GESUND WERDEN & BLEIBEN  - PFLEGE

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Auf Hilfe angewiesen

Irgendwann ist im Leben der meisten Menschen der Punkt erreicht: Man kommt im Alltag nicht mehr alleine zurecht.

Und dann? GESUND&LEBEN hat nachgefragt.

Gerald Heilig, MBA,

ist Koordinator der

NÖ Pflegehotline.

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“ heißt die Biografie des Schauspielers und Entertainers Joachim Fuchsberger. Da ist was dran: verleg- te Schlüssel, ein Name, der einem nicht ein- fällt, tagelange Schmerzen im Knie. Was am Altwerden für viele Menschen besonders schwer ist: Nicht mehr so für sich selbst sor- gen zu können, wie es nötig wäre – und damit Hilfe zu brauchen. Meist kommt dieser Punkt schleichend – etwa durch eine Krankheit, die langsam fortschreitet.

„Ein Beispiel dafür ist die Demenz, die bereits über 100.000 Personen in Österreich betrifft“, weiß Gerhard Heilig, Koordinator der Pflegehotline des Landes NÖ. Es kann aber auch schnell gehen, weiß Heilig:

Ereignisse wie ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder ein Unfall – eine selbstständige agile Person, womöglich noch berufstätig, ist nun auf die Hilfe, Unterstützung und Betreuung angewiesen, also pflegebedürftig. Und dann?


Verschiedene Lösungen

Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten:

+ Unterstützungsleistungen der mobilen Dienste wie NÖ Hilfswerk, Volkshilfe, Rotes Kreuz oder Caritas in Form von stundenweiser Betreuung und Hilfe, zum Bei- spiel beim Einkaufen und im Haushalt oder bei der Kör- perpflege bis hin zur pflegerischen Hilfe (Hauskranken- pflege) – auch zur Unterstützung pflegender Angehöri- ger.

+  24-Stunden-Betreuung

+ Pflegeheim in Form von Tagespflege, Kurzzeitpflege oder Langzeitpflege


Jede Version hat ihr Für und Wider. Entscheidend ist, dass die betroffene Person gemeinsam mit den Ange- hörigen eine Lösung findet, die man auch langfristig durchhält, weiß Gerhard Heilig: „Viele Angehörige unter- schätzen anfangs die Belastungen, die die Pflege eines Menschen mit sich bringt. Da ist es wichtig, realistisch zu bleiben und sich nicht zu viel zuzumuten, damit es für alle auch langfristig funktioniert.“ Denn pflegende Ange- hörige sind, wenn sie keine Unterstützung erhalten und Auszeiten nehmen, enorm belastet. Sie sollten den Aus- tausch mit anderen Betroffenen suchen, zum Beispiel bei einem „Stammtisch für pflegende Angehörige“, die es in vielen Regionen gibt. Dann kann die gemeinsame Zeit mit maßgeschneiderter Unterstützung ein guter und

wichtiger Lebensabschnitt für Betroffene und Angehöri- ge werden.


Mobile Beratung einholen

Hilfreich ist eine gute Beratung durch erfahrene Pflegekräfte vor Ort: Mobile Dienste wie das NÖ Hilfswerk bieten Pflegebera- tung an. Die Profis erkennen rasch, was nötig ist und durch welche Maßnahmen sich der gemeinsame Alltag vereinfachen lässt – vom Fixieren des Läufers im Vorraum zur Sturzprophylaxe bis zum passenden Pflegebett, um das Herausfallen oder Wundlie- gen zu vermeiden. Aber auch bei den täglichen Abläufen lässt sich viel Unterstützung einholen. So kann es beispielsweise die Beziehung zwischen der zu pflegenden Person und den Angehörigen enorm entlasten, wenn die tägliche Körperpflege von mo- bilen Profis übernommen wird.


Wenn mehr Hilfe nötig ist

Brauchen ältere Menschen mehr Unterstützung als zum Beispiel morgens und abends den Besuch der Heimhilfe und das durch einen Dienstleister zugestellte warme Mittagessen, so gibt es die Optionen betreutes Wohnen, Pflegeheim oder 24-Stunden- Betreuung. Auch wenn sich Betroffene sträuben, irgendwann wird dieser Schritt nötig. Woran merkt man als Angehöriger, dass er fällig wird? Mag. Angelika Pozdena, Geschäftsführerin der 24-Stunden-Betreuungsagentur Cura domo aus Schwechat: „Wenn der Vater oder die Mutter die Hygiene vernachlässigt, bei Alltagstätigkeiten unsicher wird und mehr und mehr Unterstüt- zungsleistungen nötig werden, wie einkaufen, duschen und Haare waschen, dann wird es Zeit. Oder wenn derjenige sehr ein- seitig isst. Wer zum Beispiel dement ist, schafft komplexe Abläufe wie das strukturierte Einkaufen und Kochen immer schlech- ter.“


Pflegeheim oder 24-Stunden-Betreuung

Eine 24-Stunden-Betreuung kann eine gute Lösung sein: Zwei fixe Betreuungskräfte wechseln sich im Zwei- oder Drei-Wochen-Rhythmus ab; die meisten von ihnen kommen aus den östlichen Nachbarstaaten und fahren nach den Einsatz- Wochen nach Hause. Diese Betreuerinnen (meist sind es Frauen) wohnen bei der zu betreu- enden Person, sie erledigen den Haushalt, die Einkäufe, das Kochen, gehen mit den Klienten spazieren, unterhalten und versorgen sie rund um die Uhr. Auch wenn jemand leicht bis mittelschwer dement ist, eignet sich diese Form der Betreuung. Betreuungskräfte dürfen allerdings weder Injektionen unter die Haut noch Insulin verabreichen (außer der Hausarzt berechtigt sie dazu). In diesem Fall kann eine mobile Hauskrankenpflege für Pflegeleistungen ergänzend hinzukommen. Und wenn mehr medizinische Unterstützung nötig ist? Dann ist ein Pflegeheim die beste Lösung. Auch hier gibt es einen strukturierten Tagesablauf, Rundum-Betreuung so- wie die nötige medizinische und pflegerische Versorgung.


RIKI RITTER-BÖRNER

Dienstleistungen der mobilen Dienste rund ums Altern in den eigenen vier Wänden (am Beispiel des NÖ Hilfswerks):

+ mobile Pflegeberatung

+ Hauskrankenpflege

+ Heimhilfe

+ 24-Stunden-Betreuung

+ mobile Physio- und Ergotherapie, mobile Logopädie

+ ehrenamtlicher Besuchsdienst

+ Notruftelefon

+ Menüservice/Essen zu Hause

Wichtige Informationen

+ Grundlage Pflegegeld: Sobald Pflegebedürftigkeit besteht, soll unbedingt ein Antrag auf Pflegegeld bei der zuständigen Pensionsversicherungsanstalt gestellt werden: Sämtliche Förderungen (24-Stunden-Betreuung, Tagespfle- ge, Urlaubszuschuss für pflegende Angehörige etc.) sind vom Pflegegeld abhängig. Das Pflegegeld richtet sich nach dem Stundenausmaß des Pflege- bedarfes. Es beträgt bei Pflegestufe 1 circa 160 Euro, bei Pflegestufe 7 circa 1.680 Euro pro Monat und wird unabhängig von der Höhe des Einkommens ausbezahlt.

+ Notruftelefon: Das Notruftelefon wird von den mobilen Diensten (Caritas, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe) angeboten und kann helfen, dass älte- re Menschen noch einige Zeit zu Hause leben können. Es ist lebensrettend, wenn beispielsweise jemand zu Hause stürzt und nicht mehr aufstehen kann. Bei Drücken des Notrufknopfes am Armband werden automatisch die ge- speicherten Telefonnummern gewählt und es kommt Hilfe. Die Kosten: circa 28 Euro pro Monat.

+ 24-Stunden-Betreuung: Bei der 24-Stunden-Betreuung ist eine Betreu- ungskraft rund um die Uhr im Haus, schläft und lebt bei der zu betreuenden Person. Professionelle Agenturen und mobile Dienste vermitteln Betreuungs- personen. Prinzipiell kann jede erwachsene Person diese Betreuungstätigkei- ten ausüben. Sie braucht einen Gewerbeschein für das Gewerbe der Perso- nenbetreuung (über Bezirkshauptmannschaft oder Magistrat). Das Honorar ist mit den Betreuungskräften frei vereinbar. Die 24-Stunden- Betreuung wird mit 550 Euro pro Monat für zwei Betreuungskräfte gefördert, zuständig ist das Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Soziales.

+ Tagespflege: Sowohl in NÖ Landespflegeheimen als auch in privaten Pfle- geheimen besteht die Möglichkeit zur Tagespflege: Pflegebedürftige nutzen tagsüber die Pflege und Betreuung in diesen Einrichtungen und nehmen da- mit am sozialen Geschehen teil. Die Kosten sind abhängig von Einkommen und der Höhe des Pflegegeldes.

+ Kurzzeitpflege: Pflegende Angehörige können ihren wohlverdienten Ur- laub nur genießen, wenn die Betreuung gesichert ist. Dafür gibt es die Mög- lichkeit der Kurzzeitpflege (max. sechs Wochen pro Jahr) in Pflegeheimen. Wichtig ist, rechtzeitig einen Kurzzeitpflegeplatz zu sichern. Dafür kann man eine Förderung des Landes NÖ in Form eines Zuschusses beantragen.

+ Urlaubszuschuss: Wenn pflegende Angehörige sich einen Urlaub gön- nen, kann einmal pro Jahr ein Urlaubszuschuss beantragt werden (er wurde im Vorjahr erhöht). Bei Urlaub in NÖ beträgt dieser Zuschuss 180 Euro, bei Urlaub in einem anderen Bundesland 140 Euro.


Informationen & Detailauskünfte über sämtliche Unterstützungen, Hilfe bei administrativen Tätigkeiten, etc. zum Thema Pflege und Betreuung erteilt die NÖ Pflegehotline: 02742/9005-9095 (Mo. bis Fr. 08:00–16:00 Uhr) oder per E- Mail:

post.pflegehotline@noel.gv.at. Die Beratung ist kostenlos. Bei der Pflegehot- line ist die DVD „Demenz & Sturzprävention“ kostenlos erhältlich.

NÖ Heime: Neue Anlaufstelle

Die Pflege und Betreuung in den NÖ Landespflegeheimen orientiert sich an den individuellen Be- dürfnissen der Menschen. Dieses Prinzip gilt auch für die behördliche Aufsicht und Kontrolle der Einrichtungen durch das Land NÖ. Seit Monatsbeginn gibt es zusätzlich bei der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft eine Anlaufstelle, die als anonymes und unabhängiges Pflege-Beschwer- demanagement fungiert und auch präventiv arbeitet.

Informationen: NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft, Rennbahnstraße 29 (Glaswürfel)/Tor zum Landhaus, 3109 St. Pölten, Tel.: 02742/9005-15575, post.ppa@noel.gv.at, www.patientenanwalt.- com

INTERVIEW

24-Stunden-Betreuung

Ab wann brauchen Menschen eine 24-Stunden-Betreuung?

Mag. Angelika Pozdena: Wenn sie die Hygiene vernachlässigen, zu einseitig es- sen, bei Alltagstätigkeiten unsicher werden und mehr und mehr Unterstützung brauchen.

Viele Betroffene wehren sich gegen das Aufgeben der Eigenständigkeit. Wie kann man sie überzeugen?

Robert Pozdena: Durch 24-Stunden-Betreuung als Urlaubsvertretung für die An- gehörigen. Nach zwei, drei Wochen sagen die Betroffenen, wie entlastend diese Betreuung ist, weil alles sauber ist, der Kühlschrank gefüllt und jemand sich wirk- lich um sie kümmert, mit ihnen spazieren geht, plaudert, Karten spielt oder ge- meinsam fernsieht. Ein anderer „Schuhlöffel“ ist die Betreuung nach einem Kran- kenhaus-Aufenthalt, etwa nach einem Schlaganfall. Sie wird als Übergangslö- sung gebucht und in 80 Prozent der Fälle zur Dauerlösung.


Wie finde ich gute Qualität?

A. P.: Eine erfahrene Agentur findet schnell eineLösung. Im Vorfeld gibt es eine umfassende kostenlose Beratung durch einen Regionalbetreuer. Und eine trans- parente Preisgestaltung. Wichtig ist Kontinuität, also dass die Betreuerinnen mög- lichst lang die gleichen bleiben. Und rasch Ersatz kommt, falls eine Betreuerin er- krankt.


Was kann man von einer Agentur erwarten?

R. P.: Die Qualität zeigt sich im Problemfall: Wie rasch gibt es eine Lösung? Ist jemand im Notfall auch am Samstagabend erreichbar? Wir helfen bei Anmel- dung, Förderungen, verschiedenen Wegen und nehmen den Familien möglichst viel ab – bis hin zum Besorgen von Hygienematerialien, auf die unsere Betreue- rinnen eingeschult sind.

Mag. Angelika und Robert

Pozdena führen seit 14 Jahren die Agentur Cura Domo in Schwechat. Der Familienbetrieb ist der zweit- größte in Österreich. Sie set- zen sich in der NÖ Wirtschaftskammer für die Qualitätssicherung der Leis- tungen der Vermi tlungsagenturen ein.

Informationen:

www.cura-domo.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2017