SINGEN

illustration: istockphoto/ tanebeau

Von der Weisheit des Singens

Singen macht nicht nur glücklich und entspannt, sondern kann auch unsere Gesundheit positiv beeinflussen.

Kennen Sie das gute Gefühl, das man nach einer gelungenen Chorprobe, einem gemeinsamen Advent- singen, beim Solo-Trällern unter der Dusche oder im Auto oft hat? Dann wissen Sie etwas über die heilsa- me Wirkung des Singens, einer Kulturleistung, die uns immer schon begleitet. Die Ärztin, Psychotherapeu- tin und Gesangspädagogin Prof. Dr. Gertraud Berka-Schmid weiß: „Der Mensch ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten bei seinen rituellen Handlungen als ein singendes, tanzendes, rhythmisches Wesen in Er- scheinung getreten, um sich mit sich selbst, seiner Umgebung und dem Kosmos zu verbinden. So kommt er in Resonanz und wird eins mit sich selbst und seiner Mitwelt. So kommt er in Harmonie. So kann er sich heil und ganz, also gesund fühlen.“ Sie hat Gesang studiert und sich auf wissenschaftlicher Basis mit die- sem Thema befasst. Den Menschen versteht sie als Musik, den Körper als sein Instrument und die Stimme als das hörbare Ergebnis: „Der Mensch ist ein durch und durch musikalisches Wesen, das auch aus musi- kalischen Parametern besteht, und zwar aus Rhythmen, Klängen und Melodien. Rhythmus ist strukturge- bend und entspricht verdichtet dem Körper, die Klänge in ihrer differenzierten Ausdrucksvielfalt entspre- chen der Seele, und die Melodie dem frei fließenden, gestaltenden Geist.“


Was Singen alles kann

So gesehen ist Musik für den Menschen und sein Wohlbefinden unabdingbar, und Rhythmen, die wir auch aus Biologie und Medizin kennen, sind entscheidende Parameter für unsere Gesundheit. „Die psycho-phy- sische Gesundheit steht in direktem Verhältnis zur Fähigkeit des Organismus, biologische Rhythmen zu synchronisieren. Diese stehen miteinander in Verbindung und sind aufeinander bezogen. Sind diese Bezü- ge gestört, so ist der Organismus und damit die Basis für den ständigen Balanceakt des Gesunderhaltens

gestört“, sagt Berka-Schmid. Und: „Die Atmung ist der stärkste biologische Rhythmusgeber.“ Apropos At- mung: Wenn wir singen, koordinieren wir nach einer gewissen Zeit automatisch Atmung, Haltung und Be- wegung. Wir sind dabei gleichzeitig aktiv und passiv, denn wir bringen uns über muskuläre Aktivität zum Schwingen und werden gleichzeitig durch die so erzeugten Klänge „beschwungen“. Deshalb macht uns Singen so beschwingt. „So können wir uns mit uns selbst und den anderen synchronisieren, unsere biolo- gischen Rhythmen in Harmonie bringen und viel emotionalen Stress loswerden, ohne darüber reden zu müssen“, erklärt Berka-Schmid. Kein Wunder also, dass Singen enorme Auswirkungen auf unsere Ge- sundheit hat. Das wusste auch schon der deutsche Dichter und Philosoph Novalis im 18. Jahrhundert: „Jede  Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung“, meinte er. Tat- sächlich kann etwa regelmäßiges Singen sehr viel für uns tun: Es unterstützt die Atemtätigkeit, stärkt das Herz, kurbelt die Darmaktivität an,

bringt den Kreislauf in Schwung, reguliert den Blutdruck, er- höht die Sauerstoffsättigung im Blut, löst Verspannungen, hält das Gedächtnis in Schwung, hebt die Stimmung und regt die Selbstheilungskräfte an.


Wirkung bei Erkrankungen

In zahlreichen Studien ist zudem nachgewiesen, dass Sin- gen auch gegen Depressionen wirkt, man kann Schmerzpati- enten mit Rhythmisierung entscheidend helfen und ihre Pein lindern, und selbst bei dementen Menschen entfaltet das Singen seine heilsame Wirkung. Das weiß auch Sybille Miku- la, Obfrau des Vereins „SingDichGesund“: „Mich fasziniert eine Medizin der Zukunft, die um diese heilenden Schwin- gungen weiß. Unser Verein engagiert sich für die Verbreitung des Wissens, dass Singen glücklich und gesund macht. Wir wollen heilsames Singen in Österreich fördern und verbrei- ten, und wir organisieren hierzulande die Weiterbildung von Singleitern.“ Diese wiederum singen gemeinsam mit den Menschen in Selbsthilfegruppen, mit werdenden Müttern in der Geburtsvorbereitung, mit Kindern in Kindergärten und Schulen, mit Lehrern in der Fortbildung, mit arbeitenden Menschen in der betrieblichen

Gesundheitsvorsorge, mit Patienten in Kliniken, Hospizen und mit alten Menschen in Seniorenwohn- heimen. So erreichen sie auch demente Menschen, die auf dieses Angebot äußerst positiv reagieren.

„Wir erleben, dass ältere Menschen sich oft mühelos an die Texte alter Lieder erinnern, und Kind- heitserinnerungen und gute Gefühle werden wach. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass demente Menschen sogar neue Lieder lernen können, denn die Lernfähigkeit über das Singen ist sehr viel größer als jene über das Sprechen“, sagt die erfahrene Singleiterin.


Aggressionen loswerden

Was bei Alt funktioniert, sollte auch bei Jung klappen. Tut es auch. Gertraud Berka-Schmid hat das etwa in Niederösterreich mit „Musikpädagogik als Prävention“ in Schulen ausprobiert und beforscht. „Eine gezielte Körper- und Stimmarbeit kann sowohl therapeutisch als auch pädagogisch präventiv sinnvoll und erfolgreich eingesetzt werden. Das funktioniert zum Beispiel sehr gut bei Jugendlichen, die unter Aggressivität leiden. Mit unseren Methoden dauert es nicht lange, bis sie sich über Bewe- gung und Stimme rhythmisieren und die Aggressionen so auf kreative Weise loswerden.“ Außerdem fördere das Konzept die Konzentrationsfähigkeit der Kinder, und die Gesangspädagogin berichtet auch von einer ganz erstaunlichen Erfahrung mit einem autistischen Kind, das nach einiger Zeit so- gar den Wunsch äußerte, berührt werden zu wollen. Man sieht also wieder: Singen weckt die Selbst- heilungskräfte, fördert die Hilfe zur Selbsthilfe, hilft Defizite nachzuentwickeln und Eigenkompetenz zu erwerben. Außerdem kann Singen auch den zahllosen Eindrücken, denen wir in unserer Zeit stän- dig ausgesetzt sind, adäquat Ausdruck verleihen.


Lebens- & Gesundheitselixier

Stellt sich noch die Frage, welche Arten des Singens am wirksamsten für die Gesundheit sind. Ist es das Chorsingen, doch eher der Sologesang, oder wirkt etwa auch das Trällern unter der Dusche? „Gesund ist Singen immer dann, wenn die physiologischen Abläufe ungestört ablaufen können, und das kann überall passieren“, sagt Gertraud Berka-Schmid: „Es geht darum, auf den Körper zu hören und von ihm zu lernen, denn seine Weisheit arbeitet von selbst, wenn man ihn nicht stört oder blo- ckiert.“

Dies zu berücksichtigen bedeutet wohl auch, sich auf unsere Ursprünge als singende, tanzende, rhythmische Wesen zu besinnen. Gerade jetzt, in der Adventzeit, haben wir eine große Chance dazu. Die schönen Adventrituale sind gesellschaftliche Ereignisse, die wir nicht vergessen sollten. Das Sin- gen von Weihnachtsliedern gehört dazu, nicht nur weil es wie das Amen im Gebet ist, sondern auch, weil wir dadurch unsere eigene Identität genauso erfahren wie unsere Zugehörigkeit zu einer Grup- pe. Machen Sie also mit und genießen Sie das wunderbare Lebens- und Gesundheitselixier des Sin- gens.


Gabriele Vasak

Prof. Dr. Gertraud

Berka-Schmid, Ärztin, Psychotherapeutin und Gesangspädagogin

Sybille Mikula,

Obfrau des Vereins

„SingDichGesund“

SingDichGesund


Verein zur Förde- rung der Lebens- freude: verbreitet und fördert das heilsame Singen in Österreich und organisiert die Weiterbildung von Singleiterinnen und Singleitern.

Kontakt: Königs- winkel-gasse 5, 3001 Mauerbach, Tel. 0699/11691798,

www.singdichge- sund.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2017