ACHTSAMKEIT

illustration: istockphoto/ Niloufer Wadia

Reise in die

Tiefen des Selbst

Der Stress bringt Sie zur Verzweiflung? Probieren Sie es einmal mit Achtsamkeitsübungen und entdecken Sie das heilsame Potenzial, das in Ihnen steckt.

Christa Rameder, MA, leitet Kurse für mehr Achtsamkeit.

Informationen:

Christa Rameder,

Tel.: 0664/7836473,

www.mbsr-mbct.at

Wie achtsam waren Sie heute morgen, als Sie Ihr Frühstück zu sich genommen haben? Haben Sie den Duft des Kaffees, den fruchti- gen Geschmack des Müslis, den leichten Wind am Fenster wahrgenommen oder waren Sie schon dabei, Nachrichten auf Ihrem Handy zu checken, Mails zu verschicken, in Gedanken die ersten Jobs im Büro zu erledigen?

Die meisten von uns haben ihren „Autopiloten“ schon angeschaltet, sobald sie die Augen dem Tag entgegen aufschlagen, und da- nach läuft das Programm den ganzen Tag. Achtsamkeit ist in der Regel nicht die Stärke moderner Menschen in einer digitalisierten Welt, doch wie wichtig sie für unser Wohlbefinden ist, wissen vor allem die buddhistischen Mönche, die dies in ihrer Meditationspra- xis umsetzen – als eine Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszu- stand.


Wache Offenheit

Seit einiger Zeit nehmen Konzepte der Achtsamkeit aber auch im westlichen Kulturkreis einen Aufschwung. Schon in den 1970er Jahren erarbeitete etwa der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn eine Definition, der zufolge Achtsamkeit eine bestimmte Form der ab- sichtsvollen, nicht wertenden Aufmerksamkeit ist, die sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht. Kabat-Zinn entwickelte später eine Methode der Stressbewältigung durch Achtsamkeit, die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), die mittlerweile weltweit das meist verbreitete und am umfangreichsten untersuchte Programm zur Achtsamkeitsschulung ist. „Achtsamkeit ist nicht gleich Konzentration. Konzentration besteht darin, sich aufmerksam auf etwas Bestimmtes einzustellen, seinen Blick darauf zu fokussieren und die ganze Aufmerksamkeit auf diesen begrenzten Bereich der Wahrnehmung zu richten“, erklärt die MBSR-Kursleiterin Christa Rameder. „Achtsamkeit hingegen engt den Fokus der Aufmerksamkeit nicht gezielt ein, sondern stellt ihn vielmehr weit, sodass eine umfassende, klare und wache Offenheit für die Fülle der Wahrnehmung entsteht.“


Ruhe & Gelassenheit

Das macht sich auch MBSR zunutze. „Die eigenen Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle werden deutlicher wahrgenom- men. Dadurch können automatisierte Denk- und Verhaltensmuster klarer erkannt und verändert werden. Resultat: Wir können jeden Moment bewusster erleben und entwickeln mehr Ruhe und Gelassenheit gegenüber den Anforderungen des Alltags“, erklärt Rame- der, die als Gesundheitsförderin der Initiative »Tut gut!« besonders den vorbeugenden Effekt der Methode für die Bewältigung von Alltagsstress schätzt. Sie empfiehlt MBSR daher Menschen, die lernen wollen, ihren Stress so zu nehmen, dass er sie nicht krank macht. „Aber auch Personen, die mit ihren bereits bestehenden Krankheitssymptomen einen Weg suchen, anders damit umzuge- hen, ziehen ihren Nutzen aus der Methode.“


Tägliche Praxis

Das achtwöchige Kursprogramm nach Kabat-Zinn zielt auf Stressbewältigung durch Achtsamkeit, und dabei ist die möglichst tägli- che Praxis von Achtsamkeitsübungen besonders wichtig. Die Teilnehmenden bekommen Unterlagen und CDs mit geleiteten Übun- gen, lernen Stresstheorien kennen und erarbeiten gemeinsam mit der Kursleiterin und den anderen Teilnehmenden Wege für einen gesundheitsförderlichen Umgang mit Stress. Dazu gehören auch Übungen wie eine Reise durch den eigenen Körper (Bodyscan), Yoga sowie Meditationen im Sitzen, Gehen und Liegen. „Durch die fokussierte Beobachtung des Wechselspiels zwischen körperli- chen und geistigen Befindlichkeiten findet mit Hilfe der Meditationen eine Reise in die Tiefen des Selbst statt“, sagt Christa Rame- der.


Heilsames Potenzial wecken

Die Ergebnisse der achtwöchigen MBSR-Kurse sind wissenschaftlich belegt und auch für Christa Rameder überzeugend. Durch das regelmäßige Üben von Achtsamkeit lerne man, die eigenen gewohnheitsmäßigen Verhaltensmuster – speziell im Umgang mit Stress – besser kennen. Man entwickle einen anerkennenden Blick auf herausfordernde Lebenssituationen und einen achtsamen Umgang mit Stress. „Achtsamkeit hilft, mit den eigenen Ressourcen und Möglichkeiten, mit dem heilsamen Potenzial, das in uns al- len steckt, in Kontakt zu kommen“, sagt die Kursleiterin. „Sie führt zu einer Schulung des Geistes und zu einem förderlichen Um- gang mit unseren Gedanken und Gefühlen.“ Laut wissenschaftlichen Untersuchungen des Center for Mindfulness in Worcester, Massachusetts, bringt MBSR eine Verringerung körperlicher und psychologischer Symptome, eine verbesserte Fähigkeit sich zu entspannen, eine Verminderung von Schmerzen und bessere Möglichkeiten, mit Schmerzen umzugehen, mehr Energie und Lebens- freude und ein gesteigertes Vermögen, mit kurz- und langfristigen Stresssituationen umzugehen.


Grenzen & Kontraindikationen

Die Achtsamkeitspraxis ist freilich nicht gleichzusetzen mit Entspannungsmethoden. „Achtsamkeit kann eine entspannende Wirkung auf unseren Geist und in weiterer Folge auf unseren Körper haben. Es kann aber auch sein, dass wir schwierige Gefühle oder Stress erst einmal viel intensiver wahrnehmen als bisher. Dies geht mit der Bewusstwerdung unserer Gedanken und Gefühle einher“, sagt Christa Rameder. Und sie erklärt in diesem Zusammenhang auch, dass die Methode nicht für akut psychisch Erkrankte geeignet ist. „Kontraindikationen sind akute Suchterkrankungen, akute schwere Depressionen oder schwerwiegende psychische Probleme sowie schwere akute Lebenskrisen.“


Das etwas andere Frühstück

Für Menschen aber, die im beruflichen oder privaten Umfeld Stress erleben, unter Beschwerden leiden oder einfach nur an Acht- samkeit interessiert sind und bewusster leben möchten, kann die Methode äußerst hilfreich sein. Denn es geht darum, mehr im Hier und Jetzt zu leben und dem Moment mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das kann im Alltag in vielen Situationen helfen – ob an der Supermarktkasse, im Stau oder an stressigen Tagen im Job. Vergessen Sie also Ihren Autopiloten und Ihre Versuche des Multitas- king (nebenbei bemerkt, kann letzteres ohnehin keiner) und genießen Sie zum Beispiel Ihr nächstes Frühstück einmal ganz bewusst und mit allen Sinnen. Fangen Sie einfach an, öfter achtsam zu sein. Das hilft!


Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2018