LERNEN

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Lebenslang lustvoll lernen

Kinder lernen von Natur aus gern. Wenn wir ihnen helfen, die Freude daran zu bewahren, werden sie zu glücklichen Entdeckern des Lebens.

Der Neurobiologe Gerald Hüther be- fasst sich intensiv mit dem Thema Lernen.

Wünschen Sie sich auch, dass Ihr Kind die unglaubliche Neugier und Freude am Lernen, die es von Natur aus besitzt, möglichst ein Leben lang bewahren kann? Alles, was dafür nötig ist, können Sie alleine nicht bereitstellen, aber Sie können Grundbedingungen schaffen, damit Ihr Sohn oder Ihre Tochter mit dem Lernen etwas Positives verbindet und sich für Neues immer wieder begeistern kann. Heute weiß man, dass der Mensch einen Teil seiner vielfältigen Fähigkeiten über das Spielen entwickelt. Wir wissen außerdem, dass es darum geht, Fragen zu stellen, die Welt auf eigene Faust zu entdecken, Wege und Umwege zu erkunden und individuelle Antworten zu finden. Dass diese Er- kenntnisse erst langsam immer mehr Eingang in die Pädagogik finden, verwundert. Denn der etymologische Ursprung des Wortes „lernen“ könnte uns auf die Idee bringen, dass moderne Lerntheorien so neu gar nicht sind: „Lernen“ gehört zur  Wortgruppe von „leisten“, das ur- sprünglich „einer Spur nachgehen, nachspüren, schnüffeln“ bedeutet. So erstaunt es auch nicht, dass der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei schon im 16. Jahrhundert schrieb: „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“


Kraftfutter

Die moderne Hirnforschung kommt zur selben Erkenntnis: Wissen kann nicht von außen in ein kindliches Gehirn hineingepresst werden, und zentrale persönliche Fähigkeiten wie Motivation, Selbstkontrolle und Empathie lassen sich nicht unterrichten. „Stattdessen müssen El- tern und Erzieher Kindern Erfahrungsräume bieten, in denen sie sich selbst bilden und an sich selbst erfahren können“, sagt der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther, der sich intensiv mit diesem Thema befasst. Er beklagt, dass wir vielfach dazu neigen, Kindern alles „fix und fertig“ vorzusetzen und bringt dazu das Beispiel eines Kindes, das einen Käfer findet und ihn voller Stolz dem Vater zeigt. „Brüstet dieser sich mit seinem gesamten Käferwissen, so erstickt er damit die Neugierde und die Begeisterung. Hält der Vater jedoch sein Wissen zurück und schickt den ambitionierten Forscher zur Recherche ans Bücherregal, so ist das regelrechtes Kraftfutter für kleine Entdecker. Eltern ha- ben die Aufgabe, Kinder zu ermutigen, zu inspirieren und sie dafür zu begeistern, Gestalter ihrer eigenen kleinen Lebenswelt zu werden – jeden Tag aufs Neue.“


Erfahrung & Begeisterung

Tatsächlich sind Kindergehirne weitaus formbarer als bisher angenommen. Dank Hirnforschung weiß man, dass die Zahl der Nervenzell- kontakte bis zum sechsten Lebensjahr so groß ist wie nie wieder im späteren Leben. Von diesem Überangebot bleiben all jene Verbindun- gen erhalten, die durch individuelle Erfahrungen intensiv genutzt werden. Es sind also die eigenen Erfahrungen, die einen großen Einfluss auf Lernprozesse haben, und Kinder sollten deshalb in ihren ersten Lebensjahren möglichst viele unterschiedliche Wahrnehmungen ma- chen. Dazu gehört auch das ausgelassene Toben mit den Eltern oder Geschwistern, die erste selbstgemachte Bastelei und auch der Sturz vom Kletterbaum. „Jedes einzelne Erlebnis wird im Gehirn nicht nur gespeichert, sondern auch miteinander verbunden. Dabei wird alles, was unter die Haut geht, also mit Begeisterung geübt oder gelernt wird, viel besser im Gehirn verankert als lustlos auswendig gelerntes Wissen“, meint Gerald Hüther. Er ist überzeugt davon, dass die Begeisterung der Menschen am Entdecken und Gestalten der wichtigste Rohstoff unserer Welt ist. Ein Rohstoff, den alle Kinder mit auf die Welt bringen, der aber allzu leicht verkümmert, wenn er nicht genährt ist und der verschwindet, wenn man ihn unterdrückt. Das weiß vermutlich fast jeder Erwachsene, denn wir alle kennen die Folgen uninspirie- renden Unterrichts, aber: Wir wissen auch, was es ausmacht, wenn ein Lehrer oder auch eine Vorgesetzte auf individuelle Fähigkeiten ein- geht, sie fördert und es versteht, zu begeistern.


Eine neue Schule?

Früher ging es in der Schule oft hauptsächlich darum, sich Sachwissen gut einzuprägen und solide Kenntnisse anzueignen – als Basis, auf die man ein Leben lang zurückgreifen kann. In Zeiten des Internets und der neuen Medien, die unsere heutige Welt prägen, ist der für viele zugängliche Wissenspool unüberschaubar geworden. Jetzt kommt es darauf an, Wissen einordnen, Informationen selektieren, unbekannte Probleme lösen zu können.


„Die Schule wird ihre Schüler daher künftig nicht nur auf die Durchführung von Routinen, sondern in erster Linie auf die Vielheit und Offen- heit vorbereiten müssen. Damit ändert sich aber schlagartig auch die traditionelle Vorstellung von Bildung und Erziehung“, meint Gerald Hüther. „Überall dort, wo Bildung stattfindet, geht es nun viel stärker um die Aneignung sogenannter Metakompetenzen, um die Entwick- lung von Haltungen und Einstellungen, um die Bereitschaft, sich auf neue Herausforderungen einzulassen, um die Lust am Entdecken und Gestalten, um Engagement, Teamfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft.“

Kinder brauchen also Bildungsangebote, die bedeutsam und wichtig für sie sind. Sie brauchen Erfahrungen, an denen am besten alle Sin- ne beteiligt sind und die unter die Haut gehen. Es hilft ihnen, wenn sich die Einsichten und Fähigkeiten, die sie so gewinnen, in ihrem Le- ben als nützlich und vorteilhaft erweisen, und am besten lernen sie in Bildungseinrichtungen, wenn sie spüren, dass sie so, wie sie sind, angenommen werden und ihnen genügend Raum und Möglichkeiten geboten werden, um zu zeigen, was in ihnen steckt und wer sie sind. „Das funktioniert freilich nur, wenn sie die Gelegenheit bekommen, gemeinsam etwas entdecken, gestalten oder – am wirksamsten – sich um etwas kümmern zu können, was in ihren Augen bedeutsam ist“, schreibt Hüther.


Dass das Spielen eine Grundvoraussetzung dafür ist, braucht wohl keinen großen Beweis mehr – das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Wir alle können uns im Spiel frei fühlen, neue Handlungsspielräume entdecken, uns ausleben, Kenntnisse erwerben und Sinn fin- den. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Fried- rich Schiller in seiner Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.



Gabriele Vasak

BUCHTIPP

Gerald Hüther: Mit Freude lernen – ein Leben lang

Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sie- ben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung- .


ISBN: 978-3-525-70182-9

Interview

Kinder Kinder sein lassen

Warum sind die ersten Lebensjahre eines Kindes so entscheidend für Lernprozesse?

Jedes Kind kommt mit einer enormen Lust und Freude am Entdecken und Gestalten zur Welt, es hat also die sogenannte intrinsische Motivation zu lernen. Jetzt geht es darum, das, was eigentlich schon da ist, nicht zu zerstören, sondern es weiter zu fördern. Aus der neurowissenschaftlichen Forschung weiß man, dass gerade in den ersten drei bis vier Lebensjahren extrem viele Verknüpfungen im Gehirn angelegt werden – und es sind diese Verknüpfungen, die uns die Welt erkennen und verstehen lassen- . Kinder lernen sehr schnell, es ist bekannt, dass für ihr Lernen Bewegung und Sinneserfahrungen auf allen Kanälen unglaublich wichtig sind. Sie sollten also die Möglichkeit haben, auch über den Körper und die Sinne ihre Erfahrungen zu machen. Entscheidend ist außerdem, dass Kinder von Beginn an die Möglichkeit haben, selbst gewählte Ziele zu verfolgen, und es ist die Aufgabe der Eltern, die Basis und die Möglichkeiten dafür bereitzustellen- .


Neugier und Freude am Lernen sind also angeboren. Was kann man tun, um sie zu erhalten?

Es geht darum, auf die Neugier des Kindes einzugehen und ein guter Kooperationspartner für seine Lust am Lernen zu sein. Dabei ist es nicht erforderlich, etwa einen großen Erlebnisparcours anzubie- ten, sondern es geht darum, das Kind in seinen Alltagserfahrungen zu unterstützen. Zeit ist hier das Schlüsselwort. Das heißt zum Beispiel, dass man seinem Kind die Ruhe lässt, sich allein seine Jacke und seine Schuhe anzuziehen, wenn es das möchte- .


Damit spielen Sie auch auf das Erlernen des Gefühls der Selbstwirksamkeit an. Wie kann man diese wichtige Erfahrung fördern?

Dieses Gefühl beginnt sich in der frühen Kindheit auszubilden, ist aber durch die Erfahrungen, die wir laufend machen, ein Leben lang veränderbar. Kinder erleben und erlernen ihre Selbstwirksamkeit durch Experimentieren, Ausprobieren und durch die Rückmeldungen, die sie für das, was sie tun, e- rhalten. Für Eltern und Lehrer ist es wichtig, geeignete Voraussetzungen zu schaffen: Positive Rück- meldungen erhöhen die Selbstwirksamkeit, denn wenn das Kind erlebt, dass ihm etwas zugetraut wird, gibt ihm das Sicherheit und die Motivation, sich auch Herausforderungen zu stellen. Lob und Kritik b- ilden dabei einen wichtigen Rahmen. Wichtig ist, konstruktiv und gezielt vorzugehen und genau zu b- enennen, was gut oder weniger gut gelungen ist. Bei Misserfolgen sollte man die Gründe anführen und immer auch Fortschritt und nicht nur absolute Leistung thematisieren- .


Was erhält die Kreativität von Kindern?

Hier geht es darum, die Kinder sein zu lassen, sie in dem, was sie interessiert, zu unterstützen, Berei- che und Materialien für kreatives Schaffen zur Verfügung zu stellen und das, was die Kinder schaffen, wertzuschätzen. Dabei muss man mitunter eigene Erwartungen zurückstecken und etwa bei einer Zeichnung eines Menschen, dem Finger oder ein Fuß fehlen, nicht korrigierend einzugreifen, aber ma- n kann die Motivation für ihr Schaffen erfragen.


Was fördert soziales Verhalten?

Soziales Verhalten kann durch die Erfahrungen, die Kinder mit Gleichaltrigen im Kindergarten machen, gut gefördert und unterstützt werden. Sind in der frühen Kindheit hauptsächlich die Eltern die Vorbilde- r, so werden mit zunehmendem Alter auch Gleichaltrige immer relevanter für einen Erfahrungsaus- tausch. Eine gewisse Herausforderung ist dabei das Lernen des Teilens und Borgens, denn es gibt im- mer Dinge, die Kinder nicht teilen wollen. Das sollte man akzeptieren und gleichzeitig darauf aufmerk- sam machen, was man sehr wohl teilen, verborgen oder gemeinsam machen kann- .

Wie lernen Kinder lustvollen Wissenserwerb?

Kinder wollen, wie erwähnt, von sich aus lernen, und Eltern haben die Aufgabe, darauf zu achten, dass sie diese Motivation nicht verlieren. Es geht um Förderung der Bereiche, für die sie sich besonders in- teressieren, es geht um das Vorleben eines guten eigenen Umgangs mit Wissenserwerb, der eigenen Lust darauf, und es geht um die Ermutigung, Dinge selbst zu erforschen. Zur Vorbereitung auf die Schule sollte man den Kindern klar machen, was sie dort erwartet. Hier sind auch Pädagogen gefo- rdert, Aufgaben so zu stellen, dass sie bewältigbar sind, die Kinder darauf aufmerksam zu machen, wa- s sie in welchen Bereichen schon geschafft haben, und wie sie sich noch weiterentwickeln können- .


Inwiefern und ab wann sind die neuen Medien beim Lernen von Kindern einsetzbar?

Die schon erwähnten Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die aufzeigen, wie wichtig Bewegung und Sinneserfahrung für das Lernen von Kindern sind, weisen darauf hin, dass ein zu früher Umgang mit den neuen Medien als Lerninstrumente nicht nützlich ist. Doch wie wir alle wissen, kommt man an Computer und Co nicht vorbei. Wichtig ist deshalb auch, dass die Eltern selbst einen gesunden und vernünftigen Umgang damit vorleben- .

Mag. Denise Schlem- mer, Klinische- und Gesundheitspsycholo- gin und Referentin der Initiative »Tut gut!«, im Gespräch mit GE- SUND&LEBEN

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2018