Eine andere

Welt

DEMENZ

Menschen mit Demenz leben in ihrer eigenen Welt. Man kann nur versuchen, ihnen dahin zu folgen. Das Demenz-Service des Landes NÖ bietet Betroffenen und Angehörigen Rat und Unterstützung.

FOTO: fotolia/ Gabriele  Rohde, istockphoto/ Katarzyna Bialasiewicz

Lea Hofer-We- cer,

Kompeten- zstelle Demenz

der Caritas St. Pölten

Es begann damit, dass Erwin S. (81) immer öfter wichtige Termine vergaß und sich nicht mehr an kurz zurückliegende Ereignisse erinnern konnte. Plötzlich fand er sich auch in bekannter Umgebung nicht mehr gut zurecht, verlegte stän- dig seine Brille, seinen Kalender, seine Geldbörse und hatte Probleme beim Erledigen ganz normaler Alltagstätigkei- ten. „Die Schuld an all dem gab er mir, und seine Stimmung war sehr schwankend. Er wurde auch sehr reizbar, und sein Tag-Nacht-Rhythmus kam völlig durcheinander“, erzählt seine Frau Erika (77).

Sie lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Häuschen in Niederösterreich und hat sich dem für sie chaotischen Rhythmus ihres Mannes angepasst. Mittlerweile werden auch ihre Nächte oft zum Tag, und wenn sie das Haus verlassen muss, um notwendige Einkäufe zu erledigen, hat sie manchmal Angst, dass inzwischen zu Hause die Badewanne überläuft, der Gasherd stundenlang brennt oder sie beim Heimkommen ihre Pantoffeln nicht mehr findet, weil ihr Mann sie in den Müll geworfen hat.


Eine große Aufgabe

Erwin S. ist an Demenz erkrankt. „Die Krankheit des Vergessens beeinträchtigt nicht nur das Gedächtnis, sondern ver- ändert auch die Gefühlswelt von Betroffenen und ihre Beziehungen zu den Mitmenschen. Außenstehende erleben die Verhaltensweisen von Demenzerkrankten oft als sehr schwierig, und sie brauchen viel Geduld, Einfühlungsvermögen, aber auch Wissen über den richtigen Umgang“, sagt die Demenzberaterin Lea Hofer-Wecer, die seit elf Jahren die Kompetenzstelle Demenz der Caritas St. Pölten leitet. „Es ist eine große Aufgabe und Herausforderung, jemanden Tag für Tag zu begleiten, zu pflegen und ihm oder ihr in eine ganz andere Welt zu folgen“, sagt die diplomierte Gesund- heits- und Krankenpflegerin. Ehepartner, Kinder, Geschwister von Menschen mit Demenz melden sich bei ihr, wenn sie Probleme haben, mit ihren erkrankten Familienmitgliedern umzugehen.


Neues Angebot für NÖ

Derzeit gibt es in Niederösterreich 22.000 an Demenz erkrankte Men- schen. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl durch die steigende Le- benserwartung verdoppeln. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu er- kranken, nimmt ab 65 Jahren stark zu. Laut Statistiken wird im Jahr 2050 rund ein Drittel der niederösterreichischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Weil die Nachfrage so groß ist, bietet das Land Nieder- österreich nun das neue „Demenz-Service NÖ“ als Drehscheibe für die Demenzversorgung. Es ist beim NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) eingerichtet und vernetzt alle Leistungen, die es im Bereich Demenz in Niederösterreich gibt – von den NÖ Kliniken, über die NÖ Pflege- und Betreuungszentren, Anbieter wie Caritas, Haus- und Fach- ärzte bis hin zu diversen Betreuungs- und Wohnformen.

Informationen sind sehr gefragt: Wie soll man etwa mit der Verwirrung umgehen, die den Kranken immer häufiger trifft? Lea Hofer-Wecer er- klärt: „Das hängt immer von der Art und vom Schweregrad der Erkran- kung ab, aber grundsätzlich gilt es, primär daran zu denken, dass sich von Demenz betroffene Menschen am wohlsten in gewohnter Um- gebung fühlen. Deshalb wollen viele auch das Haus kaum verlassen, weil sie spüren, dass es anderswo ‚eng‘ für sie werden könnte.“ Aber auch zu Hause kann es zur sogenannten örtlichen Desorientierung kommen. Beschriftungen von Zimmern, vor allem von Bad und Toilette können hier helfen – dabei sollte man auf die Biographie des Betroffe- nen Rücksicht nehmen, und das, was er gut kennt. „Ein Herz auf der WC-Tür, wenn es der Betroffene aus seiner Prägungszeit, seiner Kind- heit kennt, ist für diesen eine Orientierungshilfe“, sagt die erfahrene Demenzberaterin, die auch den Umgang mittels Validation (siehe Info- kasten links) wärmstens empfiehlt. „Viele Demenzerkrankte suchen nach verstorbenen Personen aus ihrem Umfeld. Hier sollte man weder beschwichtigen noch korrigieren. Wichtig ist immer, mit W-Fragen nachzufragen, also wer, was, wann, wo, wie – und nicht ‚warum?‘“ Es geht um einen grundsätzlich wertschätzenden Umgang mit dem Er- krankten.

Wertschätzenden Umgang sollte man auch pflegen, wenn der Erkrankte unter Ängsten leidet – auch das ist ein häufiges Begleitsymptom von Demenzerkran- kungen. „Oft resultieren diese Ängste aus Wahnvorstellungen und Halluzinatio- nen. Die Betroffenen sehen, hören oder riechen etwas, das objektiv nicht exis- tiert. Häufig ist auch der Irrglaube, bestohlen worden zu sein oder in vertrauten Menschen Fremde zu sehen“, berichtet Lea Hofer-Wecer. Sie empfiehlt, die Ängste und wahnhaften Verkennungen anzusprechen und nachzufragen. „Wenn man aber den Eindruck hat, dass die Angst überhand nimmt, sollte man einen Arzt konsultieren.“ Das gilt auch beim Auftreten von Depressivität.


Zwang & Aggressivität

Ablenken ist eine andere Strategie im Umgang mit demenzerkrankten Men- schen. Sie ist etwa ratsam bei zwanghaftem Verhalten: Die Demenzberaterin weiß, dass man die Erkrankten so oft sehr gut aus ihrem Zwang herausholen kann. Ein großes Problem für Angehörige ist aggressives Verhalten, das man-

che Demenzerkrankte an den Tag legen, wenn ihre Welt nicht akzep- tiert wird. „Demente Menschen sind nicht an sich aggressiv, sondern meist machen wir sie durch unser falsches Verhalten wütend.“ Wenn jemand einen Schuh und dazu einen Stiefel anziehen will und wir das korrigieren,  kann das leicht ins Auge gehen. „Es geht darum, in die Welt des Demenzerkrankten einzusteigen und seine Art der Normal- ität ein Stück weit zu akzeptieren“, rät die Demenzberaterin. Natürlich ist das nicht immer möglich. Manchmal wird es auch notwendig sein, Grenzen zu setzen, und bei manchen speziellen Formen der Demenz kann es auch zu unkontrollierbarer Aggressivität kommen. Hier ist wieder der Arzt gefragt, denn er kann in diesen Fällen eine hilfreiche medikamentöse Therapie einleiten.

Schwierig kann der Umgang mit Demenzerkrankten auch sein, wenn ihre Sexualität auf neue Weise erwacht. „Hier gilt es, klar zu kommu- nizieren, dass der andere seine Sexualität wohl leben dürfen soll. Oft wird es auch darum gehen, einerseits Raum dafür zu schaffen, ander- erseits aber sich abzugrenzen, wenn man das nicht mitleben will“, sagt Lea Hofer-Wecer. Sie weiß, dass Derartiges nicht zuletzt deshalb oft schwierig ist, weil unsere Gesellschaft alten Menschen grundsät- zlich kaum das Ausleben ihrer Sexualität zugesteht. Doch sie haben sie naturgemäß, und wir sollten sie auch Demenz- erkrankten „gön- nen“.


Das Urteil der anderen

Viele Angehörige tun sich schwer damit, dem erkrankten Familienmit- glied in seine andere Welt zu folgen. Lea Hofer-Wecer: „Oft ist die Missbilligung des sozialen Umfelds und der Gesellschaft daran schuld, denn diese Angehörigen werden ständig beurteilt. Man gibt ihnen zu verstehen, dass sie nur dann gute Betreuer sind, wenn der Demenzerkrankte möglichst ‚normal‘ aussieht und sich auch so ver- hält. Das ist aber oft nicht möglich, und wir alle täten besser daran, die Erkrankten so zu akzeptieren, wie sie sind. Und: Den Angehörigen gebührt höchste Anerkennung für die wirklich herausfordernde Auf- gabe, die sie Tag für Tag erledigen.“

Eines noch zum Schluss: Das Leben mit einem an Demenz erkrankten Menschen hat auch schöne Seiten – wenn man Augen hat zu sehen, dass er noch immer der geliebte Mensch ist, der er war. Erika S. hat diese Fähigkeit: „Ich spüre, was mein Mann braucht und was er ablehnt. Ich will für ihn da sein – auch wenn das Leben mit ihm sehr anstrengend geworden ist.“ 


Gabriele Vasak

Demenz-Service NÖ


Das „Demenz-Service NÖ“ ist eine Drehscheibe für die De- menzversorgung. Es ist beim NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) eingerichtet und vernetzt alle Leistungen, die es im Bereich Demenz in Niederösterreich gibt – von den NÖ Kliniken, über die NÖ Pflege- und Betreuungszentren, Anbieter wie Cari- tas, Haus- und Fachärzte bis hin zu diversen Betreuungs- und Wohnformen.


NÖ Demenz-Hotline: 0800 700 300

Die neue kostenlose NÖ Demenz-Hotline 0800 700 300 bietet Betroffenen und Angehörigen Informationen und lotst sie an die für sie richtigen Experten im Gesundheitssystem. Die Anrufen- den finden so rasch die bestmögliche wohnortnahe Betreuung und die richtige Ansprechperson für ihre Anliegen (Montag bis Freitag: 08:00–16:00 Uhr).


www.demenzservicenoe.at

Informationen und Angebote in Niederösterreich findet man auf der neuen Website www.demenzservicenoe.at übersichtlich und aktuell zusammengefasst, vom Krankheitsbild, Anlauf-stellen für Betreuung und Therapie, Unterstützungs- und Entlastungsmög- lichkeiten, Veranstaltungs- und Literaturtipps bis hin zu vorbeu- genden Gesundheitstipps.


Die Broschüre „Alles rund um die Demenz – Vorbeugen, Erken- nen, Verstehen, Handeln“ enthält die wichtigsten Fakten und Tipps für einen raschen Überblick zum Thema Demenz.

Validation – In den Schuhen des anderen gehen


Validation ist eine Kommunikationsmethode, die von der US- amerikanischen Sozialarbeitern Naomi Feil speziell für den Um- gang mit Demenzerkrankten entwickelt wurde. Das Konzept ba- siert auf dem Gedanken, dass verwirrten Menschen ein wert- schätzender Umgang gebührt und dass ihre Gedankenwelt als gültig anerkannt wird. Ziel der Validation ist es, sich unter Be- rücksichtigung der Biographie der Betroffenen über ihre Gefühls- welt einen Zugang zu ihrer Erlebniswelt zu schaffen. („Wir müs- sen lernen, in den Schuhen des anderen zu gehen.“ Naomi Feil). Wer das versucht, kann auch die Bedürfnisse erkennen, die hinter einer „seltsamen“ Aussage oder einem befremdenden Verhalten stehen können. Dabei sind drei Grundsätze wichtig:

- Nicht widersprechen und an der Realität orientieren, sondern akzeptieren.

- Mit einfühlendem Verständnis zur Seite stehen und Empathie zeigen.

- Echt und ehrlich in seinen Gefühlen bleiben und Selbstkon- gruenz

ausstrahlen.


Die Techniken des Validierens im Überblick:

- Widersprechen Sie einem verwirrten Menschen nicht, son- dern lassen Sie sich auf seine Welt ein.

- Lassen Sie sich nicht von den Aussagen eines verwirrten Menschen, sondern von den Bedürfnissen und Gefühlen lei- ten, die er signalisiert.

- Sprechen Sie ruhig, klar, verständlich, wertschätzend und eindeutig mit ihm.

- Stellen Sie W-Fragen: wer, was, wo, wie, wann, aber vermei- den Sie „warum?“. Warum verlangt eine logische Erklärung, zu der Demenzerkrankte in der Regel nicht fähig sind.

- Sprechen Sie verwirrte Menschen von vorne und auf Augen- höhe an.

- Geben Sie dem demenzerkrankten Menschen ausreichend Zeit, um das Gesagte zu verstehen.

- Verwenden Sie keine Schachtelsätze, die meist verwirren, und halten Sie sich an den Grundsatz „pro Satz eine Mittei- lung“.

- Verwenden Sie auch nonverbale Kommunikation und intensi- vieren Sie die eigenen Worte mit Gestik, Mimik und Tonfall.

- Lügen Sie nicht: Ein Demenzerkrankter wird es sofort bemer- ken.

Quelle: Naomi Feil: Validation – ein Weg zum Verständnis ver- wirrter alter Menschen


Hannes Ziselsberger (Direktor Caritas St. Pölten), Landesrat DI Ludwig Schleritzko (NÖGUS-Vorsitzender), Lea Hofer-Wecer (Leiterin Kompetenz- stelle Demenz der Caritas St. Pölten) und Dr. Andreas Schneider (Leiter Demenz-Service NÖ beim NÖGUS) Landesrat Schleritzko: „Mit dem De- menz-Service NÖ bündeln wir alle Kräfte in NÖ unter einem Dach. Wir wol- len Betroffenen bestmöglich dabei helfen, lange selbständig und aktiv zu bleiben, und Angehörige unterstützen, damit sie durch die große Belas- tung in dieser schweren Lebenszeit nicht selbst erkranken.

Kompetenzstelle Demenz der Caritas der Diözese St. Pölten


Die Kompetenzstelle für die mobile Demenzberatung wurde vor elf Jah- ren von Lea Hofer-Wecer ins Leben gerufen. Seitdem wurden 1.789 Hausbesuche durchgeführt, 13.356 Menschen in Vorträgen erreicht, 39 Gottesdienste zum Thema „Das Herz wird nicht dement“ gestaltet und sieben Angehörigentische aufgebaut, die sehr beliebt sind. Mehr als 800.000 Euro hat die Caritas der Diözese St. Pölten in diesen elf Jahren mit Hilfe von Spenderinnen und Spendern eingesetzt, um diesen Dienst anzubieten.

Informationen: Tel.: 0676/838 446 09, bup.hofer-wecer@stpoelten.cari- tas.at, www.caritas-stpoelten.at

INTERVIEW

4 Fragen – 4 Antworten

Woran erkennt man Demenz?

Hinweise sind die Klassiker wie die brennende Herdplatte oder der unauffindbare Schlüssel, also auffallende Störungen des Kurzzeit-Gedächtnisses. Ein Warnsi- gnal ist, wenn jemand sich aus dem Sozialleben zurückzieht. Das könnte aber auch ein Zeichen für eine Depression sein, ebenso wie eine Depression auch auf eine Demenz hindeuten kann.


Wie wird die Diagnose gestellt?

Einen kleinen Test, den Uhren-Test, finden Sie auf der Homepage des Demenz- Service NÖ (www.demenzservicenoe.at). Wichtig ist, dass sich der Betroffene an eine Vertrauensperson wendet – was oft nicht so leicht ist. Die Diagnose stellt der Facharzt für Neurologie, sie wird durch die gründliche Testung durch einen Klini- schen Psychologen ergänzt. Wenn der Patient diesen Test noch machen kann, weiß man, um welche Form der Demenz es sich handelt.


Was kann man dann tun?

Die Erkrankung ist nach heutigem Wissensstand nicht heilbar. Betroffener und Umfeld müssen erst einmal lernen, worum es geht, und sich darauf einstellen. Mit Verhaltenstraining, Gedächtnistraining und Medikamenten kann man den Krank- heitsverlauf aber um gut zwei Jahre verzögern und danach stabilisieren. Wichtig ist, das Gesellschaftsleben aufrechtzuerhalten.


Kann man vorbeugen?

Ja, es klingt banal: Durch ein aktives Leben und einen gesunden Lebensstil. Be- wegung, gesunde Ernährung und eine Teilhabe am sozialen Leben wirken prä- ventiv, das ist nachgewiesen. Um das auch gleich zu sagen: Dass Nahrungser- gänzungsmittel helfen, wurde noch nicht nachgewiesen. Also, einfach gut auf die Gesundheit und den Lebensstil schauen, dann haben Sie die besten Karten.

Dr. Andreas Schneider,

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, leitet die NÖ Psychiatrie-Koordination- sstelle beim NÖ Gesund- heits- und Sozialfonds.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2017