VOLL IM LEBEN - PORTRÄT

FotoS: nadja meister

Traum & Wirklichkeit

Altes Handwerk mit Zusatznutzen: Mit der Berufskombination aus Buchbinderei und Lebens- beratung hat sich Anneliese Juriatti ein ganz eigenständiges Schaffensgebiet kreiert.

Eigentlich war es nicht ihr Traum, Buchbinderin zu werden, aber – wie das Leben so spielt – hat es sich für Anneliese Juriatti ergeben, dass sie dieses alte Handwerk erlernen konnte. Im Kleinstbetrieb ihrer Schwiegereltern, die seit 1947 eine Buchbinderei mit angeschlossenem Papierge- schäft führten und die froh waren, dass sich Anneliese 1995 dazu entschloss, die wunderschöne Werkstatt samt Papete- rie im Herzen von Krems weiterzuführen. „Zunächst ging es mir eigentlich hauptsächlich darum, nach langen Jahren der Nicht-Berufstätigkeit wieder selbständig zu werden, das Gewerbe selbst war mir nicht so wichtig; doch mit der Zeit habe ich eine große Liebe zu diesem Handwerk entwickelt, zu schönen, alten und neuen Büchern und den Menschen, die mir ihre oft sehr persönlichen Schriftstücke anvertrau- en“, sagt die attraktive 50-Jährige, die beileibe nicht den Eindruck einer verstaubten Buchbinderin vermittelt. Selbst- bewusst und hübsch steht sie neben den teils uralten Ma- schinen, die auf sie nicht so romantisch und idyllisch wirken wie auf den staunenden außenstehenden Betrachter.



„Die Buchbinderei ist oft harte, mühselige Arbeit, und es erfordert viel Zeit und Disziplin, ein altes Buch fachgerecht zu restaurieren oder ein neues, wirklich schönes herzustellen“, sagt sie, die wenig daran denkt, welchen Schatz sie mit den alten Buchstabensetzkästen, den Prägemaschinen und all den weiteren Helfern hat. „Oft kommt mir das erst zu Bewusstsein, wenn Kunden kommen, die die Werkstatt schon lange kennen und die heute noch immer begeistert sind vom Flair, das hier herrscht.“ Flair hat die Werkstatt tatsächlich – der alte, knarrende Holzboden, die traditionellen Werkgeräte, der traumhafte Ausblick auf die vor den Fenstern vorbeifließende Krems und die liebevollen, kreativen Arrangements, die Anneliese Juriatti an vielen Plätzen der Werkstatt anordnet. „Manchmal merke ich über die Geschichten, die die Leute mir erzählen, wie viele Emotionen mit diesem Ort verbunden sind. Es ist, als hätte die Werkstatt die Kraft, Menschen in eine andere Welt zu versetzen.“


Eine neue Perspektive

Eine andere Welt als die uns heute geläufige ist jene der Buchbinderei allemal. In der Werk- statt Juriatti werden Bücher repariert, es entstehen Neubindungen, Sonderanfertigungen wie Einbände aus Leder oder feinem Stoff sowie dem traditionellen Wachauer Kalmuck, Alben, Gästebücher und Passepartouts, handgemachte Billets aus Büttenpapier und vieles mehr; das angeschlossene Geschäft bietet hochwertige Schreibwaren, Tinten, Papierspezialitäten und Kunstdrucke an. Ist das alles noch zeitgemäß? „Die Buchbinderei und der klassische Pa- pierhandel sind aussterbende Branchen. Der Lauf der Zeit ist nicht aufzuhalten. Es gibt aber

nach wie vor Kunden, die den persönlichen Kontakt suchen, kleine Geschäfte, individuelle Beratung und hochwer- tige Produkte schätzen“, sagt Anneliese Juriatti. Die Aufträge werden durch die Digitalisierung stetig weniger, und es wird zunehmend schwerer, Fachkräfte für dieses Handwerk zu finden, berichtet die Buchbinderin. Hatte sie an- fangs noch vier Mitarbeiter, so ist es heute nur mehr eine einzige fixe, die derzeit nicht regelmäßig kommen kann.

Anneliese Juriatti kommt trotzdem gut zurecht. „Im Kontakt mit den Kunden bemerkte ich, dass ich offenbar ein ge- wisses Talent habe, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Viele erzählten mir ihre (Lebens)Geschichten, und da ich mich für essenzielle Lebensfragen, Psychologie und Spiritualität immer schon interessiert hatte, habe ich eine Ausbildung zur Lebensberaterin absolviert, um mich weiterzuentwickeln und vielleicht auch andere ein Stück am Lebensweg begleiten zu können.“


Eine ideale Kombination

Bald fand sie heraus, dass sie die beiden Berufe mitein- ander kombinieren könnte: „Ich stelle in meiner Werk- statt unter anderem sogenannte Lebensregiebücher her. Das sind schön gebundene Bücher, in denen man seine eigenen Lebensthemen in Form von Sätzen oder auch Collagen auf Papier bringen und dann mit ihnen in Kontakt treten kann, wobei ich ihn oder sie unterstütze.“ Anneliese Juriatti bietet dazu Workshops an, die „die Sehnsucht nach Veränderungen mit Kreativität und Freude am Gestalten verbinden, und das weckt Kräfte, die Veränderungsprozesse positiv unterstützen kön- nen.“ Bald wird man sich mit ihrer Hilfe ihr eigenes Le- bensbuch binden und gestalten können.

Juriatti hat sich ein sehr persönliches Paket zurechtge- legt, in dem viel von ihr selbst mitschwingt. Unter ande- rem eben ihre Liebe zu Büchern und zum Schreiben, die im Lauf der Zeit immer größer geworden ist. „Ich habe gelernt, dass Schreiben ein Genuss sein kann. Mit einer schönen Füllfeder Gedanken, Empfindungen und Inspirationen in ein schönes Buch zu schreiben bedeu- tet auch, der Seele ein Stück Entfaltungsraum zu schen- ken.“


Wert & Sinn

Das Handwerk des Buchbindens, das sie eine Zeitlang an die Grenzen ihrer Kraft brachte, möchte sie heute nicht mehr aufgeben. „Ich weiß, wie wertvoll so ein selbst gefertigtes Stück gegenüber einem Massenpro- dukt ist, und es gibt zum Glück genug Menschen, die das auch schätzen – Menschen mit Liebe zu Papier und dem gedruckten Buch, Menschen, denen Handschrift wichtig ist und die das Schreiben als Wohltat des per- sönlichen Ausdrucks empfinden, Menschen, die ihre Bücher erhalten und pflegen wollen.“ Anneliese Juriatti möchte eben nicht nur Bücher, sondern auch das Le-

Inge Simetzberger: „Entdecke das Potenzial des schon Gefühlten, aber noch nicht Gewussten.“

Schriftkästen und besonderes Papier gehören zur Ausstattung der Buch- bindewerkstatt.

Anneliese Juriatti arbeitet in ihrer Werkstatt auch mit Präge- und Schnei- demaschinen.

„Zum Glück gibt

es noch

Menschen

mit Liebe zum

gedruckten

Buch.“

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 01+02/2017