VOLL IM LEBEN - ERZIEHUNG

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Ist dein Kind dein Projekt?

Die Bildungsexpertin und Schulleiterin Margret Rasfeld macht Eltern Mut, ihr Kind in Ruhe zu sich selbst kommen zu lassen,

„Ist dein Kind dein Projekt und soll so werden, wie du gern wärst? Oder ist es ein Mensch, der alles in sich trägt, was er zu seiner Entwicklung braucht? Darf dein Kind wirklich seinen eigenen Weg gehen?“ Diese Frage richtet Margret Rasfeld an alle Eltern. Denn die Pädagogin und gefragte Referentin zum Thema „Schule der Zukunft“ will Eltern ermutigen, den eigenen Weg zu suchen, ab- seits der traditionellen Erziehungsmethoden. In unserer Gesell- schaft gibt es nämlich den Trend, die Expertise für das eigene Kind den Institutionen wie der Schule zu überlassen, statt als Mut- ter und Vater auf die eigene Intuition zu hören und ihr zu vertrau- en: „Ich sehe viele Eltern, die ihr Kind in den Yogakurs für Zwe jährige stecken, statt sie die Welt in ihrem eigenen Tempo und in der Natur entdecken zu lassen. Diese Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind die vermeintlich von der Gesellschaft geforderten Ziele nicht erreicht. Sie sind nicht mit ihrem Kind verbunden.“ Grundsätzlich müssen sich Eltern die Frage stellen: „Sehe ich mein Kind als Objekt oder als Subjekt?“, bringt Rasfeld das The- ma auf den Punkt.


Wandel der Zeit

Positiv sieht sie den gesellschaftlichen Trend zu demokratischeren Beziehungen zum Kind. Die Zeiten von „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst“ seien zum Glück vorbei. Doch dieser Trend schlage heute immer öfter in Beliebigkeit um. „Beliebigkeit ist aber keine Wertschätzung. Ich muss mich schon mit meinem Kind auseinandersetzen und auch den Mut zum Nein haben.“ Da- für müssen aber auch Eltern Klarheit über sich selbst erwerben und sich mit sich selbst beschäftigen: „Ich muss meine eigenen

Grenzen kennen, um meinem Kind Grenzen setzen zu kön- nen.“



Potenziale entfalten

Kinder brauchen – ob in der Schule oder zu Hause – vor allem viele Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu machen. Dadurch können sie lernen, und das nachhaltig, im Gegensatz zum Auswendiglernen von vorgegebenem Lernstoff. Der Wunsch zu lernen ist in jedem Kind angelegt. Man denke nur daran, wie oft ein Kind übt, bis es aufstehen und gehen kann. Das kann es nur selber lernen. So ist es mit wesentlich mehr Din- gen im Leben, als Eltern oft glauben. Um Kindern das Erfah- rungslernen zu ermöglichen, brauchen die Eltern eine innere Haltung, die vielen schwerfällt – besonders den sehr Bemüh-

ten, weiß Margret Rasfeld: „Loslassen. Wenn ich mein Kind loslassen kann, gebe ich ihm Vertrauen. Über die Spiegelneuronen im Gehirn kommt echtes Vertrauen der Eltern beim Kind als Zutrauen an.“ Das heißt, Eltern, die ihrem Kind im entsprechenden Rahmen ermöglichen, sich zu erproben, helfen dem Kind, sich gut zu entwickeln. Rasdorf ermutigt, beim Lernen auf „die Kraft des Wir“ zu setzen, darauf, dass Kin- der sich Lösungen auch gemeinsam erarbeiten können – ohne Bevormundung durch Erwach- sene. Schließlich müssen die Kinder von heute bereit sein für eine Zukunft, die wir noch nicht kennen. Vorbereiten können wir sie nur, meint Rasfeld, wenn wir ihnen ermöglichen, Lösungs- kompetenzen zu erwerben. Eigenständiges Lernen sei dafür ein wichtiger Baustein, allein und in der Gemeinschaft. Verantwortung über- nehmen für das eigene Lernen gehöre dazu.

Rasfeld spricht von „ergebnisoffenen Prozes- sen“.Kinder, die so lernen dürfen, finden in Zu- kunft auch die nötigen Lösungen für die Proble- me und Themen unserer Gesellschaft.


Vertrauen auf die Natur

Eltern brauchen die Sicherheit, dass ihr Kind auf dem richtigen Weg ist, weiß Rasfeld. Wich- tig sei, dass Eltern lernen, der Natur zu vertrau- en und darauf, dass im Kind alles angelegt ist, was es braucht. „Wenn Eltern alles vorgeben und steuern wollen, hilft das dem Kind nicht. Es braucht eine Kultur des Mutes, des Zutrauens, es braucht offene Räume und dass man Dinge geschehen lässt.“ Ein guter Austausch mit an- deren Eltern sei unterstützend – aber nicht im Vergleichen, welches Kind was schon oder noch nicht kann, sondern ein gemeinsames Re- flektieren darüber, wie Kinder durch Mut und Vertrauen lernen. Zum Beispiel, wie man darauf reagieren kann, wenn Kinder ein neues Handy

wollen und welche Strategien es gibt, damit umzugehen.


In Beziehung bleiben

Was kann Eltern die Sicherheit geben, auf dem rechten Weg zu sein? Rasfeld: „Das Wichtigste ist, immer in Beziehung mit dem Kind zu bleiben.“ Eltern müssen nicht perfekt sein, sie dürfen und werden auch Fehler machen. Wichtig ist es, die eigene Intuition zu stärken, meint Rasfeld. Meditieren und Achtsamkeit können ihnen dabei helfen, sich selbst gut wahrzunehmen und damit auch das eigene Kind gut wahrnehmen zu können. Und im Allt- agsleben sei es hilfreich, Rituale zu entwickeln, die Räume fürs Gespräch schaffen. Und dann sollte man nicht nach der Schule fragen, sondern wie es dem Kind wirklich geht, was es gerade beschäftigt und wovon es träumt. Der wichtigste Job für Eltern? Zu lernen, dass das eigene Kind nicht so ist oder sein soll, wie man es gern hätte. Nicht an ihm zerren und es in eine Richtung lenken, sondern es liebevoll und wach zu b gleiten. Dann kann es am besten entfalten, was in ihm angelegt ist.




RIKI RITTER-BÖRNER

BUCHTIPP

Margret Rasfeld, Stephan Breidenbach: Schulen im Auf- bruch – Eine Anstiftung

Um Schulen zu unterstützen, gründeten die Pädagogen Marg- ret Rasfeld und Stephan Breidenbach sowie der Hirnforscher Gerald Hüther die Initiative Schule im Aufbruch: Schule soll zu einem Ort werden, an dem Kinder ihre Talente entdecken und ihre Potenziale entfalten können. Dieses Buch stellt grundsätz- liche Fragen, es zeigt Wege zu Lernlust statt Schulfrust. Kin- der und Jugendliche entfalten ihre Entdeckerfreude, ihre Ge- staltungslust, ihre Kreativität und Offenheit, ihre Zukunftskom- petenz.

IS BN: 978-3-466-31030-2

Mutmacherin Margret Rasfeld

In ihrer Schule, der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, gibt es Fächer wie „Verantwortung“ oder „Herausforderung“. Schulleiterin Margret Rasfeld, vielfach ausgezeichnete Pädagogin und Kernexper- tin im Zukunftsdialog der deutschen Bundeskanzle- rin Angela Merkel, macht Eltern Mut, ihren Kindern mehr Raum zur eigenständigen Entwicklung zu ge- ben. Dass das auch in der Schule funktioniert, kann man mittlerweile vielfach sehen, zum Beispiel bei Schulen des von ihr mitbegründeten Netzwerks „Schule im Aufbruch“, auch in Niederösterreich.

Informationen: www.schule-im-aufbruch.at

Beim »Bewegte Klasse«–Symposium: (v.l.) Mag. Petra Leitner-Braun (Leiterin Ini- tiative »Tut gut!«), designierte Landeshauptfrau Mag. Johanna Mikl-Leitner, Mar- gret Rasfeld (Bildungsexpertin) und Landesschulratspräsident Mag. Johann Heuras

»Bewegte Klasse«-Symposium

Die »Bewegte Klasse« leistet als Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung an Niederösterreichs Pflichtschulen. Im Rahmen dieses Programmes der Initiative »Tut gut!« wurden bereits 4.500 Pädagogen betreut, 85.000 Schülerinnen und Schüler profitierten von der »Bewegten Klasse«. Beim heurigen »Bewegte Klasse«-Symposium unter dem Motto „Was wirklich zählt“ referierte Bildungs- Innovationsexpertin Margret Rasfeld. Danach konnten die Teilnehmenden bei Workshops die Inhalte vertiefen. Mag. Johann Heuras, Präsident des Landes- schulrates, sieht das »Bewegte Klasse«-Symposium als „zielgruppen- orientierte Fortbildung auf höchstem Niveau“. Die designierte Landes- hauptfrau Mag. Johanna Mikl-Leitner, selbst ausgebildete Pädagogin, liegt Bewegung für Kinder sehr am Herzen: „Bei aller Bedeutung von digitalen Medien darf die körperliche Aktivität, die den notwendigen Ausgleich schafft, nicht vergessen werden. Aus einer aktuellen Erhe- bung wissen wir, dass die Kinder das auch wollen: 85 Prozent bewe- gen sich lieber mit ihren Freunden und nur 15 Prozent sitzen lieber al- leine vor dem Computer. Wir müssen den Kindern nur die Gelegenheit dazu bieten.“

Informationen: www.noetutgt.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2017