BERUFSBILD

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Umweltmedizinerin Dr. Ulrike Schauer (Mitte) mit ihrem Team aus Ärzten und Mikrobiologen von der Abteilung Umwelthy- giene im Amt der NÖ Landesregierung.

Die Bevölkerung schützen

Ob Kläranlage, Lärmbelästigung oder Allergie-Auslöser: Amtsärzte als Umweltmediziner erstellen Gutachten für zahlreiche Lebensbereiche und kontrollieren dort, wo es unsere Gesundheit betrifft.

Hausärztin werden, Kinderarzt, Anästhesistin oder Chirurg – wer Medizin studiert, denkt an die medizinischen Fachbereiche. Dabei gibt es auch andere Möglichkeiten, etwa in der Forschung, im Kliniken-Management oder als Amtsarzt. Für diesen Weg hat sich Dr. Ulrike Schauer entschieden. Sie leitet die Abteilung Umwelthygiene im Amt der NÖ Landesregierung. Ihr Team ist zuständig für ein breites Spektrum an Aufgaben und agiert als Kontrollorgan, Sachverständige oder entwickelt Rechtsmaterien. Die Themen reichen von Trinkwasser bis Tuberkulose, vom Strahlenschutz bis zur Umweltmedizin. Sie kontrollieren beispielsweise nach dem Bäderhygie- negesetz, Epidemiegesetz, dem Gewerbe-, Wasser-, und Lebensmittelrecht und vielen anderen Regelungen.


Gesundes Wasser

Im Bereich Trinkwasser sind Amtsärzte als Sachverständige tätig. Als Hygieniker begutachten sie Pläne und Projekte im Bereich Trinkwasseraufbereitung. Dabei müssen sie sich an verschiedene Richtlinien halten, zum Beispiel an die des Wasserrechtsgesetzes: Es darf nichts ins Wasser kommen, was der Qualität schadet und gleichzeitig soll getan werden, was man tun kann, um die Qualität des Wassers weiter zu verbessern. Die amtliche Trinkwasserkontrolle stellt sicher, dass die lebensmittelrechtlichen Bestimmungen eingehalten werden. Trinkwasserschutz spielt auch eine Rolle beim Straßen- und Tunnelbau. Hier liefert die Abteilung die nötigen Gutachten, damit derartige Projekte überhaupt starten können.

Aber auch Kuranstalten brauchen das Okay der Abteilung: Ob Moor als Heilmittel, Schwefelwasser oder das Heilklima der Luft – Schauers Team wird zu Rate gezogen. Und während die lokalen Hallen- und Freibäder von den Bezirkshauptmannschaften kontrol- liert werden, bleibt die Abteilung Umwelthygiene die Ansprechpartnerin für das zuständige Ministerium.


Regelungen für Neues

Da auch der  Pollenwarndienst in die Zuständigkeit der Abteilung gehört, beschäftigt man sich dort mit gesundheitlichen Auswirkun- gen und Umgang mit dem starke allergische Reaktionen auslösenden Ragweed. „Wir verstehen uns auch als Dienstleister, die zum Beispiel mit Experten-Gremien Leit- und Richtlinien ausarbeiten und den Amtsärzten auf den Bezirkshauptmannschaften dann diese Werkzeuge zur Hand geben können.“ Das kann oft auch gesetzliches Neuland sein, berichtet Ulrike Schauer: „Seit zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen mitten im Ortsgebiet sein können, brauchen wir eine Regelung, wie wir mit Blendungen umgehen, die von die- sen Flächen kommen können. Da müssen wir erst einmal genau analysieren, welche Faktoren eine Rolle spielen – bis hin zum The- ma Arbeitsplatz-Beleuchtung, weil man ja reagieren muss, wenn das Licht massiv stört oder behindert. Was ist in Ordnung, was ist zumutbar und wie kann man das regeln, das sind unsere Fragen. Wir arbeiten oft in österreichweiten Arbeitsgruppen mit verschiede- nen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen.“


Thema Lärm

So war es auch beim Thema Infraschall durch Windkraftanlagen. Auch hier mussten erst einmal Richtlinien entwickelt werden, um Schaden für die Gesundheit der Bevölkerung auszuschließen. Oft holen sich die Amtsärzte daher Informationen von anderen Exper- ten, etwa von Chemikern, Physikern, Technikern oder Tierärzten.

Als Sachverständige kümmern sie sich um alle Arten von Gewerbeanlagen, wie Schottergruben, Windkraftanlagen, Gasthäuser und Discos oder Biogasanlagen. Hier geht es immer um Umweltfaktoren wie Lärm, Schadstoffe oder Licht, die keine gesundheitliche Ge- fährdung für die Bevölkerung sein dürfen. Auch Umweltverträglichkeitsprüfungen gehören in den Aufgabenbereich. Ulrike Schauer: „Da braucht man oft ein Gespür für die Menschen und die Situation, viel Erfahrung und manchmal eine gewisse Robustheit, um drü- berzustehen, wenn die Gemüter erhitzt sind.“


Klimawandel

Auch das Thema Klimawandel gehört zum Aufgabengebiet. Hier arbeiten Schauers Amtsärzte eng mit der Zentralanstalt für Meteo- rologie und Geodynamik zusammen; sie definieren beispielsweise die medizinischen Kriterien, wenn Hitzewellen bevorstehen und erstellen einen Hitzeschutzplan und ein Warnsystem für Niederösterreich. Warnungen schicken sie beispielsweise an die Rettungs- und Straßendienste oder die NÖ Kliniken und Pflegeheime. Diese können sich dann entsprechend auf die Hitzewelle vorbereiten.


Tuberkulose-Schutz

Während Infektionskrankheiten in anderen Abteilungen bearbeitet werden, gehört das Thema Tuberkulose (TBC) zu den Aufgaben von Ulrike Schauer. „Das ist historisch gewachsen“, erklärt die Medizinerin die unterschiedlichen Zuständigkeiten. Die Abteilung ko- ordiniert den Einsatz des Röntgenbusses zum Tuberkulose-Screening, der jeden Tag unterwegs ist: Die Bezirkshauptmannschaften laden Personen ein, die sich ihre Lunge im Bus röntgen lassen können. Die Bilder werden dann vom Lungenfacharzt der Abteilung kontrolliert. 80 bis 100 Neuerkrankungen gibt es pro Jahr in Niederösterreich. TBC ist so heikel, weil es ein halbes bis drei Jahre dau- ern kann, bis ein infizierter Mensch auch tatsächlich krank ist und nicht mehr ansteckend. „Je früher man Betroffene findet, umso ge- ringer ist die Streuung der Krankheit. Das heißt, umso weniger Menschen könnten betroffen sein und müssen kontrolliert werden. Na- türlich ist es auch für Betroffene besser, wenn sie rasch behandelt werden. Und die Folgekosten sind geringer, denn die Behandlung ist teuer.“ Ihre Abteilung arbeitet eng mit den NÖ Kliniken zusammen und organisiert Fortbildungen für Lungenfachärzte. „Die Krank- heit ist so selten, nur sieben bis acht Menschen von 100.000 sind betroffen. Da erkennen nicht alle Fachärzte sofort, wenn es sich um TBC handelt.“


Nachwuchs nötig

Ulrike Schauer wünscht sich, möglichst viele junge Medizinerinnen und Mediziner für den Beruf des Amtsarztes zu begeistern. „Sie sollten schon im Turnus von der Möglichkeit hören, denn es ist ein so wichtiger und erfüllender Beruf“, sagt die Ärztin. Und kann Stu- dierenden nur empfehlen, sich das reichhaltige Themengebiet anzuschauen. „Man lernt so viel und es ist immer spannend, auch nach so vielen Arbeitsjahren.“


Informationen:

www.noe.gv.at – unter „Gesundheitsvorsorge & Forschung“ findet man zahlreiche Informationen, etwa den „Hitzefolder“ oder die Links zur Badegewässer-Qualität.

Zur Person


Dr. Ulrike Schauer, Leiterin der Abteilung Umwelthygiene im Amt der NÖ Landesregierung, fand das Amtsarztsein ursprünglich ziemlich unattraktiv: Als sie zur Augenuntersuchung vor der Führerscheinprü- fung mit dem Amtsarzt plauderte, meinte dieser, sie könne ja nach dem Medizinstudium seine Arbeit übernehmen. Und die junge Frau dachte sich: „Was glaubt der denn“ und fand das ziemlich abwegig. A- us dem Interesse an Naturwissenschaften und ihrem Interesse an Menschen hatte sich die Tochter eines Technikers für Medizin entschieden. Während des Turnus hat sie den Physikatskurs nebenbei gemacht, der ihr ermöglichte, Arzt im öffentlichen Sanitätsdienst sein zu dürfen, und dabei gemerkt, wie spannend das Arbeitsgebiet ist- .

Eigentlich wollte sie nach der Geburt ihres Kindes eine Landarzt-Praxis übernehmen, aber „irgendwie bin ich da picken geblieben“. Sie sieht das Wirken des öffentlichen Gesundheitsdienstes als Inbegriff der pr- äventiven Medizin.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018