IM PORTRÄT

Foto: Sandra Sagmeister

Die „Zündlerin“



Elisabeth Lust-Sauberer ist eine von 150 Seminarbäuerinnen in Niederösterreich.

Die Seminarbäuerin Elisabeth Lust-Sauberer will das Feuer und die Liebe zur Natur weitergeben.

In einem Garten in Schalladorf im Weinviertel steht ein kleiner Apfelbaum. Die weißen Blüten, im Vergleich zu seinem Stamm, sind viel zu groß. Der Baum strotzt vor Kraft und Saft und man sieht ihm richtig die Lust an, ein richtig großer Apfelbaum zu werden. Apropos Lust: Elisabeth Lust-Sauberer (53) hat es sich gerade mit ei- nem Gläschen Most aus dem hauseigenen Weinbau gemütlich gemacht. Sie schaut ihren „Opfebam“ ganz verliebt an und sieht und riecht schon die vielen Apfel- strudeln, die sie aus seinen Früchten machen wird. Lust-Sauberer ist Landwirtin, Autorin, TV-Star, zweifa- che Mutter, Ehefrau, Kräuterpädagogin und eine von

150 Seminarbäuerinnen in Niederösterreich. Vor allem aber ist sie eins, eine „Zündlerin“, die das Feuer und die Liebe zur Natur weiter- gibt. In ihrer Brust brennt ein olympisches Feuer für den Gedanken, die Natur zu lieben und in und mit ihr zu leben.


Spüren & Fühlen

Elisabeth Lust-Sauberer ist geerdet, ist keine Fanatikerin und sieht vieles entspannt, beispielsweise den Wahnsinn von geschälten Oran- gen in Plastikschüsseln, wie man sie in manchen Supermärkten bekommt. „Man muss wieder ins Spüren und Fühlen kommen, was rich- tig und falsch ist.“ Deshalb ist sie Seminarbäuerin geworden, da kann sie zeigen, wie man mit der Natur gut umgeht, sie gibt nützliche wie einfache Tipps rund ums Kochen, Putzen und Leben. Lust-Sauberers Name ist irgendwie Programm, sie will die Lust an einem sau- beren und gesunden Leben wecken, will aber auch das Bild einer modernen Bäuerin vermitteln. Weg mit den Klischeebildern der buckli- gen Frau im Dirndl mit Kopftuch, die am Sonntag auf einem Bankerl vorm Haus hockt und den Rest der Woche gebückt am Feld steht. Traktoren sind heute hochmoderne Geräte mit Bordcomputer, das Anforderungsprofil eines Bauern hat sich grundlegend verändert. Der Beruf des Bauern wird niemals aussterben, nur wird sich das Bild weiter verändern: Die Technisierung wird fortschreiten und die Betrie- be werden durch Zusammenlegungen größer werden.

Aber zurück zum Apfelbaum. Sie riecht und schmeckt schon, was sie in ein paar Wochen alles aus ihm machen wird können. Zum Bei- spiel Apfelstrudel, den sie dann in Wien am Brunnenmarkt verkauft. Lust-Sauberers Bezug zur Natur kommt vom Ursprung: Sie ist auf ei- nem Bauernhof in Mittergrabern aufgewachsen. Mitten im Weinviertel, mitten in den Weinbergen ist sie mit ihrer jüngeren Schwester als richtiges Landkind in einen Betrieb für Ackerbau und Weinbau hineingewachsen. Wenn sie von der Schule heimkam, lag am Küchen- tisch ein Zettel, wo darauf stand, was alles zu tun ist. Und sie erinnert sich gerne an die Arbeit, außer ans Kipfler-Klauben, das Ausgra- ben der Erdäpfel, „ein echter Graus für mich.“ Ein Fixpunkt war für die kleine Elisabeth das gemeinsame samstägliche Frühstück, da- nach hieß es aber „zampacken, wir fahren nach Wien am Markt.“ Kreiseln nannte man diese fahrenden „Lebensmittelläden“. Lust-Saube- rers Vater fährt seit über 40 Jahren in die große Stadt und steht am Wochenende am Markt. „Wir hatten am Hof ein paar Schweindln, Hendln und Truthühner für den Eigenbedarf. Meine Mutter hatte Probleme mit der Galle, deshalb hatten wir die Truthühner, die sind gut für solche Beschwerden.“


Kräuterpädagogin

Lust-Sauberer ist sich sicher, dass für jedes Wehwehchen ein Kräutl gewachsen ist, deshalb ist sie auch Kräuterpädagogin, und ihr Blick für ihre grüne Umwelt hat sich weiter geschärft. Sie kann kaum noch wo gehen, ohne zu schauen, was am Wegesrand wächst und was man daraus machen kann. Der elterliche Betrieb ernährte die ganze Familie, „wir waren klassische Selbstversorger, alles was am Hof herumlief, kam irgendwann in den Kessel und wurde gekocht oder kam nach Wien am Markt und wurde verkauft.“

Hier ruht ihr Fundament und ihr Feuer und sie versteht auch die Probleme der heutigen Zeit, ohne die Menschen zu verurteilen: „Es ist eine andere Zeit geworden, man lebt in neue Zeiten rein.“

Die Menschen sind ständig unterwegs, keiner hat mehr Zeit, sich sein Essen selber anzubauen. „Ich hätte so gerne wieder Hühner, aber ich bin auch viel unterwegs“, gibt Lust-Sauberer zu. Aber sie ist hoffnungsvoll, sie bemerkt neben vielen anderen Entwicklungen auch

eine Rückbesinnung auf alte Traditionen und Lebensweisen. Dieses tradierte Wissen schreibt sie in ihren Büchern nieder, ihr viertes Buch, „Mein Hausbuch“, ist gerade in der zweiten Auflage am Markt und am fünften Buch, über die Bauernweihnacht, brütet sie gerade, meist in der Nacht, wenn die Arbeit getan ist und alle schlafen.


Junge Leute

Die Geburt ihrer Kinder bestärkte sie, mit 28 den Beruf als Büroangestellte an den Nagel zu hängen und den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern und Schwiegereltern, gemein- sam mit ihrem Mann, zu übernehmen: „Man kommt immer irgendwie zurück.“ Seit 17 Jahren hält sie als Seminarbäuerin Workshops und Vorträge, früher kamen nur ältere Da- men, „heute kommen die Jungen“ und fragen ihr Löcher in den Bauch. „Sie wollen so viel wissen, man will wieder das Bewusste haben.“

Man dürfe die Zeit nicht zu sehr beklagen, sagt Lust-Sauberer, denn früher war auch nicht alles gut, man muss den alten Kern bewahren und mit der neuen Zeit harmonisch verbinden. Ein Beispiel: „Man muss nicht ohne Handy leben, man muss es nur manch- mal auch weglegen können.“ Sie versucht den Mittelweg zu sehen: Man muss heute ei- nen Teig nicht mehr mühevoll mit der Hand kneten, nur weil man es früher so gemacht hat. Wenn es eine Maschine dafür gibt, kann man sich das Leben ruhig erleichtern.

Was kann aber der Einzelne tun? „Indem man sein eigenes Gefühl entwickelt, wie es für einen passt. Wenn am Joghurt steht, dass es abgelaufen ist, schauen wir nicht rein und kosten, ob es wirklich verdorben ist, sondern schmeißen es weg.“


Glücklich & dankbar

Lust-Sauberers Hausmittel gegen Ratlosigkeit? „Einfach nachdenken und sich von dem Druck befreien, wieder komplett zum Ursprung gehen zu müssen.“ Man ist ständig einem Druck und einer Verführung ausgeliefert, der Lust-Sauberer zu widerstehen gelernt hat: „Wenn im Supermarkt mitten im Winter der blankpolierte Spargel angeboten wird, kauf ich ihn nicht. Die Natur und ihre Nahrungsmittel brauchen die Sonne, das Verwurzeltsein mit der Erde“ – künstlich nachgereiften Früchten fehlt diese Erdung. Aber auch sie ver- fällt manchmal in den „Dazwischen-Ess-Modus“, wenn sie unterwegs ist und nicht zum Kochen kommt und schnell ein Weckerl verdrückt. Dann gibt es wieder Tage, da kocht sie und die Familie kommt zum Essen zusammen. „Was ist schon normal? Deshalb sucht man nach Ankern, weil das Urvertrauen verschüttet ist.“ Sie ist glücklich und dankbar für ihr Leben, „und dass ich das alles erleben darf, ich strebe nicht nach noch mehr“, sagt Lust-Sauberer. Sie klaubt dieses Urvertrauen wieder aus. Ganz so, wie sie es als Kind mit den Kipflern getan hat.

Sandra Sagmeister

BUCHTIPP

Mein Hausbuch. Gesammeltes Wissen für Küche, Garten, Haushalt und Ge- sundheit

Elisabeth Lust-Sauberer

verfügt über wertvolles Wissen über die Kraft der Natur. Für jeden Monat gibt es köstliche Kochrezepte, einfache Tricks, um den Haushalt in Schwung zu halten und nützliche Tipps für unser Wohlbefin- den – und das alles im Einklang mit der Natur. Aber auch das

traditionelle und über die Jahrhunderte überlieferte Brauchtum kommt nicht zu kurz: Was hat es etwa mit den Raunäch- ten auf sich? Woher stammt das berühm- te Maibaum-Kraxeln? Ein Wissensschatz, der Wunder wirkt.

-978-3-800076970

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2018