IM GESPRÄCH

Foto: barbara nidetzky

„Ein Kinderzimmer braucht Auf- forderungs-Charakter“

Die Sozialpädagogin und psychosoziale Beraterin Sabine Edinger

hat als „Super Nanny“ und Mutter schon zahlreiche Kinderzimmer ausgemistet und strukturiert. Sie erklärt, wie man das macht und was wirklich wichtig ist.

Wann ist ein Kinderzimmer ordentlich?

Das ist von Kind zu Kind verschieden – wie auch wir Erwachsene verschiedene Vorstellungen von Ordnung haben. Wichtig ist, dass das Kind sich darin wohlfühlt, dass Sie als Eltern damit halbwegs leben können und

– das ist das Wichtigste – das Kind Lust hat, in seinem Zimmer zu sein und Ideen bekommt, was es spielen könnte.


Wie kommt man zu diesem Punkt?

Ein gutes Kinderzimmer braucht ein Spiel-Angebot. Das heißt: Es soll anregend sein, damit das Kind von sich aus loslegen mag, zum Bei- spiel mit dem Puppenhaus zu spielen, oder zu malen und basteln oder aus Lego etwas zu bauen. Wenn im Zimmer heilloses Chaos herrscht, alles kreuz und quer herumliegt und die Hälfte der Sachen kaputt ist oder fehlt, hat das Kind wenig Lust darin zu spielen. Da nützt auch die elterliche Aufforderung „Geh spielen!“ nichts.


Da sind dann die Eltern gefordert, oder?

Natürlich. Kinder brauchen eine gute Übersicht über ihre Schätze. Dazu gehören zum Beispiel Regale, in denen die Sachen in Boxen ver- staut sind. Und zwar so, dass das Kind die Boxen überblicken kann und leicht herausnehmen und auch wieder selbstständig verstauen kann. Bei kleinen Kindern kann man den Inhalt der Boxen mit Bildern kennzeichnen, bei größeren kann man die Boxen beschriften.


Manche Kinder sammeln gerne und viel – was macht man, wenn das Kinderzimmer übergeht?

Dann muss man sich gemeinsam auf eine Lösung einigen. Vielleicht besteht die Lösung auch darin, ein, zwei neue Regale an die Wand zu hängen. Wichtig ist, dass Eltern nicht einfach Sachen weggeben, ohne das mit dem Kind zu besprechen, dass sie nicht die Schätze

der Kinder herabwürdigen und dass sie dem Kind mit Achtung begegnen, damit es spürt, es ist okay – aber über die Menge der Schätze muss man manchmal verhandeln.


Wie überzeugt man das Kind davon, sich von einem Teil seiner Besitztü- mer zu trennen?

Da gibt es kein Rezept, das ist sehr individuell. Man könnte sich darauf einigen, einen Teil der Dinge zu verkaufen, zum Beispiel beim Kinderflohmarkt, und das Geld darf das Kind behalten oder sich davon etwas anderes kaufen. Oder man motiviert es, etwas zu verschenken. Bewährt hat sich auch, Spielsachen, die momentan nicht so interessant sind, in Keller oder Dachboden zu verstauen und sie nach ein paar Wochen oder Monaten wieder hervorzuholen und gegen ande- res Spielzeug auszutauschen.


Gibt’s denn Tipps, wie man verhindert, dass das Kinderzimmer zu voll wird?

Wer eine gute Bibliothek in der Nähe hat, kann zum Beispiel regelmäßig Nach- schub an Büchern, CDs, DVDs und Spielen ausborgen – und wieder zurückbrin- gen. Generell ist es wichtig, gut zu überlegen, was man schenkt und welches Bedürfnis bedient wird. Ich habe meiner Tochter eine Puppe geschenkt, wie ich sie mir als Kind von ganzem Herzen gewünscht habe. Aber meine Tochter hat ganz andere Vorlieben. Irgendwann ist mir klargeworden, dass es ein spätes Geschenk an mich selbst war.


Und wenn Großeltern, Onkel und Tanten schenken wollen?

Bei kleineren Kindern kann man sich Dinge wie Bausätze wünschen, bei denen es schön ist, wenn man eine größere Menge zur Verfügung hat. Bei größeren Kindern kann man das mit dem Kind besprechen, zum Beispiel sich einen Bei- trag zum neuen Fahrrad, Smartphone oder zum Snowboard wünschen. Generell finde ich wichtig, Kindern zu zeigen, dass gemeinsame Erlebnisse wichtiger sind

oder sein können als das Haben. Das kann auch für die Verwandten ein ganz neuer Ansatz sein, beispielsweise Zeit zu schenken.


Und wie schafft man es, dass Kinder ein Gefühl für Ordnung entwickeln?

Leider gibt es dafür eine Antwort, die nicht bei allen Eltern beliebt ist: Eltern sind Vorbild – in jeder Hinsicht. Wenn Sie regelmäßig ausmisten und aufräumen, ak- zeptiert Ihr Kind es leichter, das auch zu tun. Wenn Sie sich von Sachen tren- nen, sie verkaufen, verschenken oder wegwerfen, ist Ihr Kind leichter dazu be- reit. Wenn Sie abends „klar Schiff“ machen, kriegen Sie Ihr Kind eher dazu, als wenn die Familie morgens oft im Chaos startet. 

Zur Person


Sabine Edinger, Jahrgang 1968, ist Sozialpädagogin und seit

2006 Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Coaching

für Erziehende. Für ATV moderierte die zweifache Mutter das

TV-Erziehungsformat „Die Super Nan- ny“. Derzeit arbeitet sie

als psychosoziale Beraterin, ist Autorin mehrerer Bücher und

Referentin, unter anderem für die In- itiative »Tut gut!«.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2017