IM PORTRÄT

FotoS: Katharina Gossow

„Gott sichtbar machen“

„Das Betrachten einer Ikone ist ein Treffen mit dem dargestellten Heiligen.“

Zurzeit arbeitet Pfarrer Răzvan Florin Gască am Auftrag eines rumä- nischen Klosters.

Der orthodoxe Geistliche Răzvan Florin Gască ist Seelsorger in Wiener Neustadt und St. Pölten. Und er malt leidenschaftlich echte Ikonen – auch für katholische und evangelische Gläubige.

Der Mann im schwarzen Talar bricht ein rohes Ei auf und entfernt mit den Fingern das Eiklar. Den Dotter mischt er mit Wasser und rührt mit dem Pinsel Farbpul- ver unter. Für seine Ikonen verwendet der akademische Maler Răzvan Florin Gască Naturfarben: Farbpigmente aus vermahlenen Halbedelsteinen wie Malachit oder Lapislazuli und verschiedenen Erden. Seit sieben Jah- ren lebt und arbeitet der gebürtige Rumäne in Niederös- terreich und Wien. In einem Straßenlokal in Wien-Leo- poldstadt hat er sein Atelier. In der Schublade des

schweren Holzschreibtisches verwahrt er in Gläsern und Dosen die Farbpigmente, seine Ikonen malt er auf Holztafeln. Die Ikonographie wurzelt in der byzantinischen Ära, die ältesten erhaltenen Ikonen stammen aus dem sechsten Jahrhundert. Ikonen werden der Orthodoxie zugeordnet, doch sie finden sich auch in Gotteshäusern anderer christlicher Religionen. Im Wiener Stephansdom zum Beispiel das be- kannte „Gnadenbild Maria Pötsch“.


Eine spezielle Sprache

„Das Betrachten einer Ikone ist ein Treffen mit dem dargestellten Heiligen“, erklärt der bescheiden auftretende Mittvierziger Gască, und seine Augen strahlen über dem weiß melierten Vollbart. An der Wand des Arbeitsraums wartet eine Darstellung der Weihnachtsgeschichte auf ihre Fertigstellung. Maria mit dem Jesuskind erstrahlt im Zentrum, um sie herum die fast winzigen Weisen, Hirten, Ochs und Esel. Die Krippe selbst gleicht in ihrer Form einem Sarg, der Wickelpolster des neugeborenen Kindes den Leinenbinden, in die man Tote wickelte: Die vorösterliche Karwoche wird in der Geburtsszene vorweggenommen. Die Symbolik folgt strengen Regeln, erklärt der Theologe.

Auch die Sprache über Ikonen wirkt ungewohnt: Der Ikonograph „schreibt“ Ikonen, wobei er mit der dunklen Grundierung beginnt. Wenn er darüber die wichtigen Passagen in heller Farbe aufträgt, „beleuchtet“ er sie. Großflächiges Gold hilft, das Bild aus sich heraus erstrah- len zu lassen. „Die Darstellung wird erst dann zur Ikone, wenn ich den Namen der dargestellten Heiligen ins Bild schreibe.“ Folien-Repro- duktionen, wie Touristen sie aus dem Urlaub mitbringen, seien im theologischen Sinn keine Ikonen. „Es gibt aber Lithographien, denen man sogar Wunder zuschreibt.“


„Liebe auf den ersten Blick“

Wie wird man zum Ikonen-Maler? Nach dem Gymnasium mit Schwerpunkt Informatik wollte Gască  Priester werden. Er teilte sein Zimmer während des Theologiestudiums in Iaşi, dem ehemaligen Jassenmarkt im rumänischen Westmoldau, mit Studenten der Fakultät für Sa- kralkunst. Fasziniert von deren Arbeiten ließ er sich von ihnen mit der Ikonographie bekannt machen. „Es war wie Liebe auf den ersten Blick“, erinnert er sich an seine ersten Versuche. „Ich wusste, dass ich meine Berufung gefunden habe. Ich habe mehr Zeit im Atelier als bei meinem eigenen Studium verbracht.“ Den Wunsch, Priester zu werden, gab er vorerst auf und schloss als zweites theologisches Stu- dium jenes der Sakralkunst an. In Iaşi und beim Master-Studium an einem Pariser Institut lernte er neben Freskenmalerei, der alten Kunst der Wachsmalerei Enkaustik oder der Restauration alter Bilder auch all das, was er heute für seine Ikonen umsetzt. Vor vier Jahren wurde er doch zum Priester geweiht. Seine Aufgabe als Seelsorger in Wiener Neustadt und St. Pölten vergleicht der Geistliche mit der Ikonogra- phie: In den Ikonen mache er Gott sichtbar; als Seelsorger helfe er, Gott in den Gläubigen sichtbar zu machen. „Lebende Ikonen schrei- ben“, schmunzelt er.


„Zeit der Bilder“

Nach Österreich hat den akademischen Maler Gască das Studium geführt – das seiner Ehefrau Irina. Er lacht: „Malen kann ich schließlich überall.“ Mit seiner Frau und den drei Kindern im Alter zwischen zwei und neun Jahren fühlt er sich hier gut aufgenommen.

Wenn er über das spricht, was ihn bewegt, ringt Gască manchmal um Worte in der Sprache, die ihm noch neu ist. „Wir leben in einer Zeit der Bilder“, verweist er auf gesellschaftliche Tendenzen. Die Macht der Bilder sieht er kritisch. In Ikonen, Bildern, die uns Gott sehen las- sen, sieht der Theologe ein Gegengewicht zur Bilderflut, die über die Grenzen der Kirche hinaus wirkt.


 So erzählt Gască von einem Gast der Familie: Im Wohnzimmer betrachtete die Besucherin eine Christus-Ikone und stellte dann verwundert fest: „Ich bin nicht gläubig. Aber dass die Person auf dieser Ikone nicht einfach nur ein Mensch ist, das spüre ich.“

Gască ist überzeugt: „Eine gute Ikone ist Ausdruck des Gebets, sie ist selbst Gebet und lädt zum Gebet ein.“ Als Ikonograph fertigt er vorwiegend Auftragsarbeiten an. Ein Lieblingsmotiv hat er nicht, aber „jeder Heilige, den ich gemalt habe, ist ein Lieblingsheiliger geworden.“ Mehre- re Monate arbeitet er an einem Auftrag und beschäftigt sich in dieser Zeit mit Leben und Wirken der Person.


Kunst für Menschen

In seinem Atelier lehnt auf einem Tisch mit rustikalem Tischtuch ein halbfertiges, kleinformatiges Glasbild. Die Heiligendarstellung ist das Gemeinschaftswerk der älteren Geschwister Gască. „Für Kinder eignet sich die naive Darstellungsweise der Hinterglasmalerei gut. Diese Technik ist typisch für Ostrumänien, aber eigentlich stammt sie aus Österreich und Deutschland.“ Gască hat sie hierher zurückgebracht und zeigt sie zeichenbegeisterten Kindern bei Malkursen in Wie- ner Neustadt. Ikonen aus der Hand des Künstlers selbst findet man vorwiegend in Rumänien, Frankreich und Österreich – hier zum Beispiel in der rumänisch-orthodoxen Kirche in Wiener Neustadt, wo Gască Pfarrer ist, und natürlich in seinem Atelier. Dort soll es bald einen Ausstel- lungsbereich geben, mit Erklärungen für Ikonen-Neulinge.


Eva Kohl

Pfarrer Răzvan

Florin Gască


Tel.: 0699/172 894 22,

lucaikon@yahoo.com


Rumänisch-orthodoxe Kirche, Günthergasse 14, 2700 Wiener Neustadt


In St. Pölten liest er in der ka- tholischen Kirche Pax Christi, Salcherstraße 43, 3104 St. Pöl- ten-Harland.


Ein Malkurs für Kinder ist für das Frühjahr geplant, einmal im Monat in Wiener Neustadt.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2018