht los, das Laufband setzt sich in Bewegung. „Mindestens 600 Schritte muss der Patient nun machen“, erklärt die leitende Physiotherapeutin Ilse Weiß. Georg M. muss sich anstrengen und bei jedem Schritt den gelähmten Fuß mitstre- cken. „Damit werden die central pattern generators aktiviert, vereinfacht ge- sagt die speziellen Nervenansammlungen im Rückenmark“, erklärt Ilse Weiß. „Das Training ist anstrengend, aber was tut man nicht alles, um wieder ge- hen zu lernen“, ist Georg M. zuversichtlich. In vier Wochen will er das Klini- kum wieder verlassen, und zwar möglichst ohne Rollstuhl.


Notfall Schlaganfall

Wie Georg M. ergeht es jährlich rund 20.000 Menschen in Österreich: Sie er- leiden einen Schlaganfall. Das bedeutet: ein Schlaganfall alle sechs Minuten. Jeder zehnte Patient verstirbt innerhalb der ersten beiden Wochen, womit Schlaganfall – nach Herzinfarkt und Krebs – die dritthäufigste Todesursache ist. Gleichzeitig ist er der häufigste Grund für bleibende Behinderungen im Erwachsenenalter. „Treffen kann es jeden!“, warnt Primar Bancher: „Die Häu- figkeit nimmt aber mit dem Alter kontinuierlich zu; etwa 50 Prozent aller Schlaganfälle ereignen sich in der Altersgruppe der über 75-Jährigen.“

Die Ursache für einen Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstö- rung im Gehirn. Die Gehirnzellen bekommen zu wenig Sauerstoff und Nähr- stoffe und gehen zugrunde. Auslöser ist entweder ein Gefäßverschluss oder eine Gehirnblutung. Je nachdem, welcher Gehirnanteil betroffen ist, bilden sich beim Schlaganfall unterschiedliche Symptome aus, meist entstehen halbseitige Lähmungen, wobei der Mundwinkel der betroffenen Seite herab- hängt und Sprach- und Gefühlsstörungen auftreten. Bei diesem und einigen anderen Anzeichen sollten Sie sofort die Rettung rufen (siehe Infokasten Sei- te 18).

Als Kommandozentrale des menschlichen Organismus ist das Gehirn be- sonders empfindlich: Im Kerngebiet der Durchblutungsstörung sind die Zel- len innerhalb weniger Minuten vom Absterben bedroht. „Damit ist ein Schlag- anfall in jedem Fall ein medizinischer Notfall“, erklärt Bancher. „Die Behand- lung sollte innerhalb von drei bis vier Stunden erfolgen, dann können wir mit geeigneten Medikamenten eine verschlossene Hirnarterie wieder öffnen und die Schwere der Folgen erheblich senken.“ Dafür gibt es, verteilt über ganz Niederösterreich, sogenannte Stroke Units – spezielle Schlaganfall-Einheiten zur sofortigen Akutbehandlung. Bei der Versorgung mit diesen Spezialeinhei- ten ist Niederösterreich Musterschüler: Von keinem Punkt des Landes braucht man länger als 90 Minuten bis zur nächsten Stroke Unit und damit bis zur optimalen Erstversorgung.


Folgeschäden

Oft bleiben Folgeschäden zurück: „Mehr als zwei Drittel der Schlaganfall-Pa- tienten leiden unter Defiziten, nachdem sie aus der Akutbehandlung entlas- sen wurden“, weiß Bancher. Zusätzlich zu seiner Funktion als Ärztlicher Leiter des Landesklinikums Allentsteig ist er Vorstand der Abteilung Neurologie im Landesklinikum Horn. Eine sinnvolle Doppelfunktion, denn es ist wichtig, die Akutbetreuung rasch mit der Frührehabilitation zu verknüpfen: In Horn gibt es eine Stroke Unit, in der die akute Behandlung stattfindet, in Allentsteig die neurologische Rehabilitation.

Viele Folgeschäden von Schlaganfall lassen sich wieder rückgängig ma- chen. Das Gehirn kann sich rasch auf neue Situationen einstellen, im Fach- jargon wird das neuronale Plastizität genannt; unter guten Bedingungen übernimmt dann ein anderer Teil des Gehirns die verlorengegangene Fähig- keit. Das geschieht jedoch nur zum Teil von allein – und da kommt die neuro- logische Rehabilitation zum Zuge. „Spezifische therapeutische Verfahren un- terstützen die Patienten dabei, die Funktionen verlorener Gehirnregionen in andere Bereiche überzuleiten“, sagt Neurologe Bancher. Je früher man nach einem Schlaganfall damit beginnt, desto besser stehen die Chancen. Wie bei Alois R. Der 55-Jährige hatte einen Schlaganfall, ausgelöst durch einen Verkehrsunfall. Er leidet nach wie vor an leichten Sprachstörungen und Be- wegungseinschränkungen. Seit zwei Wochen ist er zur neurologischen Reha- bilitation in Allentsteig. Heute trainiert er mit Ergotherapeutin Daniela Bauer die Feinmotorik seiner rechten Hand, die in einer Schiene liegt, die Finger sind an einer Tastatur angeklebt. Am Bildschirm vor ihm muss er wie bei ei- nem Videospiel verschiedene Aufgaben lösen, wie zum Beispiel mit einem Bärchen das Obst, das von Bäumen fällt, fangen. „Durch die regelmäßige Bewegung steigert sich die Durchblutung des Gewebes, Muskelkraft wird aufgebaut und Bindegewebsschichten adaptieren sich“, sagt die Ergothera- peutin. Alois R. schmunzelt: Das Training ist zwar anstrengend, macht aber auch Spaß.

Multiprofessionell

In der neurologischen Rehabilitation werden nicht nur Patienten mit Schlaganfall behandelt, sondern auch mit anderen neurologischen Er- krankungen wie Morbus Parkinson, Multipler Sklerose, Schädel-Hirn- Trauma, Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems und viele andere. Paula H. ist hier, weil sie einen Abszess an der Hals- wirbelsäule hatte. „Ich hatte starke Schmerzen“, sagt sie, „der Abszess hat auf einen Nerv gedrückt, der Schmerz auf den ganzen Körper aus- gestrahlt.“ Die lästige Eiterbeule wurde operativ entfernt, die Schmerzen sind nun weg, aber die rüstige Seniorin hat noch Probleme mit der Be- weglichkeit und Koordination der Hände. „Meine Finger sind noch ganz bamstig“, sagt sie. In der heutigen Ergotherapie-Einheit muss sie ähn- lich wie Alois R. Übungen am Bildschirm machen. In der linken Hand hat sie einen Joystick, mit dem sie steuert. Die Aufgabe ist, möglichst viele Eier in eine Pfanne zu schlagen. „Schon wieder ein Ei daneben“, ärgert sie sich.


Den jährlich 800 bis 900 Patientinnen und Patienten steht in Allent- steig ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Pflegepersonal, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Musik- und Kunstthe- rapeuten, Sozialarbeiterinnen, medizinischen Masseuren und einer Diä- tologin zur Verfügung. Außerdem gibt es Therapien der Physikalischen Medizin wie Elektro-, Hydro- und manuelle Therapien. Die Fülle der Pro- bleme erfordert einen interdisziplinären Zugang – und besondere Kom- petenzen: Das Team ist auf die speziellen Bedürfnisse von Personen mit neurologischen Krankheiten geschult. „Jeder Patient bekommt genau den Therapieplan, den er braucht“, betont Bancher, „maßgeschneidert und individuell angepasst. Und Neuro-Rehabilitation bedeutet harte Ar- beit, mindestens drei Stunden spezieller Therapien am Tag.“


Erfolgsformel

Patient Peter Z. (65) ist nach einer Myelitis, einer Rückenmarksentzün- dung, zur Rehabilitation in Allentsteig. Die Entzündung hat eine teilweise Querschnittlähmung ausgelöst, Peter Z. ist auf den Rollstuhl angewiesen. Die Neurologin Univ.-Prof. Dr. Michaela Pinter injiziert ihm Botolinumtoxin in beide Unterschenkel, um seine Spastik zu lösen. „Das löst die krankhafte Muskelanspannung“, sagt sie. Der Patient spürt nur einen kleinen Stich. Diese Behandlung muss er nach drei Monaten wiederholen. Danach wird sein Rückenmark mit einer elektromagnetis- chen Spule stimuliert. Die Fachärztin tastet seine Wirbelsäule entlang, zwischen dem zweiten und dritten Lendenwirbel hält sie inne: „Hier ist das Zentrum für das automatische Gehen, genau hier müssen wir stim- ulieren.“ Punktgenau setzt sie das Gerät an, das nun magnetische Im- pulse schickt, sogenannte Bursts, mit denen das Rückenmark gereizt wird und die einen therapeutischen Effekt auslösen. Eine von vielen Therapie-Optionen, die zur Verfügung stehen. Manchmal stoße man an Grenzen, sagt Bancher, nicht jede Störung lässt sich in der Rehabilita- tion beheben. Aber man könne in jedem Fall viel für die Lebensqualität der Betroffenen tun: „Die Patienten lernen hier mit Experten ver- schiedener Fachbereiche, wie sie sich mit ihrer jeweiligen Störung am besten arrangieren und ins Leben zurückfinden.“ Gemeinsam mit der Pflege versuchen die Mediziner, die Patienten wieder fit für den Alltag „draußen“ zu machen, sagt die pflegerische Standortleiterin DGKP Beatrix Litschauer: „Wir stehen beratend und motivierend zur Seite. Denn oft leiden die Betroffenen unter einem großen psychischen Druck und ziehen sich zurück, weil sie mit ihrer Situation nicht zurechtkom- men.“ Die Patienten sind etwa vier Wochen zur Rehabilitation, kommen aus allen Altersgruppen, auch junge Patienten sind dabei, beispiel- sweise mit Multipler Sklerose: Hier hilft die Reha, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen.

Beim Rundgang durchs Haus sticht besonders die gute Atmosphäre ins Auge. Überall freundliche Gesichter, das motiviert auch die Patien- ten, sagt Bancher: „Denn nach dem Spitalsaufenthalt sind sie noch ein- mal vier Wochen hier, müssen mitmachen und sich anstrengen. Das ist wichtig für den Therapie-Erfolg.“ Fachliche Kompetenz mit Fre- undlichkeit und Empathie – die Erfolgsformel, damit neurologische Re- habilitation gelingen kann.


KARIN SCHRAMMEL

(oben) Auch logopädisches Training gehört zur neurologischen Rehabilitation. Logopädin Michelle Tröstl übt mit einer Patientin.


(unten) Mit elektromagnetischen Impulsen wird das Rückenmark des Patienten stimuliert

ANZEICHEN EINES SCHLAGANFALLS

- plötzliche Schwäche oder Lähmung einer Körperseite, meist Arm und Bein, oft auch Ge- sicht

plötzliche Gefühlsstörung einer Körperhälfte, meist Arm und Bein, oft auch Gesicht

unverständliche Sprache, gestörtes Sprach- verständnis

- halbseitige Störung des Gesichtsfeldes

- halbseitige Störung der Wahrnehmung

- ungerichteter Schwindel mit zusätzlichen Krankheitszeichen (Fallneigung, doppeltes Se- hen, Übelkeit)

Sofort die Rettung rufen!

(oben) Prim. Univ.-Doz. Dr. Christian Bancher und die lei- tende Physio-therapeutin Ilse Weiß


(mitte) Univ.-Prof. Dr. Michaela Pinter injiziert einem Pati- enten Botolinumtoxin, um seine Spastik

zu lösen. Die pflegerische Stationsleitung Erna Brinnich assistiert.


(unten) Die pflegerische Standortleiterin DGKP Beatrix Litschauer (r.) mit Sozialarbeiterin HelgaPremm

„Rehabilitation erfordert

Motivation.

Motivation

entspringt der Hoffnung.

Hoffnung hat, wer Kraft

schöpfen kann.“


Leitspruch des

Allentsteiger Teams

Neurologische

Rehabilitation

gibt es in den NÖ Kliniken:


- Allentsteig

- Mauer

- Hochegg

Landesklinikum Allentsteig


Bahnhofsstraße 35

3804 Allentsteig

Tel.: 02824/2235

www.allentsteig.lknoe.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2016